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Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Birgit Meyer

"Nachts, wenn der Generalsekretär weint" - Politikerinnen in der Presse

Berichterstattung in der Nachkriegszeit

In den 1950er und 1960er Jahren werden Politikerinnen in der Presse überwiegend verschwiegen. Diese Nichtbeachtung ist umso verblüffender, als dass es auch damals schon zahlreiche prominente Politikerinnen auf höchster Ebene gibt.[7] Wenn diese allerdings in den Medien erwähnt werden, wird das Klischee der "guten Mutter" bedient. In der Nachkriegszeit gelten die Pflichten der Ehefrau und Mutter als wesentliche "weibliche Bestimmung". Dieses Leitbild dominiert die Berichterstattung und wird teilweise von den Politikerinnen selbst akzeptiert und weithin nicht in Frage gestellt. "Meine Familie ist mir wichtiger als alle Politik", so drückt es eine Politikerin im Nachhinein aus.[8] Das Lob der "guten Mutter" und "glücklichen Hausfrau", die "zufällig" Politik macht, ist natürlich abhängig von der politischen Ausrichtung des jeweiligen Presseorgans und besonders deutlich in den christlich-konservativen Medien. In der sozialdemokratisch ausgerichteten Presse herrscht das Bild der "mütterlich-sorgenden Genossin und Parteigefährtin" oder des "guten Kumpels" vor, die keine eigenen Karriereambitionen hegt und somit ein geheimes Versprechen gibt, den Genossen nicht zur Konkurrentin zu werden.

Das Gebot, die dominante Männerkultur in Regierung und Parlament nicht durch ein zu auffälliges Frau-Sein oder durch sichtbare, attraktive Weiblichkeit zu verunsichern (eine frühe Ausnahme ist Annemarie Renger) gilt seinerzeit nicht etwa als anachronistisch, sondern wird von Politikerinnen selbst als sinnvoll angesehen ("Ich habe mich nie als Frauenrechtlerin geriert, da hätte ich gar nichts erreicht. Nur Spott oder Widerstand"[9]). Politikerinnen irritieren und stören qua Geschlecht die vorherrschende und medial untermauerte Geschlechterhierarchie im Politischen. Sie werden an der männlichen Norm gemessen, und ein ganz besonderes Lob (für ihre Anpassungsbereitschaft) ist, wenn sie gar zum "besten Mann der Fraktion" stilisiert werden. Frauen sind in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten in der medialen Wahrnehmung in politischen Führungspositionen schlicht nicht vorgesehen. So werden sie in der Presse (und in der Wissenschaft) ignoriert, verleugnet, trivialisiert und marginalisiert.[10] Die Aufmerksamkeit konzentriert sich lediglich auf klischeehafte Darstellungen von Äußerlichkeiten. Statt Politikkonzepte oder Sachverstand zu analysieren und kommentieren, wird eher über die schwarze Tasche der Adenauer-Vertrauten und einflussreichen CDU-Abgeordneten Helene Weber berichtet, über das Hüsteln von Louise Schroeder oder den Hosenanzug von Lenelotte von Bothmer (beide SPD).[11]

Medien erwarten in dieser Zeit wie selbstverständlich, dass Politikerinnen feminin auftreten, gut aussehen und chic angezogen sind, dabei aber angenehm sanft im Hintergrund bleiben und hart arbeiten, wie folgende Zitate unterstreichen: "Blond, überraschend klein, zierlich und sehr lebhaft, das ist der erste Eindruck, den man von Frau Dr. Diemer-Nicolaus (...) der neuen Abgeordneten der FDP im Bundestag, gewinnt."[12] "Wenn sich eine Frau um ein Mandat bewirbt, dann muss sie aussehen wie 20, einen Kopf haben wie ein Rathaus und arbeiten wie ein Pferd."[13] Auch ist es üblich, zu jeder neuen Legislaturperiode im Parlament die sogenannte "Miss Bundestag" zu küren (Dieser "schöne Brauch" besteht übrigens noch immer). Ende der 1960er Jahre resümiert eine Journalistin: "Solange 44 Prozent der westdeutschen Bevölkerung gegen Frauen eingestellt sind, die Politik betreiben, und nur 32 von Hundert Frauen eine aktive Politikerin für sympathisch halten, sind wir noch weit, sehr weit davon entfernt, dass aktive Frauen in der Politik eine, wenn auch nur bescheidene Macht wären."[14]

