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Blick auf eine Ortschaft in ländlicher Umgebung

10.7.2020 | Von:
Annett Steinführer

Dörfer und Kleinstädte im Wandel

Gegenwärtig leben etwa zwei Drittel der Bevölkerung Deutschlands außerhalb von Großstädten. Die Lebensverhältnisse in Dörfern sowie in Klein- und Mittelstädten haben sich durch die gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts, durch wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Wandel stark verändert.

Dörfer, Klein- und Mittelstädte sind die prägenden Siedlungstypen ländlicher Räume. Blick vom Apothekerbrunnen in die Straße des Friedens in Ilmenau, ThüringenDörfer, Klein- und Mittelstädte sind die prägenden Siedlungstypen ländlicher Räume. Blick vom Apothekerbrunnen in die Straße des Friedens in Ilmenau, Thüringen. (© picture-alliance, ZB / Hans Wiedl)

Dörfer und kleine Städte sind die wichtigsten Siedlungstypen in ländlichen Räumen. Hier findet gesellschaftliches Leben statt, gibt es Dienstleistungen und Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge, ist Wohnen möglich. In der öffentlichen Debatte um großstädtisches Wachstum erscheinen Kleinstädte und Dörfer oft als randständige Siedlungsformen, die in jüngerer Zeit vermeintlich ausschließlich von Einwohnerverlusten gekennzeichnet seien. Legt man die Thünen-Typologie (siehe Kapitel Was sind eigentlich ländliche Räume?, Grafik "Ergebnis des Thünen-Ansatzes zur Abgrenzung und Typisierung ländlicher Räume") zugrunde, lebt gegenwärtig etwa die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland in ländlichen Räumen – und damit in Dörfern sowie kleinen und mittleren Städten mit sehr unterschiedlichen Entwicklungspfaden.

Dörfer gestern und heute

Dorf, so ist im zweiten Band des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm aus dem Jahr 1860 zu lesen, hieß "ursprünglich [...] wol so viel als zusammenkunft geringer leute auf freiem feld, dann aber eine niederlassung derselben an einem solchen ort, um ackerbau zu treiben". Als weiteres Strukturmerkmal galt ein Mangel an Befestigungsanlagen, der im "Gegensatz zu den Burgen und Städten" stand (DWB Bd. 2, Sp. 1277). In der Geografie bezeichnet Dorf eine ländliche Gruppensiedlung ab einer Größe von etwa 100 Einwohnerinnen und Einwohnern bzw. 20 Höfen oder Gebäudekomplexen. Während sich eine quantitative Grenze nach oben nicht fest bestimmen lässt, werden kleinere Siedlungen beispielsweise als Weiler bezeichnet. Für ein normalgroßes Dorf in Mitteleuropa ist von einer Bevölkerungszahl von etwa 1.000 bis 1.500 Personen auszugehen. Geografen wie Martin Born oder Gerhard Henkel heben auch die bauliche Prägung durch früher oder gegenwärtig vorherrschende agrarische Wirtschaftsformen als Strukturmerkmale des Dorfes hervor. Viele Dörfer haben in den Jahrzehnten seit 1960 ihre rechtliche Eigenständigkeit verloren und wurden in kleinere oder größere Städte eingemeindet. Bei aller baulichen Überprägung und Verdichtung finden sich selbst in Großstädten wie Berlin oder München heute noch erkennbare Reste vormals agrarisch geprägter Siedlungsteile.

Versucht man Dörfer nicht siedlungsbezogen, sondern beispielsweise aus einer soziologischen Perspektive zu fassen, so sind es wesentlich die beiden Dimensionen von "Gemeinschaft" (als Fremd- und Selbstzuschreibung) sowie "Natur" (im Sinne unterschiedlicher Nutzungsformen natürlicher Ressourcen), mit denen diese Siedlungsform beschrieben werden kann.

Die über Jahrhunderte gültige Gleichung vom Dorf als Ort landwirtschaftlicher Produktion und Arbeit hat sich im 20. Jahrhundert vielerorts aufgelöst. Von größter Bedeutung war hierfür der im 19. Jahrhundert einsetzende Prozess der Industrialisierung, der eine starke Verstädterung der Gesellschaft nach sich zog (siehe Kapitel Wirtschaftliche Vielfalt ländlicher Räume). Damit wanderten nicht nur viele Arbeitskräfte von den Dörfern in die weit über ihre historischen Grenzen wachsenden Städte ab, sondern auch ländliche Räume selbst wurden durch die neue Welt der Industrie verändert: Pendelnde Arbeiterinnen und Arbeiter brachten neben Geld auch andere Erfahrungen und Lebensvorstellungen ins Dorf. In landschaftlich attraktiven Gegenden wurden diese Entwicklungen durch den Fremdenverkehr – etwa durch Kurgäste oder die damals gern als "Sommerfrischler" bezeichneten Urlauberinnen und Urlauber – weiter verstärkt.

