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21.4.2020 | Von:
Bram J. Jansen

Städte im Entstehen: Konturen des sich urbanisierenden Flüchtlingslagers

Flüchtlingslager sind als Notunterkünfte konzipiert, existieren jedoch in der Praxis für lange Zeiträume, in deren Verlauf Urbanisierungsprozesse stattfinden. Diese können Chancen für Bewohner und Umwelt der Lager bieten.

Urbanisierungsprozesse in Flüchtlingslagern



Flüchtlingslager sind als temporäre Räume für die Aufnahme und den Schutz von Flüchtlingen konzipiert. In der Praxis bestehen sie jedoch für immer längere Zeiträume – insbesondere im Globalen Süden –, beherbergen unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen und die humanitäre Verwaltung und die Infrastruktur in den Lagern expandieren. Deshalb werden Flüchtlingslager auch mit sich im Entstehen befindenden Städten verglichen und ihre Verwaltung als eine Regierungsform betrachtet anstatt als humanitäre Hilfe.[1] Dieser Vergleich mit Städten bzw. Urbanität verweist auf Siedlungs- und Organisationsprozesse im Kontext des Flüchtlingslagers, das als temporärer Mechanismus zur Trennung von Flüchtlingen und Aufnahmegesellschaften gedacht ist (Integration ist nicht das Ziel der Lagerpolitik), in dem das Leben jedoch nicht stillsteht. Von Urbanisierung im Zusammenhang mit Flüchtlingslagern zu sprechen, vermag die Langlebigkeit und Normalisierung von Ausnahmezuständen anzuzeigen. Auf einer praktischeren Ebene verweist der Vergleich mit Städten bzw. Urbanität auf Prozesse der sozialen Organisation; die Entwicklung der Lagerwirtschaft, der Infrastruktur und der öffentlichen Dienstleistungen führen zu einem Gefühl der Normalität – oder Anpassung –, wenn auch in einem humanitären Kontext.[2] Mit dem Konzept der Urbanität auf Flüchtlingslager zu blicken ermöglicht es, den Übergang von anfänglich als nur vorübergehend geschaffenen Orten zu etwas viel Lebendigerem, Gesellschaftlicherem, Ästhetischerem und Dauerhafteren zu erfassen. In diesem Beitrag werden die Prozesse der Verstädterung von Flüchtlingslagern anhand der Ergebnisse verschiedener, in den letzten Jahren entstandener Studien zu Lagern umrissen.

Urbanität – ein Definitionsversuch

Die Bezeichnung des Lagers als Stadt ist zweideutig, weil die Idee der Urbanität an sich zweideutig ist. Urbanisierung bzw. das Urbane ist bekanntermaßen schwer zu definieren, weist jedoch auf bestimmte Prozesse hin, die Vielfalt und Verdichtung als Schlüsselelemente für das Verständnis der sozialräumlichen Konturen der Stadt charakterisieren.[3] Urbanisierung kann als zunehmende Diversifizierung und Konzentration von Menschen, Praktiken und Einrichtungen in einem dichten räumlichen Umfeld verstanden werden.[4] Die Stadt ist ein Ort der Verdichtung, an dem Menschen unterschiedliche und vielfältige soziale Rollen entwickeln, unterschiedliche Existenzgrundlagen haben und wo sie in einem nichtlandwirtschaftlichen Kontext mit einer Vielzahl öffentlicher Dienstleistungen und Ressourcen in Berührung kommen. Sie ist geprägt von Austausch- und Veränderungsprozessen, die auf das Zusammentreffen von Menschen, Ressourcen und Einrichtungen zurückzuführen sind. Bildung, Gesundheitswesen und Wirtschaftsleben bringen Menschen in Kontakt; verschiedene Klassen, Kulturen, Sprachen und Praktiken treffen aufeinander und beeinflussen sich gegenseitig.

