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Die Bedeutung des 9. Mai in der UdSSR und in Russland

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Die Bedeutung des 9. Mai in der UdSSR und in Russland Der Tag des Sieges in Zeiten des Krieges

Jan Claas Behrends

/ 7 Minuten zu lesen

Am 9. Mai gedenkt Russland des Sieges der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland 1945. Seit 2015 dient der "Tag des Sieges" auch zur Legitimation des Krieges gegen die Ukraine.

Russischer Soldat vor dem Reiterstandbild des sowjetischen Generals Schukow nahe des Roten Platzes in Moskau am 5.5.2022. (© picture-alliance, EPA | YURI KOCHETKOV)

Die russische Gesellschaft der frühen 1990er Jahre erinnerte sich auf eine stille Art und Weise an den deutschen Vernichtungskrieg, der bald ein halbes Jahrhundert zurücklag. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte sich der Staat eine kurze Zeit aus der Geschichtspolitik zurückgezogen. Er überließ den 9. Mai dem privaten Gedenken. Fast jede sowjetische Familie hatte im Zweiten Weltkrieg Opfer zu beklagen und die Gesellschaft war noch stark von der Generation der Veteraninnen und Veteranen geprägt. Die betagten früheren Kämpfer hassten den Krieg und auch diejenigen, die ihn idealisierten. Sie waren müde Helden und hatten einen nüchternen Blick auf den sowjetischen Triumph, der ihr Sieg war, dessen Kosten sie jedoch allzu gut kannten. Zu viele ihrer Klassenkameradinnen und Mitkämpfer waren nicht von den Schlachtfeldern zurückgekehrt. Als der Krieg 1945 zu Ende war, ging der Terror Stalins in der Sowjetunion ungebrochen weiter. Eine ganze Generation konnte erst nach dem Tod des Diktators 1953 zum ersten Mal freier durchatmen. Doch letztlich hatten sie das Gros ihres Lebens unter den repressiven und ärmlichen Bedingungen des sowjetischen Alltags verbracht. Der Wohlstand, der im Westen die Nachkriegszeit prägte, blieb ihnen verwehrt, Freiheit lernten sie erst in ihrem Lebensabend kennen.

Heute sind nur noch wenige Veteraninnen und Veteranen am Leben. Die russischen Feiern am 9. Mai sind bereits seit Jahren von einem bombastischen Militarismus geprägt. Der Kriegskult, den Putins Russland pflegt, ließ sich erst errichten, als die Kriegsgeneration allmählich begann, auszusterben. Es ist ein Kult der Nachkriegsgeneration, der von einem Krieg erzählt, der so nicht stattgefunden hat. Doch gerade diese Entwicklung wirft wichtige Fragen auf:

Woher kommt der Kult des "Großen Vaterländischen Krieges"? Warum ist er für den russischen Staat so wichtig? Und wie hat er sich historisch entwickelt?

Zur Bedeutung des "Großen Vaterländischen Krieges" in Russland

Den historischen Kern der heutigen Feiern bildet die Siegesparade, die am 24. Juni 1945, mehr als einen Monat nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland, auf dem Roten Platz in Moskau zum ersten Mal stattfand. Das Bild des Marschall Schukow, des Siegers in der Schlacht von Berlin, der während der Siegesparade 1945 auf seinem Schimmel die sowjetischen Truppen inspiziert, gehört zu den ikonischen Darstellungen des sowjetischen Triumphes über Hitler. Doch in den folgenden letzten Jahren der Herrschaft Stalins (1945-1953) fielen die Feiern des Kriegsendes bescheiden aus. Der 9. Mai war zu Lebzeiten des Diktators nicht arbeitsfrei. Stalin verstand instinktiv, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem er den Namen "Großer Vaterländischer Krieg" gab, kaum dazu dienen konnte, seine Herrschaft zu legitimieren. Zu nah waren noch der Schrecken und das Leid, der millionenfache Verlust und auch die Erinnerung an die Fehlentscheidungen der sowjetischen Führung während des Krieges. Bis zu Stalins Tod 1953 feierte die Sowjetunion den Interner Link: Jahrestag der Oktoberrevolution (7. November) und den Tag der Arbeit (1. Mai), aber nicht den Tag des Sieges über Deutschland. Stalins Nachfolger Interner Link: Nikita Chruschtschow erlaubte es, die Leiden und das Heldentum der einfachen Soldaten zu thematisieren. Doch auch während seiner Herrschaft gründete sich die Legitimität der Parteiherrschaft der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) weiterhin auf das utopische Fernziel einer kommunistischen Gesellschaft.

Der Kult um den "Großen Vaterländischen Krieg", wie wir ihn heute kennen, ist eine Erfindung der Breschnew-Zeit (Interner Link: 1964-1982). Leonid Breschnew war selbst Kriegsveteran und gründete seine Autorität auch auf der Überhöhung der eigenen Rolle im Zweiten Weltkrieg.

