30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Katja Mayer

Zur Soziometrik der Suchmaschinen

Ein historischer Überblick der Methodik

Netzwerke, Optimierung und Kontrolle

Das Zitat, als Verdinglichung einer bestimmten sozialen Beziehung in der Wissenschaft, wurde zum Wegbereiter für Ordnungsalgorithmen der heutigen Suchmaschinen im Internet. Die Referenz aus der Bibliometrie stand Modell für die Behandlung von Hyperlinks zwecks Relevanzkonstruktion von Resultatslisten. Während die frühe Soziometrie ein Votum als soziale Wahl definierte, welche eingebettet in soziale Situationen und unter Teilnahme der Wählenden eruiert werden sollte, operationalisierte die soziometrisch geprägte Kommunikationsforschung die soziale Beziehung im Hinblick auf die zweckrationale Diffusion von Information. Die wissenschaftlich-publizistische Referenz wiederum steuerte die Logik der Anerkennung in Referenzsystemen, die zum "authoritative judgment"(53) in Suchmaschinentechniken herangezogen werden konnte. Die Zitationsanalyse formte das wissenschaftliche Zitat erst zu dem, was wir heute darunter verstehen, indem sie explizit als bewertendes Instrument geschaffen wurde. Ihre methodische Autorität erhält sie aus dem Wissenschaftsfeld zugeschrieben, basierend auf den darin geltenden Normen und Wertvorstellungen. In Ranking-Algorithmen wird die soziale Beziehung auf eine spezifische Kommunikationsdimension hin reduziert: der Setzung einer Referenz. Kommunikationsbeziehungen in Form von Hyperlinks dienen der sichtbaren Vernetzung und damit der Anbindung an oder von Informationen. Über die Richtung der Verbindung wird dann noch Autorität als Prestige oder sozialer Status im Sinne der Vernetzung an die Referenz weitergegeben. Doch gerade in Zeiten der vielen Optimierungsmaßnahmen, mash-ups und automatischen feeds wird ein solches Konzept von Autorität wieder fragwürdig. Automatisierte kollektive Autoritäten produzieren Matthäus Effekte, preferential attachments usw., und man sehnt sich nach Redaktionsteams wie denen des Shepard‘s Index, welche jede Referenz einer qualitativen Prüfung unterzogen.

Doch die heute unhintergehbaren Leitmetaphern des Netzwerks als "zeitgenössische Vergesellschaftungsform des modernen Kapitalismus"(54) verstellen alternative Anschauungsformen abseits des "Absolutheitsanspruchs der Vernetzung".(55) "Vernetzt Euch!" lautet nicht nur die technische Devise. Man ist ebenfalls angehalten, beruflich wie privat sichtbare Verbindungen zu allen potentiell bereichernden Kontakten zu knüpfen, sich auf social networking-Plattformen oder Events zu begeben, mobil und flexibel die Strukturen des Arbeitsmarktes zu bedienen und Verantwortlichkeiten in den Prozessen der Netzwerke zu verorten. Auch für bereits gut vernetzte Individuen gilt das Optimierungsparadigma, ihre Positionen sowohl temporal als auch im Sinne des sozialen Kapitals zu verbessern. Sichtbare Vernetzungen sollen heute sowohl Autonomie und Eigenverantwortlichkeit als auch Zeugenschaft und Autorität garantieren, doch keinesfalls stabile soziale Sicherheit.. Eine "audit society" inkorporiert und dezentralisiert gleichzeitig ihre Kontrolltechniken, wodurch sie undurchschaubar bleiben.(56) Der SCI Journal Impact Factor ist ein Beispiel für das systematische Vertrauen darauf, dass irgendwo in der Verkettung der Beziehungen – in dem Fall Referenzen – bereits eine kollektive (Qualitäts-)Kontrolle stattgefunden hat. Suchmaschinen im Internet nutzen ebenfalls diesen Vertrauensvorschuss, und obwohl Autoritäten im automatisierten, vernetzten System verschwimmen, sind sie selbst "obligatory passage points".(57) Vorgeblich zu ihrer eigenen Optimierung, aber vor allem zur individualisierten Versorgung mit Werbeeinschaltungen, sammeln sie Daten und interpretieren Suchprofile. Mit Studien wie etwa zur Ausbreitung einer Grippeepidemie auf Grundlage von Suchanfragen (58) sichern sie sich weiter Vertrauen, in dem sie ihre Offenheit, Transparenz und ihren offenkundigen Willen, sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, kommunizieren.

