Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Konrad Becker

Die Macht der Klassifizierung

Abgründe des Wissens an den Klippen der Ordnung

Blinde Taxonomien und die Ordnung der Imagination

Mnemonische Hilfsmittel und Eselsbrücken funktionieren nicht, weil sie objektiv sind, ganz im Gegenteil. Die alte Kunst der Ars Memoria verwendet eine narrative Strukturierung der Vorstellungskraft und nutzt eine visuelle Verankerung von Information in der Geometrie des Denkens. Typologien und Taxonomien sind nicht richtig oder falsch, sondern Werkzeuge der Gestaltung, die eine Stabilität von Untersuchungen über eine gemeinsame Realität ermöglichen. Jenseits von Geek-Träumen einer allumfassenden Ontologie ist den meisten Protagonisten des semantischen Web bewusst, dass der Aufbau einer taxonomischen Top-down-Ontologie, die alles für alle beschreibt, keine Option ist. Diese Forschung soll lokalen Gemeinschaften eine eigene Ontologie ihres Interessengebiets ermöglichen und nicht die Durchsetzung einer autoritären Neuen Weltordnung. Aber die Verdinglichung von Typologien ist nicht ungewöhnlich. Und Taxonomien in dem naiven Glauben zu bauen, dass sie die hierarchische Struktur der Wirklichkeit abbilden, kann schwerlich als erleuchtet angesehen werden. In der realen Welt unzähliger ausufernder Bereiche, die sich auf vielfältige Weise überschneiden, instabil sind und ohne klare Grenzen, ist ontologische Strukturierung für einen breiten Zugang von Nichtexperten wenig funktionell. Das gewünschte Maß an Kohärenz in einer normativen Klassifikationsstruktur beeinflusst das Gleichgewicht zwischen Komplexität, Vereinfachung und Menge. Entweder breite Zustimmung einer engen Bandbreite von Benutzern, oder leichte Übereinstimmung großer Gruppen.

Stereotypen und die Ausbeutung der Subjektivität

Distribuierte Anwendung von Tags in flachen Hierarchien ermöglicht es, große Mengen spezifischen Wissens zu integrieren, die den Organisationswert mit der Masse und Zeitdauer erhöhen. Aber kollaboratives Tagging kann Ansichten, Vorlieben, Voreingenommenheit und Affinitäten unverhältnismäßig verstärken. Betriebsblindheit, begeisterte Faibles, tribalistische Modeerscheinungen, Mob-Attitüden und stereotype Vorurteile können eine starke Dynamik der thematischen Verzerrungen auf Grundlage zweifelhafter Urteilskraft auslösen. Soweit Kennzeichnung durch Tags transparent bleibt, ermöglicht es jedoch individuelle, widersprüchliche oder gar ketzerische Standpunkte, ohne sie in die Zwangsjacke temporärer Mainstream-Meinung zwingen zu müssen. Es schafft Raum für statistische Verteilungen, in denen seltene Ereignisse zusammen oft die Mehrheit bilden. Dass der lange Ausläufer von Ereignisstatistiken mit geringerer Häufigkeit die Zahl von Interaktionen mit hoher Beliebtheit im Gesamtvolumen oft übersteigt, wird von zahlreichen Internet-Geschäftsmodellen genützt. Diese Erweiterung in Richtung des Ungewöhnlichen und Entlegenen, ein Ablösen von einer Nachfragespitze breitenwirksamer Kassenschlager, hat die Programmierung von Medien sicherlich etwas intelligenter gemacht. Außerdem trägt es zur kommerziellen Ausbeutung kultureller Nischenmärkte bei und markiert den Übergang von traditionellen Disziplinierungsmodi vorkonfigurierter Kategorien hin zu neuen Kontrollgesellschaften. Von pädagogischer Indoktrination zur fließenden Ausbeutung kognitiver Resonanz und Reaktionsmuster demographischen Wahrnehmungsmanagements. So genannte Web 2.0-Schnittstellen ermöglichen Subjektivität als Handelsware, soziale Netze auszubeuten und zurück an die Nutzer zu lizenzieren.

Digitale Augen und die verborgenen Götter

"Die perfekte Suchmaschine wäre wie der Geist Gottes", sagt Google-Mitbegründer Sergey Brin. Dementsprechend zielen digitale Suchmaschinen auf maximale Reichweite und vollkommene Abrufmöglichkeit. Am Anfang ist ein Suchwort, aber Google will nicht nur alles Wissen der Welt indizieren, sondern "genau verstehen, was du meinst". Aber ohne Nutzer kein Geist Gottes. Google ist zum Mainstream-Orakel der Wahl geworden, wo die Zeitgeistabfragewellen an den Klippen verdichteter Identitäten brechen. In einer Studie des "Center for the Digital Future" an der University of Southern California glaubte die Mehrheit zuletzt, dass "die meisten oder alle Informationen von Suchmaschinen zuverlässig und richtig" sind. Immer mehr Menschen nutzen Online-Ressourcen anstelle traditioneller Print-Zeitung zum Verfolgen täglicher Nachrichten. Deren Rangfolge, inhärente Ordnung und das zugrunde liegende Bewertungs- und Organisationssystem von Informationen beeinflussen die Formung von Weltbildern. Vorstellungswelten sind geprägt von den Informationen, die wir konsumieren, und dies bestimmt wiederum, wie wir suchen. Google News ist ein klassisches Beispiel für die Aggregation von Online-Nachrichten. So wie Googles Indizierungsverfahren und Logik der Reihung zu Ausgrenzungen führen, kann sein News Service nur schwerlich einen Pluralismus von Standpunkten glaubhaft machen. Auf der Grundlage eines verborgenen, aber verzerrten Mechanismus der Klassifizierung fehlen Suchergebnissen breite Einbeziehung und Fairness. Die Indizierungs- und Bewertungsmethoden sind Geschäftsgeheimnisse. Wenn alternative Information plötzlich aus Suchergebnissen verschwindet, gibt es keine Möglichkeit, die Ursachen dafür herauszufinden. Ein System, in dem alle dezentralen Benutzer durch weitreichende Data-Mining Verfahren und Motivforschung gegenüber dem undurchdringlichen zentralen Kern, der verborgenen Gottheit, transparent werden. Obwohl Unternehmensserver oftmals auf Open-Source Software laufen, bleibt politischer oder wirtschaftlicher Einfluss verborgen. In Bezug auf Zensur und Manipulation sind die wichtigsten Anbieter von Informationstechnologie niemandem Rechenschaft schuldig. In einer Zeit, in der Zugang zu Information von wenigen Unternehmen kontrolliert wird, zählt dies zu den problematischsten Aspekten von Suchmaschinen.


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