Koffer

28.5.2018 | Von:
Ute Koch

Integrationstheorien und ihr Einfluss auf Integrationspolitik

Transnationale Ansätze

Eine neue Perspektive haben transnationale Ansätze in die Migrationsforschung eingeführt. Traditionell wird in der Migrationsforschung Zuwanderung aus der Perspektive der Eingliederung der Migrant_innen betrachtet. Die Transnationalismusforschung kritisiert seit den 1990er Jahren vor allem die Assimilationstheorie sowie den in der Migrationsforschung vorherrschenden "methodologischen Nationalismus"[13], d. h. ihre nationalstaatliche Prägung. Ausgangspunkt für diese neue Perspektive ist die Beobachtung, dass sich die Muster internationaler Wanderungsbewegungen unter dem Einfluss des globalen Kapitalismus deutlich verändert haben. Neben der Beschleunigung von Migrationsprozessen lässt sich eine zunehmende Differenzierung der Migrationsformen feststellen. Grenzüberschreitende Wanderungen sind dabei immer weniger als einmalige Wohnsitzverlagerung anzusehen. Transmigrant_innen lassen sich in einem anderen Land nieder und erhalten gleichzeitig aktiv Verbindungen zum Herkunftsland aufrecht. Damit verlagert sich die transnationale Forschungsperspektive auf verdichtete, relativ stabile und kontinuierliche grenzüberschreitende Netzwerke, die zu einer wichtigen 'Brücke' zwischen Herkunfts- und Zuwanderungskontext werden. Einmal in Gang gesetzte Migrationen lassen sich daher auch nicht einfach abstellen – trotz der auf Kontrolle der Mobilität abzielenden Migrationspolitiken. Sie legen vielmehr Pfade für weitere Migrationen.

Aufrechterhalten und verstärkt werden die sozialen Netzwerke der Migrant_innen durch beschleunigte Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten. Mit der Eingebundenheit in zwei oder mehr Gesellschaften entstehen sogenannte "pluri-lokale"[14] Sozialräume. Zwar sind diese Räume auch von nationalstaatlichen Strukturen geprägt (z. B. die nationalen Gesetze), die Lebensführung von Transmigrant_innen ist aber mehr oder weniger dauerhaft länderübergreifend orientiert.

Angesichts der Transnationalisierung der Migration wird von dieser Forschungsrichtung ein neues Verständnis von Integration im Sinne eines dynamischen Teilhabemodells für notwendig erachtet. Alternativ zu den Begriffen Assimilation und Integration schlägt der Soziologe und Migrationsforscher Ludger Pries den Begriff Inkorporation vor "als ergebnisoffenen Prozess der ökonomischen, kulturellen, politischen und sozialen Verflechtungen von Migranten auf der lokalen, regionalen, nationalen und transnationalen Ebene".[15] Die Kombination verschiedener Orientierungen begünstigt fluide und multiple Identitäten oder sogenannte Bindestrich-Identitäten, die durch Auswahl von Elementen und ihrer Vermischung zu etwas Neuem zusammengeführt werden können. Dabei wird von einigen Vertreter_innen beider Richtungen, der Assimilationstheorie wie des Transnationalismus, zuweilen übersehen, dass Menschen in der modernen Gesellschaft, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, multiple Identitäten ausbilden. Menschen identifizieren sich mit ihrem Wohnort, einer beruflichen Stellung, ihrer Geschlechts-, Generations- und Klassenzugehörigkeit, ihrer Religion, Ethnizität und/oder Nationalität.

Kritiker der Transnationalismusforschung wenden ein, dass es sich hier weniger um eine ausgearbeitete Theorie handelt, als vielmehr um eine bestimmte Forschungsperspektive. Michael Bommes weist darauf hin, dass auch in dieser Perspektive der Nationalstaat der Bezugsrahmen bleibt. Denn transnationale Migrant_innen müssen sich sowohl an die Erwartungen des Herkunftskontextes als auch der Organisationen im Zuwanderungsland kontextspezifisch anpassen, um dort Zugang zu finden. Assimilation findet also statt.[16]