Die Auflösung traditioneller Lebensverhältnisse in den Dörfern beschleunigte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, zusätzlich verstärkt durch den Zuzug von Geflüchteten und Vertriebenen etwa aus Schlesien und Böhmen. Als Übergang des Dorfes "zu einem offenen Gebilde" beschrieb eine soziologische Untersuchung von Gerhard Wurzbacher und Renate Pflaum 1954 (siehe Literatur zu diesem Kapitel ) die lokalen Folgen der gesamtgesellschaftlichen Modernisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts und insbesondere der ersten Nachkriegsjahre: "Zuziehende und dorffremde Lebensformen finden nunmehr leichter Zugang, die Person gewinnt individuellere Entfaltungsmöglichkeiten".

Der Strukturwandel der Landwirtschaft – vor allem die sinkende Zahl der Haupterwerbslandwirte – setzte sich fort und veränderte in grundlegender Weise die ökonomische Basis der meisten Dörfer und ihre Sozialstruktur. Seit den 1950er-Jahren entwickelten sich Dörfer in Westdeutschland mehr und mehr zum Abbild gesellschaftlicher Vielfalt, ohne dass die Arbeitsplatzverluste der Landwirtschaft kompensiert werden konnten – Pendel-, Wohn- und Schlafdörfer sind bis heute die Folge.

Einen anderen Entwicklungspfad nahmen die Dörfer in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR (einen anschaulichen Überblick geben Jens A. Forkel u. a. 2016 am Beispiel von Mecklenburg, siehe Literatur zu diesem Kapitel). Auch im Osten Deutschlands war in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein grundlegender Bevölkerungswandel durch die Zuwanderung von Vertriebenen und Flüchtlingen zu verzeichnen. Mit der Bodenreform erhielten viele der neuen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sogenannte Neubauernstellen und blieben. Für die Herausbildung des "sozialistischen Dorfs" war die Kollektivierung (siehe auch Kapitel Wirtschaftliche Vielfalt ländlicher Räume) ab den 1950er-Jahren der einschneidende Veränderungsprozess: In den neu entstehenden und nach wenigen Jahren flächendeckend existierenden Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) wurden Grund und Boden kollektiv bewirtschaftet. Bis zum Ende der DDR waren die LPGs sowohl Treiber einer industriemäßigen Landwirtschaft als auch Gewährleister zahlreicher sozialer Einrichtungen in den Dörfern – vom Kindergarten bis hin zum Kulturhaus.

Dies änderte sich grundlegend nach der Wiedervereinigung, beschränkten sich doch die in Agrargenossenschaften oder Kapitalgesellschaften (z. B. GmbHs) überführten landwirtschaftlichen Unternehmen weitgehend auf ihre rein wirtschaftliche Funktion. Verbunden mit den sich parallel vollziehenden Transformationsbrüchen (z. B. Schließung von Industriebetrieben, Verkleinerung von Verwaltungen und des Militärs) führte dies in den 1990er- und 2000er-Jahren zur Massenarbeitslosigkeit. Eine Folge dieser Veränderungen war eine starke Abwanderung vor allem jüngerer und besser ausgebildeter Bevölkerungsgruppen.

Bei allen ökonomischen Veränderungen der Dörfer im 20. Jahrhundert und einem beschleunigten demografischen Wandel insbesondere in Ostdeutschland seit den 1990er-Jahren hat sich die immer wieder formulierte Befürchtung eines "Sterbens" der Dörfer aufgrund von Abwanderungen und einer vielerorts negativen natürlichen Bevölkerungsentwicklung (also einer höheren Zahl von Sterbefällen als Geburten) nicht bewahrheitet.

Quellentext

Können Dörfer wirklich "sterben"?