Spuren des Urbanen in Flüchtlingslagern

Im Laufe der Zeit wird das als vorübergehende Notfallmaßnahme eingerichtete Lager zu einem Ort, an dem sich die oben genannten Merkmale von Urbanität finden und zwar als Ergebnis einer sich zunehmend entfaltenden humanitären Versorgung und eines organischen Prozesses, der von unten, d.h. von den Flüchtlingen getragen wird (Bottom-up-Prozess), die ihr tägliches Leben gestalten. Infolgedessen entwickeln sich die Lager von Notfalleinrichtungen hin zu mehrdeutigeren Räumen, was das Wirtschaftsleben, die geltenden Normen sowie Kontrolle und Steuerung in den Lagern betrifft. Diese Entwicklung kann als humanitärer Urbanismus bezeichnet werden. Der Begriff verweist auf die Art und Weise, wie Menschen ihrem Leben in einem zur Routine gewordenen humanitären Umfeld, das sowohl Einschränkungen als auch Chancen bedeutet, Sinn geben und es gestalten.[5] Das sich urbanisierende Flüchtlingslager bietet eine neue Perspektive, die ein kritisches Verständnis der besonderen Bedingungen erfordert, die durch eine ausgefeilte humanitäre Regierungspraxis (Governance) und den Raum oder die Räume, die sie hervorbringt, geprägt sind.[6]

Flüchtlingslager als zufällige Städte

Lager existieren zwischen dem Temporären und dem Dauerhaften,[7] aber wenn die Flüchtlingssituation eine langwierige wird, werden sie zu Orten des Alltags und Teil der Routine in humanitären Umgebungen. Sie sind durch ständige Mobilität gekennzeichnet, da Flüchtlinge und Helfer/-innen in und aus den Lagern ziehen, nach Hause zurückkehren oder in Hauptstädte anderer Kontinente weiterwandern. Das macht diese Orte zum Scharnier zwischen Mobilität und Besiedlung. Flüchtlingslager sind von Unsicherheit, Fluidität und Prekarität geprägt. Unter diesen Bedingungen entstehen jedoch neue soziale Formen und Praktiken, die auf unterschiedliche Weise auf die Menschen einwirken. Für einige ist das Lager ein Sprungbrett für die Weiterreise, für andere ist es ein langfristiger Aufenthaltsort, in dem Bildung, Gesundheitsfürsorge und (informelle) Beschäftigung zur Verfügung stehen, wenn auch unter elendsviertelartigen Bedingungen. Unsicherheit, Fluidität und Prekarität sind Kennzeichen von Elendsvierteln, aber diese Viertel sind auch der Ort, an dem Menschen Leben gestalten. Die Vorstellung des Lagerflüchtlings als Stadtbewohner und nicht (allein) als abhängiges humanitäres Subjekt öffnet den Blick für eine andere Art von Intervention, zum Beispiel die Planung einer dauerhaften Infrastruktur und entwicklungsorientierterer öffentlicher Dienste, die sich von der unmittelbaren Nothilfe entfernen.

Im Folgenden werden die Hauptmerkmale der Urbanisierung von Flüchtlingslagern skizziert.

Das Lager als Verdichtung von Einrichtungen und Dienstleistungen

Viele Flüchtlingslager befinden sich absichtlich oder aufgrund der Umstände in unbedeutenden, abgelegenen Gegenden. So etwa in der Nähe von Grenzübergängen, an denen Flüchtlinge ins Zufluchtsland einreisen, oder – entsprechend der Funktion von Lagern (Separation) –, weit weg von den Hauptsiedlungsgebieten des Aufnahmelandes. Sobald Flüchtlingslager jedoch humanitärer Hilfe oder menschlicher Kreativität unterworfen sind, konzentrieren sich in ihnen verschiedene Dienste, Einrichtungen und Infrastrukturen sowie die Aktivitäten und Prozesse, die durch diese generiert werden. Beispielsweise können Gesundheitsversorgung und Krankenhäuser, Schulen und Berufsbildungszentren, Kommunikations- und Transporteinrichtungen, Sport- und Unterhaltungsangebote, Lebensmittelversorgung und Märkte, Programme für sozialen Schutz und Empowerment (Ermächtigung) usw. als öffentliche Dienstleistungen verstanden werden, die möglicherweise sogar über das lokale Äquivalent in den Aufnahmeregionen hinausgehen. Darüber hinaus bringen die Menschen, die diese Orte bewohnen, Fähigkeiten, Ideen und Aktivitäten mit, die das technische Lager zu einem sozialen Raum machen. Dadurch ergeben sich Chancen, insbesondere für unterentwickelte Gebiete und für Menschen, die aus unterentwickelten Regionen stammen.[8] Dieses Zusammentreffen von Lebensstilen, Ressourcen und Wissen stimuliert nicht nur neue Formen des Unternehmertums und der (informellen) Beschäftigung, von Bildung und Gesundheitsfürsorge, sondern auch religiösen Einfluss und kulturellen Austausch.

