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Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

11.4.2011 | Von:
Bernhard Rieder

Demokratisierung der Suche?

Von der Kritik zum gesellschaftlich orientierten Design

Alternative Leitlinien

Was ich als "gesellschaftlich orientiertes Design"(31) bezeichnet habe, ist keine frei schwebende normative Spekulation, sondern der Versuch, die Lücke zwischen einer Kontext-orientierten technischen Produktion einerseits, und einem über Effizienz, Kontrolle und materiellen Wohlstand hinausgehenden sozialen Nutzen andererseits zu schließen. Das normative Denken wird hier von der praktischen Umsetzbarkeit umschrieben. Wenn also Herbert Simon 1971 Recht hatte, als er Aufmerksamkeit zu einem knappen Gut erklärte, welches durch ein Überangebot an Information verbraucht wird, dann muss zur Kenntnis genommen werden, dass das Ranking nicht nur sehr nützlich, sondern auch unvermeidlich ist. Wenn es mehr als ein Ergebnis für eine Suchanfrage gibt – und meistens gibt es ja viel mehr – dann wäre die einzige Möglichkeit, das Ranking zu vermeiden, die Ergebnisse nach dem Zufallsprinzip zu ordnen, was vermutlich eine äußerst frustrierende Erfahrung wäre. Winkler zufolge gibt es kein anti-hierarchisches Medium – so wie es auch nichts außerhalb der Macht gibt (Foucault) und in der Distanziertheit keine Freiheit liegt (Latour).(32) Jedes Ranking-System wird bestimmte Webseiten gegenüber anderen bevorzugen; die Frage ist, welche. Das Ziel kann also nicht die Abschaffung des Ranking sein und auch nicht die Schaffung einer "perfekten Suchmaschine" (Larry Page). Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine Reihe von Möglichkeiten für Design und Politik, die sehr wohl unsere – wie auch immer knappe – Aufmerksamkeit verdienen.