Kriegerische Auseinandersetzungen, Naturkatastrophen, Epidemien, erschöpfte Bodenschätze und gesellschaftliche Umbrüche haben in der Vergangenheit immer wieder dafür gesorgt, dass Siedlungen aufgegeben wurden. Ortsnamen wie Wüstenschlette in Sachsen oder Wüstenbilow in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch Neudorf in Sachsen-Anhalt verweisen noch heute auf solche historischen Entsiedelungsprozesse. Auch in der jüngeren Vergangenheit (in den 1970er-Jahren und erneut verstärkt ab dem Jahr 2000) spielte das Thema des lokalen Bevölkerungsrückgangs in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte eine wichtige Rolle. Ein ganzes Glossar an Niedergangsbegriffen hat sich so entwickelt – von "Landflucht" und "Entleerung", ja sogar von "Wolfserwartungsland" und (kommenden) "Wüstungen" war da die Rede. Immer wieder wurde von "sterbenden" Dörfern berichtet, ohne dass freilich Belege für tatsächlich "gestorbene" Dörfer erbracht wurden.

Nun sind in der jüngeren Vergangenheit tatsächlich Dörfer von der Landkarte verschwunden, doch allen wiederkehrenden Prognosen zum Trotz zeichnete dafür nicht "die Demografie" verantwortlich. Vielmehr waren (und sind) es alternative Nutzungsansprüche der Gesellschaft – meist: des Staates –, denen Vorrang vor der Erhaltung von Dörfern eingeräumt wurde und wird. In den Jahrzehnten nach 1945 waren es insbesondere Truppenübungsplätze, Tagebaue und Talsperren, denen Dörfer zum Opfer gefallen sind. So wurden in Deutschland nach den Berechnungen des Geowissenschaftlers und Leiters des Regionalen Planungsverbands Leipzig-Westsachsen Andreas Berkner allein in den drei größten Braunkohlerevieren zwischen 1951 und 2008 mehr als 100.000 Menschen aus knapp 300 ganz oder teilweise verschwundenen – abgebrochenen, gefluteten, anderswo neu aufgebauten – Orten umgesiedelt. Bekannte Namen in der erhitzten öffentlichen Debatte waren etwa Heuersdorf bei Leipzig oder Horno/Rogow in der Niederlausitz. Auch für erneuerbare Energien wurden Dörfer aufgegeben, beispielsweise Schulenberg in Niedersachsen zugunsten der 1956 fertiggestellten Okertalsperre oder das brandenburgische Schlagsdorf/Mark, wo heute ein Windpark steht. Nicht selten begünstigten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts langfristige Abwanderungen in den Jahrzehnten davor die mit konkurrierenden Nutzungsansprüchen begründete Aufgabe von Dörfern.

Annett Steinführer

Kleinstädte als Zentren ländlicher Räume

Ländliche Räume bestehen nicht nur aus Dörfern. Immer schon dienten Kleinstädte als ihre Ankerpunkte und regionalen Zentren. Raumplanerisch wird diese Rolle in Deutschland durch die Zuweisung eines Status als Grund- oder Unterzentrum (mit Einrichtungen des Grundbedarfs für die Bevölkerung der Stadt und ihres Umlands) oder als Mittelzentrum (in dem darüber hinaus zentralörtliche Einrichtungen und Angebote zur Deckung des gehobenen Bedarfs vorhanden sind) verstärkt. Neben ihrer wirtschaftlichen Bedeutung als Markt- und Versorgungszen-trum sowie ihrer politischen Steuerungsfunktion waren Kleinstädte immer auch Orte des kulturellen Austauschs und des Innovationstransfers in ländliche Räume. Ein typisches Muster vieler Kleinstädte ist ihre funktionale Spezialisierung – historisch etwa als Residenz- oder Beamtenstädte, in der Gegenwart beispielsweise als Kur- und Erholungsorte.

Verstädterung in Deutschland: Anteil der Bevölkerung nach Gemeindegrößen in % (© Datenquelle: Franz Rothenbacher / Georg Fertig, Bevölkerung, Haushalte und Familien, in: Thomas Rahlf (Hg.), Deutschland in Daten. Zeitreihen zur Historischen Statistik (bpb-Zahlenbilder), Bonn 2015, S. 30–45, hier: S. 43)
Ob eine Stadt als "klein" gilt, hängt vom Vergleichsmaßstab und von Konventionen ab, die sich von Staat zu Staat unterscheiden können. Seit 1877 werden Kleinstädte in der amtlichen Statistik in Deutschland als Orte mit 5.000 bis 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ausgewiesen, Mittelstädte analog als Gemeinden mit einer Bevölkerungszahl von 20.000 bis 100.000. Diese rein quantitative Stadtdefinition war im 19. Jahrhundert eine folgerichtige Antwort auf die Urbanisierung und auf den Bedeutungsverlust des in Mittelalter und Neuzeit so wichtigen rechtlichen Stadtstatus. Noch heute findet die auf der Bevölkerungszahl basierende Typisierung Verwendung – teils ergänzt um sich wandelnde Zentralitätskriterien.

