Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Konrad Becker

Die Macht der Klassifizierung

Abgründe des Wissens an den Klippen der Ordnung

Spielplatz für Phantome

Digitale Suchtechnologien und Data Mining werden von nachrichtendienstlichen Staats- oder Wirtschaftsagenturen stark nachgefragt. Es handelt sich um unverzichtbare Technologien in Sicherheitsoperationen, Risikomanagement und für Command, Control, Communications, Computing und Intelligence (C4I) Systeme. Geheimdienste nehmen Einfluss auf einschlägige Wirtschaftsunternehmen. Technologien, die für humanitäre Ziele oder Rettungs-Missionen eingesetzt werden können, aber auch in einem asymmetrischen "Digitalen Krieg gegen den Terror", in dem sich Informations-Sortier- und Retrieval Anwendungen in virtuelle oder physische Search-and-Destroy Missionen verwandeln, genutzt werden. An den Kreuzungspunkten von Suchtechnologien spuken Informationsparanoia und Datenpanik. Ein Spielplatz der Total Information Awareness-Offiziere und ihr panoptisches Auge der Vorsehung, wo Suchmaschinen zu Augen und Ohren massiver Überwachung persönlicher Datenflüsse in digitalen Netzen werden.

Jegliche Freiheit, sich unbeaufsichtigt sozial, kulturell oder intellektuell zu engagieren, und die persönliche Autonomie verschwinden aus dem Blickfeld.

Data-Mining und Information-Retrieval-Anwendungen werden im Rahmen von äußerst kostspieligen Software-Suiten entwickelt, die sich außerhalb der Möglichkeiten von zivilgesellschaftlichen Organisationen, unabhängigen Forschern oder kritischen Initiativen befinden. Von denjenigen, die es sich leisten können, werden leistungsstarke Anwendungen als Waffe eingesetzt und nicht als Werkzeug öffentlichen Interesses im Dienst der Allgemeinheit. Weiterentwicklungen semantischer Technologie ermöglicht es, einzelne Personen zu erkennen, zu verstehen und ohne ihr Wissen oder Bewusstsein zu manipulieren. Im Namen der Vielfalt sind zugängliche und transparente Anwendungen erforderlich, und die Verschlüsselung offener Geheimnisse muss offen bleiben. Ein dynamisches System der heterogenen Vielfalt, einschließlich P2P-Schnittstellen und Open-Source Suchstrategien, persönliche Informations-Crawler und anonyme Searchengines, sowie dezentrale Cluster-Architekturen ohne zentrale Server. Werkzeuge kultureller Intelligenzproduktion müssen in den Händen Vieler sein und nicht das Privileg Weniger. Ein freier Markt konkurrierender Ideen benötigt den Zugriff auf computerunterstützte Analyse. Demokratische Sinngebungsvielfalt erfordert breite Zugänglichkeit von automatisierten Informationsprozessen.

Wahrnehmungsergänzte Cyborgs

Zahlreiche Experten in Bereichen wie Bio-Kybernetik und den kognitiven Wissenschaften sehen die Zukunft der Informationsverarbeitung in einer stärkeren Mensch-Computer-Einbindung. Human-System-Integration ist ein Schlagwort für neue Mensch/Maschine-Schnittstellen zur Entscheidungsfindung und beschleunigten Informationsaufbereitung mit erweiterter Suchtiefe. Augmented Cognition, computerunterstützte Wahrnehmungsergänzung, überwindet menschliche kognitive Einschränkungen durch adaptive Berechnung. Adaptive Benutzerschnittstellen verwenden Sensoren zur Ermittlung von Nutzerzuständen und Inferenz- und Klassifikations-Module, um eingehende Informationen zu bewerten. Es handelt sich um Rechensysteme, die sich kontinuierlich an Nutzer anpassen und durch Sensoren, Rückschlüsse und Lernverhalten für die jeweiligen Kontexte und Ziele relevante Trendmuster und Situationen erkennen. Weg vom statisch linearen Text der elektronischen Schreibmaschine in Richtung fortgeschrittener statistischer Analysen, Data-Mining und erweiterter Mustererkennung. Der Kampfjet-Pilot ist zurzeit das prototypische Beispiel des Cyborg. Aber nicht nur Piloten, sondern auch Informationsarbeiter auf dem Boden müssen aus großen Datenmengen in kürzester Zeit relevante Informationen filtern und danach handeln. Logisch, dass DARPA ein führender Player einer Technologie ist, die die Zukunft der Kriegsführung und Informationsdominanz formt. Es heißt, dass jede ausreichend fortgeschrittene Technologie von Magie ununterscheidbar ist. Ohne breites praktisches Verständnis bleiben diese Technologien sicherlich schwarze Kunst, die Arkana leistungsstarker, hoch finanzierter Labors zur Beeinflussung der informationellen Landschaft.

Eingebettete Informationspolitik

Technologien der Wahrnehmung abseits futuristischer Anwendungen und rechnerischer Komplexität sind Ausdruck politischer Philosophie, maskiert als neutraler Code. Kognitive Werkzeuge, bewusst entwickelt, um Ergebnisse in einem begrenzten Bezugsrahmen zu liefern, oder naive Mechanismen bestimmter Ideologien, sind immer politisch. Auch in alltäglicher Routine eingebettete kleine Dienstprogramme färben, formen oder verbiegen auf subtile Weise unsere Wahrnehmung und weben kognitive Fäden in das Gewebe der Wirklichkeit. Klassifizierung ist nicht nur Informationswerkzeug, sondern auch grundlegender Bestandteil der laufenden Konstruktion eines Arbeitskontexts und damit verbundener Prozesse und dynamischer Mechanismen. Logik von Alltagssprache und politischer Rhetorik entwickelt sich vielfach aus einer Hierarchie semantischer Objekte, die als "natürlich" und gottgegeben dargestellt wird. In der täglichen Realität der Informationsüberflutung gilt es, sowohl Willkür als auch Absicht zu erkennen – und dass die davon abgeleitete Hierarchien keine Wunder der Natur sind. Es steht nicht weniger als die informationelle Konstitution von Gesellschaften und ihrer Institutionen auf dem Spiel. Kulturelle Intelligenz ist der rote Faden im heterogenen Feld der Forschung und der Ausbildung angewandter Wissenschaften an den Fundamenten demokratischer Öffentlichkeit.


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