Systemtheoretischer Ansatz zur Erklärung von Integration

Gestützt auf die soziologische Systemtheorie und die darin ausgeführte Theorie der funktionalen Differenzierung (nach Niklas Luhmann) schlägt Michael Bommes vor, Migration und ihre Folgen unter den Gesichtspunkten der Inklusion/Exklusion zu betrachten und nicht als Problemstellung der sozialen Integration. Die Systemtheorie versteht moderne Gesellschaften nicht als organische Ganzheiten. Innerhalb der modernen Gesellschaft bilden sich vielmehr einzelne autonome Teilsysteme (u.a. Wirtschaft, Recht, Politik, Erziehung) heraus, die als Funktionssysteme bezeichnet werden. Das Individuum gehört nicht nur einem Teilsystem an, sondern ist gleichzeitig und lebensphasenspezifisch in verschiedene Teilsysteme inkludiert bzw. exkludiert, in denen es verschiedene soziale Rollen einnimmt. Der Begriff der Inklusion wird daher dem Begriff der Integration vorgezogen, da in systemtheoretischer Perspektive kein Individuum in 'die Gesellschaft' als solche integriert ist. Die Frage der Inklusion (und entsprechend der Exklusion) überlässt die Gesellschaft ihren Funktionssystemen: So regelt sich z. B. die Teilnahme am Erziehungssystem über Schulen, Schulabschlüsse und Zeugnisse. Personen sind nicht von vornherein in die Funktionssysteme einbezogen, sie müssen den Zugang entlang der spezifischen Bedingungen der Teilsysteme erst finden (so wird der Zugang zu Gymnasien z.B. über eine Bildungsempfehlung, die den Schüler_innen von ihren Lehrer_innen ausgestellt wird, erst möglich). Dies stellt an alle Individuen – nicht nur Migranten_innen – große Anforderungen. Ob dabei ihre Kompetenzen Anerkennung finden, hängt auch von den jeweiligen Bedingungen und Barrieren ab, auf die sie in Organisationen treffen. Denn über Organisationen erhalten Individuen erst die Möglichkeit der Inklusion in die verschiedenen Teilsysteme. So werden auch Phänomene sozialer Ungleichheiten über Organisationen vermittelt (wie z. B. der erschwerte Zugang von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu betrieblichen Ausbildungsstellen). Ungleiche Inklusionschancen ergeben sich u.a. dadurch, dass Staaten die Bedingungen für die Zuwanderung und den Aufenthalt von Ausländer_innen festlegen. Damit einher gehen stets auch Möglichkeiten und Verbote der Teilnahme an Funktionssystemen und ihren Organisationen. So dürfen Asylsuchende beispielsweise in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland nicht arbeiten. Die Zuordnung zu einer bestimmten Migrationskategorie (ob nun Fluchtmigrant_in oder hochqualifizierte/r Arbeitsmigrant_in) steigert oder verringert also die Möglichkeiten der Inklusion.[17]

Da die Integration von Individuen in diesem Ansatz nicht als vollständiger Einschluss in die Gesellschaft betrachtet wird, ermöglicht die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion differenzierte Beschreibungen von Inklusionsbedingungen (in den Arbeitsmarkt, in das Bildungssystem, in das politische System usw.). Die "kritische Migrationsforschung"[18] verkennt diese Forschungslogik, wenn sie dem systemtheoretischen Ansatz von Bommes vorhält, die strukturellen Anforderungen der Teilsysteme zu bekräftigen, statt sie machtkritisch zu hinterfragen.[19] Leichte Anklänge an systemtheoretische Ansätze finden sich immer dann, wenn Integration als gleichberechtigte Teilhabe in verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens definiert wird, wie z.B. durch den Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) oder die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Dabei werden jedoch die Begriffe der Teilhabe und Integration nicht differenziert an theoretische Grundannahmen rückgebunden. Beide Begriffe landen vielmehr in einen Topf, wenn von "gesellschaftlicher Teilhabe" als "Grundvoraussetzung für gelingende Integration" die Rede ist, die empirisch über die Teilhabe zu messen sei.[20]

Fazit und Ausblick

Assimilation, Multikulturalismus, Inkorporation und Inklusion fungieren als analytische Begriffe, um Integration theoretisch zu fassen. Sie weisen zugleich eine mehr oder minder große Nähe zu den Problembeschreibungen (z.B. Segregation, Integrationsdefizite, kulturelle Differenz) auf, die von verschiedenen Akteur_innen in der Politik (und der Praxis) vorgenommen werden. Der Umgang mit Migration und ihren Folgen ist nicht einfach da; Problembeschreibungen müssen von den davon jeweils betroffenen Organisationen – wie z.B. Verwaltungen – erst definiert werden.

