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Wenn Sparen plötzlich Geld kostet

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Wenn Sparen plötzlich Geld kostet

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Mit der Senkung des Leitzinses und der Einführung eines "Strafzinses" hat die Europäische Zentralbank Anfang Juni für Aufsehen gesorgt. Beide Maßnahmen sollen die Kreditvergabe von Geschäftsbanken an die Privatwirtschaft ankurbeln und so zu Investitionen führen.

Der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) am Main in Frankfurt. Die ersten Banker sollen noch im Jahr 2014 in den Wolkenkratzer einziehen. (© picture-alliance/dpa)

Die Interner Link: Europäische Zentralbank (EZB) beschloss, für Geld, das Geschäftsbanken zeitweise bei ihr parken, vorerst keinen Zins mehr zu zahlen. Im Gegenteil: Die EZB verlangt hierfür fortan eine Gebühr - sozusagen einen "Strafzins". Auf den ersten Blick stellt der Negativzins die bekannten Mechanismen einer Geldwirtschaft auf den Kopf. Denn wer einem anderen für eine bestimmte Zeit sein Geld überlässt, erwartet dafür gewöhnlich im Gegenzug Zinsen und nicht umgekehrt.

Die EZB will mit dieser Maßnahme dem Trend entgegenwirken, dass Geschäftsbanken ihr Kapital zunehmend bei der EZB deponieren anstatt es anderen Banken zu leihen oder in Form von Krediten beispielsweise an die Privatwirtschaft zu vergeben. Seit geraumer Zeit vergeben viele Banken nur noch zögerlich neue Kredite, weil sie fürchten, dass die Unternehmen ihre Kredite eventuell nicht zurückzahlen können. Hinzu kommen neue, aus der Bankenkrise resultierende Vorschriften, wonach Banken mehr Eigenkapital vorhalten müssen. Nicht zuletzt ist auch das Misstrauen der Banken untereinander seit der Finanzkrise stark angewachsen. Die Geschäfte zwischen den Banken sind aber unerlässlich, um den Kreislauf des Geldes in Gang zu halten und wirtschaftliche Aktivität zu beleben.

Preisstabilität als oberstes Ziel

Mario Draghi, Präsident der EZB, auf einer Pressekonferenz am 05. Juni 2014 in Frankfurt am Main. (© picture-alliance, Xinhua/Landov)

Die EZB in Frankfurt am Main ist die Institution, die für die Interner Link: Geldpolitik der 18 Euro-Staaten zuständig ist. Sie bestimmt die Menge des im Umlauf befindlichen Geldes, sie allein erteilt die Erlaubnis zum Druck von Euro-Scheinen.

Oberstes Gremium der Bank ist der EZB-Rat, der aus einem sechsköpfigen Direktorium und den Präsidenten der nationalen Notenbanken der Eurozone besteht. Prominentestes Mitglied des Rates ist aktuell der Italiener Interner Link: Mario Draghi, der als EZB-Präsident auch zum Direktorium gehört. Weder die Staatschefs der Euro-Staaten, noch die Interner Link: EU-Kommission oder das Interner Link: EU-Parlament können der EZB Weisungen erteilen. Die Bank selbst arbeitet insbesondere an einem Ziel: Sie will die Preisstabilität im Euro-Raum gewährleisten. So ist es in Artikel 127 Absatz 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union festgeschrieben.

Inflation und Deflation

Preisstabilität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass die Preise für verschiedene Güter und Waren immer gleich bleiben. Egal, ob es sich um die Preise für Nahrungsmittel, Fahrräder oder Handyverträge handelt: Preise schwanken, sie verändern sich in einer durch Angebot und Nachfrage bestimmten Marktwirtschaft. Preisstabilität, wie sie die EZB anstrebt, bedeutet somit, dass etwa eine Familie immer möglichst gleich viel Geld in Relation zu ihrem Einkommen aufwenden muss, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren und nicht plötzlich sehr viel mehr oder sehr viel weniger dafür ausgeben muss.

Ziehen die Preise stark an, lässt sich für das gleiche Geld weniger kaufen, stehen die Zeichen auf Interner Link: Inflation. Das Geld wird immer weniger wert. Auch die Geldmenge spielt eine große Rolle: Ist mehr Geld im Umlauf als Waren und Güter, kann nicht so viel gekauft werden, wie mit dem vorhandenen Geld eigentlich möglich wäre. Die nachgefragten Güter werden teurer und die Preise steigen an. Lassen die Preise dagegen stark nach, verhält es sich meist umgekehrt: Es gibt nicht genug Geld, um all das zu kaufen, was angeboten wird. Dies ist ein Zeichen für Interner Link: Deflation. Sowohl die Inflation als auch die Deflation beeinträchtigen eine Volkswirtschaft: Sie lähmen die Investitionsbereitschaft von Unternehmen und können dadurch Arbeitsplätze kosten.

