Koffer

1.4.2009 | Von:
Oliver Razum
Jacob Spallek

Zugangsbarrieren zur gesundheitlichen Versorgung

Menschen mit Migrationshintergrund erlangen zunehmend Bedeutung als Nutzer der Gesundheitsdienste in Deutschland. Gerade im Bereich der Versorgungsforschung fehlen Daten, die nach Migrationshintergrund aufgeschlüsselt sind.
Die Vietnamesin Xuan wartet mit ihrer einjährigen Tochter Mai Anh am 11.06.2013 im Wartezimmer der Malteser Migranten Medizin in Berlin.Mutter und Kind in der Malteser Migranten Medizin in Berlin. (© picture-alliance/dpa)

Eine verbesserte Datenlage könnte zukünftig dazu beitragen, Menschen aus dieser Zielgruppe beim Erhalt ihrer Gesundheit zu unterstützen und ihnen im Falle einer Erkrankung gleiche Zugangschancen zur Gesundheitsversorgung wie der Mehrheitsbevölkerung zu sichern. Bislang wird davon ausgegangen, dass besonders sprachliche und kulturelle Besonderheiten Barrieren für die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen darstellen und sich auch auf die Kommunikation und Interaktion während des Behandlungsprozesses auswirken können. Sprachliche Barrieren können entstehen, wenn das Gesagte nicht verstanden wird, oft wird dann Abhilfe durch Laiendolmetscher (z. B. Familienangehörige) geschaffen. Dies ist allerdings nicht immer erfolgreich, da medizinisches Fachwissen fehlt oder aufgrund von Schamgefühlen oder Rücksichtnahme auf den Patienten nicht richtig übersetzt wird.

Kulturelle Unterschiede können sich in einem anderen Krankheitsverständnis äußern, z. B. wenn die Krankheitsentstehung auf den "bösen Blick" zurückgeführt oder Krankheit als gottgewolltes Schicksal verstanden wird. Diese Unterschiede oder auch ein anderes Schamgefühl können zu einer Nichtinanspruchnahme oder einer Fehlversorgung führen [1].

Menschen in einer ungünstigen sozialen Lage nehmen Gesundheitsleistungen unzureichend in Anspruch. Sie sehen sich Barrieren gegenüber, unabhängig davon, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Dazu zählen eine geringere Ausstattung mit finanziellen Ressourcen, z. B. für die Zahlung von Eigenanteilen in der Gesundheitsversorgung (Praxisgebühr, Zahnersatz etc.), aber auch mit Bildungsressourcen, z. B. geringere Kenntnisse über Krankheitsentstehung und Gesundheitsverhalten [2]. Angesichts ihrer im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung durchschnittlich ungünstigeren sozialen Lage sind Migranten hier einer mehrfachen Benachteiligung ausgesetzt.

Prävention bei Migranten

Für Angebote zu Prävention und Vorsorge bei Migranten stellen sich besondere Anforderungen, die sich einerseits aus den teilweise anderen Gesundheitsrisiken und aus unterschiedlichen gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen dieser Zielgruppe ergeben.

Für Angebote zu Prävention und Vorsorge bei Migranten stellen sich besondere Anforderungen, die sich einerseits aus den teilweise anderen Gesundheitsrisiken und aus unterschiedlichen gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen dieser Zielgruppe ergeben. Andererseits sind viele präventive Angebote für Migranten schlechter zugänglich als für die Mehrheitsbevölkerung. Solche Barrieren für die Teilnahme können auf individueller Ebene durch fehlende Sprachkenntnisse oder fehlende Kenntnisse über Angebote bestehen, auf institutioneller Ebene durch eine fehlende Ausrichtung auf die Heterogenität der Zielgruppen und damit auch auf die spezifische Situation von Migranten [3].

Die Chancen, die Präventionsprogramme für die Gesundheit von Migranten bieten, werden noch nicht genug genutzt. Das lässt sich an den wenigen verfügbaren Daten zur Teilnahme von Migranten an bestehenden Angeboten ablesen, wie z. B. Krebsfrüherkennung bei Erwachsenen oder Gesundheitsuntersuchungen bei Kindern. Nach gegenwärtigem Diskussionsstand sind jedoch keine spezifischen Programme zur Prävention und Vorsorge bei Migranten notwendig, sondern eine bessere Ausrichtung des bestehenden Systems auf die gewachsene Heterogenität der Bevölkerung und damit auch auf die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund. Der größte Anteil der Krankheitslast unter Migranten ist dem der Mehrheitsbevölkerung ähnlich, sodass es sinnvoller erscheint, die Erreichbarkeit bestehender Programme zu verbessern, z. B. durch eine sprachliche und bei Bedarf auch kulturelle Unterschiede berücksichtigende Übersetzung von Informationsmaterialien. Neue, speziell auf Migranten ausgerichtete Programme oder Einrichtungen könnten hingegen kaum flächendeckend und qualitätsgesichert angeboten werden.

Im Vordergrund präventiver Maßnahmen steht das Ziel, Risiken zu senken, z. B. bei der Säuglingssterblichkeit oder der teilweise sehr hohen Rauchprävalenz bei männlichen Migranten. Darüber hinaus sollte es aber auch ein Ziel sein, bestehende gesundheitliche Vorteile zu wahren, wie z. B. die niedrigere Rauchprävalenz bei vielen weiblichen Migranten.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "(Flucht-)Migration und Gesundheit".

Fußnoten

1.
Siehe Robert Koch-Institut (2008).
2.
Siehe Richter et al. (2007).
3.
Siehe Robert Koch-Institut (2008); Spallek und Razum (2007).

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