Das Lager als Ort sozialen Wandels

Menschen, die in eine Vielzahl öffentlicher Dienstleistungen, Betreuungs- und Bildungsangebote usw. einbezogen werden, insbesondere wenn sie aus einem isolierten oder konservativen Umfeld stammen, können mit neuen und anderen Lebensaspekten und -vorstellungen konfrontiert werden. Ein aktives Empowerment-Programm von humanitären Organisationen, gepaart mit Bildung sowie Rechten und Befugnissen, die innerhalb der Organisation des Lagers befürwortet und etabliert werden, ermöglicht eine Veränderung von und Konfrontation mit kulturellen Normen und Vorschriften. Zum Beispiel sorgen Kinder-, Frauen- und Minderheitenrechte in einem breiteren Menschenrechtsprogramm dafür, dass Menschen mit alternativen Weltanschauungen und Praktiken in Berührung kommen. Generell kommen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen, Ethnien und Klassen miteinander und mit Hilfspersonal und Besucher/-innen in Kontakt. Neue Generationen werden in langwierigen Lagersituationen geboren. Sie erleben das Lager als ihre Heimat und beanspruchen diese Vielzahl sozialer Formen, Normen und Praktiken für sich. Aus verschiedenen urbanisierten Lagern der Welt stammen Beispiele von Jugendlichen, die sich für die Rückführung ins Herkunftsland entscheiden, sich aber entschließen, dort nicht wieder in ihre Heimatdörfer zu gehen, sondern in Städte, da sie im Exil "urbanisiert" wurden.

Das Lager als Wirtschaftsort

Fast unmittelbar nach Eröffnung eines Flüchtlingslagers fangen die Bewohner/-innen an, Handwerk, Tauschhandel und Unternehmertum zu betreiben. Abhängig von der Herkunft der Menschen werden innovative und kreative Methoden für den Umgang mit dem Lagerleben entwickelt, um offizielle Hilfsgüter und andere Dienstleistungen zu ergänzen. Dadurch entstehen Prozesse sozialer Schichtung, die die Beziehungen der Lagerbewohner/-innen untereinander, aber auch zwischen ihnen und der Lagerverwaltung, lokalen Behörden oder Nichtregierungsorganisationen und dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) neu definieren. Ausschlaggebend für diesen wirtschaftlichen Prozess ist die zur Verfügung gestellte humanitäre Hilfe, die eine grundlegende Ressource darstellt. Unterkünfte, Nahrungsmittel und Arbeitsplätze, die im Rahmen des humanitären Programms bereitgestellt werden, werden von den Lagerbewohnerinnen und -bewohnern auf verschiedene Weise genutzt, um den eigenen Lebensunterhalt zu sichern und Tauschhandel zu betreiben. So werden zum Beispiel Lebensmittelgutscheine oder -rationen verkauft und das Geld wird zum Kauf von Gütern verwendet, die nicht von humanitären Organisationen bereitgestellt werden, wie z.B. Zigaretten, Fleisch und frisches Gemüse; Unterkünfte werden vermietet oder als Geschäftsräume genutzt; Fahrräder, die für die Arbeit mit einer der Organisationen im Camp gespendet werden, können zur Nutzung als Taxi vermietet werden und ganz allgemein werden alle Arten von Materialien wiederverwendet und verkauft.

Die informellen Methoden, derer sich die Menschen in den Lagern mit Blick auf Versorgung, Kreditwesen, Reisen und Kommunikation bedienen, lassen die wirtschaftliche Seite von Flüchtlingslagern bedeutsamer werden. Auch wenn formelle Beschäftigung oder Handel in den meisten Fällen illegal sind, lässt der informelle Charakter der Lagerwirtschaft genau dies zu und ist gleichzeitig davon abhängig.