1970er Jahre

Bis weit in die 1970er Jahre hinein spiegelt sich die geringe weibliche Präsenz im konventionellen politischen Bereich in einer noch viel geringeren medialen Repräsentanz wider.[15] Doch findet sich in dieser Phase über die nachrückende Generation (vor allem von jüngeren SPD-Abgeordneten) auch verhaltene Anerkennung in der Berichterstattung. Es wird speziell auf deren hohe Qualifikation, ihren politischen Ehrgeiz und Fleiß, aber auch auf das wenig mütterliche Erscheinungsbild abgehoben: "Die parlamentarischen Mütter" kommen "aus der Mode".[16] Die zeitgenössische Kolumnistin Sibylle Krause-Burger vermutet, dass die älteren Politikerinnen "vom Schlage der warmherzigen, hilfsbereiten politischen Mutter" von den Medien lange Zeit in diese Rolle gedrängt wurden: "Nur wenige unter den Älteren haben diese Rolle abzuschütteln vermocht. So blieb ihnen kaum anderes, als die Mutterrolle anzunehmen, ja sie nachgerade wie eine Monstranz vor sich herzutragen und eben damit die eigene Partei und die Wählerschaft in die Knie zu zwingen."[17]

Im "Jahr der Frau" 1975 wird über einzelne Politikerinnen als "fleißige Ausnahmefrauen", "kühle Powerfrauen" oder gar "Apparate-Frauen ohne Gefühl"[18] berichtet, die auf eine neue Generation von Politikerinnen hindeuteten, nämlich "Karrierefrauen in der Politik".[19] Darüber hinaus erscheinen vermehrt Artikel von (oftmals freiberuflichen) Journalistinnen. Diese beschreiben Politikerinnen durchweg positiver als früher und sehen sie im Vergleich zu den meisten ihrer männlichen Journalistenkollegen weniger spöttisch und selten hämisch, dagegen oft wertschätzend. Es überwiegt das Verständnis, wenn es um die offensichtliche Balanceleistung geht, Beruf, Familie und politisches Engagement in Einklang zu bringen. "Sie weiß, dass sie als Frau immer ein bisschen fleißiger, ein bisschen gewissenhafter, eben ein bisschen besser sein muss als der männliche Kollege. Als der Kandidat eines benachbarten Wahlkreises stöhnt: Vier Veranstaltungen an einem Tag! lächelt sie leise. Sie sagt nicht, dass sie am nächsten Tag sieben hat."[20]

Fußnoten

7.
So z. B. die vier "Mütter des Grundgesetzes" Elisabeth Selbert, Helene Weber, Friederike Nadig und Helene Wessel, daneben die Alterspräsidentin des Bundestages, Marie-Elisabeth Lüders, oder die beliebte Berliner Oberbürgermeisterin Louise Schroeder.
8.
Martha Schanzenbach, 1949–1972 Bundestagsabgeordnete der SPD, zit. in: Birgit Meyer, Frauen im Männerbund, Frankfurt/M.–New York 1997, S. 294.
9.
Emmy Diemer-Nicolaus, promovierte Juristin und Strafrechtsexpertin, 1957–1972 Bundestagsabgeordnete der FDP, zit. in: ebd.
10.
Vgl. C. Holtz-Bacha/N. König-Reiling (Anm. 3).
11.
Einen Tag, nachdem mit von Bothmer erstmals eine Abgeordnete in einem Hosenanzug im Bundestag gesprochen hatte, titelte "Bild": "So nicht, Frau Abgeordnete!" (1969).
12.
Mannheimer Morgen vom 16. 4. 1958.
13.
So Maria Stommel, 1964–1976 Bundestagsabgeordnete der CDU.
14.
Rheinischer Merkur vom 26. 7. 1968.
15.
So lag der Frauenanteil im Kabinett Willy Brandts 1972 bei 7 Prozent und im Bundestag zur gleichen Zeit auf dem historischen Tiefststand von nur 5,8 Prozent. Bis 1987 lag der Frauenanteil im Bundestag bei unter 10 Prozent, in den Landtagen sogar noch darunter.
16.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 22.11.1975.
17.
Ebd.
18.
Vgl. Christiane Schmerl (Hrsg.), In die Presse geraten, Köln 1985.
19.
FAZ (Anm. 16).
20.
Die Zeit vom 3. 11. 1972.

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