Blick auf eine Ortschaft in ländlicher Umgebung

10.7.2020 | Von:
Christian Hundt
Anne Margarian
Jan Cornelius Peters

Wirtschaftliche Vielfalt ländlicher Räume

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten im Deutschen Reich mehr Erwerbstätige in der Industrie als in der Landwirtschaft. Inzwischen dominiert in ganz Deutschland der Dienstleistungssektor – auch in den ländlichen Räumen. Dennoch sind die regionalen Branchenstrukturen vielfältig.

In ländlichen Räumen sind oftmals sogenannte Hidden Champions anzutreffen, Weltmarktführer auf ihrem Gebiet. Zu ihnen zählt die Firma hansgrohe in Schiltach im Schwarzwald, hier in einer Luftaufnahme von 2019.In ländlichen Räumen sind oftmals sogenannte Hidden Champions anzutreffen, Weltmarktführer auf ihrem Gebiet. Zu ihnen zählt die Firma hansgrohe in Schiltach im Schwarzwald, hier in einer Luftaufnahme von 2019. (© picture-alliance, ZB / euroluftbild.de / Martin Bildstein)

Sektor- und Siedlungsstrukturen im historischen Wandel

In der Wahrnehmung breiter Bevölkerungskreise herrschen Vorstellungen von der ländlichen Wirtschaft, die weniger mit deren aktuellen Strukturen als vielmehr mit deren traditionellen Erscheinungsformen verknüpft sind. Über mehrere Jahrtausende hinweg bestand der Hauptzweck des Wirtschaftens für Menschen in der Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse, darunter die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Noch gegen Ende des 15. Jahrhunderts waren bis zu 90 Prozent der Erwerbstätigen in Europa in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Menschen lebten und arbeiteten mehrheitlich in kleinen Dörfern, deren große Abhängigkeit vom weiträumig verteilten Produktionsfaktor Boden zudem für eine zerstreute Siedlungsstruktur sorgte.

An dieser dünnen, weiträumigen Besiedlung und der großen Abhängigkeit der Menschen von der Landwirtschaft änderte sich bis zum 19. Jahrhundert wenig. Zwar führte das Bevölkerungswachstum des 12. und 13. Jahrhunderts zu einer Welle von Stadtgründungen, so die Wissenschaftler Franz Rothenbacher und Georg Fertig 2015. Mit dem rasanten Städtewachstum im 19. und 20. Jahrhundert aber war diese Entwicklung kaum vergleichbar. Zum einen hatten die Städte bis zum Ende des Mittelalters oft nur einige hundert Einwohner, zum anderen behielten sie nach Erkenntnis des Stadtforschers Hartmut Häußermann (2012) vielfach den Charakter einer Agrarstadt (oder Ackerbürgerstadt), in der sich der Großteil der Bevölkerung durch Landwirtschaft selbst versorgte.

Darüber hinaus brachen die Bevölkerungszahlen infolge von Kriegen, Hungersnöten und Seuchen immer wieder ein. Besonders verheerend wirkten die vor allem im 14. Jahrhundert stark grassierende Pest sowie der Dreißigjährige Krieg (1618–1648), denen jeweils große Teile der Bevölkerung zum Opfer fielen und die auch zur Aufgabe von Siedlungen führten. Mitte des 17. Jahrhunderts, kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, lebten im nordalpinen Teil des Heiligen Römischen Reichs, zu dem das Gebiet der heutigen Bundesrepublik damals zählte, nur ungefähr zehn Millionen Menschen und damit nicht mehr als bereits um 1470 (siehe hierzu und zu den folgenden Angaben zu Bevölkerungszahlen und Wirtschaftsstruktur in diesem Abschnitt die Grafik "Bevölkerung und Erwerbstätigkeit" in diesem Kapitel und die dort angegebenen Quellen).

Bevölkerung und Erwerbstätigkeit ca. 1340 bis 2018Anmerkung: Aufgrund sich ändernder Gebietsstände und fehlender systematischer statistischer Erhebung auf gesamtwirtschaftlicher Ebene vor den 1950er-Jahren bleibt die Darstellung der Zahlen lückenhaft und ungenau. Die Abstände auf der horizontalen Achse sind nicht gleich weit voneinander entfernt. Eigene Abbildung. Datenquellen: Statistisches Bundesamt (1994, 2018, 2020), Thomas Rahlf 2015 und für die Jahre vor 1846 Franz Schlosser 1999 (siehe auch Literatur zu Kapitel 4) (© Eigene Abbildung. Datenquellen: Statistisches Bundesamt (1994, 2018, 2020), Thomas Rahlf 2015 und für die Jahre vor 1846 Franz Schlosser 1999 (siehe auch Literatur zu Kapitel 4))

Ein dauerhafter Bevölkerungsanstieg setzte erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein. Gestützt wurde diese Entwicklung durch die um 1750 beginnende Modernisierung der Landwirtschaft, wo sich neben neuen Kulturpflanzen zunehmend effizientere Anbaumethoden sowie der systematische Einsatz von Düngemitteln etablierten. In der Folge stiegen die Erträge und die verbesserte Ernährungssituation begünstigte das Wachstum der Bevölkerung. Um 1850 lebten im Gebiet des Deutschen Zollvereins bereits über 30 Millionen Menschen.

Zugleich begannen die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Landwirtschaft und auf dem Lande im Laufe des 19. Jahrhunderts zu sinken. Zum einen sorgte die nach und nach einsetzende Mechanisierung für einen verringerten Bedarf an landwirtschaftlichen Arbeitskräften. Zum anderen führten die sogenannte Bauernbefreiung und die damit einhergehenden Bodenreformen zu einer Neuverteilung von Eigentumsrechten am Boden, wodurch ein Teil der Landbevölkerung seine vormaligen Nutzungsrechte an Ackerflächen, Holz und anderen natürlichen Ressourcen verlor. Schließlich trug auch die zunehmende Produktion in Manufakturen und Fabriken dazu bei, dass Familien auf dem Land, die bisher vielerorts etwa durch handwerkliches Spinnen und Weben in Heimarbeit einen Zuverdienst erwirtschaftet hatten, ihre Einkommensmöglichkeiten einbüßten. Parallel zu den rückläufigen Erwerbsmöglichkeiten in ländlichen Gebieten stieg in den Städten die Nachfrage nach (einfachen) Arbeitskräften. Im Zuge der Industrialisierung, die im heutigen Deutschland ungefähr in den 1850er-Jahren einsetzte, wanderten deshalb immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Städte ab.

