Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:

Zur Frage der Vergoogelung

Hin zu einer unkritisierbaren Maschine?

Vergoogelung am Frontend

Am Frontend blieb der Portal-Zugang Yahoos bestehen, samt seiner Fülle an Angeboten, Texten und Bildern, oder, wenn die eigene Wahrnehmung durch Google geformt worden war, Müll. Was hatte sich bei Yahoo verändert? Nimmt man sich anstatt der Startseite die Suchergebnisse der Yahoo-Suchmaschine vor, dann kommt Search Engine Watch zu folgendem Schluss:
    Wie unterscheidet sich die neue Yahoo-Suchmaschine von Google? Die Präsentation der Ergebnisse ist sehr ähnlich. Yahoo hat klugerweise beschlossen, dass das meiste so aussehen sollte wie vorher, von ein paar Ausnahmen abgesehen. Es gibt einen Link zu einer Cache-Kopie jeder Seite im Index, der jetzt von Yahoo bereitgestellt wird, nicht von Google. Sonst aber sieht auf der Ergebnisliste so gut wie alles so aus wie vorher.(16)
Wie Google auszusehen, erschien wünschenswert, zumindest was die prominent in der Mitte platzierte Suchbox anging. In seiner Klage über das Verschwinden des Butlers auf Ask Jeeves, und über die Neigung von Suchmaschinen überhaupt, eine Ästhetik der "Logos, Formen und Buttons" anzunehmen, führt Derek Powezek, ein Designer von Technorati-Interfaces, ins Treffen, dass sich zu viele Maschinen die Frage stellten: "Was würde Google machen"?(17) Sein Argument könnte als Sorge über die Vergoogelung von Interfaces verstanden werden. John Battelle, Autor eines bekannten Buchs über Google, stellt fest, dass die zunehmende Homogenität von Homepages Aufmerksamkeit verdiene. Die Reduzierung auf eine einzelne Suchbox könnte als Höhepunkt von Nutzerfreundlichkeit und Funktionalität gedeutet werden.
    Alle verwenden Google gerne. Wieso sollten also nicht alle das einfache Design auf jeder Seite, die sie besuchen, vorfinden wollen? [...] Dabei spricht man von Homepage-Vergoogelung.(18)
Gegenstand der Faszination ist Googles einfache Suchbox und ihre zwei Buttons, "Web-Suche" und "Auf gut Glück!", Googles Hommage an den Hyperspace. Der zweite Button ist im Rahmen der Vergoogelungs-Kritik eine Anomalie, denn er ist nicht von anderen Anbietern übernommen worden und auch nicht mit der Einkommensquelle verknüpft, der Werbung. "Auf gut Glück!" überspringt die Ergebnisseite.

Was das zweite Interface, die Ergebnisseite, betrifft, sollte eine kritische Studie sich auch mit einem Phänomen befassen, das man Ergebnisseiten-Vergoogelung nennen könnte. Trotz des Erscheinens von Kartoo im Jahr 2002 und anderer Suchmaschinen, die ihre Ergebnisse "visualisieren", herrschen Ergebnisse in Listenform vor, wobei zehn Ergebnisse pro Seite voreingestellt sind, und jeder Eintrag Titel, Beschreibung oder Teaser-Text und Hyperlink enthält.

Die Auseinandersetzung mit dem Input-Feld (Suchbox) und dem Output (die Liste) hat jedoch die Aufmerksamkeit von den Tabs abgezogen. In den ersten zehn Jahren seines Bestehens, deren Vollendung Google vor kurzem feierte, hat Google feine Anpassungen im Gemüsegarten seiner Titelseite vorgenommen.

Es gab Upgrades und Downgrades von Suchdiensten wie Froogle und Groups, als Google-Labs und andere neu erworbene Projekte das Tageslicht erblickten, nur um später wieder in den Hintergrund bewegt zu werden. Den Tabs Aufmerksamkeit zu schenken und dazu eine langfristige Studie anzulegen, ist eine Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken und Donald Normans Google-Kritik zu verstehen: "Ist Google einfach? Nein. Google täuscht. Es verbirgt seine Komplexität, indem es bloß eine einzige Suchbox auf der ersten Seite zeigt".(19) Norman, ein Design- und Usability-Forscher, bezieht sich auf die Abwesenheit von Transparenz in zweierlei Hinsicht – das Interface bietet keine Übersicht über die angebotenen Dienste, und, was noch wichtiger sein mag, es verbirgt die Organisationsstruktur. Google wird so zu einem neuen Fall einer "sozialen Hieroglyphe".(20) In einer Variation der marxistischen Begrifflichkeit könnte man sagen, es macht die sozialen Beziehungen hinter der Ware unsichtbar und gleichzeitig zu etwas scheinbar Natürlichem.(21) Suchmaschinen-Ergebnisse, zumindest jene, die nicht gesponsert werden, sind "organisch". An diesem Punkt sind die Arbeiten von Henk van Ess, dem Enthüllungsreporter und Suchmaschinen-Beobachter, von besonderem Interesse. Die 2005 entdeckte URL http://eval.google.com stellte eine cause célèbre der online geposteten Auseinandersetzungen mit Unternehmensvertretern dar, denn van Ess fand heraus, dass Google Studenten dafür bezahlt, die Verlässlichkeit von Suchergebnissen zu überprüfen.(22) Die Feststellung, dass die Ergebnisse von Hand bearbeitet werden, ist etwas Aufregendes, nicht nur wegen der Assoziation mit dem "mechanischen Türken", oder dem Höhepunkt von Wizard of Oz, wo der Vorhang zurückgezogen wird und dahinter ein Mensch erscheint. Es macht auch die einfache Suchbox komplexer und widerspricht ihrem vorgeblichen Reduktionismus. So, wie sich die reine algorithmische Logik zurückzieht, wird Googles Backend unordentlicher.