In der Laufenden Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) werden Gemeinden eines Gemeindeverbandes oder eine Einheitsgemeinde als Kleinstadt verstanden, wenn in ihnen entweder 5.000 bis unter 20.000 Einwohnerinnen und Einwohner leben oder wenn ihnen die Regionalplanung eine wenigstens grundzentrale Bedeutung mit Teilfunktionen eines Mittelzentrums zugewiesen hat. Dabei wird der Status als Mittelzentrum beispielsweise an Kriterien wie einer Mindesteinwohnerzahl, dem Vorhandensein einer Schule mit Sekundarstufe II (Gymnasialstufe), ansässigen Fachärzten, vorhandenen Krankenhäusern oder kulturellen Angeboten festgemacht. Dieser Abgrenzung zufolge lebten Ende 2017 etwa 29 Prozent der Gesamtbevölkerung in 2106 Kleinstädten. Dies entsprach knapp 47 Prozent aller 4.528 Einheits- und Verbandsgemeinden.

Quellentext

Durch Zusammenschluss fit für die Zukunft?

[…] Seit acht Wochen ist Christian Kehrer Bürgermeister von Oberzent. Mit mehr als 165 Quadratkilometer Fläche ist das die drittgrößte Stadt Hessens, nur Frankfurt und Wiesbaden sind größer. Der Ort hat viel Wald, aber nur wenige Bürger. Heute leben hier 10.401 Menschen. Vor über 20 Jahren waren es knapp 1.200 Menschen mehr. Kehrers Stadt gibt es erst seit dem 1. Januar [2018]. Es ist die erste Gemeindegründung seit rund 40 Jahren in Hessen. Keine, die, wie sonst üblich, von oben als Gemeindereform verordnet wurde, sondern eine freiwillige, der über 80 Prozent der Bürger zugestimmt haben – und doch ist sie aus der Not geboren. Denn die Gemeinden Beerfelden, Hesseneck, Sensbachtal und Rothenberg im Odenwald schrumpfen seit Jahren, die Bevölkerung wird prozentual älter. Die Einnahmen reichten nicht mehr, um Kitas oder Kanalisation anständig zu unterhalten. Aber diese braucht man, will man nicht noch schneller schrumpfen. "Wir hatten als einzelne Gemeinden keinen Handlungsspielraum mehr", sagt Kehrer.

Deutschland weiß nahezu alles über die Nöte seiner Städter: Es kennt den Mietpreisboom in Berlin-Mitte, die kaum erschwinglichen Hauspreise im Stuttgarter Speckgürtel, die Feinstaubbelastung an der Hamburger Stresemannstraße. Es kennt die Kämpfe gegen Gentrifizierung und um bezahlbare Wohnungen, für autofreie Innenstädte und Bioessen in Kitas. Es gibt aber noch ein anderes Deutschland. […]. Bezahlbares Wohnen ist dort weniger ein Problem, weil die Preise für Mieten und Immobilien seit vielen Jahren kaum steigen – oder sogar fallen. Dort gibt es Dörfer, in denen es keinen Laden und keine Gaststätte mehr gibt. Wo die Wege zur nächsten Schule weit und Ärzte manchmal so schwer zu finden sind wie die Luchse im Harz.

Deutschland wächst und schrumpft zugleich, oft machen nur wenige Kilometer den Unterschied aus. Zwischen 2005 und 2015 wuchs die Bevölkerung der 77 Großstädte um 1,4 Millionen Menschen. Es gab auch mittlere und kleinere Städte, vor allem mit Hochschulen, die wuchsen. Doch 37 Prozent der Mittelstädte sind geschrumpft, das gilt auch für 52 Prozent der Kleinstädte. Etwa 15 Millionen Menschen leben in solchen Gemeinden.

Die Herausforderungen des Ausdünnens an die Politik sind mindestens so groß, wie die der steigenden Mietpreise in den Boomregionen. "Gleichwertige Lebensverhältnisse" für alle Bürger, egal, wo sie leben, gehört zu den Prämissen des Grundgesetzes. Doch wie gleich ist "gleichwertig" noch? Wenn es weit und breit kein Kino gibt? Wenn in den dünn besiedelten Gebieten weniger als 20 Prozent der Menschen einen Hausarzt in der Nähe haben?