Als Standorte für die Errichtung großer industrieller Produktionsanlagen boten die Städte aber nicht nur ein wachsendes Potenzial an Erwerbspersonen, sondern sie ermöglichten auch die räumliche Konzentration von Kapital, das gegenüber dem Boden als Produktionsfaktor an Bedeutung gewann. Das Kapital wurde in Produktionsanlagen investiert, die eine standardisierte Massenproduktion zu sinkenden Lohnstückkosten ermöglichten. Eine solche Massenproduktion lohnt sich vor allem für große Absatzmärkte. Weil freier Handel die Absatzmärkte tendenziell vergrößert, dürfte auch der Abbau innerdeutscher Zollschranken durch die Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 zur heimischen Industrialisierung und wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen haben. Die Absatzmöglichkeiten für Massenerzeugnisse stiegen zudem deshalb, weil mit der Industrialisierung die durchschnittlichen Einkommen langfristig zunahmen. Da mit wachsenden Einkommen der für Grundbedarfsgüter wie Lebensmittel ausgegebene Einkommensanteil in der Regel zurückgeht, stieg die Nachfrage nach höherwertigen Konsumgütern überproportional und die Bedeutung des sekundären, produzierenden Sektors gegenüber dem primären, landwirtschaftlichen Sektor nahm zu.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten im Deutschen Reich (einschließlich Elsass-Lothringen) erstmals mehr Erwerbstätige in der Industrie als in der Landwirtschaft. Hatte der Erwerbstätigenanteil des primären Sektors im Gründungsjahr des Deutschen Reiches 1871 noch bei 49 Prozent gelegen, sank er bis 1907 auf 35 Prozent. Im selben Zeitraum kletterte der Anteil des sekundären Sektors von 29 Prozent auf über 38 Prozent. Seine Position als wichtigster Wirtschaftsbereich sollte der sekundäre Sektor, bezogen auf das spätere Westdeutschland, bis Anfang der 1970er-Jahre behalten.

Vor allem in der Phase der Hochindustrialisierung nach der Gründung des Deutschen Reiches verliefen Industrialisierung und Verstädterung weitgehend parallel. Lebten im Jahr 1871 noch weniger als fünf Prozent der insgesamt 41 Millionen umfassenden Bevölkerung in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern, war dieser Anteil bei einer Gesamtbevölkerung von nunmehr fast 65 Millionen bis 1910 bereits auf über 21 Prozent gestiegen. Während die zunehmende Verstädterung wie oben beschrieben zumindest teilweise eine Folge von Massenproduktion und der damit einhergehenden Konzentration von Kapital und Arbeitskräften war, wurde das Wachstum der Bevölkerung in dieser Zeit vor allem durch sinkende Sterberaten begünstigt. Das 20. Jahrhundert war dann zunächst geprägt von zwei Weltkriegen und der "Spanischen Grippe" in der Zwischenkriegszeit, deren verheerende Gesamtwirkung sich vor allem am Einbruch der Bevölkerungszahlen ablesen lässt, während die Weltwirtschaftskrise ab 1929 für globale wirtschaftliche Verwerfungen sorgte.

Wandel in der Landwirtschaft Immer weniger Erwerbstätige in der Landwirtschaft ernähren immer mehr MenschenBetriebe mit mindestens einem Hektar Landfläche, ab 1991 mit zwei Hektar und mehr, ab 2010 mit fünf Hektar und mehr (© dpa-infografik GmbH, dpa 100 454; Quelle: Deutscher Bauernverband, DBV-Situationsbericht)
Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 muss zwischen den Entwicklungen unterschieden werden, die sich in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), ab 1949 Deutsche Demokratische Republik (DDR), und den ehemaligen Westzonen, dem Gebiet der ebenfalls 1949 gegründeten Bundesrepublik, vollzogen. Dies geschieht zunächst mit Blick auf den primären Sektor. In der westdeutschen Landwirtschaft wurden infolge fortschreitender Mechanisierung und Standardisierung der Produktion immer weniger Arbeitskräfte benötigt. Landwirtschaftliche Betriebe wurden dort oft im Zuge des Generationswechsels aufgegeben, möglicherweise weil die potenziellen Hofnachfolger außerhalb der Landwirtschaft bessere Einkommensmöglichkeiten sahen, während die verbliebenen Betriebe wuchsen, indem sie die frei gewordenen Flächen übernahmen. Die freigesetzten Arbeitskräfte wanderten vor allem in den sekundären Sektor ab, der in den 1950er- und 1960er-Jahren ein starkes Wachstum verzeichnete.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden nach 1945 im Zuge der Bodenreform Großgrundbesitzer, die über mehr als 100 Hektar landwirtschaftliche Fläche verfügten, enteignet. Rund zwei Drittel des "Bodenreformlands" wurde Neubauern und landarmen Bauern als Eigentum übergeben, das restliche Drittel ging an Staatsgüter, die später so genannten Volkseigenen Güter (VEG). Ab 1952 wurde der Boden zunehmend kollektiviert und die kleineren, zuvor privat bewirtschafteten Betriebe wurden zu großen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammengefasst. Von da an war die LPG in der DDR die vorherrschende landwirtschaftliche Organisationsform; der von VEG bewirtschaftete Teil des Bodens lag bei unter zehn Prozent.

Zwar schritt auch in der DDR die Mechanisierung der Landwirtschaft weiter voran, ja mehr noch, die Durchsetzung "industriemäßiger Produktionsmethoden" war hier erklärtes Ziel der Staatsführung (Jens Schöne 2005, siehe Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). Jedoch ging die Zahl der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft der DDR deutlich langsamer zurück als in der Bundesrepublik. Das lag unter anderem daran, dass zur Versorgung der Bevölkerung gerade arbeitsintensive Produktionszweige ausgeweitet wurden und LPG sowie VEG vielfach auch außerlandwirtschaftliche Tätigkeiten ausführten. Weitere Ursachen für den geringeren Anstieg der Arbeitsproduktivität in der DDR-Landwirtschaft könnten Engpässe in der Versorgung mit Maschinen und Ersatzteilen gewesen sein. Dazu kam das Staatsziel, eine flächendeckende Vollbeschäftigung zu erreichen, das tendenziell die Freisetzung von Arbeitskräften in Wirtschaftszweigen mit sinkendem Arbeitskräftebedarf verlangsamte. Während sich in der Bundesrepublik die Zahl der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft von 1970 bis 1989 von 2,2 auf 1,1 Millionen halbierte, sank sie in der DDR im selben Zeitraum nur relativ geringfügig von 1,02 auf 0,97 Millionen.

Was den sekundären Sektor betrifft, so verzeichnete dieser in der Bundesrepublik während des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit weitere Zuwächse und erreichte mit einem Erwerbstätigenanteil von etwa 49 Prozent Mitte der 1960er-Jahre einen historischen Höchststand. Ab Anfang der 1970er-Jahre begann der Erwerbstätigenanteil des sekundären Sektors jedoch kontinuierlich zu schrumpfen und fiel 1972 mit 45 Prozent hinter den stark expandierenden tertiären (Dienstleistungs-)Sektor zurück, dessen Anteil zu diesem Zeitpunkt bereits 47 Prozent betrug. Wichtige Triebfedern dieser Schwerpunktverschiebung waren unter anderem die zunehmende Automatisierung der Produktion,die globalisierungsbedingte Zunahme des Wettbewerbs und Veränderungen in der internationalen Arbeitsteilung. Verstärkend wirkten zudem die mit wachsender Kaufkraft gestiegene Nachfrage nach personenorientierten Dienstleistungen sowie der Bedeutungszuwachs unternehmensorientierter Dienstleistungen.

