Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Konrad Becker

Die Macht der Klassifizierung

Abgründe des Wissens an den Klippen der Ordnung

Mentalistische Kataloge und Glückskekse

Professionelle Kategorisierungsexperten bemühen sich, das Kontextabhängige und Temporäre um jeden Preis zu meiden, und enden doch immer mittendrin. Bei der Durchsetzung von Recht und Ordnung in der Informationssphäre scheinen manche Kategorisierungskämpfer das transiente Wesen von Wirklichkeit und die vielschichtige Modulation von Bedeutung zu übersehen. Fast zwangsläufig dominieren eigene Interessen und Anforderungen der Katalogproduzenten über objektivere Bedürfnisse von Navigation in komplexen Welten. Sie züchten kognitive Verwaltungstechnologien, die kulturelle und subjektive Vieldeutigkeit und das Schillern kontextabhängiger Aussagen nicht erkennen. Vorstellungen einer objektiven Ordnung des abstrakten Raums entstehen auf Grundlage religiöser Ideen von makelloser Reinheit. Solche Illusionen werden von gefährlichen Ideologien kybernetischer Kontrolle genährt und vom Glauben, dass die manifeste Welt auf einen einzigen Standpunkt zu reduzieren wäre. Sprache ist eine komplexe, zeitliche und räumliche Dynamik von Zeichen und Darstellung in Bezug auf die Benennung von Objekten. In der allgemeinen Linguistik gibt es keine eindeutig schlüssigen Begriffe, nur Unterschiede. Jene, die an Kategorisierung und dem Aufbau einer Ontologie von Klassifizierungssystemen arbeiten, die gleichzeitig auch eine stabile Fortführung über längere Zeiträume ermöglichen soll, müssen die Welt im Voraus planen. Dinge im Voraus zu benennen, heißt, die Zukunft vorhersehen zu können, eine magische Praxis von Orakeln und spiritistischen Medien. Andererseits sind die Fußangeln der Kategorisierung genau das, was Mentalisten und Cold Reader für illusionistische Bühnenshows nutzen. Die Bestandsqualität eines organisatorischen Schemas verschlechtert sich aber sowohl mit Umfang als auch Dauer, und die Kosten einer starken Zentralverwaltung werden bei großen Mengen bald unerschwinglich. Auch wenn Nachfrage-gesteuerte Systeme wie Google den Vorteil haben, keine Vorabprognosen und Projektionen von dem, was gebraucht wird, haben zu müssen, bleiben Skalierung und Größenordnung eine technische Herausforderung.

Moderne Geisterlogik

In komplexen IT-Systemen müssen Maschinen nicht nur mit Menschen interagieren, sondern auch miteinander kommunizieren. Aber was reden sie hinter unserem Rücken? Semantische Computernetze basieren auf Ontologien und einer Logik erster Ordnung, die logische Schlussfolgerung auf einfache Regeln reduziert. Syllogismen sind eine Form logischer Argumente, die Aristoteles als "... Argument, in welchem sich, wenn etwas gesetzt wurde, etwas anderes als das Gesetzte mit Notwendigkeit durch das Gesetzte ergibt" beschreibt. Das klassische Beispiel ist: "Alle Menschen sind sterblich. Alle Griechen sind Menschen. Deshalb sind alle Griechen sterblich." Diese Form kartesischer Logik klingt nicht nur steif und technisch, sondern führt in seiner absurden Absolutheit zu widersinnigen Ergebnissen. Clay Shirky gibt das folgende Beispiel: Wenn Graf Dracula ein Vampir ist + Graf Dracula in Siebenbürgen lebt + Siebenbürgen eine Region von Rumänien ist + Vampire nicht real sind, dann ist die einzige logische Folgerung aus dieser Reihe von Erklärungen, dass Rumänien gar nicht existiert. Manchmal liegt das Logische näher am Lächerlichen, als es den Anschein hat. Computer sind an Syllogismen perfekt angepasst, aber die Welt kann nicht auf eindeutige Aussagen reduziert werden, die sich problemlos kombinieren lassen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts propagierte Sherlock Holmes die Idee, dass herausragend kluge Personen zu unvermeidbaren Schlüssen gelangen, indem sie vorangehende Tatsachen verknüpfen. "Wenn man das Unmögliche eliminiert, muss das, was bleibt, egal wie unwahrscheinlich es ist, die Wahrheit sein." Holmes´ Erfinder Arthur Conan Doyle popularisierte nicht nur den Wert deduktiver Beweisführung, sondern war auch ein Fan der Feen-Fotografie sowie der Kommunikation mit Geistern und Gespensterwesen. Doyle war begeisterter Anhänger eines Spiritualismus des späten 19. Jahrhunderts, einer komplexen sozio-kulturellen Anpassung an den Fortschritt in Wissenschaft und Technik zu Beginn der Moderne. Als das Rationale und das Irrationale bei Entstehung von Massengesellschaften aufeinander trafen. Der Pseudo-Rationalismus Kokain-beflügelter logischer Schlussfolgerung kann als hysterische Reaktion auf eine ambivalente Welt libidinösen Ektoplasmas und einer Explosion von Dingen aus industrieller Massenproduktion verstanden werden. Bilder einer vereinfachten Welt simpler Gesetzmäßigkeiten zu zeichnen, ist tröstlich und beruhigend. Leider ist die enervierte Realität des Alltags – von Urzeiten bis hin zu High-Tech-Gesellschaften urbaner Angst – vor allem von unvollständiger, unschlüssiger, unsicherer und kontextabhängiger Information geprägt. Computergestütztes Verknüpfen logischer Argumente funktioniert vor allem in Bereichen wie Index-Tabellen, wo Automatisierung nützlich und wirksam ist. Menschen verarbeiten Information auf der Grundlage von "Gefühlen", einfacher Heuristik, Intuition, Paranoia oder wilder Spekulation und sind durch Druck und Dynamik ihrer unmittelbaren Umgebung beeinflusst. Sie verlassen sich auf Nachahmung, Tradition, Wiederholung und anderes – jedoch nur selten auf syllogistische Begründung oder Deduktion.