Wikia Search als gesellschaftlich orientiertes Design

Wenn man sich die Rhetorik des Web 2.0 ansieht, könnte man den Eindruck erhalten, dass größere gesellschaftliche und politische Überlegungen bereits in das Denken der Designer Eingang gefunden haben. Das Wort "Demokratie" ist im Web 2.0-Zeitalter in der Tat allgegenwärtig und wird meist als die Möglichkeit der Stimmabgabe durch Nutzer definiert – zu welchem Thema, spielt dabei keine Rolle: Von Ideen zu Videoclips, und von Nachrichten zu Such-Rankings. Jimmy Wales, der Mitgründer von Wikipedia, hat kürzlich mit Wikia Search für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Wikia Search ist eine neue, "soziale" Suchmaschine, die versucht, diese einfache Logik anzuwenden, um die Suche zu "demokratisieren".(33) Die Idee einer "sozialen" Suche, wo die Bewertungen der Nutzer die Link-Analyse als vorherrschende Technik des Ranking ersetzen, wurde in den vergangenen Jahren mehrere Male umgesetzt – z.B. durch Eurekester, Mahalo, Wink, usw. – doch das Projekt von Wales ragt nicht nur wegen der Bekanntheit seines Schöpfers heraus, sondern auch durch die sehr explizite Diskussion der Normen und Werte, die das Design der Maschine bestimmen (sollten). Die interne Mailing-Liste des Projekts ist eine interessante Ressource, denn über sie wurden vier Grundsätze festgelegt:
  • Transparenz war ein zentraler Kritikpunkt an Suchmaschinenbetreibern. Wikia Search hat sich sehr rasch entschlossen, Offenheit auf der Ebene der Technik anzustreben (die gesamte Software ist Open Source), aber auch auf Datenbank- (der Index ist downloadbar) und Organisationsebene (Entscheidungen und Unternehmensfunktionen sollen offen zugänglich sein).
  • Gemeinschaft wird direkt aus Wikipedia, Wales´ erfolgreichstem Projekt, abgeleitet und setzt voraus, dass Rankings und andere Aufgaben durch die Nutzer durchgeführt werden. Das Ziel ist es, eine ausreichend große Zahl von aktiven Nutzern zu generieren und sie sowohl in die Bearbeitung der Ergebnisse als auch in die kollektive Steuerung des Projekts einzubeziehen.
  • Qualität scheint ein Ziel zu sein, das keiner weiteren Erklärung bedarf. Interessant ist jedoch, dass das Wikia-Search-Projekt ausdrücklich Ergebnisse anstrebt, die sehr vielen Menschen Nutzen bringen. Das Qualitäts-Prinzip erkennt implizit an, dass das Ranking nicht bloß eine Frage der Werte oder der Weltanschauung ist, sondern in den Tätigkeitsverlauf der Nutzer eingebettet und daher mehr oder weniger nützlich ist.
  • Die Privatsphäre ist das zweite Element, das sich direkt auf die gängige Kritik der Suchmaschinen und anderer Web-Dienste bezieht. Hier ist sich Wikia Search der delikaten Unterscheidung zwischen einer sehr nutzbringenden Sammlung von Daten und dem Recht der Nutzer, die eigene Identität zu schützen, sehr bewusst. Der Konsens, der sich abzeichnet, läuft darauf hinaus, so wenige Nutzerdaten wie möglich zu speichern, und die Nutzer-Identifizierung (die für die Transparenz und gemeinschaftliche Entscheidungen wichtig ist) als Opt-in-Feature anzubieten.
Derzeit ist Wikia Search noch Work-in-Progress, und es wird sich zeigen, wie die Grundsätze in besser ausgereiften Versionen der Suchmaschine umgesetzt werden. An dieser Stelle lassen sich jedoch zwei Beobachtungen anstellen: Erstens ist es ermutigend zu sehen, dass eine tief greifende Diskussion von Werten produktiv in den Prozess des technischen Designs eingebracht werden kann. Es geht dabei natürlich nicht einfach darum, eine Werteskala zu implementieren, sondern um einen schwierigen Prozess, in dem technische, wirtschaftliche und ethische Erfordernisse in ständigem Konflikt sind. Zweitens zeigt sich bei einem genaueren Blick auf die Leitlinien von Wikia Search, dass zwar manche der bekannten Kritikpunkte an herkömmlichen Suchmaschinen berücksichtigt werden, das zentrale Prinzip des Projekts – das Hinzufügen, Bewerten und Löschen von Ergebnissen durch die Nutzer – jedoch weder die Frage der Gleichheit von Suchergebnissen berührt, noch die Beliebtheit als wichtigsten Ausdruck von Wichtigkeit in Frage stellt. Wikia Search produziert in seiner derzeitigen Form dieselbe Top-down-Ergebnisliste wie die etablierten Suchmaschinen. Wenn man sich manche der Ergebnisseiten ansieht, dann zeigt sich, dass das Spam-Problem weit von einer Lösung entfernt ist, und, was noch wichtiger ist, dass die vorherrschenden Meinungen in der Gemeinschaft zu verzerrten Ergebnissen führen. Im Zuge der Recherchen für diesen Artikel führte die Suchanfrage "John McCain" zu einer Liste, auf der, nach dem obligaten Wikipedia-Eintrag, vorwiegend Seiten gelistet waren, die den republikanischen Präsidentschaftskandidaten kritisierten oder lächerlich machten. Es ist durchaus möglich, dass zukünftige Versionen der Suchmaschine weniger leicht von vorherrschenden Nutzergruppen kontrolliert werden können, doch dies wird vermutlich ein fein abgestimmtes Steuerungssystem erfordern, welches, ähnlich wie bei Wikipedia, auf Administratoren, Ergebnisüberwachung und Sperren von Nutzern zurückgreifen wird müssen.

Wikia Search ist sicher ein faszinierendes Experiment eines gesellschaftlich orientierten Designs, doch ihr wichtigstes Ziel ist die soziale Kontrolle des Objekts selbst und nicht die Relevanz der Suche als Teil einer größeren sozio-technischen Konfiguration. Dies hängt mit der spezifischen Interpretation von Demokratie als Gemeinschaft zusammen, die auch hinter den weiter entwickelten Web 2.0-Projekten steht.