Quellentext

Primärer, sekundärer und tertiärer Sektor

Das Haupttätigkeitsfeld von Unternehmen und anderen Wirtschaftsakteuren wie Behörden wird durch ihre Branchenzugehörigkeit beschrieben. Branchen wiederum können auf höherer Ebene zu den sogenannten Sektoren zusammengefasst werden. Üblicherweise werden drei Sektoren unterschieden. Der erste oder primäre Sektor umfasst Aktivitäten der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei und beschreibt damit die sogenannte Urproduktion. Der Bergbau, der in einer weiteren Definition ebenfalls der "Urproduktion" zugerechnet werden könnte, wird in heutigen Statistiken in der Regel dem sekundären Sektor zugeschlagen. Der zweite oder sekundäre Sektor umfasst insbesondere das produzierende Gewerbe, zu dem vor allem Unternehmen aus Industrie und Handwerk gehören; aber auch die Bauwirtschaft wird in der Regel dazu gezählt. Der tertiäre Sektor schließlich entspricht dem Dienstleistungsbereich mit so unterschiedlichen Angeboten wie dem Haarschnitt beim Friseur oder der Planung großer Projekte durch Ingenieurbüros. Es liegt auch an der großen Vielfalt an Aktivitäten innerhalb der Sektoren, dass sich verschiedene ländliche Regionen in ihrer Entwicklung manchmal stark voneinander unterscheiden, obwohl sie vergleichbare Sektorstrukturen aufweisen. Wirtschaftliche Aktivitäten und Strukturen verändern sich im Zeitablauf. Angesichts der zunehmenden Bedeutung wissensintensiver Dienstleistungen in Bereichen wie Wissenschaft, Information, Kommunikation und Beratung wurde bereits vorgeschlagen, die drei Sektoren um einen vierten, "quartären" Sektor zu ergänzen, ohne dass sich diese Idee schon in der Breite durchgesetzt hätte.

Christian Hundt / Anne Margarian / Jan Cornelius Peters

In der zentral gelenkten Wirtschaft der DDR hatte bis mindestens in die späten 1950er-Jahre der Ausbau der Schwerindustrie aus strategischen und ideologischen Überzeugungen heraus Vorrang gegenüber der Produktion von Konsumgütern und Dienstleistungen. Zwar wurden die Konsummöglichkeiten der eigenen Bevölkerung in den Folgejahrzehnten von der zentralen Planung stärker berücksichtigt, doch die Erzeugung von Dienstleistungen und Konsumgütern blieb im Vergleich zu Westdeutschland schwach ausgeprägt, auch weil die Sowjetunion die Neuausrichtung weg von der Schwerindustrie nicht unterstützte, so der Wirtschaftshistoriker André Steiner 2018 (siehe Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). In der Folge stieg die Zahl der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe der DDR von 4,2 Millionen im Jahre 1970 auf 4,4 Millionen im Jahre 1989, wogegen sie in der damaligen Bundesrepublik im selben Zeitraum von 12,4 auf 10,8 Millionen zurückging.

Insgesamt erhöhte sich die Zahl aller Erwerbstätigen in beiden deutschen Staaten zwischen 1970 und 1989 um circa elf Prozent. In der Bundesrepublik resultierte dieser Zuwachs einzig aus einem Anstieg der Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich, dessen Anteil von 45 Prozent (1970) auf 60 Prozent (1989) stieg. In der DDR hingegen erfuhr der Dienstleistungssektor keinen vergleichbaren Bedeutungszuwachs. Stattdessen stieg sein Anteil nur geringfügig von 21 Prozent (1970) auf 22 Prozent (1989).

In der Bundesrepublik ging der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft mit einer fortschreitenden Urbanisierung einher. Dazu beigetragen haben könnte, dass die räumliche Nähe im Dienstleistungsbereich Vorteile bietet, weil viele Dienstleistungen am selben Ort erbracht wie in Anspruch genommen werden. Für die Erbringung wissensintensiver Dienstleistungen bieten zudem große lokale Arbeitsmärkte, wie sie in Großstädten zu finden sind, besondere Vorteile (siehe Erläuterungen zu Urbanisationsvorteilen in diesem Kapitel).

In der DDR hingegen verfolgte die politische Führung mit dem Instrument der Territorialplanung seit den 1950er-Jahren unter anderem das Ziel, industrielle und landwirtschaftliche Stützpunkte in strukturschwachen Gebieten zu schaffen und den Gegensatz von Stadt und Land schrittweise aufzuheben, so Hermann Behrens 1997 (siehe Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). Dementsprechend war die DDR zunächst weniger durch Verstädterungstendenzen gekennzeichnet als die damalige Bundesrepublik. Seit der Wiedervereinigung liegt der Bevölkerungsanteil in Großstädten von über 100.000 Einwohnern in Deutschland recht konstant bei über 30 Prozent (2018: 32 Prozent).

Nach der Wiedervereinigung 1990 verlor das Gebiet der ehemaligen DDR massiv an Produktionsstätten, die unter den Bedingungen des neuen globalen Marktes gegenüber ihren westlichen Konkurrenten meist nicht wettbewerbsfähig genug waren. Dieser Verlust traf besonders die ländlichen Regionen, die zudem für hochqualifizierte Beschäftigte aus anderen Regionen wenig attraktiv waren und so auch keine neuen Industrien anzogen. Diese De-Industrialisierung weiter Landstriche führte dazu, dass sich der Strukturwandel hin zu einer "Dienstleistungsgesellschaft" nach der Wiedervereinigung in Gesamtdeutschland praktisch unvermindert fortsetzte. In Gesamtdeutschland waren 2019 noch gut 24 Prozent aller Erwerbstätigen im Sekundären Sektor beschäftigt, während der Tertiäre Sektor mit einem Anteil von über 74 Prozent eindeutig dominierte. Im primären Sektor arbeiten 2019 in Gesamtdeutschland weniger als zwei Prozent der Erwerbstätigen, während es 1950 im früheren Bundesgebiet noch knapp 25 Prozent waren.