Kehrer, der Bürgermeister von Oberzent, ist 42 Jahre alt. Er wurde hier geboren, wollte nie weg und lebt heute in Finkenbach, einem der 19 Ortsteile seiner Stadt. […] "Durch die Fusion haben wir finanziellen Handlungsspielraum gewonnen", sagt er. Die Gemeinde spart 900.000 Euro im Jahr, vor allem weil statt vier Bürgermeistern nur noch einer bezahlt wird. Wegen der höheren Einwohnerzahl steigen die Zuweisungen des Landes, zugleich hat Hessen die Gemeinde um 4,5 Millionen Euro Schulden erleichtert. Geld, das dringend benötigt wird: Von einem zum anderen Ende der Stadt sind es 40 Kilometer, Oberzent muss 266 Straßen unterhalten. In drei Teilgemeinden müssen die Wasserleitungen erneuert werden. Geschätzte Kosten: 7 Millionen Euro. Eines der wichtigsten Vorhaben ist das Gesundheitszentrum der Stadt, das im März eröffnet hat. "Die meisten Ärzte hier in der Region sind mittlerweile 60 Jahre und älter", sagt Kehrer, "ein Großteil wird bald in den Ruhestand gehen." Nachwuchs zu bekommen ist schwer.

Gut einen Kilometer entfernt vom Rathaus hat Bernhard Wagner vor ein paar Wochen seine neuen Praxisräume im kleinen Gewerbegebiet bezogen. […] Wagner ist 41 Jahre alt und hatte bis vor Kurzem noch eine Praxis im Oberallgäu. Nun leitet er als erste Anlaufstation das Gesundheitszentrum. "Mich reizt der Ansatz, hier wird Gas gegeben", sagt Wagner. Es ist das erste Zentrum seiner Art in Hessen, gefördert von der Landesregierung. Es soll den Menschen nahe am Wohnort eine integrierte Versorgung mit Haus-, Fachärzten und Sozialdiensten sichern – was für Städter eine Selbstverständlichkeit ist. Ein Chirurg hat hier ebenso seine Räume wie ein Urologe, eine Frauenärztin, ein Orthopäde. Es gibt eine Heilpraktikerin, einen Psychotherapeuten, einen Neurologen und Physiotherapeuten. Gesucht werden noch ein Hausarzt und ein Augenarzt. Wagner bietet 32 Sprechstunden in der Woche an. Er macht Hausbesuche, die die Krankenkasse mit 22,59 Euro vergütet, gleich, wie lang der Weg ist und wie lange sie dauern. Mehr als zwei am Tag schafft er wegen der Entfernungen nicht. […]

In den schrumpfenden Regionen wird der demografische Wandel wie unterm Brennglas sichtbar. Die Großstädte profitieren von dem Zuzug der Jungen, dort liegt das Durchschnittsalter bei 42,4 Jahren. In den ländlichen Kreisen liegt es bei 45,2 Jahren. In den dünn besiedelten und strukturschwachen Gebieten, vor allem im Osten, ist schon heute jeder vierte Einwohner mindestens 65 Jahre alt. Dort erodiert die Mitte der Gesellschaft. […]

Christoph Seip sitzt auf einer Bank am historischen Galgen am Rand von Beerfelden, der 1597 errichtet wurde. Man hat hier einen schönen Blick über die Felder. Der 34-Jährige wurde in der Region geboren. Nach der Schule zog er los zum Studium, er hat die Welt gesehen. Zuletzt lebte er in Mannheim. Seit 2014 arbeitet der IT-Spezialist bei Daimler in Stuttgart, er ist Projektleiter. […] "Als meine Frau schwanger wurde, haben wir uns die Frage gestellt: Wo wollen wir leben?", sagt Seip. In Stuttgart, mit Hauspreisen bis zu einer Million Euro? Sie entschieden sich für die Heimat. "Ich möchte, dass meine Kinder auf dem Land groß werden", sagt Seip. Also haben sie auf dem Grundstück seiner Eltern ein Haus gebaut. Tageweise arbeitet Seip in Stuttgart und im Homeoffice. Weil er glaubt, dass auch andere in Zukunft diesen Weg gehen werden, hat er mit anderen eine Plattform für Start-ups in Oberzent aufgemacht. Er will den Ort für junge Gründer attraktiv machen. Man könnte darüber lächeln. Andererseits, warum? Warum nicht den Boom der Großstadt auf das Land übertragen? Experten helfen, vom Schreiben des Businessplans bis zur Finanzierung, billige Geschäftsräume gibt es genug. "Wenn es Netzwerke gibt, dann auf dem Land", sagt Seip. Nach zwei Monaten liegen bereits 16 Geschäftsideen auf dem Tisch, die ersten Businesspläne sind geschrieben.

Markus Dettmer / Robin Wille, "In einem anderen Land", in: DER SPIEGEL Nr. 34 vom 18. August 2018, S. 62 ff.