Jüngste quantitative Analysen zeigen, wie Lagerwirtschaften in vermeintlich isolierten Gebieten im Laufe der Zeit regional eingebettet werden, sodass sie für die regionalen Volkswirtschaften von Vorteil sind, anstatt eine – oft selbstverständlich als solche betrachtete – Belastung darzustellen. Sie können zur Entwicklung der lokalen Bevölkerung ohne Fluchthintergrund und der Region, in der sie sich befinden, beitragen. Es wird davon ausgegangen, dass sie über ein ähnliches Entwicklungspotenzial verfügen wie städtische Zentren im Allgemeinen.[9] Wirtschaft und Infrastruktur des Lagers bieten zum Beispiel Möglichkeiten für Handel und Beschäftigung über die Grenzen des Lagers hinaus; Prozesse sozialen Wandels infolge von Bildung und sozialer Interaktion wirken sich auch auf die Bevölkerung des Aufnahmelandes aus. In jüngerer Zeit werden Flüchtlingslager als Orte für Investitionen oder buchstäblich als Markt positioniert.[10] Dies zeigt beispielhaft, dass die ursprünglich als vorübergehend gedachten Nothilfeanlagen zunehmend als dauerhaftere und normalisierte Einrichtungen betrachtet werden. Ein Indikator für diese Entwicklung sind private Akteure, die die Bühne betreten, um sich an der Regulierung der Energie- und Wasserversorgung in Lagern und dem Betrieb von Infrastrukturen wie Abfallwirtschaft, Straßenbeleuchtung und Transport zu beteiligen.[11]

Das Lager als hybrid regierter Ort

Das Flüchtlingslager als humanitärer Ort behält seinen humanitären Charakter bei, bis eine politische Entscheidung zur Auflösung des Lagers getroffen wird. Aber dieser humanitäre Charakter wird im Laufe der Zeit hybrider, da organisch entwickelte Prozesse zur Routine oder sogar legal werden. Dies ist die Urbanisierung des Lagers in einem politischeren Sinne. Widerstand und Ungehorsam der Bewohner/-innen des Lagers gegenüber Normen und Standards, die von der Lagerverwaltung aufgestellt wurden, führen zur Anpassung der Lagerrichtlinien und -routinen. Diese Aushandlungsprozesse alternieren zwischen Zurückhaltung und Eigeninitiative, ermöglichenden und begrenzenden Faktoren, Kontrolle und Selbstständigkeit.

Rein materiell betrachtet ist ein Lager auf Mobilität angelegt. Zelte oder Container sind das ultimative Symbol dafür, dass Flüchtlingslager durch eine politische Entscheidung in kürzester Zeit aufgelöst werden können. Diese materielle Verfasstheit der Lager unterliegt jedoch menschlicher Handlungsmacht: Viele Flüchtlingslager auf der Welt zeigen, wie Menschen Wege finden, um die offizielle Lagerpolitik zu umgehen oder sich ihr zu widersetzen. Unter anderem in Lagern wie Zaatari in Jordanien, Kakuma und Dadaab in Kenia, BidiBidi in Uganda und Domiz im Irak verwandeln die Bewohner/-innen ihre ihnen zugewiesenen Unterkünfte in Lebensräume: Sie pflanzen Bäume, verschönern die Unterkünfte und gestalten sie nach ihren eigenen Wünschen, Nutzungsvorstellungen und Normen.[12] Mit dieser Aneignung, die die Lagerwirtschaft, neue soziale Normen oder wiederbelebte ältere umfasst, entstehen Autoritätsnischen, die das Lager im praktischen alltäglichen Sinne mitgestalten und mitregieren. Die Art und Weise wie diese Prozesse mit dem sozialen und räumlichen Umfeld in Beziehung treten, dieses entwickeln und beeinflussen, prägt die Idee des Lagers als städtische Umgebung. Die Urbanisierung von Flüchtlingslagern zeigt, dass die Lagerbewohner/-innen in vielerlei Hinsicht an der Verwaltung des Lagers beteiligt sind und als solche Akteure angesprochen werden können, anstatt sie nur als passive Empfänger/-innen von Hilfe oder als Menschen, die gut gemeinte humanitäre Hilfe und Kontrolle untergraben, zu betrachten.