Die Wirtschaftsstruktur ländlicher Räume heute

Anteil der Erwerbstätigen in den Wirtschaftssektoren nach Regionstypen 2016, in % (© Eigene Abbildung. Daten: Statistisches Bundesamt, 2018. Regionstypen entsprechend der Thünen-Typologie ländlicher Räume )
Im Zuge des sektoralen Wandels von der Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hat sich auch die Branchenstruktur der ländlichen Räume erheblich gewandelt. 2016 arbeiteten in sehr ländlichen und eher ländlichen Regionen im Durchschnitt nur noch zwei bzw. drei Prozent der Erwerbstätigen in der Agrar- und Forstwirtschaft bzw. in der Fischerei. Trotz der auch heute noch ersichtlichen Konzentration des primären Sektors auf die ländlichen Räume ist die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors also auch dort inzwischen gering. Demgegenüber sind etwa zwei Drittel der Erwerbstätigen in den ländlichen Räumen im tertiären Sektor beschäftigt und etwa 30 Prozent dem sekundären Sektor zuzuordnen. Ein Vergleich mit der Branchenstruktur der nicht-ländlichen Räume zeigt, dass sowohl sehr als auch eher ländliche Räume eine gewisse Spezialisierung auf das produzierende Gewerbe aufweisen, wohingegen die Wirtschaft nicht-ländlicher Räume besonders stark durch den Dienstleistungssektor geprägt ist. So arbeiten in den nicht-ländlichen Räumen weniger als 20 Prozent der Erwerbstätigen im sekundären und mehr als 80 Prozent im tertiären Sektor.

Eine tiefergehende Differenzierung lässt weitere Unterschiede erkennen. So ist es innerhalb des sekundären Sektors vor allem das nicht wissensintensive produzierende Gewerbe wie etwa die Herstellung von Textilien, das, verglichen mit der Gesamtwirtschaft, eine ausgeprägte Konzentration auf ländliche Räume aufweist. Die räumliche Verteilung der wissensintensiven Branchen des produzierenden Gewerbes gestaltet sich hingegen differenzierter. Während sich etwa der Maschinenbau und die Herstellung elektrischer Anlagen ebenfalls eher auf ländliche Regionen konzentrieren, trifft dies für die übrigen Bereiche des wissensintensiven produzierenden Gewerbes wie beispielsweise die Herstellung chemischer Erzeugnisse nicht oder nur im geringen Maße zu. Entsprechende Unterschiede gibt es auch innerhalb des Dienstleistungssektors. So sind die besonders wissensintensiven Branchen wie der Finanz- und Versicherungssektor oder Unternehmensdienstleistungen seltener als die nicht wissensintensiven Branchen in den ländlichen Räumen ansässig und konzentrieren sich stattdessen auf Großstädte und ihr hoch verdichtetes Umland. Andere (nicht wissensintensive) Branchen des tertiären Sektors wie Handel, Gastgewerbe und Haushaltsdienstleistungen zeigen keine besondere Konzentration auf einen Regionstyp.

Die regional unterschiedliche Verteilung von Branchen ist ganz allgemein darauf zurückzuführen, dass für die verschiedenen Wirtschaftszweige unterschiedliche Standortfaktoren entscheidend sind. Systematische Unterschiede in den Branchenstrukturen ländlicher und nicht-ländlicher Räume ergeben sich dabei daraus, dass verschiedene Branchen in unterschiedlichem Ausmaß von sogenannten Urbanisationsvorteilen profitieren. Urbanisationsvorteile treten in Ballungszentren auf und resultieren unter anderem aus einer guten Infrastrukturausstattung, einer hohen Verfügbarkeit von Arbeitskräften, großen lokalen Absatzmärkten und einer breiten lokalen Zulieferindustrie. Des Weiteren gilt ein hochverdichtetes Arbeitsumfeld als förderlich für den Austausch von Wissen. Ein möglicher Nachteil von Ballungszentren ist, dass die Bodenpreise und Mieten für Büro- und Industriefläche (wie auch für Wohnraum) höher sind als außerhalb der Zentren. Typischerweise zeigt sich daher, dass in Zentren überdurchschnittlich viele Unternehmen ansässig sind, die mithilfe vieler hochqualifizierter Beschäftigter innovative Angebote und Geschäftsmodelle entwickeln. Für Betriebe, die vergleichsweise wenig von einem Standort in einem Ballungsraum profitieren und/oder viel Fläche für zum Beispiel Fabrikgelände oder Lagerhallen benötigen, ist ein Standort außerhalb der teuren Zentren oft attraktiver.

Quellentext

Wo das Land gegen die Stadt gewinnt

[...] Seit mehr als zehn Jahren war ich nicht mehr in meiner Heimat, warum auch? Es ist nicht viel los in den Hügeln des oberpfälzischen Jura, im nordöstlichsten Zipfel Bayerns. In Wolfsfeld gibt es 23 Häuser, eine Freiwillige Feuerwehr und eine Kirche. Die nächste Grundschule ist fünf Kilometer entfernt, das nächste Gymnasium fünfzehn, und in einer halben Stunde ist man an der tschechischen Grenze. Einmal im Jahr ist Kirchweih, da tanzt das ganze Dorf um einen großen Baum. Es gibt keine Kneipe, keinen Laden, keine Tankstelle. Als Jugendliche haben wir eine Art Urbanitätsquotienten entwickelt. Dabei wird die Anzahl der Ziffern der Vorwahl durch die Anzahl der Ziffern des Telefonanschlusses geteilt: Je niedriger der Wert, desto urbaner die Gegend. Berlin hat eine dreistellige Vorwahl und achtstellige Rufnummern und damit einen Urbanitätsquotienten von 0,4.
Der Urbanitätsquotient von Wolfsfeld beträgt 1,7 – fünf Ziffern für die Vorwahl und drei für die Rufnummer. Man würde erwarten, dass es hier von Globalisierungsverlierern nur so wimmelt. […] Und dann läuft mir als Erstes Manfred mit seinem Mercedes über den Weg […].

Jedenfalls macht hier […] alles einen recht zufriedenen Eindruck. Die Häuser sind gepflegt, die Balkone mit Blumen geschmückt, die Straßen in einem tadellosen Zustand, in den meisten Garagen stehen zwei oder drei Autos, auf den Wiesen grasen Pferde, und der Bauer, bei dem wir früher immer unsere Milch gekauft haben, betreibt jetzt einen Bioland-Hof. Es gab ein paar aufgeregte Diskussionen, als vor ein paar Jahren im Zuge der Energiewende fünf Windkraftanlagen aufgestellt wurden, aber jetzt ist wieder alles ruhig. […]

Der Kölner Regionalforscher Wolfgang Steinle hat kürzlich alle 402 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland auf ihre Wirtschaftskraft hin untersucht. Er ermittelte die Lage am Arbeitsmarkt, die Zahl der Firmengründungen, die Einkommen und die Lebensqualität. Ergebnis: Auf den ersten Plätzen in der Gesamtwertung finden sich nicht die Metropolen, sondern Orte wie Ebersberg, Heilbronn oder Tuttlingen. Der Ort mit der höchsten Lebenserwartung in Deutschland ist der Bodenseekreis. Im Schnitt wird man dort 80,66 Jahre alt – und lebt damit mehr als zwei Jahre länger als in Berlin. Die Gegend mit der größten Industriedichte ist der hessische Lahn-Dill-Kreis. [...]

