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Dossierbild Afrikanische Diaspora

10.8.2004 | Von:
Tobias Nagl

Fantasien in Schwarzweiß – Schwarze Deutsche, deutsches Kino

Überleben in der Traumfabrik: Koloniale Propaganda und die Verfolgung Schwarzer im "Dritten Reich"|

Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 verschlechterten sich die ohnehin prekären Lebensbedingungen Schwarzer Deutscher unmittelbar: Zunächst spontan, später institutionell verordnet, wurden die Bühnen und Unterhaltungs-Etablissements von Schwarzen Artisten "gereinigt". Auch im Kino machte sich die anti-schwarze Kulturpolitik bemerkbar. "In seiner ernsten Form brauchen wir das schlicht-heroische, mit Blut und Boden zusammenhängende Geschehen mit kernig-deutschen Gestalten", so ein Kritiker. "Vom leichten Film erwarten wir Entspannung und Erfrischung, wenn wir in ihm auch keine Rumba tanzenden Neger sehen wollen."

Nazi-Propaganda-Film "Carl Peters" mit dem im KZ ermordeten Schauspieler Mohamed Husen, 1941.Nazi-Propaganda-Film "Carl Peters", im Hintergrund der später im KZ ermordete farbige Schauspieler Mohamed Husen, 1941. (© Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin)
Konsequent verwirklicht werden konnten solche rassistischen Positionen auch in der vorwiegend auf "reine" Unterhaltung setzenden Filmindustrie des "Dritten Reiches" freilich kaum, nicht zuletzt, weil die Produktion von Kolonialspielfilmen wie "Die Reiter von Deutsch-Ostafrika", "Carl Peters", "Ohm Krüger" oder "Germanin" auf Schwarze Darsteller angewiesen war. Dennoch veränderten sich die Repräsentationen Schwarzer im NS-Kino fundamental: Die "exotistische" Ambivalenz Schwarzer Rollen zwischen Faszination und Dämonie im Weimarer Kino ersetzte Goebbels' Traumfabrik durch das domestizierte Bild stets unterwürfiger Dienstboten oder kindlich-naiver "Eingeborener", die den Herrschaftsanspruch Nazi-Deutschlands zu bestätigen hatten.

Während die Wochenschau-Propaganda lautstark mobil machte gegen Jazz, Schwarze Sportler und – nach Kriegsbeginn – gegen die Schwarzen Truppenregimenter der Alliierten, die zum Teil aus den Kriegsgefangenenlagern als Komparsen zwangsverpflichtet wurden, bedeutete die Mitwirkung an "staatspolitisch wertvollen" Filmen für Schwarze Deutsche eine Überlebenschance. Kleinste "rassenpolitische" Fehltritte jedoch reichten aus, um vom Drehort ins Konzentrationslager verschleppt zu werden.

Von "Toxi" zu "Afro-deutsch": Kontinuitäten und Wandel seit 1945 und der Kampf um das eigene Bild

Poster für "Toxi" 1952.Filmplakat für "Toxi" 1952. (© Privatarchiv Tobias Nagel)
Nach Ende des nationalsozialistischen "Rassenstaats" verschwand der offensive Rassismus des "Dritten Reichs" von den Leinwänden, nicht jedoch die Vorstellung, Deutschland sei eine "weiße" Nation. Deutlich wurde dies in der öffentlichen Debatte um die so genannten "Besatzungskinder" afro-amerikanischer Väter und weißer Mütter. Mit "Toxi" entstand 1952 zur Einschulung dieser Generation afro-deutscher Kinder ein Film, der vordergründig um "Verständnis" warb. Indem er aber die Existenz Schwarzer Deutscher ausschließlich als sozialpädagogisches "Problem" begriff, die NS-Vergangenheit verdrängte und die Mütter pathologisierte, reproduzierte er homogenierende Vorstellungen des "Weiß-Seins".

Wenn Schwarze Deutsche in den folgenden Jahren im Kino erschienen, dann nur als "exotische" oder "groteske" Fremdkörper, als "Schwarze" ohne eigene Subjektivität oder Geschichte. Als 1997 der afro-deutsche Schauspieler Charles M. Huber seine TV-Rolle in "Der Alte" kündigte und gegen das ZDF Rassismusvorwürfe erhob, wurde er einfach ausgetauscht – mit der Begründung, sein Nachfolger (Pierre Sanoussi-Bliss) sei doch auch schwarz.

Erst mit dem Kampf Afro-Deutscher und Schwarzer in Deutschland um Sichtbarkeit und Selbstbestimmung seit Mitte der 1980er Jahre zeichnete sich eine Veränderung ab. Mit Spielfilmen wie "Alles wird gut" oder "Zurück auf Los" begannen Schwarze Deutsche Filmemacher und Drehbuchautoren afro-deutschen Alltag aus eigenen Perspektiven zu erzählen, die auch das Geschlecht und die sexuelle Orientierung reflektierten und so tradierte Stereotypen herausforderten. Eine Agentur wie "Panthertainment" setzt sich für eine andere Casting-Praxis Schwarzer Schauspieler in Mainstream-Produktionen ein und mit Ayassi Ayassis Kurzfilm "Afro-Deutsch" produzierte die Firma ein die Möglichkeiten der Hip-Hop-Kultur filmisch und musikalisch geschickt nutzendes Manifest afro-deutscher Identitätspolitik. Während Branwen Okpako in "Dreckfresser" gegenwärtige Rassismus-Erfahrungen aus ostdeutscher Perspektive thematisiert, richten eine Reihe von Dokumentationen wie "Pagen in der Traumfabrik", "Black Survivors of the Holocaust" oder "Befreien Sie Afrika!" ihren Blick auf die Geschichte Afro-Deutscher innerhalb und außerhalb des Kinos. Denn was die Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen in den Medien angeht, ist Deutschland noch immer ein Entwicklungsland.


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