Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Nicola Lauré al-Samarai

Schwarze Menschen im Nationalsozialismus

Die Rheinlandkinder

Während die Behandlung der Kolonialmigranten sich aufgrund der widersprüchlichen behördlichen Interessenlage uneinheitlich gestaltete, erlitten die auf 600 bis 800 geschätzten afro- und asiatisch-deutschen Kinder der Rheinlandbesetzung ein gänzlich anderes Schicksal. Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und seiner im Versailler Vertrag beschlossenen vollständigen Dekolonialisierung wurden 1919 das linke Rheinufer sowie Teile des Saarlandes und Frankfurt von französischen Truppen besetzt. Unter ihnen befanden sich etwa 10.000 Kolonialsoldaten nord- und ostafrikanischer sowie asiatischer Herkunft.

In den folgenden Jahren entlud sich gegen die als "Schwarze Schmach" bezeichneten Kolonialregimenter eine beispiellose Hetzkampagne, die auch ihre Nachkommen traf. Die als "Rheinlandbastarde" diffamierten Schwarzen Deutschen Kinder stellten nicht nur das sichtbare Ergebnis der Kriegsniederlage dar, sondern waren als Deutsche mit allen staatsbürgerlichen Rechten – in völkischer Logik – bis ins Innerste des "gesunden Volkskörpers" vorgedrungen. Bereits 1923 begannen Regierungsstellen mit der Erfassung der Rheinlandkinder, 1933 ordnete Hermann Göring eine Überprüfung und Erweiterung der entsprechenden Listen an. Da eine legale Sterilisierung der Rheinlandkinder auf der Basis des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" nicht möglich war, wurde im Frühjahr 1937 mit ihrer illegalen Sterilisierung begonnen. Koordiniert wurde die Aktion durch die neu gebildete "Sonderkommission 3" im Gestapo-Hauptquartier. Ihr Überfallcharakter gab den betroffenen Jugendlichen keine Chance, sich zu wehren oder juristische Schritte einzuleiten. Bei 436 enden die in den Aktenkopien enthaltenen "laufenden Nummern" der Schwarzen Deutschen Sterilisationsopfer. Die Zahl der tatsächlich sterilisierten Schwarzen Deutschen ist allerdings weit höher anzusetzen. Wie die Aussagen von Zeitzeugen belegen, war die Zwangsmaßnahme weder auf die Kinder französischer Kolonialsoldaten noch auf das Jahr 1937 beschränkt.

Andere Opfer

KZ Dachau, Jean Voste aus Kongo wurde 1945 befreit.KZ Dachau, Jean Voste aus Kongo wurde 1945 befreit. (© Holocaust Museum Washington)
Es ist auffallend, dass Schwarze Deutsche Überlebende von Einzelpersonen wissen, die in Konzentrationslager verschleppt wurden. Doch ist dieser Aspekt nationalsozialistischer Verfolgung aufgrund der Quellenlage sehr schwer rekonstruierbar. Aus bislang gesichteten Häftlingslisten ist z.B. bekannt, dass der Einweisungsgrund nicht immer angegeben wurde. Insbesondere bei Männern und Frauen mit deutschen Namen ist es also im Nachhinein unmöglich, ihre Schwarze Deutsche Identität nachzuweisen. Die Einweisung ins KZ traf unterschiedlichste Individuen afrikanischer Herkunft: Kolonialmigrantinnen und -migranten sowie ihre Kinder, afro-deutsche Einzelpersonen, Schwarze aus Amerika, Europa und Afrika – die meisten bis heute namenlos.

In der historischen Forschung schätzt man die Zahl der in KZs ermordeten Menschen afrikanischer Herkunft auf 2.000. Sie berücksichtigt jedoch nicht die zahlreichen Opfer der in Kriegsgefangenlagern inhaftierten Afro-Amerikaner sowie der afrikanischen Soldaten der französischen, belgischen und britischen Kolonialtruppen.

Es ist zu hoffen, dass sich die historische Forschung in den kommenden Jahren diesen unterschiedlichen Geschichten annehmen wird, um ihnen ihren Platz in einem gemeinschaftlichen Gedächtnis zurückzugeben.


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