Als optimales Zeichen von Preisstabilität strebt die EZB eine Inflationsquote von knapp zwei Prozent an. Tatsächlich ist die Inflationsrate jedoch im Mai auf 0,5 Prozent gesunken, im Jahresdurchschnitt 2014 wird sie laut Prognosen nicht über 0,7 Prozent liegen. Deshalb fürchten Ökonomen gegenwärtig eine Deflation im Euroraum: die Preise sinken und mit ihnen die Absätze der Unternehmen und womöglich die Zahl der Arbeitsplätze.

Der Leitzins

Genau das versucht die EZB unter anderem durch die Zinspolitik zu verhindern. Wichtigstes Werkzeug ist ihr Einfluss auf die im Umlauf befindliche Geldmenge. Zurzeit weist Europa in Folge der Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrisen nur geringe Wachstumsraten, aber hohe Arbeitslosenquoten auf. Daher versucht die EZB, die Bedingungen zu erleichtern, unter denen Unternehmen Kredite von Geschäftsbanken aufnehmen können. Die Zahl der in der Eurozone von Geschäftsbanken an Unternehmen und Privathaushalte ausgegeben Kredite verändert sich schon seit einiger Zeit kaum - und wenn, dann nur leicht nach unten. Für einen Wirtschaftsaufschwung aber brauchen vor allem die Unternehmen mehr Kredite, um investieren zu können. Am 5. Juni 2014 senkte sie den Interner Link: Leitzinssatz vom ohnehin schon niedrigen Stand von 0,25 Prozent auf jetzt nur noch 0,15 Prozent. Der Leitzins gibt an, wie viel eine Geschäftsbank bezahlen muss, wenn sie sich - für ihre eigenen Geschäfte - Geld bei der Zentralbank besorgt. Für Geschäftsbanken ist es also noch günstiger geworden, sich mit Geld zu versorgen.

Für Privatpersonen, die über Geld verfügen, das sie sparen wollen - sei es auf Sparbüchern oder in Lebensversicherungen - hat eine Zinssenkung negative Effekte. Denn der Leitzins der Zentralbank beeinflusst auch die Sparzinsen der Banken: Die Sparzinsen sinken.

Eine Premiere: der "Strafzins" für Banken

Die EZB hat vor allem die Geschäftsbanken im Blick. Schon die Leitzinssenkung soll diese anregen, ihr Geld wieder an private Unternehmen zu verleihen - ihnen also Kredite zu geben, statt Geld bei der EZB zu parken. Damit wieder mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf einfließt und so Wachstum fördert, hat die EZB sogar erstmalig einen "Strafzins" von 0,1 Prozent für die "geparkten" Gelder der Geschäftsbanken angekündigt. Die Geschäftsbanken verlieren also Geld, wenn sie es nicht in Umlauf bringen und zum Beispiel an Unternehmen verleihen. Im Idealfall wären mehr Investitionen und neue Jobs - vor allem in den Krisenländern der Eurozone - die Folge, vielleicht ein Ende der Wirtschaftskrise - oder zumindest keine weitere Verschlimmerung - in Sicht.

Darüber hinaus beschloss die EZB eine "Kreditkanone": Geschäftsbanken können sich aus einem neuen, 400 Milliarden Euro schweren Topf Geld leihen. Dieses müssen sie nicht zurückzahlen, wenn sie belegen können, dass sie es an Unternehmen aus der Realwirtschaft weitergeliehen haben. Ob die Rechnung der EZB aufgehen wird, darüber sind Ökonomen momentan höchst unterschiedlicher Meinung. Der Strafzins gilt als Experiment. Kritiker fürchten, dass das billige Geld die Realwirtschaft weiterhin nicht erreicht, sondern zum Beispiel in riskante Anlagen auf dem Aktien- und Devisenmarkt fließt, die höhere Renditen als klassische Kreditgeschäfte versprechen. Davon zeugt unter anderem, dass der deutsche Aktienindex DAX mit dem Überschreiten der Marke von 10.000 Punkten kürzlich ein Rekordhoch erreichte. Ebenso könnte die "Politik des billigen Geldes" laut Aussage mancher Ökonomen eine Spekulationsblase am Immobilienmarkt nach sich ziehen.

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