Diese Zahlen sind nur als eine grobe Annäherung zu verstehen, denn durch veränderte Raumordnungspläne und Gemeindegebietsreformen wandeln sich Statuszuweisungen für zentrale Orte, werden Kleinstädte selbst eingemeindet oder neu gebildet. Gebietsreformen gelten seit Jahrzehnten als probates Mittel, um Kommunalverwaltungen und Einrichtungen der Daseinsvorsorge an gesellschaftliche Veränderungen anzupassen und ihre Leistungsfähigkeit zu erhöhen. In der Hochphase des Reformeifers zwischen 1960 und 1976 nahm die Zahl der Gemeinden in der damaligen Bundesrepublik von 24.500 auf 10.700 und damit um 56 Prozent ab. Ganz im Sinne der in Politik und Wissenschaft vorherrschenden Idee einer "nachholenden" Modernisierung wurde dieser Prozess nach der Wiedervereinigung auch in den fünf ostdeutschen Flächenländern vollzogen: Innerhalb der ersten zehn Jahre verringerte sich hier die Zahl der Gemeinden um 30 Prozent, und 2015 war sie im Vergleich zu 1990 von 7.600 auf knapp 2.700 und damit um 65 Prozent gesunken. Die Zahl der Kleinstädte erhöhte sich von Ende 1992 bis Ende 2018 von 259 auf 413, die Zahl der Landgemeinden nahm – bei großen Unterschieden zwischen den Bundesländern – von 7.159 auf 2.930 ab.

Was
Siedlungsstruktur zweier Kleinstädte im Vergleich: Möckern (Sachsen-Anhalt) und Eppstein (Hessen) (© GeoBasis-DE/BKG)
Was diese Prozesse bedeuten, lässt sich gut an zwei Beispielen zeigen: Die mit über 500 Quadratkilometern viertgrößte deutsche Flächengemeinde, die Stadt Möckern in Sachsen-Anhalt, ist planungsrechtlich und von der Bevölkerungszahl (13.000) her eine Kleinstadt. Damit ist sie, bei annähernd gleicher Bevölkerungszahl, flächenmäßig etwa 22mal größer als die dicht besiedelte Stadt Eppstein in Hessen. Des Weiteren gibt es in Deutschland mehr als 300 Klein- und Landstädte mit weniger als 5.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die in ihren Selbstdarstellungen oft stolz auf ihr Stadtrecht hinweisen – in der Laufenden Raumbeobachtung aber nicht als Städte verstanden werden. Die kleinste von ihnen ist Arnis in Schleswig-Holstein mit 284 Einwohnerinnen und Einwohnern und einer Fläche von 0,5 Quadratkilometern (2018).

Kleinstädte ergänzen die vielfältige Städtelandschaft Deutschlands und verdeutlichen in besonderem Maße, dass "Stadt" und "Land" keine absoluten Raumkategorien sind, denn die typische Kleinstadt in Deutschland besteht heutzutage aus einem in den Ursprüngen oft mittelalterlichen Kern und einer kleineren oder größeren Zahl von im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts eingemeindeten Dörfern, deutlich erkennbar etwa in der aufgelockerten Siedlungsform von Möckern.

Eine relativ geringe Bevölkerungszahl ist ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium für Kleinstädte. Hinzu kommt eine im Vergleich zu Großstädten weniger dichte, dennoch städtische Art der Bebauung. Diese ist mit einer kleinteiligen und relativ beständigen Eigentümerstruktur verbunden. Typisch für Kleinstädte in Deutschland und bedeutsam für die lokale Identität sind historische bauliche Überreste – etwa eine Stadtmauer oder ein Rathaus aus der Gotik bzw. Renaissance.