Meine Heimat hat es beim Faktor Beschäftigungsquote in die Top Ten geschafft. Die Arbeitslosigkeit beträgt 2,9 Prozent; das bedeutet nach gängigen ökonomischen Kriterien Vollbeschäftigung. Tatsächlich habe ich in meinem Dorf keine Klagen über die Generation Praktikum, das akademische Prekariat oder die Gig-Economy der Internetplattformen zu hören bekommen, wie sie in Berlin allgegenwärtig sind.
Die Leute hier in der Gegend fahren morgens zur Arbeit und kommen am Abend nach Hause. In der Regel reicht das Geld, um eine Familie zu ernähren, und wenn es gut läuft, dann bleibt genug übrig für das Eigenheim. Wie bei Manfred. Oder bei Georg, der eine Banklehre gemacht hat. Er hat sich eine wuchtige Behausung mit großem Garten und Doppelgarage in die Landschaft gestellt und fragt mich, wie ich das eigentlich aushalte, eingezwängt mit all den Menschen in der großen Stadt, und ob sich die lange "Studiererei" eigentlich gelohnt habe. Eine berechtigte Frage.
[…] In der näheren Umgebung meines Heimatdorfes […] gibt es: ein Siemens-Werk, das wegen seiner fortschrittlichen Produktionsabläufe vor zwei Jahren von der Bundeskanzlerin besichtigt wurde, den Hauptsitz des Automobilzulieferers Grammer, Weltmarktführer für Fahrzeugsitze mit über 10.000 Beschäftigten und Standorten in Asien und Amerika, eine hochmoderne BMW-Niederlassung, in der jede Minute ein Neuwagen vom Band rollt, unzählige kleine und mittelgroße Handwerksbetriebe, die bessere Löhne zahlen als so manche Internetklitsche in Berlin. Die Unternehmen in der Region Regensburg erwirtschaften dabei mehr als die Hälfte ihres Umsatzes im Ausland. Die Leute hier sind Globalisierungsgewinner, nicht Globalisierungsverlierer, […].

[…] Deutschland [...] war den längsten Teil seiner Geschichte über ein Geflecht von Fürstentümern mit eigenen Universitäten, Theatern und Finanzverwaltungen. Goethe schrieb in Weimar, Albrecht Dürer malte in Nürnberg, und die Fugger betrieben ihre weltweiten Geschäfte von Augsburg aus. Die deutsche Provinz war nie so randständig wie die französische oder die britische, und deshalb ist das Gefälle zwischen Stadt und Land hierzulande auch heute nicht so groß wie in vielen anderen europäischen Ländern. Und die deutsche Industrie hat früh damit begonnen, neue Absatzmärkte in Übersee zu erobern, weshalb Deutschland wie kaum ein anderes Land vom Aufstieg der schnell wachsenden Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas profitiert.

Deutschland ist aber auch deshalb stabiler, weil es hierzulande Mechanismen des sozialen und ökonomischen Ausgleichs gibt, die anderswo nicht existieren. Den viel gescholtenen Länderfinanzausgleich zum Beispiel, der in Bayern ungefähr so beliebt ist wie die Hilfskredite für Griechenland. Dabei hat sich auch der Freistaat nach dem Krieg aus diesem Topf bedient und mit dem Geld die Transformation vom reinen Agrarland zu einem der führenden Industriezentren Europas finanziert. Oder die Volksbanken und Sparkassen, die dafür sorgen, dass das Geld der Sparer nicht einfach in die Weltfinanzmärkte fließt, sondern in der Region bleibt, was bedeutet, dass auch kleinere Unternehmen in entlegenen Gebieten Kredite bekommen können. Oder das Bildungswesen, das zwar keine international führenden Spitzenuniversitäten hervorgebracht hat, aber zumindest dort, wo es funktioniert, allen, die es durchlaufen, eine solide Qualifikation vermittelt.

[…] Ich war auf einem ganz normalen staatlichen Gymnasium, aber ich konnte mir danach aussuchen, wo und was ich studieren wollte, und als ich für einige Semester nach Großbritannien und in die USA gegangen bin, haben sich meine Dozenten dort nicht über Wissenslücken beschwert.
Klar: Das ist mehr als 20 Jahre her, und auch in Deutschland hat man seither mit dem Neoliberalismus experimentiert. Aber selbst Gerhard Schröder setzte sich zur Wehr, als die Europäische Kommission die Sparkassen zerschlagen wollte. Und in den vergangenen Jahren haben die Reformen eher den sozialen Ausgleich gestärkt – siehe Mindestlohn oder Mietpreisbremse.
Was wiederum nichts anderes bedeutet, als dass die Neoliberalen es hierzulande nie so bunt getrieben haben wie anderswo. Deshalb kann Manfred sich einen Mercedes leisten und Georg den Feierabend in seinem Garten genießen. […]

Mark Schieritz, "Mein Haus, mein Auto, meine Provinz", in: DIE ZEIT Nr. 29 vom 13. Juli 2017

Darüber hinaus können Unternehmen von der räumlichen Nähe zu anderen Unternehmen derselben Branche profitieren. Dies wird als Lokalisationsvorteil bezeichnet. Prominente Beispiele sind die Spezialisierung von Frankfurt am Main auf die Finanzbranche sowie die auf Maschinen- und Fahrzeugbau spezialisierten Regionen Baden-Württembergs, unter denen auch viele ländliche sind. Historisch gesehen spielen auch die naturräumlichen Gegebenheiten für die regionale Spezialisierung eine wichtige Rolle, was sich teilweise noch heute in der Branchenstruktur widerspiegelt. So ist es kein Zufall, dass die energieintensive Schwerindustrie in Deutschland vor allem in den (ehemaligen) Kohleabbauregionen des Ruhrgebiets angesiedelt ist. Die Ernährungswirtschaft weist heute dort vergleichsweise hohe Beschäftigungsanteile auf, wo die Landwirtschaft länger als in anderen Regionen von größerer Bedeutung war. Ähnliches gilt für die Holz verarbeitende Industrie, deren Standorte tendenziell in Regionen mit (ehemals) großen Waldflächen liegen.

Gerade in ländlichen Regionen üben zudem oft einzelne (Groß-)Unternehmen einen starken Einfluss auf die regionale Wirtschaft aus. Dies kann sich als vorteilhaft erweisen, birgt aber wegen der einseitigen Abhängigkeit auch Risiken. So hat sich die Beschäftigungs- und Einkommenssituation im niedersächsischen Emden durch die Ansiedlung eines VW-Werks in den 1960er-Jahren deutlich verbessert. Die Wirtschaft des ländlichen Kreises Schweinfurt in Bayern hingegen geriet in eine Krise, als der Region im Zuge globaler Konzentrationstendenzen in der Wälzlagerindustrie die Konzernzentralen einiger ihrer größten Unternehmen verloren gingen.

