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1.4.2009 | Von:
Oliver Razum
Jacob Spallek

Erklärungsmodelle zu Migration und Gesundheit

Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Migration und Gesundheit bleiben oft unbefriedigend, weil explizit formulierte Erklärungsmodelle fehlen [1]. Determinanten von Krankheit und Gesundheit bei Migrantinnen und Migranten werden häufig nicht benannt, was ihre systematische Untersuchung erschwert.
Die Bulgaren Sevdalin und seine schwangere Frau Julia kommen am 11.06.2013 zu der Station der Malteser Migranten Medizin in Berlin.Patienten der Malteser Migranten Medizin in Berlin. (© picture-alliance/dpa)

Auch in der Epidemiologie erwacht erst in den vergangenen Jahren das Interesse, Migrantinnen und Migranten in epidemiologische Studien einzubinden [2]. Wenn dann – wie es nicht selten geschieht – die Daten zur gesundheitlichen Lage von Migranten nicht den Erwartungen entsprechen, beginnt nachträglich die Suche nach möglichen Erklärungen. Sie endet oft und bisweilen voreilig mit dem Schluss, es müsse sich um eine Verzerrung oder ein Artefakt (also ein aufgrund von Problemen in der Datenlage oder Fehlern in der Auswertung zustande gekommenes und letztendlich falsches Ergebnis) handeln.

Das Phänomen des "gesunden Migranten"

Viele Migrantinnen und Migranten sind gegenüber der Mehrheitsbevölkerung sozial und ökonomisch benachteiligt, daher müsste auch ihre Gesundheitssituation messbar schlechter sein. Aus der Sozialepidemiologie ist bekannt, dass ein niedriger sozioökonomischer Status das Risiko einer Erkrankung und vorzeitigen Todes erhöht. Erwachsene Migrantinnen und Migranten aus vielen Herkunftsländern, die in europäische Länder oder die USA migriert sind, weisen jedoch im Vergleich zur nicht migrierten Mehrheitsbevölkerung der Zielländer eine niedrige Mortalität auf. Ihre Sterblichkeit kann in manchen Altersgruppen bis zu 50 % niedriger liegen als in der Mehrheitsbevölkerung [3]. Die Tabelle zeigt Beispiele aus der internationalen Literatur.

 
Sterblichkeit von Migranten
 
HerkunftZiellandDatenquelleMaßRelatives Risiko
Männer - Frauen
Referenz
ChinaKanadaCanadian Mortality DatabaseRR0,55 - 0,63Sheth et al. 1999
MexicoUSANational Longitudinal Mortality StudyHR0,57 - 0,60Abraido-Lanza et al. 1999
VietnamEnglandNational Health Service RegisterSMR0,64 - 0,56Swerdlow 1991
Südeuropa*DeutschlandSozioökonomi-
sches Panel
RR0,68Razum et al. 2006
Ehem. UDSSR**Deutschland (Nordrhein-Westfalen)Bevölkerungs- und Todesur-
sachenstatistik
SMR0,89 - 0,81Ronellenfitsch et al. 2006
v.a. Latein-
amerika, Asien
USANationale MortalitätsdatenRR0,77 - 0,84Singh & Hiatt 2006
*"Gastarbeiter"-Anwerbeländer im Mittelmeerraum (Türkei, ehemaliges Jugoslawien, Italien, Spanien, Portugal)
**Aussiedler/Spätaussiedler
RR: Relatives Risiko; HR: Hazard Ration; SMR: Standardised Mortality Ration. Diese Maße geben an, wie viel Mal so hoch die Sterblichkeit der Migranten ist, relativ zur bevölkerung des Ziellandes. Beispiel: RR = 0,55: Männliche chinesische Zuwanderer in Kananda haben einen 0,55-mal so hohe Sterblichkeit wie kanadische Männer. Dies ist gleichbedeutend mit einer 45 % niedrigeren Sterblichkeit (berechnet als 100 - 0,55 * 100).
Quelle: Razum (2006)

