Koffer

1.4.2009 | Von:
Oliver Razum
Jacob Spallek

Ausgewählte empirische Ergebnisse zum Gesundheitszustand von Migranten

Gesundheitszufriedenheit

Die Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit ist zwar ein subjektives Maß; sie bildet den Gesundheitszustand aber recht gut ab. Die Gesundheitszufriedenheit sinkt mit dem Alter. Dieser Rückgang verläuft in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich schnell und gibt damit Hinweise auf Unterschiede in den Gesundheitschancen und gesundheitlichen Belastungen.

Auswertungen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) zeigen, dass unter türkischen Zuwanderern die Abnahme der Gesundheitszufriedenheit mit steigendem Alter stärker ausgeprägt ist als bei Deutschen [14]. Auch unter Zuwanderern aus Osteuropa zeigt sich, trotz eines mit der Zeit ansteigenden sozioökonomischen Erfolges, ein mit zunehmendem Alter stärkerer Rückgang des subjektiven Gesundheitsempfindens als bei Menschen ohne Migrationshintergrund [15].

Psychische Erkrankungen

Weniger gut dokumentiert und schwer zu quantifizieren sind Erkrankungen durch psychosoziale Belastungen in Zusammenhang mit der Trennung von der Familie oder politischer Verfolgung im Herkunftsland. Personen ohne rechtlich gesicherten Aufenthaltsstatus sind besonders verletzbar und damit anfällig insbesondere für psychische Erkrankungen. Über ihre gesundheitliche Situation liegen aber kaum belastbare Daten vor.

Migrationserfahrung kann nicht pauschal mit psychischen Belastungen gleichgesetzt werden. Jedoch können eine Reihe psychischer Störungen in Verbindung mit Migration auftreten. Dazu zählen Depressionen, psychosomatische Beschwerden, Somatisierung und posttraumatische Belastung [16].
Gründe für ein vermehrtes Auftreten können sein:
  • Migration als kritisches Lebensereignis, das die bis dahin erworbenen Anpassungsfähigkeiten, Bewältigungs- und Problemlösungsstrategien überlasten kann
  • Stress durch die risikoreiche Reise in das Zielland, der sich u. a. in Angstzuständen oder depressiven oder dissoziativen Symptomen äußern kann
  • Stress durch Entwurzelung, Trennung von Familie, Partner und traditionellen Werten
  • Stress durch den Akkulturationsprozess (Unsicherheiten hinsichtlich der Lebensbedingungen, Wohnverhältnisse, Stigmatisierung etc.)
  • Stress durch besondere wirtschaftliche und berufliche Belastungen
  • Stress durch soziale Isolation (demgegenüber stellen daher Familien- und Freundesnetzwerke eine wichtige Ressource zur Bewältigung des Stresses dar)
  • Stress durch Störungen des Eltern-Kind-Verhältnisses, wenn die Aufrechterhaltung kultureller Traditionen "erzwungen" wird
Die vorhandenen Erkenntnisse legen nahe, dass Migranten kurz nach der Einwanderung besonders gefährdet sind, psychisch zu erkranken. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer und damit zunehmendem Einleben in die neue Lebenssituation nehmen die Belastungen häufig ab.

Sozialstatus und Gesundheit

In den meisten Routinedatensätzen fehlen detaillierte Informationen zum sozioökonomischen Status der registrierten Fälle. Das erschwert es, die Ursachen möglicher gesundheitlicher Benachteiligungen zu analysieren und Strategien zu deren Überwindung aufzuzeigen. Wenn Menschen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt einen schlechteren gesundheitlichen Status aufweisen als die Mehrheitsbevölkerung, dann könnte dem eine Benachteiligung dieser Gruppe zugrunde liegen. Es könnte aber auch sein, dass es sich um die gesundheitlichen Folgen einer im Mittel ungünstigeren sozialen Lage handelt, wie das innerhalb der nicht migrierten deutschen Bevölkerung in ähnlicher Weise zu beobachten ist [17]. Zur Klärung sind einerseits Datensätze zur Gesundheit von Migranten erforderlich, die sozioökonomische Variablen enthalten. Andererseits müssen Erklärungsmodelle zum Zusammenhang zwischen Migration und Krankheit weiterentwickelt werden [18]. Diese Erklärungsmodelle werden weiter unten näher ausgeführt.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "(Flucht-)Migration und Gesundheit".

Fußnoten

14.
Siehe Robert Koch-Institut (2008).
15.
Siehe Ronellenfitsch et al. (2004).
16.
Siehe Kirkcaldy et al. (2006).
17.
Siehe Lampert(2005).
18.
Siehe Schenk (2007).

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