Lokalisationsvorteile und der Einfluss einzelbetrieblicher Standortentscheidungen größerer Konzerne helfen, die unterschiedlichen Branchenprofile ländlicher Regionen zu erklären. Dazu können auch historische Pfadabhängigkeiten beitragen, also die langfristigen Auswirkungen von historischen, heute nicht mehr relevanten Standortbedingungen und von ursprünglich eher kleinen, zufälligen Entwicklungen in der Vergangenheit. Wie stark sich die Branchenstruktur der einzelnen (Kreis-)Regionen Deutschlands vom nationalen Durchschnitt unterscheidet und welcher Wirtschaftsbereich jeweils am stärksten zu dieser Spezialisierung beiträgt, wird in der Karte auf S. 34 veranschaulicht (siehe auch Quellentext "Zur Messung der Spezialisierung der regionalen Wirtschaft anhand des Florence-Maßes" in diesem Kapitel; für eine vertiefte Analyse Moritz Meister u. a. 2019, Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). Es wird deutlich, dass vor allem ländliche Regionen an der Nord- bzw. Ostseeküste sowie in Bayern und Baden-Württemberg in ihrer Branchenstruktur stark vom nationalen Durchschnitt abweichen. Die ländlichen Regionen im Süden Deutschlands sind dabei vor allem durch eine Spezialisierung auf das verarbeitende Gewerbe gekennzeichnet, während einige touristisch geprägte norddeutsche Küstenregionen besonders hohe Beschäftigtenanteile im Gastgewerbe aufweisen.

Abweichung der Branchenstruktur der Kreisregionen von der Branchenstruktur Deutschlands auf Ebene der Wirtschaftszweigabschnitte 2017 (© Thünen-Institut, 2020 Eigene Darstellung in Anlehnung an Moritz Meister u. a. 2019: Karte, Literatur zu Kapitel 4; basierend auf Berechnungen von Moritz Meister und Philipp Reutter (IAB))

Quellentext

Zur Messung der Spezialisierung der regionalen Wirtschaft anhand des Florence-Maßes

Die Einfärbung der Kreisregionen in der Karte oben zeigt die Spezialisierung der regionalen Wirtschaft im Vergleich zum nationalen Durchschnitt auf. Die Spezialisierung wurde hier anhand des sogenannten Florence-Maßes (nach Philip Sargant Florence, 1890–1982) bestimmt. Sein Wert gibt an, welcher Anteil der in der Region Beschäftigten den Wirtschaftszweig wechseln müsste, damit die regionalen den nationalen Branchenanteilen entsprächen. Der höchste Wert von 38,4 Prozent ergibt sich für die "Autostadt" Wolfsburg. Das heißt, 38,4 Prozent der 2017 in Wolfsburg sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen müssten in einem anderen Wirtschaftszweig tätig sein, damit sich für Wolfsburg die Wirtschaftsstruktur Gesamtdeutschlands ergäbe. Im Durchschnitt aller Kreisregionen liegt dieser Wert bei 16,4 Prozent. Ausgehend von diesem Mittelwert des Florence-Maßes wurden die für die Darstellung der Abweichung der regionalen Branchenstruktur in der Karte verwendeten Klassengrenzen gebildet (siehe Klasseneinteilung rechts oben). Die Obergrenze der ersten Klasse ergibt sich durch Subtraktion einer Standardabweichung vom Mittelwert und die der dritten Klasse durch Addition einer Standardabweichung zum Mittelwert.

Welcher Wirtschaftsbereich in einer Region am stärksten zu der durch das Florence-Maß gemessenen wirtschaftlichen Spezialisierung beiträgt, lässt sich durch einen Blick auf die jeweiligen Beschäftigtenanteile der verschiedenen Branchen in der Region bestimmen. In der Karte oben zeigt ein farbiger Kreis für die ländlichen Regionen, die eine überdurchschnittlich starke Abweichung der Branchenstruktur vom nationalen Durchschnitt aufweisen, jeweils an, in welcher Branche (Wirtschaftszweigabschnitt) die positive Abweichung am größten ist. Der Durchmesser der Kreise gibt an, wie groß die Abweichung des regionalen vom bundesweiten Anteil des jeweiligen Wirtschaftszweigabschnitts ist.

Christian Hundt / Anne Margarian / Jan Cornelius Peters

Eine Spezialisierung auf das Gesundheits- und Sozialwesen, wie sie sich vor allem in Kreisen Nordbrandenburgs findet, steht dabei häufig in Zusammenhang mit niedrigen Anteilen des verarbeitenden Gewerbes, das sich bundesweit durch eine relativ hohe Produktivität und überdurchschnittliche Aktivität im Bereich Forschung und Entwicklung auszeichnet. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes liegt in beinahe allen ländlichen Regionen Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Schleswig-Holsteins und Nordniedersachsens, deren Branchenstruktur überdurchschnittlich von der Gesamtdeutschlands abweicht, unter dem Bundesdurchschnitt (ohne Darstellung). Die Karte Bruttolöhne und -gehälter veranschaulicht, dass das Lohnniveau in ebendiesen Regionen vergleichsweise niedrig ist. Demgegenüber ist es in ländlichen Regionen mit einer Spezialisierung auf Bereiche des verarbeitenden Gewerbes mit vergleichsweise hoher Arbeitsproduktivität oft höher. Ebenso liegen die Durchschnittslöhne insbesondere in vielen Großstädten auf hohem Niveau, was typischerweise insbesondere auf die oben genannten Urbanisationsvorteile zurückgeführt wird.

Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer 2016 auf Ebene der Kreisregionen in Tausend Euro (© Thünen-Institut, 2020 Eigene Berechnung, Datengrundlage: Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“; Geometrische Grundlage: VG250, © Basis-DE/BKG 2012)

In der Karte "Bruttolöhne und -gehälter" wird außerdem ein systematisches West-Ost-Gefälle deutlich. Dass auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch ein Unterschied im Lohnniveau (und in der Wirtschaftskraft) Ost- und Westdeutschlands zu erkennen ist, wird in der Literatur auf verschiedene Aspekte zurückgeführt, so die Ökonomin Annekatrin Niebuhr 2017 (siehe Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links): Unterschiede in der Betriebsgrößenstruktur und Siedlungsdichte, das Fehlen von Konzernzentralen in Ostdeutschland und damit weniger Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung, schwierige Startbedingungen der ostdeutschen Betriebe nach der Wiedervereinigung sowie geringe Investitionsquoten.