Zwei Begriffe der Demokratie

Anhand der gängigen soziologischen Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft – die meist auf Tönnies zurückgeführt wird, aber schon in Durkheims Unterscheidung zwischen organischer und mechanischer Solidarität enthalten ist – lässt sich grob zwischen zwei Vorstellungen einer Regierung "des Volks, durch das Volk, für das Volk" unterscheiden. Ohne hier ins Detail zu gehen, glaube ich, dass die Idee der Demokratie als Gemeinschaft sich explizit in bestimmten Formen der protestantischen Doktrin findet (z.B. im Puritanismus), aber auch im amerikanischen sozialen Denken in der Tradition von Emerson und Whitman. Dieses Denken ist gegenüber politischen Institutionen äußerst skeptisch und geht davon aus, dass Menschen rationale Wesen sind, die über sich selbst regieren können. Wenn Menschen mit guter Absicht zusammen kommen, so die Annahme, dann wird ein Konsens entstehen. Nach Howard Zinn ist die Abhängigkeit von "großen Denkern, Autoritäten und Experten eine [...] Verletzung des Geistes der Demokratie".(34) Es gibt jedoch beträchtliche Zweifel daran, dass dieses Ideal für die Regierung moderner Nationalstaaten angewendet werden kann (oder soll):
    Ich glaube, dass eine demokratische Gesellschaft keine Gemeinschaft ist und sein kann, wobei ich unter Gemeinschaft eine Gruppe von Personen verstehe, welche eine durch den Glauben an die gleiche umfassende, oder zum Teil umfassende Doktrin zusammen gehalten wird.(35)
Für den politischen Philosophen John Rawls erfordert die pluralistische Zusammensetzung von modernen Gesellschaften einen Demokratiebegriff, der berücksichtigt, dass bestimmte Interessen und Meinungen nicht leicht vereinbar sind. Die Vorstellung der Demokratie als Gesellschaft beruht daher auf komplexen politischen Institutionen und Prozessen, auf Gewaltentrennung und garantierten Verfassungsrechten, durch die Bürger vor der Kontrolle durch den Staat geschützt werden. Obwohl die politischen Manöver und Kompromisse, die in der liberalen Demokratie vorherrschen, Grund beträchtlicher Frustrationen sind und Sehnsucht nach der Wärme einer Gemeinschaft hervorrufen, ist Vorsicht angebracht. Die Gesellschaft als Ort der demokratischen Regierung – der Koexistenz von Menschen, unter denen keine Einigkeit und Ähnlichkeit herrscht – sollte nicht leichtfertig verworfen werden. Wie Vedel betont, neigt das Gemeinschafts-Modell dazu, wichtige politische Einrichtungen, z.B. Parteien, Gewerkschaften oder Medienunternehmen, als Perversionen des demokratischen Ideals zu sehen.(36) Doch wie lässt sich die Regierung von sehr großen Gruppen ohne Vermittlung überhaupt denken? Der Diskurs um das Web 2.0 gibt diesbezüglich Aufschluss: Anstatt schwerfälliger, intransparenter Institutionen haben wir jetzt Software, die es uns ermöglicht, das Ideal der Gemeinschaft auf die Ebene der Gesellschaft zu skalieren. Die Macht, welche die Firmen, die diese Tools zur Verfügung stehen, dabei gewinnen, wird dabei selten angesprochen.

Seltsamerweise scheinen beide Vorstellungen von Demokratie in Bezug auf die Web-Suche auf ein gemeinsames normatives Konzept hinaus zu laufen, nämlich einer Variante von Habermas´ Ideal einer Öffentlichkeit als Raum gleichberechtigter Rede. Der Hintergrund der praktisch gesamten Kritik des Ranking ist die Sorge, das Web könnte die Fähigkeit einbüßen, den früher ausgeschlossenen Stimmen eine Öffentlichkeit zu geben und als "wertvoller Kollisionsraum zwischen offiziellen und inoffiziellen Darstellungen der Wirklichkeit zu dienen".(37) Je nach bevorzugtem Demokratiemodell gibt es feine, jedoch bedeutende Variationen.