Wissenschaftliche Konzeptualisierungen von Integration sind schon immer in politische Problembeschreibungen eingeflossen. Umgekehrt orientiert sich die Migrationsforschung an der dominanten politischen Konzeptualisierung von Integration, die gewissen 'Moden' unterliegt. Die politischen Beschreibungen von Integration weisen heute zwei Bedeutungsebenen auf: Thematisierung von Migration
  1. als Problem nicht-integrierter Migrant_innen oder
  2. gleichberechtigte ökonomische, soziale, politische und kulturelle Teilhabe.
Konkrete Integrationskonzeptionen konzentrieren sich jedoch oftmals auf die Forderung nach individuellen Anpassungsleistungen, die von Migrant_innen erwartet werden. Es liegt also ein Integrationsverständnis zugrunde, das sich eng an die Assimilationstheorie anlehnt. Vor diesem Hintergrund plädieren Wissenschaftler_innen der "kritischen Migrationsforschung" dafür, den Integrationsbegriff ganz abzuschaffen.[21] So berechtigt die Kritik am Integrationsbegriff als Teil der Konstruktion einer (problematisierenden und kulturalisierenden) Erwartungshaltung ist, hilft generell ein Streit um Begriffe der gesellschaftspolitischen Diskussion wenig und sollte hinter ihrer angemessenen theoretischen Fassung und Verwendung zurückstehen.

Zum Thema


Fußnoten

13.
Glick Schiller, Nina/ Wimmer, Andreas (2002): Methodological Nationalism and Beyond: Nation-State Building, Migration and the Social Sciences, in: Global Networks. 2, Nr. 4, S.301-334.
14.
Pries, Ludger (2003): Transnationalismus, Migration und Inkorporation. Herausforderungen an Raum- und Sozialwissenschaften, in: Geographische Revue, Heft 2, S. 25.
15.
Pries (2003), a.a.O., S. 32.
16.
Vgl. Bommes, Michael (2003): Der Mythos des transnationalen Raumes. Oder: Worin besteht die Herausforderung des Transnationalismus für die Migrationsforschung?, in: Thränhardt, Dietrich/ Hunger, Uwe (Hrsg.): Migration im Spannungsfeld von Globalisierung und Nationalstaat. Wiesbaden, S. 90-116.
17.
Vgl. Bommes, Michael (2011): Migration in der modernen Gesellschaft, in: Ders.: Migration und Migrationsforschung in der modernen Gesellschaft. Eine Aufsatzsammlung. IMIS-Beiträge Heft 38. Osnabrück, S. 53-72.
18.
Mit 'Kritischer Migrationsforschung' wird eine Richtung innerhalb der Migrationsforschung bezeichnet, die sich kritisch mit gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsdimensionen auseinandersetzt. Darunter zählen sich beispielsweise postkoloniale und rassismuskritische Ansätze oder Vertreter_innen der These der Autonomie der Migration.
19.
Vgl. Mecheril, Paul (2006): Die Unumgänglichkeit der Unmöglichkeit der Angleichung. Herrschaftskritische Anmerkungen zur Assimilationsdebatte in: Otto, Hans-Uwe/Schrödter, Mark (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft: Multikulturalismus – Neo-Assimilation – Transkulturalität. Neue Praxis Sonderheft 8, Lahnstein, S. 1-18.
20.
Vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2016): 11. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration - Teilhabe, Chancengleichheit und Rechtsentwicklung in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland. Berlin, S. 35; Siehe auch SVR (2012): Integration im Föderalen System: Bund, Länder und die Rolle der Kommunen. Jahresgutachten 2012 mit Integrationsbarometer. Berlin, S. 17.
21.
Vgl. z.B. Hess, Sabine/ Moser, Johannes (2009): Jenseits der Integration. Kulturwissenschaftliche Betrachtungen einer Debatte, in: Hess, Sabine u.a. (Hrsg.): no-integration?!. Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa. Bielefeld, S. 11-25.
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