Aktuelle und zukünftige Entwicklungen

Im globalen und im europäischen Vergleich zeichnen sich die ländlichen Regionen Deutschlands durch ihre relativ hohe Wirtschaftskraft aus. Dies hängt eng mit der weiterhin hohen gesamtwirtschaftlichen Bedeutung des produzierenden Sektors in Deutschland zusammen. Dabei unterscheiden sich die wirtschaftsstrukturellen Bedingungen in den ländlichen Regionen deutlich voneinander: Einige ländliche Regionen wie das Emsland und die Region Vechta/Cloppenburg im Westen Niedersachsens wachsen bei relativ niedrigen Löhnen und Einkommen in wenig wissensintensiven Branchen. Während etwa die Produktion der Textilwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten aus vielen, oft ländlichen Regionen fast vollständig ins Ausland verlagert wurde, bleiben Branchen wie die Ernährungswirtschaft in diesen ländlichen Wachstumsregionen stark. Zum Teil könnte Letzteres daran liegen, dass hohe, auf europäischer Ebene definierte Qualitätsstandards eine Verlagerung der Produktion ins außereuropäische Ausland erschweren. Der Preiswettbewerb in diesen Branchen ist allerdings hoch.

Quellentext

Wie man Fachkräfte für ländliche Räume gewinnt

Unternehmen in der Provinz leiden besonders unter dem Fachkräftemangel. Manche verlegen deshalb ihren Firmensitz nach Berlin. Andere locken mit mehr Flexibilität, als man sie in der Provinz vermuten würde.
[…] Willkommen bei Rehau in Rehau: Das Familienunternehmen mit Schwerpunkt Kunststoff heißt wie der Ort in Oberfranken, aus dem es stammt. Es hat weltweit 20.000 Mitarbeiter, davon arbeiten mehr als 2000 in dem kleinen Ort mit seinen 9000 Einwohnern. Drum herum: eine sanft hügelige Landschaft, viel Wald, viel Grün, die nächste Stadt [...] ist Hof mit 47.000 Einwohnern. Die große Welt und die kleine, sie prallen hier oft aufeinander. Die englischen Business-Begriffe und der weiche Hofer Dialekt. Die Menschen aus der Region und die Geschäftsreisenden aus aller Welt. Das Heimat- und Wiesenfest mit Festzug zum Maxplatz und die Innovation Days im firmeneigenen Kommunikationszentrum.
Marc Augustin findet, dass sich die zwei Welten eigentlich ergänzen. "Die Offenheit und Internationalität der Firma, die Ruhe hier, das ist für mich optimal."
Der 27-jährige Werkstoffwissenschaftler ist Projektingenieur bei Rehau, obwohl er auch in München oder Hamburg bei Siemens oder Airbus arbeiten könnte. Aber Augustin hat sich für Rehau entschieden, das in seiner mehr als 70-jährigen Geschichte erst Handhalteschlaufen für VW Käfer produziert hat, dann Stoßdämpfer, Fensterrahmen, Rohre und Laminate, kurzum: alles, was man aus hochwertigem, robustem Kunststoff herstellen kann.
Für Rehau ist Augustin damit einer jener Glücksfälle, nach denen sich eher unbekannte, aber global orientierte Mittelständler sehnen, weil viele der Fachkräfte, die sie bräuchten, von Start-ups, IT-Unternehmen und der großen, weiten Welt träumen – und nicht von malerischen Landschaften, in denen morgens die Hähne krähen und abends die Grillen zirpen.
Manche Betriebe machen gemeinsame Sache, um Fachkräfte in ihre Region zu holen; in Zwickau etwa versuchen Unternehmen wie der Gebäudetechnikanbieter Micas, abgewanderte Fachkräfte über eine "Rückkehrerbörse" in ihre alte Heimat zurückzuholen. Andere Firmen verlassen sich inzwischen nicht mehr darauf, dass die Mitarbeiter zu ihnen in die Region kommen. Sie bieten nun Arbeitsplätze dort an, wo die Mitarbeiter leben wollen.
So hat der Heizungshersteller Viessmann aus dem hessischen Allendorf an der Eder vergangenes Jahr [2018] eine ehemalige Schuhfabrik unweit des Zionskirchplatzes in Berlin zu einem 4500 Quadratmeter großen Digitalstandort umgebaut. In Berlin-Mitte eröffnete der eigentlich aus Emmerich stammende Süßwarenkonzern Katjes eine Berlin-Dependance plus Café. Und der Schrauben- und Chemieproduzent Berner aus Künzelsau im Norden Baden-Württembergs verlegte 2016 gleich den kompletten Sitz der hauseigenen Holding vom 15.000 Einwohner großen Stammsitz an den Rheinhafen in Köln – weil die Personalabteilung errechnet hatte, dass das Unternehmen bis zu 38 Monate brauchte, um eine Stelle zu besetzen.
Das passt zu Daten, die das Institut der deutschen Wirtschaft Köln bei den Arbeitsagenturen des Landes zusammengetragen und für die Stiftung Familienunternehmen analysiert hat: Zwischen 2011 und 2017 ist die Zahl der fehlenden Fachkräfte im Bereich Maschinen-, Fahrzeug- und Elektrotechnik von 51.000 auf mindestens 80.000 gestiegen. Die tatsächliche Zahl könnte noch höher liegen, weil sich viele Firmen die Meldung beim Arbeitsamt sparen.
Die oft gelobten Hidden Champions trifft das noch härter als weltumspannende Konzerne, weil sie als Arbeitgeber und Marken weniger bekannt sind und oft ihren Sitz abseits der großen Ballungszentren haben. Im Arbeitsagenturbezirk Bayreuth zum Beispiel, in dem Rehau liegt, waren 2017 mehr als 80 Prozent der Stellen in sogenannten Engpassberufen ausgeschrieben, das waren rund 30 Prozentpunkte mehr als in München. […]
Thomas Bunke hat sich die Infrastruktur ausgedacht, die es Augustin so einfach machte, Ja zu sagen. […]
"Wir haben verstanden, dass sich die Bewerber gewandelt haben", sagt Bunke. […] Je länger Thomas Bunke erzählt, wie das Unternehmen vorgeht, um auch in Zukunft die geeigneten Mitarbeiter für sich zu gewinnen, desto klarer zeichnet sich seine Recruiting-Strategie ab:
1. Wenn der Bewerber nicht zum Job kommt, muss der Job zum Bewerber. Rehau hat in den vergangenen Jahren jede Flexibilisierung möglich gemacht, die sich Mitarbeiter nur wünschen können – Homeoffice, Sabbaticals, Teilzeitregelungen, Fortbildungen. Es gibt Mitarbeiter, erzählt Bunke, die für ihn in Hamburg arbeiten, die von Österreich aus für Rehau tätig sind. Und zwar bei bayerischen Gehältern und ausschließlich unbefristeten Verträgen. Als Thomas Bunke vor über 15 Jahren gleich nach seinem BWL-Studium bei Rehau anfing, war all dies noch undenkbar. "Von der Leitungsebene wurde damals noch erwartet, dass Sie nach Rehau ziehen", erzählt Bunke und lacht.
2. Studierende ansprechen, die in einer Lebensphase großer Offenheit und großer Unsicherheit stecken. "Wir investieren sehr viel in die Entwicklung unserer Mitarbeiter", sagt Bunke. "Damit binden wir die Leute auch an uns." Konkret heißt das: Man kann hier Abschlussarbeiten schreiben, promovieren, sich fortbilden.
3. Mitarbeiter anlocken, statt sie zu zwingen. Bei Rehau gibt es ein firmeneigenes Apartmenthaus, in dem auch Marc Augustin gewohnt hat; wer den Arbeitsvertrag unterschreibt, kann sich so die Region erst einmal anschauen, um zu sehen, ob eine nahe Stadt wie Bayreuth doch besser zu ihm passt. Die Personalabteilung helfe gerne bei der Suche nach dem richtigen Wohnort, sagt Bunke.
4. Die Rahmenbedingungen verbessern. Die Firma setzt sich ein dafür, dass die Hindernisse im Ort verschwinden. In Rehau gibt es mittlerweile Kindergartenzeiten wie in Großstädten – einfach weil das für die Mitarbeiter wichtig ist.
5. Menschen ansprechen, denen die Peripherie Vorteile bietet. Wenn Bunke auf Messen oder über Headhunter Bewerber aus Großstädten anspricht, dann möglichst solche, die wegen der Familie die Vorzüge der Stadt sowieso nur noch bedingt nutzen – dafür aber täglich im Stau stehen. Für die, sagt Bunke, sind die kurzen Wege und die immer noch spottbilligen Grundstücke in Oberfranken oft eine interessante Kombination. Die Firma vermittelt ihren Mitarbeitern Sonderkonditionen bei Baudarlehen, auch in der Hoffnung, dass länger bleibt, wer ein Haus baut oder kauft.
Für Familienunternehmen ist eine derart strategische und langfristig gedachte Personalplanung wichtig. […]

