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Flutkatastrophe in Pakistan

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Flutkatastrophe in Pakistan

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Menschen überqueren eine überschwemmte Straße im Bezirk Dadu, Provinz Sindh, Pakistan am 30. August 2022. (© picture-alliance, EPA | WAQAR HUSSEIN)

Fast vier Monate dauerte die Überflutung in Interner Link: Pakistan an. Es ist die schwerste Flutkatastrophe seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Mitte Juni setzten dort extreme Monsun-Regen ein. Zuletzt sanken teilweise die Wasserstände, doch die drastischen Überschwemmungen, Erdrutsche und Sturzfluten haben zu einer humanitären Katastrophe geführt. Zeitweise war ein Drittel des Landes überflutet. Das Wasser geht zurück. Doch in der besonders betroffenen Region Sindh, im Südosten des Landes, stehen noch immer Teile des Landes unter Wasser. Im Flachland fließt das Wasser nur langsam ab.

Als eine wesentliche Ursache für die Flutkatastrophe gilt Expertinnen und Experten zufolge der Interner Link: Klimawandel, der solche Extremwetterereignisse begünstigt. Pakistan zählt laut Weltklimarat zu den Staaten, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.

Millionen Menschen verloren ihre Heimat

Laut Nationaler Katastrophenschutzbehörde töteten allein die Wassermassen bis Anfang Oktober mindestens 1.700 Menschen, rund 13.000 Menschen wurden verletzt. Wegen des stehenden Wassers breiten sich zudem Krankheiten wie Malaria, Cholera oder Dengue-Fieber aus. Mehrere Hundert Menschen starben daran, insbesondere an Malaria.

Die Folgen der Fluten sind in vielerlei Hinsicht verheerend: Millionen Menschen fehlen ausreichend Lebensmittel und sauberes Wasser. Zugleich mangelt es vielerorts an medizinischer Hilfe – etwa zehn Prozent der Gesundheitseinrichtungen wurden beschädigt. Medikamente und medizinisches Material sind nur noch begrenzt vorhanden. Die Interner Link: Weltgesundheitsorganisation (WHO) konstatierte Anfang Oktober, man befinde sich "am Rande einer Gesundheitskatastrophe".

Insgesamt rund 33 Millionen Menschen sind von der Flutkatastrophe betroffen – mehr als zwei Drittel davon sind Frauen und Kinder. Damit sind mehr Menschen von der Naturkatastrophe akut betroffen, als etwa Australien Einwohnende hat. Nach Angaben der pakistanischen Regierung machten die Fluten und ihre Folgen bis Anfang Oktober fast acht Millionen Menschen heimatlos.

Nicht das erste Extremwetter in diesem Jahr

Dass es in Pakistan von Juni bis September, der sogenannten Monsunzeit, viel regnet, ist normal. Der Monsun ist ein wichtiger Faktor in der Wasserversorgung des Landes. Allerdings fiel in Teilen Pakistans zwischen Mitte Juni und Mitte September viermal so viel Niederschlag wie in vorherigen Jahren. Weil die Gletscher in diesem Jahr besonders stark schmolzen, vergrößerten sich die Wassermengen weiterhin. Die enormen Wetterschwankungen in der Region trugen in diesem Jahr ebenfalls zu den Überflutungen bei. Im April und Mai herrschte in Pakistan bereits eine Rekord-Hitzewelle mit Temperaturen von um die 50 Grad Celsius. Je wärmer die Luft ist, desto mehr Feuchtigkeit kann sie aufnehmen. Das führt wiederrum dazu, dass größere Wassermengen in kürzerer Zeit niederschlagen können.

Ausmaß der Flut

(© picture-alliance, ASSOCIATED PRESS | Zahid Hussain) (© picture-alliance, ASSOCIATED PRESS | Zahid Hussain) (© picture-alliance, ASSOCIATED PRESS | Zahid Hussain) (© picture-alliance, ASSOCIATED PRESS | Uncredited)

Infrastrukturschäden in Milliardenhöhe

Hunderttausende Pakistanerinnen und Pakistaner, die vor den Überschwemmungen fliehen mussten, leben derzeit notdürftig unter freiem Himmel. Vielerorts ist die Strom- und Trinkwasserversorgung gestört oder zusammengebrochen. Der anstehende Winter droht die Situation zu verschärfen.