Was änderte sich unter Leonid Breschnew?

Während Breschnews Vorgänger stets die Oktoberrevolution von 1917 als zentrales Ereignis der russischen Geschichte dargestellt hatten, trat nun der Sieg gegen das Deutsche Reich 1945 in das Zentrum parteistaatlicher Legitimation. Im Jahr 1965 wurde der 9. Mai zum arbeitsfreien Tag ernannt. In diesem Jahr – zum 20. Jahrestag des Sieges – fand auch erstmals seit 1945 wieder eine große Parade auf dem Roten Platz statt. Unter der Herrschaft Breschnews wurden in der gesamten UdSSR zahlreiche Denkmäler und Museen über den Krieg konzipiert und eingeweiht. Der Siegeskult eroberte so zwanzig Jahre nach Kriegsende den öffentlichen Raum in der Sowjetunion. Der Triumph des Jahres 1945 und die Entstehung des sowjetischen Nachkriegsimperiums wurden nun als die zentralen Leistungen des sowjetischen Staates dargestellt. Nicht mehr die kommunistische Zukunft, sondern die heldenhafte Vergangenheit – die "Befreiung Europas vom Faschismus" – legitimierten nun den sowjetischen Staat. Damit verlagerte sich der historische Fluchtpunkt der Geschichte der Sowjetunion in das Jahr 1945. Zugleich erlaubte die Verklärung des Sieges die Rückkehr Stalins, den Chruschtschow 1956 verdammt hatte, in das sowjetische Pantheon. Bereits zu Breschnews Zeiten wurde deutlich: Man kann den Sieg von 1945 nicht zelebrieren, ohne auch Stalin zu feiern.

Auflösung der Sowjetunion und (De-)Konstruktion der Geschichtsmythen

Während der Jahre der Interner Link: Perestroika begann die Dekonstruktion sowjetischer Geschichtsmythen. Michail Gorbatschow (1985-1991) lockerte die strenge Zensur und machte es möglich, offener über die Wunden des Weltkrieges zu sprechen und zu schreiben. Erstmals wurde eine realistische Zahl der Kriegsopfer – über 20 Millionen Menschen – genannt. Letztlich kollabierte die Legitimität der sowjetischen Herrschaft nicht nur, aber auch wegen des Zusammenbruchs der historischen Mythen, die von der Parteiherrschaft lange gepflegt worden waren. Mit der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 entstanden 14 unabhängige Nationalstaaten und Russland, das sich weiterhin als imperiale Macht definierte. Als das Projekt der Liberalisierung des russischen Staates bereits Mitte der 1990er Jahre in die Krise geriet, griffen die Interner Link: Berater Boris Jelzins auf sowjetische Mythen zurück. Am 9. Mai 1995 fand wieder eine große Militärparade in Moskau statt, die explizit an die sowjetische Tradition anknüpfte. Auf den Trümmern des Imperiums stehend, erklärte Jelzin das Jahr 1945 erneut zum wichtigsten Datum der russischen Geschichte. Damit stellte er das post-sowjetische Russland in die imperiale Tradition der UdSSR.

Nationale Erzählungen des Zweiten Weltkriegs in den sowjetischen Nachfolgestaaten

In den anderen Nachfolgestaaten der UdSSR ging unterdessen die Emanzipation von den sowjetischen Geschichtsmythen weiter. Hier entstanden nationale Erzählungen, die nun die Rolle der eigenen Nation im Zweiten Weltkrieg thematisierten. Häufig wurde dabei die Erfahrung der nationalsozialistischen Besatzung mit der sowjetischen Herrschaft verglichen. Im Baltikum oder auch in der Ukraine widersprachen Historikerinnen und politische Akteure der sowjetischen Interpretation einer "Befreiung vom Faschismus" und betonte die Kontinuität der Repression von Hitler zu Stalin. So begannen seit Ende der 1990er Jahre die ersten geschichtspolitischen Konflikte zwischen Russland und seinen Nachbarländern. Es gab und gibt keinen Konsens über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, seinen Ausbruch und sein Ende und die anschließende gewaltsame Sowjetisierung Osteuropas.