Quellentext

Irgendeinen Schatz gibt’s immer

[…] Es ist ein trüber Februartag, Schmuddelwetter […]. Aber der Blick auf den Schatz des Städtchens [Wanfried] entlohnt für Gänsehaut und kalte Füße: Ein prächtiges Ensemble alter, oft hochherrschaftlicher Fachwerkhäuser. Keine windschiefen Butzen, nein, tipptopp renovierte Gebäude. Die hätten den Ort einst fast in den Ruin getrieben, retteten ihn aber auf wundersame Weise schließlich vor dem Niedergang. Der Ort an der Werra ist ein, wenn auch ungewöhnliches, Beispiel dafür, wie eine Provinzkommune ohne Autobahnanschluss, Hochschule und Großunternehmen ihr Überleben einigermaßen sichern kann. […] Die alte Hafenstadt an der hessisch-thüringischen Grenze dörrte nach der Wiedervereinigung sozusagen aus. Die Leute zogen weg, auf der Suche nach besseren Jobs, andere starben. Dutzende Häuser, auch altehrwürdige Fachwerkhäuser im Ortskern, standen leer, blinde Scheiben, bröckelnder Putz. Es herrschte Trauer, auch Angst. Man bangte um die Existenz. Weniger Menschen, weniger Geld, weniger Leistungen der Gemeinde – ein teuflischer Kreislauf, ein Albtraum, den andere ländliche Gemeinden jenseits der Speckgürtel und wohlhabenden Mittelzentren der Republik nur zu gut kennen. Dann 2007 […] wurde [Wilhelm] Gebhard Bürgermeister […]. Zugleich hatte sich zu dieser Zeit eine Bürgergruppe zusammengefunden, aus einer Mischung von Verzweiflung und Leidenschaft. Sie alle waren und sind Liebhaber von Fachwerkhäusern, denen das Herz blutete, wenn sie auf die verfallenden historischen Gebäude blickten. Bei diesen Enthusiasten wiederum holte sich ein holländisches Ehepaar Rat, das an der Renovierung eines alten Forsthauses zu scheitern drohte.

[…] Bürgermeister Gebhard […] kam auf die Idee, in den Niederlanden Werbung für seine Häuser zu machen, die waren damals noch zu einem Spottpreis zu erwerben. Die Interessenten aus dem Westen reisten an, manche kauften und restaurierten mithilfe der Experten von der Bürgergruppe. […] Aber kann man mit zwei Dutzend zwar solventen, aber nicht mehr ganz jungen Niederländern eine Stadt retten? Natürlich nicht. Skeptiker, Kritiker und Neider mokierten sich seinerzeit, dass die Entwicklungen in Wanfried eine Art Gentrifizierungs-Firlefanz seien, nicht nachhaltig und deshalb Unfug. Unfug? Von wegen. Denn die Berichte über diese Holländer, die unbedingt an die Werra wollten, machten auch Deutsche neugierig. Aus Frankfurt, aus Wiesbaden und Freiburg meldeten sich Leute, die es aus den Zentren in die Provinz zog […]. Ruhiger, preiswerter, sicherer. […]

[…] [D]ie 21 einst leer stehenden Fachwerkhäuser sind verkauft, 13 an Niederländer, fünf davon werden dauerhaft von ihnen bewohnt, die übrigen dienen als Ferienwohnungen. Der kleine Fachwerkrausch war eine Art Urknall. Inzwischen werden auch weniger herrschaftliche Immobilien saniert, finden Mieter und auch Käufer. […] Auch die Siedlungshäuser am Ortsrand, gebaut in den 1950er-Jahren für Flüchtlinge aus der DDR, werden hergerichtet, Block für Block. Die Kita sei proppenvoll, die Schule auch, sagt der Bürgermeister. Auch das haben, wenn nur indirekt, die Niederländer bewirkt. […] In Wanfried jedenfalls gibt es längst keine historischen Super-Schnäppchen mehr.

Die Wanfrieder können mit der Bilanz der vergangenen Jahre zufrieden sein. Der Bevölkerungsschwund wurde gestoppt. 1991, ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung, lebten noch 4938 Menschen in der Stadt. 2015 waren es gerade noch 4131. Inzwischen geht es wieder leicht aufwärts: Im vergangenen Jahr [2018] zählte man immerhin 4177 Einheimische. Alles gut also im Ort? Nicht ganz. Mehr Arbeitsplätze zum Beispiel wären schon schön. Es gibt keine großen Firmen und Fabriken, dafür Handwerk und mittelständisches Gewerbe. Etliche Einwohner pendeln ins nahe Eschwege, manche auch nach Kassel oder noch ein Stückchen weiter. Wer kann und darf, arbeitet im Homeoffice, das Netz funktioniert schließlich anständig. […] 1990, kurz nach der Wende, hatte Wanfried 1312 sozialversicherungspflichtige Jobs. 2005 waren es gerade noch 666. Jetzt sind es immerhin wieder 770. Kein Boom, sicher nicht. Aber es geht langsam aufwärts. […]

