Frauenfußballerinnen

4.9.2007 | Von:

Damenfußball, Straßenfußball: der weibliche Kick bis zum DFB-Verbot im Juli 1955

"Fußballverrückte Grazien"

Als die deutschen Fußball-Herren 1954 bei der WM in der Schweiz Fußballweltmeister werden und ihr Titelgewinn als "Wunder von Bern" zum geflügelten Wort wird, ist die Fußballeuphorie in ganz Deutschland gewaltig. Auch viele junge Frauen schlägt der sensationelle Titelgewinn in seinen Bann und weckt das Bedürfnis, selbst zu spielen, so auch bei Gisela Lehmann, geb. Lubin, Kickerin bei Grün-Weiß Dortmund: "Schuld war eigentlich die WM 54. Ich war auf der Pferderennbahn in Castrop-Rauxel. Am Endspieltag hatte man ein großes Zelt aufgebaut, dort stand ein Fernseher. Ich bin da reingegangen und war begeistert über das Spiel. Ich dachte mir: Mensch, das möchte ich auch mal machen." (Interview 2006) Auch Bärbel Wohlleben (sie wird 1974 als erste Frau ein Tor des Monats erzielen) ist nach dem WM-Sieg 1954 begeistert und möchte unbedingt Fußball spielen. Das geht als 14 Jährige natürlich nur bei den Jungs. "Ich musste da ganz besondere Prüfungen ablegen, die Jungs hatten mich aufgefordert gegen sie Ringkämpfe auszutragen in der Weitsprunggrube, und da ich dann einige Jungs geschafft habe, war ich anerkannt und hatte seitdem vier Jahre in der C-Jugend in Ingelheim mitgespielt. Und als ich dann 15 Jahre alt wurde, war das nicht mehr erlaubt, der Südwestverband hatte mir seinerzeit eine Sondergenehmigung erteilt, das war dann mit dem Jugendalter, B-Jugend, vorbei" (Bärbel Wohlleben, Interview 2007)

Im Frühjahr 1955 wird aus mehreren deutschen Städten über fußballspielende Frauen bzw. über die Gründung von Damenfußballvereinen berichtet. Im April spricht die Bild-Zeitung (Hamburg) von "fußballverrückten Grazien", fragt, ob "der Fußball-Sturmlauf auf Stöckelschuhen noch zu stoppen" sei und konstatiert: "Nach dem BILD berichtete, dass junge Hamburgerinnen Deutschlands erste Damen-Fußballelf gegründet haben, meldeten sich überall in Deutschland fußballhungrige junge Damen." (Bild-Zeitung, 27.4.1955). Gekickt werden soll bei den Damen mit verkürzter Spielzeit (2x30 Minuten) und ohne "Rempeln". Über die mögliche Abschaffung des Kopfballspiels will man noch beraten. Zaghaft spricht man von einer "fraulichen Spielweise". Und von "Olympia-Kämpfer" Dr. Martin Brustmann gibt es sogar eine sportärztliche Unbedenklichkeitserklärung: "Warum den Frauen den Wunsch nach vergnüglichem Fußballspiel innerhalb der Grenzen weiblicher Konstitution aus männlichen Vorurteilen versagen? Zarte Schultern und Arme, aber breite Hüftgürtel und kräftige Beine sind normale Attribute weiblicher Schönheit, die der Betätigung im Fußballspiel durchaus gewachsen sind, wenn das Spielfeld verkleinert, die Spielzeit verkürzt und am besten mit zwei Ruhepausen ausgestattet wird".( BILD, 27.4.1955)

Viele der fußballbegeisterten Frauen waren auch schon vorher sportlich aktiv, spielten z.B. Feldhandball oder betrieben Leichtathletik. Zur Frauenfußball-Hochburg wird Nordrhein-Westfalen, genauer das Ruhrgebiet. Hier blickt man besonders interessiert ins benachbarte Holland, wo sich Mitte 1955 bereits 13 Damenfußball-Clubs gegründet haben sollen.

Gruga Essen und Fortuna Dortmund

Im April 1955 wird das Team von Gruga Essen gegründet. Dort kickt auch die legendäre Lotti Beckmann (1925-1995) mit. Die damals Dreißigjährige wächst unter sieben Brüdern auf und arbeitet als Markthelferin. Die aktive Feldhandballspielerin ist schon in der Kindheit fußballbegeistert. Mit ihrem Bruder Helmut tauscht sie einmal Weihnachtsgeschenke aus: Für ihre Puppe erhält sie seinen Fußball. 1956 wird Lotti Beckmann beim Länderspiel Deutschland-Holland das erste Länderspieltor einer deutschen Damenauswahl erzielen.

Beim ersten Städtespiel des Teams um Lotti Beckmann am17.7.1955 gegen den FC Mönchengladbach trainiert noch Fritz Schortemeier die Damen von Gruga Essen. Ein Jahr später betreut er das Team von Rhenania Essen. Die Presse schreibt über das erste Damenfußballspiel in Essen: "Ein Schiedsrichter brachte das Spiel ohne Verstöße über die zweimal 35 Minuten. 3000 Zuschauer pilgerten trotz Badewetters zur alten Rennbahn hinaus, um Damenfußball mitzuerleben. Viele waren begeistert, andere sprachen sich ablehnend aus. Die Ruhrmetropole hatte ihre Sensation: Jetzt auch Damenfußball!" (NRZ,18.7.1955) Fast zeitgleich mit Gruga Essen wird auch das bekannteste und dominanteste Damenfußballteam der 50er und 60er Jahre gegründet: Fortuna Dortmund. Bis 1965 gehen die Kickerinnen um die Gründungsmitglieder Anne Droste und Renate Müller, geb. Bress, auf Fußball-Reisen und tragen wesentlich zur Popularität des Damenfußballs bei.

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