Frauenfußballerinnen

4.9.2007 | Von:

Damenfußball in der Verbotszeit

Willi Ruppert wird als 1. Vorsitzender des W.D.F.V. abgesetzt

Am 17.08.1957 findet um 19.00 Uhr im Lokal Schneider, Essen, Bredeneyerstr. 116, eine ordentliche Verbandstagung des Westdeutschen-Damen-Fußball-Verbandes e.V. statt. Vertreten sind die Vereine 1. D.F.C. Mönchen-Gladbach, Grünweiß Dortmund, Kickers Essen, 1. D.F.C. Duisburg-Hamborn, Fortuna Dortmund, Rhenania Essen und Gruga Essen. Nicht erschienen sind D.F.C. Essen, D.F.C. Bochum und Schiri Essen. Ordnungsgemäß einberufen hatte die Sitzung der 1. Vorsitzende Willi Ruppert.

Laut einer persönlichen Aufstellung von Willi Franz (1. D.F.C. Duisburg-Hamborn) wurden zwischen dem 08.10.1955 und dem 04.08.1957 insgesamt "23 Spiele verbands- und vereinsseitig ausgetragen" (Protokoll d. Verbandstagung vom 17.08.57). "Insgesamt sind dabei (geschätzt) 181.000 Zuschauer zu den Spielen erschienen. Es müssten demnach ca. 164.000 DM an Einnahmen gebucht sein. (20% von diesen Zahlen können abgezogen werden) An Verbandsabgaben waren zu entrichten 5% der Einnahme von Verbandsspielen und 10% von Vereinsspielen. Abgaben von Verbandsspielen ca. 7.270 DM, Von Vereinsspielen 970 DM...."

Der bisherige 1. Vorsitzende Willi Ruppert, der ohne Entschuldigung nicht erschienen ist, wird abgesetzt. Ruppert hatte auch keine Unterlagen vorgelegt, weder eine Tagesordnung noch einen Kassenbericht. Ferner ist laut Protokoll "Herrn Ruppert die Mitteilung zu machen, sich nicht mehr unter dem Namen W.D.F.V. e.V. zu betätigen oder im Verbandsbereich Spiele durchzuführen. Laut Versammlungsbeschluss wurde Herr Rechtsanwalt Dr. Schulte beauftragt, Herrn Ruppert aufzufordern, sämtliche Verbandsunterlagen und das gesamte Verbandseigentum dem neuen Vorstand innerhalb 14 Tagen zu übergeben." Zum neuen 1. Vorsitzenden des Westdeutschen-Damen-Fußball-Verbandes e.V. wird Hans Thessenow vom 1. D.F.C. Mönchen-Gladbach gewählt. Ferner wird im Protokol vermerkt, dass nochmals versucht werden soll "in den D.F.B. und in den D.S.B. aufgenommen zu werden." (Zitate: Sitzungprotokoll 17.8.1957)

"International Ladies Football Association"options

Am 1. November 1957 berichtet der Berliner Telegraf von insgesamt 28 "Damenfußballvereinen" in Deutschland, "die vermutlich im kommenden Jahr sogar mit einer Deutschen Meisterschaft beginnen (werden)". Dazu kommt es allerdings nicht. Ferner erwähnt der Telegraf die Gründung der "ILFA", der "International Ladies Football Association" und die geplante Konstituierung des "DFB", des "Damen-Fußballverbandes Berlin". In Essen hat der vom WDFV entmachtete Willi Ruppert inzwischen einen neuen Dachverband gegründet, den "Deutschen Damen-Fußball-Bund", kurz DDFB.

Die ILFA war am 28. August 1957 in Nürnberg ins Leben gerufen worden und hat ihren Sitz in Luxemburg. Mitglieder sind England, Österreich, Holland und Deutschland. Generalsekretär ist der Jurist Dr. Gert Bernats. "Die UNESCO wurde angeschrieben und um Unterstützung gebeten", weiß der Tagesspiegel am 02. Nov. 1957 zu berichten.

Indes kommt es zwischen den verschiedenen Damenfußball-Verbänden zu Kompetenzstreitigkeiten und Interessenkonflikten. Im Oktober wird im Berliner Mommsenstadion vor 7.000 Zuschauern das Länderspiel Deutschland gegen Holland (2:0) angepfiffen. Veranstalter ist vermutlich der WDFV. Die Frauen demonstrieren, "daß sie durchaus Fußball spielen können, ohne dabei etwas von ihrer Weiblichkeit einzubüßen oder gar zum Gespött der neugierigen Männerwelt zu werden" (Der Tagesspiegel, 16.10.1957). Allerdings kommt es gegen die Austragung dieses Länderspiels zu heftigen Einsprüchen seitens der ILFA-Vertreter beim verantwortlichen Charlottenburger Sportamt. Die "International Ladies Football Association" steckt in den Vorbereitungen zu einer "Europameisterschaft der Damen", die Anfang November in Berlin stattfinden soll. Mitveranstalter dieser angeblichen Europameisterschaft ist auch der DDFB in Person von Willi Ruppert, der zusammen mit Dr. Bernats von der ILFA die Fäden zieht. Willi Ruppert erhebt Alleinvertretungsanspruch für den "Damenfußball" in Deutschland. Der Berliner Tagesspiegel berichtet von der "Spaltung in zwei Verbände (Anmerkung: Gemeint sind der WDFV und DDFB), die getrennt auftreten und einander kräftig befehden". (Der Tagesspiegel, 02.11.1957)