Das Lager als Knotenpunkt

Flüchtlingslager sind Orte der Mobilität, obwohl sie eigentlich dazu bestimmt sind, menschliche Bewegungen zu immobilisieren. Menschen ziehen in die Lager und verlassen sie wieder; die Lager sind Stationen auf komplexen Migrationspfaden, die die Lager mit anderen Städten, Heimatländern oder Migrationszielen verbinden und in Verwandtschafts-, Clan- oder ethnische Netzwerke eingebunden sind. Lager werden zu Knotenpunkten auf diesen Wegen und Teil sozialer Netzwerke, die sich auf die Möglichkeiten des Lebensunterhalts, die sozio-politische Dynamik, Machtprozesse – und wie diese sich im Laufe der Zeit im Lager entwickeln – auswirken. Rücküberweisungen von Angehörigen, die über Resettlement-Programme in andere Teile der Welt gelangt oder die in andere Regionen weitergewandert sind, haben Einfluss auf die Existenzgrundlagen der im Lager verbliebenen Personen und können dauerhaftere translokale (d.h. ortsübergreifende) Beziehungen fördern, die durch das Internet und Mobiltelefone ermöglicht und erleichtert werden. Dies kann dazu führen, dass sich Flüchtlingslager stärker als Transit- oder Gelegenheitsorte positionieren. Sie können zudem dazu beitragen, dass sich alternative Quellen für den Lebensunterhalt, Investitionen und Bewältigungsstrategien für Menschen bieten, die die Flüchtlingslager als vorübergehende Haltepunkte auf ihrem Weg zu anderen Zielen – oder bis eine dauerhafte Lösung gefunden wird (Rückführung, Umsiedlung, lokale Integration) – aufsuchen. Symbolhafter gesprochen: je größer der Lebensabschnitt ist, den Menschen in Lagern verbringen, die sie sich aneignen, verändern und gestalten – vielleicht leben sie sogar dauerhaft dort –, desto mehr tragen diese Lager die persönlichen Geschichten und Erfahrungen von Menschen, die in ihnen aufgewachsen oder sogar dort gestorben und begraben worden sind. Aus diesen Gründen besuchen Personen, die aus dem Lager fortgezogen sind, oder Verwandte von Lagerbewohner/-innen diese Orte und unterstützen sie aus dem Ausland.

Urbanisierung von Flüchtlingslagern und humanitärer Urbanismus als neue Normalität?

Nach der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 richtete sich die Aufmerksamkeit aufgrund des erneuten Interesses an und der Dringlichkeit regionaler Lösungen für Flüchtlingskrisen auf langwierige, sich urbanisierende Flüchtlingslager. Sie werden als eine Lösungsmöglichkeit betrachtet, weil durch sie alternative Existenzmöglichkeiten in an Krisengebiete angrenzenden Ländern gestaltet werden können.[13] Infolgedessen wurde der urbane Wesenszug von Flüchtlingslagern von Mittelgebern und Hilfsorganisationen als eine Möglichkeit aufgenommen, die regionale Flüchtlingsaufnahme zu rahmen und zu gestalten. Diese Perspektiven gehen mit neuen Ideen zur Entwicklung dieser Standorte einher und machen sie tragfähig für Selbstständigkeit und regionale Integration, indem die Beziehungen zwischen Flüchtlingen und aufnehmender Bevölkerung zum Beispiel dadurch verbessert werden, dass beide Gruppen gemeinsam Ressourcen, Dienstleistungen, Einrichtungen und Land nutzen. Auf diese Weise werden aus humanitären Notfalleinrichtungen langlebigere Einrichtungen, die der lokalen Wirtschaft und Bevölkerung zugutekommen. Bestimmte Formen der Entwicklung in Bezug auf gewinnorientiertes Unternehmertum, eine dauerhaftere Gestaltung und Bebauung, Rechtsansprüche, Einflussnahme externer nicht humanitärer Akteure wie Privatsektor oder Kommunen sind das Ergebnis einer eher organischen und zufälligen Verstädterung lange existierender Flüchtlingslager. Dies zeigt, dass Lager unvermeidlich zu Orten werden, an denen sich Menschen niederlassen – einige für lange Zeit, andere für kurze Zeit –, bevor sie weiterziehen, und in denen sich eine zunehmend ausgefeilte humanitäre Verwaltung diesen Prozessen anpasst.

