Hinweis
Dieser Beitrag wurde am 15.04.2024 erstmals veröffentlicht und am 11.02.2026 auf Grundlage der bis dahin eingetretenen Entwicklungen aktualisiert.
/ 4 Minuten zu lesen
Seit fast drei Jahren führen das sudanesische Militär SAF und die paramilitärische Miliz RSF einen von beiden Seiten brutal geführten Krieg gegeneinander. Die humanitäre Lage ist katastrophal.
Dieser Beitrag wurde am 15.04.2024 erstmals veröffentlicht und am 11.02.2026 auf Grundlage der bis dahin eingetretenen Entwicklungen aktualisiert.
Im
Die historisch stets einer großen Zahl unterschiedlicher Herrschaftsbereiche unterstehende Region des heutigen Sudan und Südsudan befand sich spätestens ab 1600 unter islamischem Einflussbereich. Zwischen 1820 und 1840 gelang es dem unter osmanischer Hoheit stehenden Ägypten, den Norden Sudans mit äußerster Brutalität vollständig zu besetzen und auszubeuten. Bis 1874 eroberten ägyptische Truppen auch den Süden, doch es gelang ihnen nie eine vollständige Kontrolle des rohstoffreichen Südens. In dieser kolonialen Phase unter Osmanischer Herrschaft wurde die Schwarze Bevölkerung als Sklaven ausgebeutet und das Land als Reservoir für Gold oder Elfenbein genutzt. Ende des 19. Jahrhunderts geriet Sudan dann unter die Herrschaft Großbritanniens, das 1882 Ägypten besetzte. Der Sudan erlangte 1956 nach einem Referendum, in dem die Mehrheit gegen einen Anschluss an Ägypten stimmte, seine Unabhängigkeit. In den darauffolgenden Jahrzehnten wechselten sich kurze demokratische Phasen, wiederkehrende Militärputsche und eine Reihe von Bürgerkriegen immer wieder ab.
Die strukturellen Probleme des Sudan blieben, zentrale Institutionen des Landes zerfielen zusehends. Massenproteste und ein Militärputsch stürzten 2019 Omar al-Bashir, der das Land 30 Jahre lang diktatorisch regiert hatte. Eine über die Jahre wachsende Zivilgesellschaft hatte zunehmend eine zivile Regierung und die Demokratisierung des Landes gefordert – und konnte einige Erfolge erzielen: So wurden die Scharia abgeschafft und die Rechte religiöser Minderheiten gestärkt. Auch hinsichtlich der Pressefreiheit gab es leichte Verbesserungen. Zudem wurden die Gewerkschaften sowie die Frauenrechte in dieser Zeit gestärkt, auch wenn die Armee und andere bewaffnete Gruppierungen de facto stets einflussreiche Akteure blieben. Die Phase der Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung währte mit dem derzeitigen Krieg nur kurz. Freie Wahlen sind nicht in Sicht.
Die Bevölkerungszahl des heutigen Sudan liegt Schätzungen zufolge bei rund 50 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. In dem Land leben unterschiedliche Ethnien – darunter Araber, Fur, Beja und Nuba. Amtssprachen sind Englisch und Arabisch. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung waren vor Beginn des Kriegs sunnitische Muslime, gut 5 Prozent Christen – zudem gibt es Angehörige von weiteren ethnischen Religionen.
Das sudanesische Bruttoinlandsprodukt lag im Jahr 2024 nach offiziellen Angaben bei 29,2 Milliarden US-Dollar, also gut 25 Milliarden Euro. Zu den wichtigsten Exporten zählen Gold und landwirtschaftliche Produkte. Die stark agrarisch geprägte Wirtschaft schrumpfte in den vergangenen Jahren aufgrund des Kriegs deutlich – laut Bundesamt für Statistik allein 2024 um rund 23 Prozent. Die Inflationsrate lag 2024 bei im Schnitt 186 Prozent. Zum Vergleich: Die Europäische Zentralbank peilt eine Inflationsrate von 2 Prozent an. Der Sudan ist reich an Rohstoffen, gehört jedoch zu den ärmsten Ländern der Erde. In Demokratie-Messungen belegt das Land regelmäßig einen der hintersten Plätze: Laut dem Externer Link: V-Dem-Report 2025 liegt der Sudan unter den fünf letzten Plätzen weltweit.