Daniel Erk, "Fachkräftemangel: Große, kleine Welt", in: ZEIT für Unternehmer Nr. 2/2019 vom 19. Juni 2019

In anderen ländlichen Regionen haben es Unternehmen, unter ihnen die sogenannten Hidden Champions, geschafft, sich in bestimmten Nischen einen Wissens- und Qualitätsvorsprung vor Wettbewerbern zu erarbeiten. Dieser Vorsprung erlaubt es den Unternehmen, hohe Löhne an ihre zunehmend besser qualifizierten Beschäftigten zu zahlen. Ländliche Regionen, die durch solche Unternehmen geprägt sind, weisen oft eine enge räumliche Anbindung an Produktionszentren etwa der Automobilwirtschaft oder des Maschinenbaus auf, wie es vor allem für Baden-Württemberg beschrieben worden ist (siehe z. B. Stefan Donhauser 2006, Literatur zu Kapitel 4, im Kapitel Quellen, Literatur und Links).

Anteil des produzierenden Sektors an allen Erwerbstätigen nach Regionstypen von 2000 bis 2016 (© Eigene Abbildung. Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Deutschland, 2018. Regionstypen entsprechend der Thünen-Typologie ländlicher Räume (Patrick Küpper 2016, siehe S. 4 ff.))
In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der in der Produktion Erwerbstätigen gerade in den ländlichen Räumen relativ stabil geblieben (siehe Grafik "Anteil des produzierenden Sektors an allen Erwerbstätigen nach Regionstypen" in diesem Kapitel). Von größerer Bedeutung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit ländlicher Standorte und ihrer Unternehmen ist aber weniger die Zahl der Beschäftigten als vielmehr die Bewahrung und Weiterentwicklung von vorhandenen Fähigkeiten und Kenntnissen sowie die Aneignung neuen Wissens. Vor diesem Hintergrund stellen die sich beschleunigende Digitalisierung der Wirtschaft und der demografische Wandel ländliche Räume heute vor neue Herausforderungen.

Die Digitalisierung begünstigt kurzfristig den Abbau von Arbeitsplätzen in standardisierbaren, routineintensiven Berufen, darunter viele in den Bereichen Produktion und Bau. Da insbesondere im verarbeitenden Gewerbe und in der Bauwirtschaft deutlich mehr Beschäftigte in ländlichen als in nicht-ländlichen Regionen tätig sind (siehe Grafik "Anteil der Erwerbstätigen in den Wirtschaftssektoren nach Regionstypen" in diesem Kapitel), könnten ländliche Regionen kurzfristig mehr von Arbeitsplatzverlusten betroffen sein als nicht-ländliche Regionen. Andererseits entstehen im Zuge der Digitalisierung auch neue Geschäftsfelder, Tätigkeiten und Arbeitsplätze. Sollten technologische Neuerungen verstärkt von digitalen Dienstleistern und ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen erzeugt werden, die vor allem in den urbanen Zentren angesiedelt sind, könnten ländliche Standorte davon womöglich nur wenig profitieren. Wenn die produzierenden Unternehmen hingegen selbst in der Lage sind, digitales Knowhow zu entwickeln, könnten sie ihre Wettbewerbsposition sichern bzw. stärken.

Der demografische Wandel bewirkt vor allem in vielen ländlichen Regionen eine Abnahme der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Zusammen mit den oft steigenden Anforderungen an die Beschäftigten durch Digitalisierung und sonstigen technischen Fortschritt führt das in manchen Bereichen heute schon zu einem Anstieg der gemeldeten offenen Stellen und zu einer Verzögerung bei der Stellenbesetzung (siehe IAB 2018, Literatur zu Kapitel 4, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). Erfolgreiche Arbeitskräfteentwicklung vor Ort ist daher insbesondere in ländlichen Regionen eine zentrale Voraussetzung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und Standorten. Angestrebt wird deshalb oft vor allem eine Stärkung der Aus- und Weiterbildung in den Regionen und Unternehmen. Außerdem wird in diesem Zusammenhang zunehmend die Gründung von Hochschulen bzw. Substandorten in peripheren ländlichen Gebieten diskutiert. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass vor Ort ansässige Unternehmen von Kooperationen profitieren und Hochschulabsolventen tatsächlich an die Region gebunden werden können, wäre, dass sich die Lehrangebote und Forschungsschwerpunkte an der Wirtschaftsstruktur der Regionen orientieren.

Insgesamt gehen die sich aktuell abzeichnenden gesellschaftlichen und technologischen Umbrüche mit großen Unsicherheiten für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung auch in ländlichen Räumen einher. Es kann aber als sicher gelten, dass wirtschaftlich erfolgreiche ländliche Regionen in Zukunft in noch engerem Austausch mit anderen urbanen und ländlichen Regionen der ganzen Welt stehen werden.