Koffer

1.4.2009 | Von:
Oliver Razum
Jacob Spallek

Ausgewählte empirische Ergebnisse zum Gesundheitszustand von Migranten

Das Krankheitsspektrum der Menschen mit Migrationshintergrund ähnelt in Deutschland weitgehend dem der nicht migrierten Mehrheitsbevölkerung (mit Ausnahme einiger seltener erblicher Stoffwechselerkrankungen bei Migranten). Bestimmte Gesundheitsrisiken treten bei Migranten aber häufiger auf oder führen zu stärker ausgeprägten Krankheitsbildern.
Die Rumänin Cornelia und ihr Sohn David Emanuel warten am 14.06.2013 im Wartezimmer der Malteser Migranten Medizin in Berlin.Eine rumänische Frau und ihr Sohn im Wartezimmer der Malteser Migranten Medizin in Berlin. (© picture-alliance/dpa)

Daraus ergibt sich für viele Erkrankungen eine andere Häufigkeitsverteilung als in der nicht migrierten Mehrheitsbevölkerung. Ein aktueller Schwerpunktbericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes gibt hierzu differenzierte Informationen [1]. Anhand ausgewählter Beispiele aus diesem Bericht stellen wir im Folgenden die gesundheitliche Situation von Migranten in Deutschland dar (Altersunterschiede im Bevölkerungsaufbau wurden ggf. adjustiert; in Klammern sind jeweils die dem Bericht zugrunde liegenden Datenquellen aufgeführt. In Einzelfällen zitieren wir zusätzlich Publikationen mit weiterführenden Daten).

Aus dem Gesundheitsbericht wird einerseits eine ausgeprägte gesundheitliche Heterogenität der Menschen mit Migrationshintergrund deutlich; andererseits finden sich Ergebnisse hinsichtlich des Gesundheitsstatus, die zunächst nicht leicht erklärlich sind. Im nachfolgenden Abschnitt diskutieren wir mögliche Erklärungsmodelle, welche die Interpretation der empirischen Befunde unterstützen.

Infektionskrankheiten

Viele Migranten kommen aus ärmeren Herkunftsländern oder einer ungünstigen sozioökonomischen Lage in ihrem Herkunftsland. Sie können daher im Vergleich zur Bevölkerung des Ziellandes der Migration eine erhöhte Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) von im Herkunftsland häufigen Infektionskrankheiten aufweisen. Zum Zeitpunkt der Zuwanderung spiegeln übertragbare Erkrankungen bei Migranten daher die epidemiologische Situation im Herkunftsland wider. So haben beispielsweise Zuwanderer aus sogenannten Hochprävalenzländern, vornehmlich afrikanischen Ländern südlich der Sahara, eine höhere HIV-Prävalenz als die Mehrheitsbevölkerung in Deutschland [2]. Im weiteren zeitlichen Verlauf werden die Neuerkrankungsrate (Inzidenz) und die Prävalenz von Infektionskrankheiten zunehmend durch die Lebensbedingungen im Zuzugsland und den Zugang zu medizinischer Versorgung bestimmt. Ausländische Staatsangehörige haben mit 24,4 neuen Tuberkulose-Fällen je 100.000 Einwohner und Jahr eine mehr als 5-mal so hohe Inzidenz wie Deutsche. Die Fälle treten auch in deutlich jüngerem Alter auf (medianes Alter der Tuberkulosepatienten 34 Jahre vs. 56 Jahre) [3]. Dies ist einerseits auf Migranten mit kurzer Aufenthaltsdauer zurückzuführen, die die Erkrankung aus ihren Herkunftsländern mitbringen. Andererseits haben Migranten mit niedrigem sozioökonomischem Status ähnlich wie Deutsche in der gleichen Lage ein erhöhtes Risiko für Tuberkulose.

Müttersterblichkeit

Unter Müttersterblichkeit versteht man Todesfälle im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Zur Berechnung der Müttersterblichkeit werden die mütterlichen Todesfälle in Bezug gesetzt zu jeweils 100.000 Lebendgeborenen. Da mütterliche Todesfälle weitestgehend vermeidbar sind, ist die Müttersterblichkeit ein empfindlicher Indikator für Ungleichheiten hinsichtlich des Zugangs zu und der Nutzung von Gesundheitsdiensten. Die Müttersterblichkeit unter ausländischen Frauen lag bis Mitte der 1990er-Jahre rund 1,5-mal so hoch wie unter deutschen Frauen. Seitdem haben sich die – insgesamt rückläufigen – Werte angeglichen [4]. Im Vergleich zum Herkunftsland Türkei liegt die Müttersterblichkeit türkischer Frauen in Deutschland substanziell niedriger, offenbar eine Folge von Unterschieden in Zugang und Qualität der geburtshilflichen Dienste.

Kindergesundheit

Die Gesundheit von Kindern wird insbesondere determiniert durch die Lebensweise der Familie, durch ihren sozioökonomischen Status sowie teilweise durch genetische Faktoren. Aus einer unterschiedlichen Ausprägung dieser Determinanten zwischen Bevölkerungsgruppen resultieren jeweils unterschiedliche Häufigkeiten bestimmter Erkrankungen und Risikofaktoren. Der Zugang zu und die Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten und präventiven Angeboten kann ebenfalls eine große Rolle spielen.

So sind beispielsweise laut den Ergebnissen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) die Durchimpfungsraten gegen Diphtherie und Tetanus bei Kindern mit Migrationshintergrund im Alter von 11-17 Jahren geringer als bei Kindern ohne Migrationshintergrund [5]. Auch die Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder ist laut den Ergebnissen des KiGGS bei Kindern mit Migrationshintergrund niedriger. So haben 14 % der Kinder mit Migrationshintergrund die Früherkennungsuntersuchungen U3-U9 nicht in Anspruch genommen, gegenüber 2 % der Kinder ohne Migrationshintergrund [6].

Ein Aufwachsen unter hygienisch weniger günstigen Bedingungen kann mit einer geringeren Prävalenz von allergischen Erkrankungen verbunden sein. Tatsächlich sind Kinder mit Migrationshintergrund im Alter unter 18 Jahren weniger stark von Allergien betroffen als Kinder ohne Migrationshintergrund (27,4 % vs. 40,4 %) [7]. Die Frage des Übergewichts bei Kindern gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit. So beeinflussen die Ernährungsweise und körperliche Aktivitäten die Prävalenz von Übergewicht. Migranten aus ärmeren Ländern profitieren einerseits von der ausreichenden und sicheren Versorgung mit Nahrungsmitteln in Deutschland. Andererseits führen Fehlernährung und Bewegungsmangel bei Menschen mit Migrationshintergrund genauso wie bei Deutschen zur Entstehung von Übergewicht. Übergewicht kommt laut dem KiGGS bei Kindern mit Migrationshintergrund im Alter von 3-17 Jahren deutlich häufiger vor als bei gleichaltrigen Kindern aus der nicht migrierten Mehrheitsbevölkerung (19,5 % vs. 14,1 %) [8].

Fußnoten

1.
Siehe Robert Koch-Institut (2008).
2.
Siehe Robert Koch-Institut (2008).
3.
Siehe Robert Koch-Institut (2008).
4.
Datenbasis: Statistisches Bundesamt.
5.
Siehe Poethko-Müller et al. (2007).
6.
Siehe Kamtsiuris et al. (2007).
7.
Siehe WHO Jugendgesundheitsstudie.
8.
Siehe Kurth et al. (2007).

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