Inoffizielle Europameisterschaft - DFB droht Berlin

Eine Frauenfußball-Europameisterschaft wird tatsächlich am 2. und 3. November 1957 von der "International Ladies Football Association" in Berlin ausgerichtet. Teilnehmer sind die Teams der Verbandsmitglieder. Während das deutsche und holländische Team mit dem Bus nach Berlin anreist, werden die Fußballerinnen aus England und Österreich von London bzw. Wien eingeflogen.

"Die Schülerin van de Breul aus Utrecht, Tochter der holländischen ILFA-Vizepräsidentin, die Stenotypistin Busty Hilton aus Manchester und die Schülerin Doris Tlauke aus Oberhausen sind mit jeweils 14 Jahren die jüngsten, Englands Doris Ashley (33), Hollands Verteidigerin Been (35) und Deutschlands Läuferin Waltraud Wittke (25) die ältesten Spielerinnen." (Der Tagesspiegel, 02.11.1957)

Der Internationalen Frauenfußballvereinigung gelingt es, für die Austragung der EM-Spiele das Poststadion zu erhalten, was zu heftigen Diskussionen führt. "Damen-Fußball verwirrt die Männer" titelt am 29. Oktober das Berliner Boulevardblatt BZ. Wegen dieser Veranstaltung muss das Berliner Spitzenspiel zwischen Tennis Borussia und Viktoria 89 ins Olympiastadion verlegt werden. "Soweit ist es schon gekommen, dass die Frauen die Männer vom Spielfeld verdrängen", beklagt sich VBB Geschäftsführer Kluge. (Berliner Zeitung, 29.10.1957)

Soviel umstrittener Damenfußball ruft wiederum den DFB auf den Plan. "Berlins Fußballfreunde stehen am Scheideweg", meldet die Berliner Morgenpost am 30.10.1957 und berichtet von einem erneuten DFB-Junktim (vgl. versuchte Einflussnahme auf Damenfußball-Länderspiel in Frankfurt/Städtetag 1957 in Berlin) nach dem Motto: Frauenfußball oder Herren-Länderspiele: "Die Funktionäre der männlichen Fußballwelt sind verärgert: Die Berliner können wählen – wenn sich der Frauen-Fussball dort stärker konzentriert, müssen sie eben auf unsere Großveranstaltungen verzichten, sagt man beim DFB, der sich bisher mit der Vergebung von Länderspielen nach Berlin nicht strapazierte. Der Geschäftsführer des Verbandes Berliner Ballspielvereine (VBB) Kluge meinte dazu: Natürlich, das würde die Folge sein." (Berliner Morgenpost, 30.10.1957)

Das Spandauer Volksblatt schreibt im Vorfeld der sogenannten Frauenfußball-EM: "Es ist an der Zeit, sich mit dem Fußball der Damen zu beschäftigen. man mag zu diesem Problem stehen, wie man will – Tatsache ist, dass es inzwischen international anerkannte Verbände und in Europa etwa 5000 aktive Spielerinnen gibt!... Natürlich gibt es genügend Stimmen. die meinen, man sollte den Damen das Fußballspielen rundweg verbieten. Auch der DFB ist über die Entwicklung nicht erfreut. DFB-Präsident Bauwens wollte sogar alle Stadien und Plätze sperren. Aber mit großer Beharrlichkeit haben die Verfechter der neuen Idee die Sache durchgeboxt und verweisen heute auf 28 Vereine, die allerdings vornehmlich im nordrhein-westfälischen Raum beheimatet sind. Ab 1958 wird es vermutlich auch eine Deutsche Meisterschaft geben. ... Nach Mitteilung des neugegründeten Damen-Fußballvereins Berlin (DFB) melden sich täglich fußballbegeisterte Damen, die in Kürze mit dem Spielbetrieb beginnen wollen. ... Die Dinge sind also im Fluß, und vielleicht sollte sich der DFB doch einige Gedanken machen, wie er die Entwicklung beeinflussen kann. Sonst wird der Tag kommen, da man zwei gleichwertige Verbände hat. Nach dem Grundgesetz, und das kennen die Manager der Damen-Fußballclubs sehr genau, ist das absolut möglich." (Spandauer Volksblatt, 02.11.1957)

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