Die Infrastruktur hat vor allem in den Provinzen Sindh, Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan langfristigen Schaden genommen. Schätzungsweise zwei Millionen Häuser, knapp 400 Brücken und etwa 13.000 Kilometer Straßen wurde zerstört, Hunderttausende Nutztiere sind gestorben. Die Schäden an Häusern, Infrastruktur und Landwirtschaft belaufen sich Schätzungen der Regierung zufolge auf rund 30 Milliarden Euro. Ernteausfälle haben bislang schwer bezifferbare Folgen für die Wirtschaft und Ernährungssicherheit des Landes. Beobachtern zufolge ist beispielsweise die Hälfte der diesjährigen Baumwollernte zerstört worden, die für Pakistan ein zentrales Exportgut ist – die Arbeitsplätze von Hunderttausenden Beschäftigten in der Textilindustrie sind nun gefährdet. Pakistans Regierung rechnet damit, dass der Wiederaufbau viele Jahre dauern wird.

Internationale Hilfsgelder für Versorgung und Infrastruktur

Das Land, das bereits vor der Flutkatstrophe unter einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise litt, sieht sich ohne internationale Hilfe nicht in der Lage, den Wiederaufbau zu stemmen und bat deshalb die internationale Gemeinschaft um Unterstützung.

Die Vereinten Nationen haben ihre Mitgliedsstaaten zuletzt mehrfach dazu aufgerufen, Hilfsgelder für Pakistan bereitzustellen. Nach einem ersten Aufruf waren bis Ende September 90 Millionen Euro zusammengekommen. Die Vereinten Nationen haben den Bedarf an Hilfsgeldern von 160 Millionen Dollar auf 816 Millionen Dollar erhöht und an die internationale Gemeinschaft appelliert, dem Spendenaufruf schneller nachzukommen. Mitte Oktober waren erst 20 Prozent der benötigten Hilfsgelder zusammengekommen. Diese brauche es, um eine Hungersnot abzuwenden und Menschen medizinisch zu versorgen. Um die Infrastruktur wiederaufzubauen und einen Wirtschaftskollaps zu verhindern, benötigt das Land weitere Milliarden. Deutschland hat Ende September 39 Millionen Euro der pakistanischen Regierung zugesagt.

Die Regierung in Islamabad teilte Ende September mit, sie müsse zur Bewältigung der Flutfolgen auf Mittel zurückgreifen, mit denen Projekte zur Klimaanpassung und Katastrophenvorbeugung hätten finanziert werden sollen.

Pakistan besonders stark vom Klimawandel betroffen

Pakistan gehört zu den zehn Ländern, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Als Verursacher des Klimawandels spielt Pakistan mit weniger als einem Prozent der globalen CO2-Emissionen eine geringere Rolle. Mit 30 Prozent verantwortete China 2021 den größten Anteil des globalen CO2-Ausstoßes, gefolgt von den USA mit rund 13 Prozent. Klimamodelle zeigen, dass sich die Atmosphäre über Südostasien besonders schnell erwärmt. Sie kann deshalb mehr Wasser aufnehmen, extreme Regenfälle nehmen zu. Laut Klima-Risiko-Index 2021 ist Pakistan besonders von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, aber auch Dürren sowie Erdbeben als Folge des Klimawandels bedroht.

Mit 225,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner ist Interner Link: Pakistan das fünftbevölkerungsreichste Land weltweit (Stand 2021). Dabei lebt laut UN-Bericht jede vierte Person im Land in Armut. Mit 40 Prozent ist fast die Hälfte der Kinder von Unterernährung betroffen. Zudem ist Pakistan aufgrund ausgeprägter Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen und Trans-Personen im Global Gender Gap Index 2021 auf dem 153. Rang von 156 Ländern. Auf dem letzten Platz ist Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban 2021. Aus dem benachbarten Land fliehen zahlreiche Menschen nach Pakistan, im vergangenen Jahr waren dort etwa 1,4 Millionen afghanische Geflüchtete registriert.

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