Koffer

18.8.2015

Ausländische Pflegekräfte in deutschen Privathaushalten

Ein Interview mit Prof. Dr. Helma Lutz

Eine Pflegehelferin hilft einer Pflegehausbewohnerin, sich aufzurichten.Eine Pflegehelferin hilft einer Pflegehausbewohnerin, sich aufzurichten. (© picture-alliance/dpa)

Wie wird die Migration der Frauen in den Herkunftsländern gesehen?

Es gibt in Herkunftsländern wie Polen, Ukraine, Rumänien oder Ungarn eine starke Skandalisierung der Mütter, die ihre Kinder zurücklassen. In einigen dieser Länder hat sich die Migration feminisiert, es migrieren also mehr Frauen als Männer, und das ist für viele dieser osteuropäischen Entsendeländer ein neues Phänomen. Vorher gab es männliche Arbeitsmigration, aber vor allem innerhalb des Ostblocks. Der Diskurs über diese Migration war lange Zeit sehr positiv, da die Rücküberweisungen der Arbeitsmigranten einen wichtigen Beitrag zum nationalen Haushalt darstellten. In Bezug auf die Frauenmigration hat sich das gewandelt. Sie wird negativ dargestellt. Dadurch befinden sich die Frauen unter starkem Legitimationszwang.

Warum sind es vor allem Frauen, die in deutschen Privathaushalten "Care Arbeit" verrichten?

Hausarbeit und Kinderversorgung sind nach wie vor weiblich kodierte Arbeiten. Das kennen wir ja auch aus Deutschland. Aus einer aktuellen Zeitbudgetstudie geht z.B. hervor, dass sich daran in den vergangenen Jahren wenig geändert hat. Die Väter sind zwar am Wochenende präsent, aber nicht während der Woche. Im Schnitt verbringen Frauen immer noch doppelt so viel Zeit mit Kindern wie Männer und die Hausarbeit liegt nach wie vor absolut in Frauenhand. In den Herkunftsländern ist die Situation ähnlich wie bei uns. Hier wie dort gibt es keine Anerkennung für den Bereich der Haushaltsarbeit und Kinderversorgung – das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen, die diese Arbeiten übernehmen. Eine Statusverbesserung in der Gesellschaft scheint momentan nicht in Sicht.

Welche Herausforderungen ergeben sich durch die Zuwanderung ausländischer Pflegekräfte, die in Privathaushalten arbeiten, für den Pflegebereich in Deutschland?

Im Pflegebereich ist ein grauer Markt entstanden. Dabei war die Professionalisierung dieses Bereichs das große Ziel der letzten 20 Jahre. Und die Professionalisierung hat zum Teil ja auch geklappt. Es sind ambulante Pflegedienste eingerichtet worden, die ausgebildete Fachkräfte beschäftigen. Andererseits stellen wir fest, dass der Ausbau von Pflegediensten nicht ausreicht, um den Bedarf an Pflegekräften zu decken und den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen gerecht zu werden. Zwar kommt auch in vielen Haushalten, in denen Migrantinnen arbeiten, noch ein ambulanter Pflegedienst. Dieser übernimmt aber nur Arbeiten wie die medizinische Versorgung der Pflegebedürftigen, z.B. die Pflege von Wunden. Das reicht aber für die Versorgung der pflegebedürftigen Person nicht aus. Die Pflegeempfänger und ihre Angehörigen bevorzugen jemanden, der Tag und Nacht vor Ort ist, gegenüber einem Pflegedienst, bei dem die Pflege einer Person innerhalb einer Woche von vielen verschiedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übernommen wird, die sich jeweils abwechseln.

