Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Birgit Meyer

"Nachts, wenn der Generalsekretär weint" - Politikerinnen in der Presse

"Phänomen Merkel"

Erst mit der Kanzlerkandidatur einer Frau wird die hegemoniale Männlichkeit der Politik in einem bisher unbekannten Ausmaß öffentlich thematisiert. Anhand von "Kohls Mädchen aus dem Osten" kann man einen allmählichen aber doch grundsätzlichen Wandel in der Presseberichterstattung, vor allem in der Zeit zwischen 2001 und 2005, nachvollziehen. Die Gründe dieses Wandels sind vielschichtig. Sie hängen unter anderem mit vier Faktoren zusammen: Erstens ist die Zeitspanne offenbar groß genug gewesen, so dass sich Medien und Öffentlichkeit an Angela Merkels Machtanspruch gewöhnen konnten. Zweitens haben die innerparteilichen Krisen in der CDU eine Rolle gespielt, auch im Hinblick auf unverbrauchte Kandidaten für die Nachfolge Kohls. Drittens ist Merkel selbst ein Faktor: ihre uneitle Selbstpräsentation und ihr kluges Fädenziehen hinter den Kulissen, ihr unaufdringlicher, gleichwohl zäher Machtwille und ihre Fähigkeit, geduldig abzuwarten und bei passender Gelegenheit zuzugreifen. Schließlich ist auch das Phänomen Macht ein wichtiges Moment dieser Entwicklung gewesen.

Denn hinter dem Wandel von einer überwiegend spöttischen, herablassenden, besserwisserischen und oft auch hämischen Berichterstattung - zum Beispiel über Merkels Kleidung, Frisur, Mundwinkel oder ihre (wirtschafts)politische Kompetenz und der ständigen Frage: "Kann sie das?" - zu einer sachlicheren Tonart und mitunter sogar Bewunderung, könnte man den Respekt der Medien vor der Macht vermuten. Noch im Januar 2002 fordert "Die Zeit" Angela Merkel unverblümt auf, die Kanzlerkandidatur an Edmund Stoiber abzugeben. Sie zeige "Ehrgeiz, Machtbewusstsein, Realitätsferne und keinerlei ökonomische Kompetenz".[34] Sie wird eine Zeit lang medial regelrecht "gejagt".[35] Heute respektiert nicht nur die Wochenzeitung den neuen Stil und das neue Gesicht Deutschlands in der Welt.[36] Hier deutet sich eine Statusbezogenheit in der Perspektivenverschiebung an.

Das bislang vorherrschende Stereotyp von Politikerinnen als Ausnahmefrauen ist ebenfalls aufgeweicht. Sie werden langsam - vor allem sobald sie in Führungspositionen aufgestiegen sind - als Mitspielerinnen im Spiel um Dominanz und Einfluss ernst genommen.[37] Insbesondere Berichte über die Ministerinnen Ursula von der Leyen, Ulla Schmidt, Annette Schavan oder über die zweimalige Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Gesine Schwan haben die Rezeption von Politikerinnen in der Presse nachhaltig verändert. Nicht nur dass sie als höchst unterschiedliche Persönlichkeiten in Bezug auf regionale Herkunft, Religion, Familienstand, Kinderzahl, Berufsausbildung und innerparteiliche Verankerung kommentiert werden, was zu einer differenzierteren Sicht beigetragen hat. Darüber hinaus ist auch eine größere Konzentration auf politische Inhalte, Sachthemen und Schwerpunkte festzustellen. Kleidung, Familienstand oder Kompetenz werden zwar noch vereinzelt kommentiert, fallen aber in der Gesamtbewertung kaum negativ ins Gewicht.

Fazit

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts findet sich in der Presse eine unterproportionale, verkürzende oder verfälschende Berichterstattung über Politikerinnen. So ignoriert die Presse sie in der Nachkriegszeit noch überwiegend oder stilisiert sie als "gute Mütter". Auch in den 1970er Jahren werden sie marginalisiert, trivialisiert oder als Ausnahmefrauen charakterisiert. Erst in den 1980er Jahren werden sie verstärkt zur Kenntnis genommen und in politischer Verantwortung zunächst symbolisch akzeptiert. Ab der Jahrtausendwende schließlich werden sie sachlicher und differenzierter dargestellt und - sobald sie Machtpositionen inne haben - auch geschont, oft sogar hofiert. Dieses gilt insbesondere für die Kanzlerin, die bereits nach kurzer Amtszeit auch in Deutschland anerkennend und sachlich porträtiert wird.

Dennoch stellt die Presse auch heute noch Politikerinnen nicht ohne Bezug auf Rollenstereotype dar. Es gibt neben einer quantitativen Unausgewogenheit vor allem qualitative Besonderheiten, wie eine geschlechtsbezogene Sicht auf weibliche Politiker und andere Zuschreibungen und Erwartungen an sie. Gleichwohl wurde eine Versachlichung festgestellt im Sinne einer weniger auf traditionelle Rollenzuschreibungen zentrierten und stärker an der Praxis des politischen Entscheidungsprozesses orientierten Berichterstattung. Es gibt eine größere Varianz bei Themen, Problemerörterungen und Personen. Bemerkenswert ist auch, dass sich seit etwa 15 Jahren Journalistinnen und Journalisten zunehmend differenziert und kritisch mit der eigenen Zunft auseinandersetzen und sich mit klischeehaften und stereotypen Darstellungen von Politikerinnen nicht zufriedengeben.[38]

Interessanterweise ist die beschriebene Versachlichung in der Presse just in dem Moment zu konstatieren, in dem die Bedeutung von seriösen (gedruckten) Tages- und Wochenzeitungen für die politische Informationsvermittlung abzunehmen scheint. Die Auflagenverluste der Qualitätspresse sind nicht nur in Deutschland eklatant. Ferner sind es vor allem junge Leserinnen und Leser, die von konventionellen und zugleich anspruchsvollen (Print)Medien nicht mehr erreicht werden. Umfragen zufolge nutzt nur noch etwa jeder dritte Jugendliche regelmäßig eine konventionelle Tageszeitung, um sich zu informieren. Privatfernsehen und Internet haben Printmedien insbesondere bei jungen Menschen verdrängt. Deshalb lautet meine pessimistische Prognose: In dem Maße, in dem die trivialisierte Mediennutzung steigt, könnten traditionelle Rollenzuschreibungen und Vorurteile gegenüber Politikerinnen möglicherweise wieder an Bedeutung gewinnen. Eine solche Retraditionalisierung von Geschlechterarrangements in der Presse könnte einer Abwertung von Frauen in der Politik eventuell den Weg bahnen.


Auszug aus: Aus Politik und Zeitgeschichte 50/2009

Fußnoten

34.
Die Zeit vom 10. 1. 2002.
35.
Man denke an die Art, mit der Moderator Reinhold Beckmann sie am 10. 1. 2005 befragte. Vgl. Birgit Kienzle, Isss ja guuut, Frau Merkel!, in: Emma, März/April 2005.
36.
Vgl. Die Meistersängerin. Angela Merkel hat ihren Führungsstil gefunden, in: Die Zeit vom 26. 7. 2007.
37.
Vgl. Birgitta Stauber-Klein, Politikerinnen in den Medien: Erfahrungen aus dem Journalismus, in: H. Holtz-Bacha/N. König-Reiling (Anm. 3), S. 124–132.
38.
Vgl. Bettina Schausten, Sind die Politikerinnen reif für die Medien – sind die Medien reif für die Frauen?, in: C. Holtz-Bacha/N. König-Reiling (Anm. 3), S. 204–212.

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