Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Peggy Piesche

Irgendwo ist immer Afrika ...

"Blackface" in DEFA-Filmen

Genrefilm DEFA-Western

DEFA-Film "Die Söhne der großen Bärin" 1966, Berlin/Babelsberg.DEFA-Film "Die Söhne der großen Bärin" 1966, Berlin/Babelsberg. (© Bundesarchiv Film, Foto: Waltraut Pathenheimer)
Die Verfilmung von Liselotte Welskopf-Henrichs Indianer-Bestseller "Die Söhne der großen Bärin" galt als riskantes Unternehmen, galt es doch sich vom westlichen Genrekino – und hier vor allem dem Western – und den äußerst erfolgreichen bundesdeutschen Produktionen ebenso abzusetzen wie auch allzu deutliche Annäherungen zu dem damals noch nicht rehabilitierten Karl May-Erbe zu vermeiden. Auch wenn die filmische Auferstehung der Pierre Brice- und Lex Barker-Produktionen in der DDR erst in der Mitte der 80er Jahre stattfand, war deren Rezeption gemeinhin hinreichend bekannt. Nicht selten wurden neuere Produktionen über den Umweg Prag zur Kenntnis genommen.

Schließlich wurden zwischen 1966 – mit "Söhne der großen Bärin" als erstem 'Indianerfilm' und 1982 13 Filme (Indianer- oder Abenteuerfilme im Milieu der Indianer genannt) gedreht, die mehr oder weniger einen Zyklus bilden. In den Bemühungen, dem naiv-moralischen Western-Bilderbogen à la westdeutscher Produktionen zu entfliehen und vor allem nicht deren Schlichtheit aufzusitzen, wollte man einen klar historischen Standpunkt einnehmen und hielt sich mitunter minutiös an völkerkundliche Recherchefakten. Dies schlug sich dann hauptsächlich in einer starken Betonung des so genannten indianischen Alltags, der Stammestänze und –riten nieder. Wobei Gojko Mitic als 'Oberindianer' der DEFA und in fast allen Filmen die jeweilige Hauptrolle spielend, als quasi Erlöserfigur einer weitgehend homogenen Masse vorangestellt wurde. Dabei greift der Indianerfilm auf gängige Rezeptionspraktiken zurück. Bereits in dem seit 1955 sehr erfolgreichen DDR-Comic bzw. der Bildergeschichten "Die Digedags" wurden Indianer mit betont geringen Klischees, durchweg aber als Masse dargestellt, die schließlich in anderen Maskierungen ihre Trivialisierung erfuhr.

DEFA-Film "Die Söhne der großen Bärin" 1966, Berlin/Babelsberg.DEFA-Film "Die Söhne der großen Bärin" 1966, Berlin/Babelsberg. (© Bundesarchiv Film, Foto: Waltraut Pathenheimer)
Die in den völkerkundlichen Recherchefakten der ethnologischen Fachbüchern eingeschriebene Affinität von 'Schwarzheit', 'Orientalischem' und 'Exotischem' als Gruppe, die historisch betrachtet vom Eurozentrismus gleichermaßen unterdrückt wurde, reproduzierte auch in den 'Indianerfilmen' ein exotisches Zeichen von Schwarzheit, indem wiederum der konkurrierende Einsatz des Farbthemas bedient wurde. Das idealisierte Gegenbild Indianer zu den von Sündhaftigkeit und Niedergang erfassten in den Westen Amerikas eindringenden Europäern wird schließlich wieder aufgehoben, wenn Gojko Mitic in seiner jeweiligen Oberindianerrolle am Ende mit aufrechten Weißen die Ordnung herstellt und damit auf eine sich durchsetzende bürgerliche, kapitalistische Rechts- und Ordnungsnorm verweist. Auffallend ist hier vor allem wieder die Blackfacegestaltung der Schurken, welche die Spannweite der Kollaboration und des Überlaufens von 'indianischer' Seite zu den weißen Militärs angibt. Demgegenüber findet sich eine ähnliche Inszenierung des Lichts, der Reinheit und moralischen – hier weiblichen – Größe in Gestalt der Tochter des 1. Fortkommandanten Kate Smith. Während mit Tobias, dem indianischen Militär-Scout, das Dilemma und die Verzweiflung der Stämme übersetzt wird, werden andere Überläufer und Kollaborateure moralisch disqualifiziert und durchaus auch zu deren besserer Unterstützung als Karikaturen in Blackface und Perücke dargestellt.

Die in ethnographischer und geographischer 'Echtheit' angedachten Chiffren und Rhetoriken kultureller Differenz werden in den aufgeführten Beispielen vor allem in Praktiken der Ethnisierung und Abwertung gleichermaßen inszeniert und gehen dabei einher mit der Entwicklung von Strategien der Verbundenheit. Interessant dabei ist jedoch, dass die Schurken, Gauner und Herrschenden eher dunkel und verschmitzt und mit grimmigen Gesichtszügen dargestellt werden und damit aus 'ethnisch' codierten Farbzuschreibungen schnell ethisch codierte werden. Denn: Man lasse sich nicht täuschen. Hier wird keineswegs eine große, gleichberechtigte Gemeinschaft beschworen, die im Amalgam des 'Bunten' aufgeht, vielmehr wird der Fokus wieder auf trennende Merkmale und Verhaltensweisen gelenkt. Das 'Andere' ist immer dann überzeugend auszumachen, wenn es zu wirklichen Interaktionen kommt. Dann treten Schwarze fast immer in untergeordneten Stellungen auf, wodurch den Betrachtern die Identifizierung erleichtert wird.


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