Dieser in vielen Datensätzen beobachtete Mortalitätsvorteil der Migranten wird in der Literatur als "Healthy migrant"-Effekt bezeichnet, frei übersetzt das "Phänomen des gesunden Migranten". Es ist unwahrscheinlich, dass es sich dabei lediglich um einen Auswahleffekt bei der Migration handelt: Zwar migrieren oft besonders gesunde Menschen, ihr gesundheitlicher Vorteil müsste sich aber relativ zur Herkunftsbevölkerung zeigen, nicht notwendigerweise relativ zur Bevölkerung des Ziellandes der Migration. Zudem zeigt sich der Vorteil meist noch Jahre nach der Migration, trotz der ungünstigen sozioökonomischen Bedingungen, unter denen Migranten oft leben. Angesichts der inversen Assoziation zwischen sozioökonomischem Status und Mortalität stellt der "Healthy migrant"-Effekt ein Paradox dar.[4]

Verzerrungen

Artefakte oder Verzerrungen in den verfügbaren Daten werden immer wieder als Erklärungen für scheinbare Gesundheitsvorteile oder die niedrigere Sterblichkeit von Migranten angeführt.[5] Einerseits werden Todesfälle unter Migranten im Ausland (zum Beispiel während Reisen ins Herkunftsland) in der deutschen Todesursachenstatistik nicht registriert.[6] Andererseits könnten Migranten ins Herkunftsland zurückgekehrt sein, ohne sich in Deutschland abzumelden; sie würden damit rechnerisch weiter in der Bezugsbevölkerung verbleiben und die beobachtete Sterblichkeit "verdünnen". Sicher tragen solche Verzerrungen einen Teil zur Erklärung der Unterschiede bei. Auffallend ist aber, dass Mortalitätsvorteile von Migranten auch in Studien bestehen, die solche Verzerrungen ausschließen können.[7] Auch manche gesundheitlichen Vorteile bestehen nach statistischer Adjustierung fort – wenn auch in deutlich geringerem Maße als vorher.[8]

Soziale Unterstützung

Eine verglichen mit der Mehrheitsbevölkerung bessere "soziale Unterstützung" innerhalb der Migrantenbevölkerung [9] könnte einen Teil der gesundheitlichen Vorteile von Migrantinnen und Migranten erklären. Begründet wird das mit einer salutogenetischen, d. h. gesundheitsfördernden Wirkung sozialer Unterstützung. Es ist aber noch weitgehend ungeklärt, welchen Beitrag sie zur Erklärung gesundheitlicher Ungleichheit tatsächlich leistet. [10] "Bessere soziale Unterstützung" ist daher meist nur eine Ad-hoc-Erklärung für scheinbar paradoxe Befunde. Die zugrunde liegende Überlegung bleibt jedoch wichtig: Ein Erklärungsmodell zur Gesundheit von Migranten darf seinen Schwerpunkt nicht nur auf Faktoren legen, die einen schlechteren Gesundheitszustand bedingen, sondern muss auch migrantenspezifische gesundheitliche Ressourcen und protektive Faktoren beinhalten.[11]

Fußnoten

1.
Siehe Schenk (2007).
2.
Siehe Zeeb und Razum (2006).
3.
Siehe Razum (2006); Razum und Twardella (2002); Singh und Hiatt (2006); Swerdlow, (1991); Abraido-Lanza et al. (1999).
4.
Siehe Razum (2006).
5.
Siehe Ringbäck et al. (1999); Kibele et al. (2008); Raymond et al. (1996).
6.
Siehe Neumann (1991).
7.
Siehe Swerdlow (1991); Abraido-Lanza (1999).
8.
Siehe Lechner und Mielck (1998).
9.
Siehe White (1997).
10.
Siehe Mielck (2005).
11.
Siehe Schenk (2007).

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