Kult des "Großen Vaterländischen Krieges" unter Putin

In Russland selbst dient der Kult des "Großen Vaterländischen Krieges" in der Ära Putin zur Militarisierung der Gesellschaft und Normalisierung militärischer Gewalt. Die Ambivalenzen und Kosten des Krieges, das Leid der Bevölkerung und auch der Interner Link: parteistaatliche Terror unter Stalin wurden aus dem offiziellen Geschichtsbild des post-sowjetischen Russland zunehmend ausgeblendet. Putin etablierte eine neue Erzählung von der historischen Größe des russischen Staates, die keine Ambivalenzen beinhaltet. Der von ihm etablierte Kult des Krieges täuscht nur vor, an den Krieg erinnern zu wollen. Tatsächlich eröffnet die Fixierung auf 1945 einen Ausstieg aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hinter der Fassade des immer wieder beschworenen großen Sieges verschwinden die Tragik und die Verbrechen eines ganzen Zeitalters: Die Revolution und der Bürgerkrieg, die Kollektivierung und der Große Terror, die Opfer und die Täter verschwinden hinter der Fassade eines Siegeskultes, der die dunklen Seiten der Vergangenheit überdecken soll. Die unter Putin reaktivierte Weltkriegslosung "nach Berlin!" implizierte außerdem stets die Drohung, dass Russland mit dem Kriegsführen noch lange nicht fertig sei. Unter Putin trat neben der Verherrlichung des Krieges die Idee seiner Fortsetzung, um eine 1945 gewonnene und 1991 verlorene Größe wiederherzustellen. Das zeigte sich beispielsweise auch in Putins Essay zur ukrainischen Geschichte, der im Sommer 2021 erschien und in dem er rhetorisch den Angriffskrieg vorbereite. Putin bezeichnet hier Russland und die Ukraine als eine organische Einheit, die durch den Einfluss des Westens verloren gegangen sei, und die es auch mit militärischen Mitteln wiederherzustellen gelte.

Seit der großen Parade am 9. Mai 2015 dient der "Tag des Sieges" auch zur Legitimation des Krieges gegen die Ukraine. Die pauschale Behauptung, in Kiew regierten Nazis, rechtfertigte den Angriff von 2014 und wurde im Februar 2022 wiederholt, Interner Link: als die russischen Streitkräfte die gesamte Ukraine angriffen. So verschwand die historische Erinnerung fast vollständig hinter der politischen Instrumentalisierung für das neoimperiale Projekt der russischen Führung. Der Tag des Sieges ist zu einer Legitimationsfeier für Wladimir Putin und sein Regime geworden. Eine differenzierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg hat der russische Staat dagegen mit verschiedenen Gesetzen kriminalisiert. So ist es etwa seit 2021 in Russland verboten, die sowjetische und die nationalsozialistische Kriegführung zu vergleichen. Außerdem wurde festgelegt, dass die "Verteidiger des Vaterlandes" in der Geschichtsschreibung zu ehren seien. Mit diesen Gesetzen versucht das russische Regime ein Monopol in der Deutung des Zweiten Weltkrieges zu errichten. Die offizielle Erzählung ist nun die einzig zulässige, abweichende Perspektiven sind justiziabel.

Die vergangene Zukunft des 9. Mai in der Ukraine

Der laufende Krieg Russlands gegen die Ukraine wird auch die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die Bedeutung des 9. Mai im post-sowjetischen Raum verändern. In Russland verschmelzen die beiden Kriege schon jetzt in der Propaganda zu einem epischen Kampf gegen den "Faschismus". Diese anti-ukrainische Erzählung und die russischen Kriegsverbrechen der vergangenen Monate delegitimiert den 9. Mai als Feiertag und die sowjetische Erzählung über den Weltkrieg weiter. Bereits seit einigen Jahren feiert das offizielle Kiew das Kriegsende – wie in Westeuropa – am 8. Mai. Diese Abgrenzung von sowjetischen Traditionen und russischen Praktiken geht weiter: Vor einigen Wochen bauten die Bürgerinnen und Bürger der ukrainischen Stadt Czernowitz als Reaktion auf den russischen Überfall einen sowjetischen T34-Panzer ab, der bis dahin prominent an die Befreiung der Stadt im Jahre 1944 erinnerte. Damit wird deutlich: Die von Putin wiederbelebte sowjetische Heldenerzählung ist in Russland zwar weiterhin zentral, aber sie verliert in anderen Staaten wie der Ukraine weiter an Bedeutung.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Stalin und die offizielle sowjetische Propaganda sprachen bereits seit 1945 vom "Großen Vaterländischen Krieg" gegen das Deutsche Reich. Dies geschah in Anlehnung an den "Vaterländischen Krieg" gegen Napoleon von 1812. Zugleich dient die Bezeichnung dazu, die Zeit des sowjetischen Bündnisses mit Hitler (1939-1941) gegen Polen aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Für die UdSSR beginnt der Krieg erst 1941.

  2. Jan Claas Behrends: Putins negative Ukrainepolitik. Hintergründe und Analogien, in: Osteuropa 7/2021, S. 77-84. Externer Link: https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2021/7/putins-negative-ukrainepolitik/

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Prof. Dr. Jan Claas Behrends arbeitet als Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam und unterrichtet osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).