Träumen Ideen von elektrischen Schafen?

Das Verständnis des Begriffs Ontologie in seinem philosophischen Ursprungszusammenhang ist die Erforschung von Entitäten und ihren Beziehungen in einer Systematik der Grundmerkmale des Seienden. Diese Tradition beschäftigt sich weniger mit dem Möglichen, sondern mit dem "Was existiert?" Der Gegenstand der Untersuchung ist nicht auf ein Handeln, sondern auf Verständniserweiterung ausgerichtet. Ideen einer "natürlichen" Klassifikation verraten essentialistische Vorstellungen unter einem erkenntnistheoretischen Deckmantel. Die Disziplin der Ontologie, bei der es darum geht, eindeutige und explizite Aussagen zu treffen, besitzt allerdings selbst eine Mehrzahl von Definitionen. Computerwissenschaften haben den Begriff "Ontologie" aufgegriffen, um es für das Problem der maschinenbearbeitbaren Information und als Spezifizierung von Konzepten im digitalen Wissensmanagement anzuwenden. Die Organisation einer Sammlung von Elementen, Dingen oder Konzepten in verwandte Gruppen und hierarchische Bäume basiert auf solcher Kategorisierung und Klassifizierung, aber ontologische Auswirkungen können durchaus problematisch sein. Philosophen bezichtigen einander gerne wechselseitig der Kategoriefehler, semantischer und ontologischer Fehler. Beispielsweise wenn in "farblose grüne Ideen schlafen wütend" Dingen Eigenschaften zugeschrieben werden, die diese gar nicht haben können. Ebenso gilt es als Fehler, den menschlichen Geist als Objekt einer immateriellen Substanz zu konzeptualisieren, wenn es für ein dynamisches Set von Dispositionen und Fähigkeiten sinnlos ist. Tatsächlich gibt es aber leider keine Einigung darüber, wie Kategoriefehler zu identifizieren sind. Ontologie verlangt nach Domänen mit einer zentralen und legitimierten Autorität, einem stabilen, klar abgegrenzten Korpus und limitierten, für formale Kategorien geeigneten Elementen. Strikt formalisierte Paragraphen juristischer Systeme sind ein Beispiel. Es erfordert Beschränkung auf Teilnehmer qualifizierter Katalogbearbeiter, ein hohes Maß an Expertise und Koordinierung sowie verbindliche Referenzquellen zur Entscheidungsfindung. Geschlossene ontologische Gliederungen sind typisch für religiös-hierarchische Systeme. Nicht nur psychotische Persönlichkeiten versuchen, durch endlose und bizarre Listen oder byzantinische Klassifizierungssysteme privater Kosmologien Ordnung in die Welt zu bringen. Sie sind auch die Basis einer kritischen psychologischen Disziplin kontrollierter Paranoia. Analytische Methoden einer kabbalistisch geistigen Gymnastik stehen in einer langen Tradition von experimentell induziertem Interpretationsdelirium und künstlich erzeugtem Beziehungswahn. Dies umfasst Techniken des kathartischen Kategoriebruchs durch Paradoxien und den Zerfall illusorischer Identifikation in perplexen Zen-Rätseln.


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