[…] Nun hat natürlich nicht jeder Ort einen historischen Fachwerkbestand. Aber irgendeinen Schatz gibt es immer. Sei es eine zentrale Lage, mit guten Straßenverbindungen in den Rest der Republik. Seien es fruchtbares Ackerland oder alte Kasernen, die man zu Wohnungen, Büros oder Gewerberäumen umbauen kann. Eine Kita mit langen Öffnungszeiten und ausreichend Personal kann auch ein Zuwanderungsmagnet sein, ebenso ambitionierte Schulen, es muss nicht ein Gymnasium sein. Wer als Vater oder Mutter vergleichsweise preiswert und mit viel frischer Luft leben will, nimmt bei solchen Angeboten auch längere Pendelfahrten zur Arbeit in Kauf. Und Wanfried lehrt auch: Es lohnt sich, das heimische Silber zu putzen. Man muss das Zentrum mit allen Mitteln pflegen und schützen. "Was hilft uns ein Neubaugebiet, wenn die Ortskerne verkommen?", fragt Bürgermeister Gebhard beim Stadtrundgang. […] Ohne rührige Kommunalpolitiker kommt eine Gemeinde nicht auf die Beine. Aber auch nicht ohne eine engagierte Ortsgemeinschaft. Ohne die Fachleute der Bürgergruppe hätten sich die Niederländer nicht in Wanfried eingekauft, ohne die wiederum wären die Leute aus Frankfurt, Wiesbaden und Freiburg womöglich woandershin gegangen […]. Die Neuankömmlinge, so erzählen die Herren aus der Bürgergruppe, hätten die Stadt bereichert. […]

Susanne Höll, "Das Wunder von Wanfried", in: Süddeutsche Zeitung vom 23. Februar 2019

Die Jahrzehnte seit der Wiedervereinigung 1990 waren für den Großteil der Kleinstädte in wirtschaftlich schwachen Regionen mit ausgeprägtem Arbeitsplatzabbau in Industrie und Landwirtschaft, aber auch im öffentlichen Sektor verbunden. Das gilt in besonderem Maße für Ostdeutschland, doch war und ist wirtschaftliche Strukturschwäche, verbunden mit negativen Folgen des demografischen Wandels, auch ein Kennzeichen für Regionen in den alten Ländern, etwa in der Nähe zur vormaligen innerdeutschen Grenze. Viele Kleinstädte verloren wichtige Infrastruktureinrichtungen, wie etwa weiterführende Schulen, und mussten Bevölkerungsrückgange insbesondere durch Abwanderungen verkraften. In extremen Fällen haben Kleinstädte innerhalb der zwei Jahrzehnte von 1990 bis 2010 bis zu 40 Prozent ihrer Einwohnerinnen und Einwohner verloren.

Demografische und ökonomische Strukturdaten nach Stadt- und Gemeindetypen sowie nach Ost- und Westdeutschland (© Datenquelle: Indikatoren und Karten zur Raum- und Stadtentwicklung, INKAR, Ausgabe 2019. Hg.: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Bonn 2019)
Mit Blick auf neuere Daten konnten Kleinstädte in Westdeutschland allerdings zwischen 2012 und 2017 wieder Bevölkerungsgewinne verzeichnen und die Schrumpfung ost-deutscher Kleinstädte hat sich verringert. Die Zahl der Arbeitslosen im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist überall zurückgegangen und hat sich in den meisten ostdeutschen Stadt- und Gemeindetypen überwiegend mehr als halbiert – was freilich nicht nur an mehr Arbeitsplätzen, sondern auch an einer zurückgehenden Erwerbsbevölkerung liegt. Dass eine reine Defizitperspektive Kleinstädten mit wirtschaftlichen Dynamiken und Bevölkerungswachstum sowohl in peripheren Lagen als auch innerhalb von Agglomerationsräumen nicht gerecht wird, hat in den vergangenen Jahren die Forschung zu den sogenannten Hidden Champions, das heißt meist mittelständischen Weltmarktführern in eng spezialisierten Bereichen, gezeigt (siehe auch Kapitel Wirtschaftliche Vielfalt ländlicher Räume).

Der Bevölkerungsrückgang und die Alterung in vielen ländlichen Räumen sowie die zunehmende lokale Konzentration von Einrichtungen der täglichen Versorgung verlangen von kleinen Städten heute, neue bzw. erweiterte Funktionen für ihr regionales Umland wahrzunehmen. Gleichzeitig werden diese Anforderungen durch die anhaltenden Funktionsverluste etwa im innerstädtischen Einzelhandel konterkariert, der unter der Konkurrenz der Verbrauchermärkte "auf der grünen Wiese" sowie des Internets zu leiden hat (siehe Kapitel Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen). Von einem anhaltenden Wandel der Dörfer und Kleinstädte kann also auch in Zukunft ausgegangen werden, ohne dass die konkreten Dynamiken, Funktionen und Siedlungsformen vorhersagbar sind.