Die "Gemeinschafts"-Version, die hinter einem Großteil der Web 2.0-Rhetorik (und vielen der zuletzt erschienenen akademischen Veröffentlichungen) steht, besteht darauf, dass jede Stimme den gleichen Wert hat, während die "Gesellschafts"-Tradition betont, dass "[alle Bürger] eine faire Chance haben sollten, alternative Vorschläge auf die Tagesordnung der politischen Diskussion zu setzen".(38) Der zweite Standpunkt schließt Mediation, Auswahl und Gewichtung nicht aus, solange sie auf einem Argument beruhen und nicht auf Status, Wohlstand oder Macht. Habermas akzeptiert ein bestimmtes Maß an "kritischer Filterung" nicht nur – sie ist die Aufgabe von Journalisten –, sondern warnt ausdrücklich vor einer "Fragmentierung" des öffentlichen Raums, die bei Fehlen zentraler Mediatoren eintreten würde.(39) Wenn wir Selektion und Hierarchisierung als notwendige Grundlagen für die Demokratie betrachten, dann stellt sich als wichtigste Frage, wie man Rawls "faire Chance" auf einen Beitrag zur Debatte definieren soll. Und wenn Suchmaschinen tatsächlich als mediale Gatekeeper fungieren,(40) dann muss als erstes gefragt werden, wie ihre Filterung sich auf diese "faire Chance" auswirkt, um, wenn nötig, Korrekturen vorzunehmen. Der Prozess, der zu Suchergebnissen führt, wird dabei weniger wichtig als die Frage, ob dieser Prozess einen "vernünftigen Pluralismus" fördert oder nicht. Dies schließt die Gemeinschaft als Wert ebenso wenig aus wie eine Lenkung durch öffentliche Partizipation auf tiefer Ebene. Die Anwendung der Stimmabgabe auf das Ranking kann jedoch nicht mehr als offensichtlicher und unbestrittener Weg zur "Demokratisierung" der Suche betrachtet werden.

Bevor ich mich alternativen Empfehlungen zuwende, möchte ich vorausschicken, dass das Web als etwas anderes als ein Massenmedium betrachtet werden kann, z.B. als große Bibliothek, als Speicher kultureller Repräsentationen oder als Bildungswerkzeug. Diese Perspektive öffnet alternative Quellen für normative Argumente:
  • Ethische Leitlinien für Bibliothekare und Dokumentations-Fachleute: Neben den üblichen Nettigkeiten bieten Berufsverbände wie der European Council of Information Associations (ECIA) oder die American Library Association (ALA) spezifische ethische Leitlinien wie Vertraulichkeit und ungehinderten Zugang zu Information, was nicht nur eine Ablehnung der Zensur impliziert, sondern auch eine aktive Unterstützung der Nutzer bei der Suche.
  • Politik der kulturellen Vielfalt: Internationale Deklarationen wie die "Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen" der UNESCO, die 2005 von allen UNO-Mitgliedsstaaten außer den USA und Israel ratifiziert wurde, bezeichnet die kulturelle Vielfalt explizit als schützenswertes Gut, während die berühmte Exception culturelle-Klausel, die 1993 dem GATT-Abkommen (jetzt WTO) hinzugefügt wurde, es Ländern ermöglicht, kulturelle Produkte aus dem Freihandelsabkommen auszunehmen. Dies sind Bemühungen, das Prinzip der Vielfalt von der Ebene der Meinung auf die Ebene des kulturellen Ausdrucks zu heben.
  • Bildung und Stärkung der Autonomie: Im Sinne der Aufklärung und von Bildungsreformern wie Paulo Freire lässt sich das Web als Tool für die Stärkung der individuellen Autonomie vorstellen. Das kann nicht bedeuten, die Nutzer sich selbst zu überlassen, sondern eine "kritische Pädagogik" zu entwickeln, die es den Nutzern ermöglicht, hinter die Oberfläche der Websuche zu blicken. Wenn wir diese Ansätze mit dem Modell des öffentlichen Raums kombinieren, zeichnen sich drei Prinzipien ab: (Vernünftige) Vielfalt, Autonomie und Zugang.


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