Übersetzung aus dem Englischen: Vera Hanewinkel

Fußnoten

1.
Sie zum Beispiel: Herz, Manuel (2012): From Camp to City: Refugee Camps of the Western Sahara (Basel: Lars Muller Publishers); Rawlence, Ben (2016): City of Thorns. Nine Lives in the World's Largest Refugee Camp (London: Portobello Books); Montclos, Marc-Antoine Perouse de und Kagwanja, Peter (2000): Refugee Camps or Cities? The Socio-Economic Dynamics of the Dadaab and Kakuma Camps in Northern Kenya, Journal of Refugee Studies, 13 (2), S. 205-222.
2.
Holzer, Elizabeth (2014): Humanitarian Crisis as Everyday Life, Sociological Forum, 29 (4), S. 851-872; Oka, Rahul (2011): Unlikely Cities in the Desert: the Informal Economy as Causal Agent for Permanent “Urban” Sustainability in Kakuma Refugee Camp, Kenya, Urban Anthropology, 40 (3-4), S. 223-262.
3.
Siehe zum Beispiel: Massey, Doreen (2005): For Space (London: Sage Publications Ltd.); Mbembe, Achille und Nuttall, Sarah (2004): Writing the World From an African Metropolis, Public Culture, 16 (3), S. 347-372.
4.
Hannerz, Ulf (1980): Exploring the City: Inquiries Toward an Urban Anthropology (New York: Columbia University Press); Massey, Doreen (2005): For Space (London: Sage Publications Ltd.).
5.
Jansen, Bram J. (2018): Kakuma refugee camp. Humanitarian urbanism in Kenya’s accidental city (London, Zed Books).
6.
Für eine umfassendere Sammlung an Beispielen siehe: Un Monde de Camps, herausgegeben von Michel Agier (2014).
7.
Hailey, Charlie (2009): Camps. A Guide to 21st-Century Space (Cambridge: The MIT Press).
8.
Siehe zum Beispiel, Dalal, Ayham (2015): A Socio-Economic Perspective on the Urbanisation of Zaatari Camp in Jordan, Migration Letters, 12 (3), S. 263-278; Fresia, Marion und Von Känel, Andreas (2015): Beyond Space of Exception? Reflections in the Camp Through the Prism of Refugee Schools, Journal of refugee studies, 29 (2), S. 250-272; Newhouse, Léonie S. (2015): More Than Mere Survival: Violence, Humanitarian Governance, and Practical Material Politics in a Kenyan Refugee Camp, Environment and Planning A, 47 (11), S. 292-307.
9.
Siehe zum Beispiel, Vemeru, Varalakshmi et al. (2016): Refugee Impacts on Turkana Hosts (Washington: World Bank u.a.). http://documents.worldbank.org/curated/en/359161482490953624/pdf/111309-REVISED-PUBLIC-Turkana-Social-Impact-Analysis-December-2016.pdf (Zugriff: 06.04.2020)
10.
Siehe zum Beispiel: The World Bank (2018): In Kenya, Refugees are Opening up Frontiers: The Pull of Investing in Underserved Areas, 27. September. https://www.worldbank.org/en/news/feature/2018/09/27/in-kenya-refugees-are-opening-up-frontiers-the-pull-of-investing-in-underserved-areas (Zugriff: 10.12.2019).
11.
Siehe zum Beispiel: Rouse, Jonathan (2019): Private-Sector Energy Provision in Displacement Settings. Moving Energy Initiative, Learning Brief, März: https://www.chathamhouse.org/sites/default/files/2019-03-29-PrivateSectorEnergy.pdf (Zugriff: 06.04.2020) sowie EDP Project in Kakuma: https://www.edp.com/en/stories/edp-project-kakuma (Zugriff: 06.04.2020).
12.
Siehe zum Beispiel: Strochlic, Nina und Lorek, Nora (2019): In Uganda, a unique urban experiment is under way, National Geographic, April. https://www.nationalgeographic.com/magazine/2019/04/how-bidibidi-uganda-refugee-camp-became-city/ (Zugriff: 10.12.2019); Jansen, Bram J. (2016): The Protracted Refugee Camp and the Consolidation of a 'Humanitarian Urbanism', International Journal of Urban and Regional Research. https://www.ijurr.org/spotlight-on/the-urban-refugee-crisis-reflections-on-cities-citizenship-and-the-displaced/the-protracted-refugee-camp-and-the-consolidation-of-a-humanitarian-urbanism/ (Zugriff: 10.1.22019); Refugee Republic: https://refugeerepublic.submarinechannel.com/ (Zugriff: 10.12.2019).
13.
Siehe zum Beispiel, Betts, Alexander und Collier, Paul (2017): Refuge. Transforming a broken refugee system (London, Allen Lane); oder allgemeiner, die Initiativen des Comprehensive Refugee Response Framework (CRRF) in verschiedenen Ländern wie Uganda, Kenia, Jordanien und anderen.
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