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Infobox

Zur Pflege ins Ausland

Ausländische Arbeitskräfte kommen nach Deutschland, um sich in Deutschland um pflegebedürftige Menschen zu kümmern. Aber auch in umgekehrter Richtung findet Migration statt. So entscheidet sich eine zunehmende Zahl deutscher Staatsangehöriger dafür, im Alter ins Ausland zu ziehen. Bekannt ist die steigende Abwanderung von Deutschen, die ihren Ruhestand nach dem Austritt aus dem Erwerbsleben in Ländern wie der Schweiz, den USA, Österreich oder Spanien verbringen. 2013 überwies die Deutsche Rentenversicherung (DRV) monatlich rund 221.000 Renten an im Ausland lebende Deutsche. Die Migration im Rentenalter wird auch unter dem Begriff der ›Lebensstilmigration‹ (Lifestyle Migration) gefasst. Weniger bekannt – und auch erforscht – ist hingegen das Phänomen deutscher Staatsangehöriger, die sich (oder ihre Angehörigen) in einem Pflegeheim im Ausland versorgen lassen. In den vergangenen Jahren haben Medien hin und wieder unter dem Schlagwort ›Oma-Export‹ über dieses Phänomen berichtet. Valide Statistiken zur Zahl der Deutschen, die in ausländischen Pflegeheimen gepflegt werden, gibt es allerdings bislang nicht. Abgeleitet von Zahlungen aus der Deutschen Pflegeversicherung ins Ausland wird vermutet, dass sich die Zahl deutscher Staatsangehöriger, die sich im Ausland pflegen lassen, im Promillebereich bewegt – wobei Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung nur innerhalb der EU sowie in Norwegen, Island und in der Schweiz in Anspruch genommen werden können und sich in der Regel auf das Pflegegeld beschränken. Laut einer Umfrage unter 1.003 Bundesbürgern im März 2013 lehnen 89 Prozent der Befragten im Alter von 60 und mehr Jahren eine Unterbringung in einem Heim im Ausland ab. Unter Familienangehörigen ist die Ablehnung noch höher. Wer sich dennoch über die Möglichkeiten der Pflege im Ausland informieren möchte, findet im Internet zahlreiche Ratgeber. Zudem haben sich Agenturen am Markt etabliert, die gezielt Plätze in Seniorenresidenzen im Ausland vermitteln. Als häufigste Gründe, warum sich Menschen dafür entscheiden, Angehörige in ausländischen Alten- und Pflegeheimen versorgen zu lassen, werden in der genannten Umfrage vom März 2013 fehlende finanzielle, räumliche und zeitliche Ressourcen genannt. Zu den Hauptargumenten, warum man die eigenen Angehörigen hingegen nicht in ausländischen Heimen unterbringen und pflegen lassen will, zählen die fehlende geografische Nähe, befürchtete Sprachbarrieren und Verständigungsschwierigkeiten, Probleme interkultureller Kommunikation und die Angst, keine Kontrolle darüber zu haben, was im Pflegealltag passiert. Vera Hanewinkel
Während bei der Versorgung von Pflegebedürftigen durch Pflegedienste eine Qualitätskontrolle stattfindet, wird die Qualität der Arbeit der Migrantinnen nur durch die Gepflegten oder ihre Familienangehörigen kontrolliert. Insgesamt dringen wenige Beschwerden an die Öffentlichkeit. Es scheint also gut zu laufen. Das liegt aber auch daran, dass sich die Migrantinnen den prekären Arbeitsbedingungen vor Ort unterwerfen: Sie schauen in Bezug auf ihre Arbeitszeit nicht auf die Uhr, sind nachts, wenn alte Menschen beruhigt oder auf der Toilette unterstützt werden müssen, sofort anwesend. Diese Arbeiten können natürlich auch Pflegedienste übernehmen, doch erfordert eine arbeitsrechtlich abgesicherte Rundumpflege den Einsatz von mehreren Personen und kostet etwa 5.000–8.000 Euro im Monat; das können sich nur wenige leisten. Im Ergebnis haben wir also parallele Systeme: Einerseits eine Pflegekontrolle und eine Professionalisierung des gesamten Pflegebereichs durch Pflegeeinrichtungen, hochschulbasierte Ausbildungsgänge usw. Andererseits gibt es im Privatbereich keine Kontrolle. Diese erfolgt nur durch die Familien, die eine ausländische Pflegekraft beschäftigen.

Was sind die Chancen dieser Form der Arbeitsmigration für die Migrierenden und ihre Familien?

