Dossierbild Afrikanische Diaspora

2.11.2004 | Von:
Peggy Piesche

Funktionalisierung und Repräsentation von multikulturellen Images in DDR-Comics

The 'Multicultural' Subject and the Politics of Identity

In den verschiedenen Facetten der Fremde (Amerika-, Orient-, Ferner-Osten-Serie) führen die Helden einen harten Kampf gegen Unrecht, Gewalt und Not, setzen sich kritisch mit den bestehenden Übeln in der Welt auseinander und helfen so manches Weltgeschichtliches zu vollbringen (so z.B. die Befreiung der "Negersklaverei" in den Südstaaten). Wenn sie als 'Retter' und 'Helfer' die Identitäten ihrer jeweiligen 'Gastgeber' temporär annehmen, wird das Fehlen der eigenen um so offensichtlicher. In einer Überidentifikation mit z.T. selbst stilisierten Minderheiten entwerfen sie eine Utopie, die nicht zuletzt vom Glauben an das Gute im Menschen, von der Hoffnung auf seine Realisierung und von der Liebe zum Menschen getragen wird. Die suggerierte Assimilation bzw. das Verschmelzen mit den 'Objekten der Geschichte' wird schließlich torpediert, als sich diese Identifikationsimages problemlos mit denen der jeweiligen Kolonialmächte abwechseln.

Cover der Comicserie "Digedags": "Die Digedags im Orient".Cover der Comicserie "Digedags": "Die Digedags im Orient". (© Buchverlag Junge Welt)
Der dabei immer durchscheinende Anspruch auf Weltgerechtigkeit und bessere Moral nährt sich dementsprechend von 'normalen', alltäglichen Rassismen und einer stigmatisierenden Sprachroutine. Während auf der zeichnerischen Ebene ein sehr differenziertes Bild der verschiedenen Menschen gezeigt wird, das durchaus frei ist von signifikanten Phänotypzuschreibungen und physiognomischen Stigmatisierungen, entgleist die Sprache immer wieder in offene Rassimen wie "Rothäute", "Nigger" ... oder leicht subtiler in eine gebrochene Sprache der Sklaven (übrigens im Unterschied zu den dargestellten "First Nations" ...), die meistens in dritter Person von sich selbst sprechen und damit das Bild des unterwürfigen, dummen Objektes bzw. Opfers tradieren. Dies ist umso problematischer, als dass der gleiche Sprachgebrauch eigentlich den Unterdrückern und 'bad guys' zugeschrieben wird (also den Sklavenhändlern und Reichen). Das Konzept einer ideologisch getragenen Moralaufteilung schlägt fehl, wenn eben jener Sprachduktus aus der wörtlichen Rede in die erzählerische Beschreibung getragen wird und schließlich auch von den drei Helden verwendet wird.

Die Stereotypisierungen in den 'Bildern' des so genannten Anderen zeichnen sich so vor allem auf der sprachlichen und Handlungsebene nach. In der Geschichte um die Erdölpiraten werden die D. wieder einmal zu Detektiven, indem sie einen Saboteur im Erdölgebiet zur Strecke bringen sollen. Als Retter und schließlich selbst als 'Heilsbringer des Fortschrittes' positionieren sich die Helden im Eingeborenengebiet und unter Verwendung klassischer Kolonialsprache ("Dalli dalli ule bule kokolores. [...] Ich verstehe Sie nicht, meine Herren. Würden Sie sich bitte etwas verständlicher ausdrücken?") als Abgesandte einer modernen Gesellschaft. Der vermeintliche 'Schatz' (eine dauerhaft brennende Flamme sollte nach Glauben des dort lebenden Volkes einen Schatz markieren) entpuppt sich als Erdgas und weist obendrein auf noch größere Erdölvorräte hin. Und in bester Aufklärungstradition erklären sie schließlich dem entgeisterten Häuptling sein weiteres Schicksal: "Du brauchst nicht länger um deinen Tempelschatz zu trauern, Häuptling. Im Gegensatz zu dem Schatz, der hier wirklich in der Erde verborgen ist, war er [also der "Eingeborenen"] völlig wertlos. Reichtum und Wohlstand werden bald auf andere Weise bei deinem Stamm einkehren. Ihr werdet in freundlichen Häusern auf einer weiten Lichtung wohnen und saubere Kleider tragen. Straßen und Eisenbahnlinien werden durch den Urwald führen und euch die weite Welt erschließen. Und das alles verdankt ihr dem Erdöl, von dem du geglaubt hast, es wäre nutzlos." Und weiter in der Erzählung: "Der Häuptling begreift natürlich nichts von dem, was ihm die D. da erzählen, denn er ist ja noch nie über die Grenzen seines Gebietes hinausgekommen. Damit aber auch ihr euch vorstellen könnt, wie es hier in einigen Monaten aussehen wird, habe ich [...] auf dem Hintergrund ein Zukunftsbild gezaubert."

Auf der bildlichen Gestaltungsebene lässt sich ein "racial profiling" – im Gegensatz zu den anfangs genannten Beispielen – nicht so einfach lesen. Vielmehr werden Menschen nach dem Prinzip der Buntheit gezeichnet. Bis auf die drei Helden, deren Situierung als kleine deutsche Jungen mit "Erwachseneneigenschaften" (Gerd Lettkermann) durchaus die Konnotationen des Weißseins tragen, scheinen alle anderen im Spektrum des Regenbogens aufzugehen. Interessant dabei ist jedoch, dass die Schurken, Gauner und Herrschenden dunkel und verschmitzt, mit grimmigen Gesichtszügen dargestellt werden. Ansonsten wird die Hautfarbe dort, wo sie nicht handlungstragend ist – wie in der Geschichte zur Sklavenbefreiung –, weitestgehend vernachlässigt.

Man lasse sich nicht täuschen: Hier wird keineswegs eine große, gleichberechtigte Gemeinschaft beschworen, die im Amalgam des 'Bunten' aufgeht, vielmehr wird der Fokus erneut auf trennende Merkmale und Verhaltensweisen gelenkt. Das 'Andere' ist immer dann überzeugend auszumachen, wenn es zu wirklichen Interaktionen kommt. Dann treten Schwarze fast immer in untergeordneten Stellungen auf, dreht sich die Handlung natürlich um das Schicksal der weißen Helden D. und wird damit nicht nur den Lesern die Identifizierung erleichtert. Durch die Grenzziehung nach außen – in der Binarität ihrer Wertmaßstäbe und Moralvorstellungen sowie der simplen und rückständigen Darstellung der jeweils als das 'Andere' inszenierten – konstruieren die Helden eine Kohärenz nach innen, die hegemoniale Gruppe schafft sich damit eine Identität. Die als direkte Nachfolger der Kolonialherren agierenden Digedags füllen so die imaginäre Leere ihrer Herkunft und rechtfertigen mit ihren Zielen für eine "höhere Entwicklungsstufe der Eingeborenen" eine postkoloniale Weltordnung.


Dossier - Afrika

Afrika

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