Die soziometrische Vermessungskunst mit ihren soziogrammatischen Darstellungsformen soll indessen ermöglichen, Suchresultate als Knoten-Kantendiagramme zu repräsentieren, Freundschaften auf deren Freundschaften – friend of a friend, FOAF – hin zu untersuchen, professionelle Kontakte um einige Handshakes näher an die eigene Position heranzuziehen, den vermeintlichen Kopf einer Terrorgruppe im Diagramm zu identifizieren. Im Netzwerk zählt jede Beziehung, im "panoptischen Diagramm" kann man damit hantieren.(59) Autorität liegt damit nicht mehr in den Beziehungen, sondern wird in das Messinstrument selbst verschoben, in die Sichtbarmachung interpretiert. Ob die Resultate als Liste, Matrize oder Diagramm vorliegen, in ihrem Auftreten sind sie zugleich Darstellung und Herstellung von Beziehungen, deren Sozialität einer Informetrisierung unterzogen wurde. Suchmaschinen und ihre Politiken der Sichtbarmachung müssen demnach als spektakuläre Instrumente und Teil eines soziometrischen Gesellschaftsmanagements begriffen werden. Dieses jedoch trägt die Techniken seiner eigenen Manipulierbarkeit immer in sich, wie etwa Zitationskartelle zeigen. Unter soziometrischer Revolution wird heute eine netzwerkorientierte Optimierung verstanden: Suchmaschinenoptimierer bauen rund um ihre Kundenwebseiten Autoritäten auf, damit diese in der Resultatsliste weit oben aufscheinen; Suchmaschinen optimieren die Streuung ihrer Werbekunden und erforschen die Welt der Informationssuchenden über ihre Suchprofile; epidemiologische Untersuchungen zur Ausbreitung von Krankheitserregern gleichen Studien zu verflochtenen Finanzmärkten, nicht nur in deren formalen Aspekten, sondern auch in deren Inszenierungen und Rhetoriken; die Flexibilisierung von Produktionsprozessen, die Verkürzung von Produktlebenszyklen und die (angebliche) Individualisierung von Waren entspringen einer Anpassung der Massenmärkte an eine Netzwerklogik der Prozessoptimierung; ökonomische Netzwerkforschungen lehren strukturelle Blockadestrategien gegen Konkurrenzunternehmen;(60) Verteidigungsministerien und diverse Exekutivorgane in aller Welt fördern die Netzwerkforschung, da sie sich von network centric warfare Vorteile durch ihre bessere Logistik und key player Analyse erwarten.

Zentrale Positionen – key player – in einem Netzwerk auszumachen, um diese dann genau zu beobachten, eingreifend zu verändern, zu umgehen oder gar auszuschalten, sind nicht nur Anliegen von Militärs und Unternehmen. Auch Wissenschaftler nutzen sie, sei es um den superklassischen Text zu finden, sei es seine eigene Position im Wissenschaftssystem zu verbessern, oder, um in das Untersuchungsfeld allgemein einzugreifen. Auch Epidemiologen, Finanzdienstleister, Marketingstrategen, Versicherungsvertreter und Wahlkampfhelfer sind an solchen Schlüsselpositionen interessiert und bringen ihre eigenen Optimierungsstrategien in die Netze ein. Führen letztlich solche Optimierungsstrategien gar im kybernetischen Sinne als Rückkopplungen zur Selbstregulation der Systeme oder führen sie eher gewisse Analysesysteme ad absurdum? Vorerst jedoch führen sie zu einer soziometrischen Subjektivierung der Akteure, die sich fortan als Knoten begreifen und ihre sozialen Beziehungen sichtbar optimieren wollen.


Publikation zum Thema

Deep Search

Deep Search

Beherrschen Suchmaschinen nicht nur Märkte, sondern auch unser Denken? Am Beispiel von Google untersucht das Buch deren Bedeutung und innere Systematik. Es diskutiert angemessene Reaktionen in Gesellschaft, Gesetzgebung und Politik sowie von Verbraucherseite. Weiter...

Zum Shop

Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen.

Mehr lesen

Dialog

Die Netzdebatte

Netzdebatte ist das Debattenportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Weblog greift Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Netzdebatte erklärt Hintergründe, bildet Positionen ab und bietet einen Ort zum Diskutieren.

Mehr lesen

spielbar.de

spielbar.de informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Pädagogen, Eltern und Gamer sind eingeladen, ihre eigenen Beurteilungen, Meinungen und Kommentare zu veröffentlichen.

Mehr lesen auf spielbar.de