Im Zusammenhang mit einer weiteren bedeutenden Beziehung zu Menschen hat sich Google in einem Projekt, das für Bibliothekare und Verlage von entscheidender Bedeutung ist, im Gleichschritt mit Yahoo bewegt. Google folgte Yahoos Beispiel und hat sein Verzeichnis zurückgestuft. Im März 2004 entfernte Google sein Verzeichnis (die auf dem Open Directory-Projekt aufbauende Maschine) von der Startseite und machte es nur mehr über den "More"-Button zugänglich. 2006 wurde das Verzeichnis unter "even more" eingeordnet. Ende 2007, als das Menü bei Google.com in die linke obere Bildschirmecke platziert wurde, verschwand der "even more"-Tab, obschon er 2008 (wiederum ohne Verzeichnis) zurückkehrte.

Vergoogelungs-Studien beschäftigen sich daher damit, wie kleine Veränderungen im Interface eine Politik des Wissens darstellen, insbesondere die Mechanismen der Entprivilegierung, durch die redaktionelle Dienste in die tieferen Ebenen einer Webseite versenkt werden. Das Begraben des Verzeichnisses sowohl bei Yahoo als auch bei Google weist auf eine viel größere Transformation hin – nämlich das Verschwinden von fachlich geschulten Redakteuren im Web (bezahlte Stellen für "Internet-Katalogisierung" verschwinden ebenso). Für Bibliothekswissenschaftler ebenso viel sagend ist eine weitere Konsequenz des Vordringens von Backend-Algorithmen in der Verzeichnis-Innovation, ganz anders als im alphabetischen, egalitären Geist und auch anders als Ranganathanians Top-Kategorien, deren Bestandteile ein Ganzes bilden. 2007 hatte Yahoo den Default-Output seines Verzeichnisses geändert. Die alphabetische Liste wurde durch ein Ranking der Quellen nach deren "Beliebtheit" ersetzt.
    Die Auflistung der Verzeichniseinträge ist so voreingestellt, dass sie nach Beliebtheit und Relevanz sortiert werden. Seiten, die bei den Nutzern am beliebtesten sind, und die in der Kategorie am relevantesten sind, erscheinen an der Spitze der Liste. Die Ordnung der Webseiten und Web-Dokumente beruht auf der Yahoo-Suchtechnologie.(23)
Dass das Suchen das Blättern (und Surfen) ersetzt hat, ist ein im ganzen Web verbreitetes Phänomen, das häufig seiner Nützlichkeit und nicht der Vergoogelung zugeschrieben wird. Die Bottom-up-Suchenden haben Bedürfnisse, die über jene der Top-down-Katalogredakteure hinausgehen.(24) In einer weiteren der vielen Umkehrungen, die durch neue Medien ausgelöst wurden, hat das Publikum die Rolle des Reiseführers übernommen. Den roten Regenschirm hält jetzt jeder in der Hand. Doch für das Projekt der Vergoogelung hat die nächste Frage damit zu tun, worin der Unterschied in den Auswirkungen der Autonomisierung der Nutzer gegenüber jenen des redaktionellen Fachwissens oder der algorithmischen Reinheit besteht.(25) Das Suchen wird personalisiert, die Ergebnisse werden an den jeweiligen Geschmack, den Suchverlauf oder die angeklickten Ergebnisse angepasst. Um das zu ermöglichen, werden die Suchmaschinen-Nutzer "aufgezeichnet", auch in Hinblick auf die Wörter, die Google für seine Einstellung ausgewählt hat. Man unterbricht den Suchverlauf und nimmt ihn wieder auf. Die eigene Geschichte zurückzuverfolgen, ist als Feed-Option enthalten. Wie der langjährige Suchmaschinen-Beobachter Danny Sullivan schreibt, ist eine der wichtigeren Implikationen der personalisierten Suche, dass "die Tage, an denen jeder die gleichen Ergebnisse für eine bestimmte Suchanfrage sieht, gezählt sind".(26) Die Geschichte, die von den Suchergebnissen geschrieben wird, stammt nun zum Teil aus der eigenen Feder, denn bestimmte Seiten, die man häufig besucht, werden nach vorne gereiht. Sullivan erzählt von seiner Befriedigung, als er feststellte, dass seine eigenen Schriften bei bestimmten häufigen Suchanfragen ziemlich weit vorne gereiht wurden, und fragt sich, ob dies bei anderen Nutzern auch so sei.


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