Für Deutschland und die Menschen, die die Arbeit der Migrantinnen in Anspruch nehmen? Für die Migrantinnen ist es ein sehr wichtiger Arbeitsmarkt. In den Herkunftsländern fehlt es häufig an Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, insbesondere in ländlichen Gebieten. Frauen stehen aber häufig sehr stark unter dem Druck, Geld verdienen zu müssen – entweder, weil sie Alleinverdiener sind, oder aber, weil das Gehalt der Männer nicht ausreicht. Viele Migrantinnen haben einen sehr hohen Bildungsgrad, zum Teil sogar Hochschulabschlüsse, können im eigenen Land aber keine Arbeit oder nur schlecht bezahlte Arbeit finden. Sie wollen ihren Kindern eine gute Zukunft bieten; dafür brauchen sie Geld, denn das Bildungssystem in vielen Herkunftsländern wurde privatisiert und somit kostet Bildung, ähnlich wie in den USA, viel Geld. Staatliche Kinderkrippen wurden in Osteuropa massiv geschlossen, sodass Mütter bei der Betreuung ihrer Kinder auf private Hilfe angewiesen sind, für die sie ebenfalls bezahlen müssen. Für die Migrantinnen ist die Arbeit als Pflegekraft im Ausland also in der Tat eine Möglichkeit, zum Familieneinkommen beizutragen bzw. auch als Alleinverdiener zu agieren.

Die Familien in Deutschland, die eine ausländische Pflegekraft beschäftigen, sind in der Regel sehr zufrieden mit dieser Lösung. Wenn das sogenannte "matching" mit einer Pflegekraft, die über eine Agentur vermittelt wird, nicht stimmt und es Probleme gibt, wird die Pflegerin ersetzt. Allerdings funktioniert das System nur unter den prekären, ausbeuterischen Bedingungen, die damit verbunden sind. Deutschland profitiert insgesamt davon, dass der "Eiserne Vorhang" gefallen ist und dadurch viele osteuropäische Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, die bereit sind, sich auf solche Arbeitsbedingungen einzulassen. Die Missstände werden vor allem von Akteuren der christlichen Kirchen angeprangert.

Was wären Alternativen zum deutschen System?

In Österreich gab es lange dieselben Grauzonen wie in Deutschland: Viele Migrantinnen arbeiteten undokumentiert im Pflegebereich. Dann hat sich Österreich aber dazu entschieden, diesen Bereich zu verrechtlichen, sodass die Frauen nun als Selbstständige legal arbeiten können. Eine solche Legalisierung ist in anderen Ländern wie Spanien oder Italien auch schon erfolgt. In der Schweiz haben die Agenturen ein anderes System als in Deutschland. Dort gilt nicht das Entsendeprinzip. Stattdessen werden die Migrantinnen nach Schweizer Recht angestellt, wodurch auch Sozialabgaben in der Schweiz bezahlt werden. Die Bezahlung der Frauen ist besser, weil sie den arbeitsrechtlichen Auflagen entspricht. Für Deutschland würde das jedoch bedeuten, dass umfänglich in den Pflegebereich investiert werden müsste. Wenn man den heutigen Standard halten will, dann braucht man in den nächsten 20 Jahren allein in den Pflegeheimen etwa 500.000 Migrantinnen. Für die Pflegeheime ist die Bundesregierung tätig geworden und hat mit Ländern wie Vietnam und China Rekrutierungsverträge abgeschlossen.

Aber für den Privatbereich, der ja immer noch bevorzugt wird, – 80 Prozent aller befragten Menschen sagen, dass sie im eigenen Haushalt gepflegt werden möchten und 71 Prozent werden in der Tat im Haushalt gepflegt – muss eine neue Regelung gefunden werden. Und das kann nicht allein die Migration von ausländischen Pflegekräften sein, sondern es müssen neue Formen von Altersbetreuung entwickelt werden. Etwa nach dem schwedischen Modell, das eine bessere ambulante Versorgung gewährleistet. Gleichzeitig sind die Heime dort nicht so stigmatisiert wie bei uns und sie scheinen auch besser zu sein, das geht zumindest aus Forschungen hervor. Auch in Deutschland gibt es natürlich exzellente Heime; sie sind jedoch für die Mehrheit unbezahlbar. Eine bessere Versorgung in Deutschland kann nur durch eine Umverteilung von Steuergeldern erfolgen. Aber dies ist eine hoch kontroverse gesellschaftliche Frage, die in und mit der Gesellschaft auch diskutiert werden muss. Parteien und Regierungen müssen stärker dazu gedrängt werden, diese Fragen anzugehen, um neue Lösungen für den Pflegebereich zu finden.

Die Fragen stellte Vera Hanewinkel.

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