Externer Link: Laut UN-Angaben waren im Januar 2026 schätzungsweise 33,7 Millionen Menschen – d.h. rund zwei Drittel der Bevölkerung – auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das Land stehe „am Rande einer Hungersnot“, so die UN-Flüchtlingshilfe. Nach den Zahlen der international anerkannten Initiative Integrated Food Security Phase Classification (IPC), auf die sich UNICEF beruft, waren im September 2025 21,2 Millionen Menschen von akutem Hunger bedroht. Externer Link: Anfang Februar meldete die IPC-Initiative, dass in der Region Nord-Darfur in zwei weiteren Orten die Grenzwerte für eine Hungersnot überschritten wurden und davon auszugehen sei, dass benachbarte Gebiete unter ähnlichen katastrophalen Bedingungen leiden könnten. Insgesamt habe sich die akute Unterernährung im Jahr 2026 weiter verschlimmert, mit geschätzten 4,2 Millionen Fällen gegenüber 3,7 Millionen im Jahr 2025.
Dem UNHCR zufolge befinden sich derzeit fast zwölf Millionen Menschen auf der Flucht (Externer Link: Stand: 26.01.2026) – darunter 7,3 Millionen Binnenflüchtlinge. Fast 4,5 Millionen Menschen sind seit Anfang des Kriegs ins Ausland geflohen – die meisten von ihnen nach Ägypten, in den Tschad und den Südsudan.
Einem UN-Bericht vom September 2025 zufolge wurden im ersten Halbjahr 2025 mindestens 3.384 Zivilistinnen und Zivilisten im Zuge des Konflikts getötet. Für das Jahr 2024 wurden 4.238 getötete Zivilistinnen und Zivilisten dokumentiert. Am stärksten von ziviler Gewalt betroffen war die Region Darfur, insbesondere Nord-Darfur, gefolgt von der Kordofan-Region und dem Bundesstaat Khartum. Verlässliche Angaben zu den tatsächlichen Opferzahlen sind kaum zu ermitteln, da eine zuverlässige Berichterstattung unter anderem durch Ausfälle der Telekommunikation und des Internets stark eingeschränkt ist. Externer Link: In einer im November 2024 veröffentlichten Studie dokumentierten Forschende der Sudan-Forschungsgruppe der London School of Hygiene and Tropical Medicine 26.000 Todesopfer infolge gewaltsamer Auseinandersetzungen allein im Bundesstaat Khartum. Andere Schätzungen gingen bereits Mitte 2024 von rund 150.000 getöteten Menschen seit Anfang des Konflikts aus.
In den internationalen Medien findet der Krieg im Sudan verhältnismäßig wenig Beachtung. Auch in der Politik westlicher Staaten spielt er eine nachgeordnete Rolle.
Hintergrund der militärischen Auseinandersetzung ist ein Machtkampf zwischen de-facto-Präsidenten und Oberbefehlshaber der sudanesischen Armee, General Abdel Fattah al-Burhan, und dem Anführer der paramilitärischen Miliz RSF, Mohammed Hamdan Daglo, auch „Hemedti“ genannt. Der Langzeitdiktator Omar al-Bashir, der von 1989 bis 2019 einen autoritären Staat anführte und nicht-muslimische Minderheiten massiv unterdrückte, stützte seine Macht bis zu seinem Sturz nicht nur auf die SAF, sondern auch auf verschiedene Milizen – darunter auch die RSF.
Die paramilitärische Miliz RSF wurde 2013 von al-Bashir gegründet, vor allem um den Widerstand gegen sein Regime in der westlichen Region Darfur niederzuschlagen. Zudem wirkte die RSF im Sicherheitssektor als Gegengewicht zur offiziellen Armee. Hervorgegangen war die RSF aus den „Dschandschawid“, die Anfang der 2000er Jahre in Darfur Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt hatten. Hierzu erging im Dezember 2025 vor dem
Als es Ende 2018 zu Protesten gegen steigende Lebensmittelpreise kam und eine erstarkende Zivilgesellschaft auf eine demokratische Transformation des Landes drängte, brachen Massenproteste gegen das Militärregime aus. In der Folge wurde al-Bashir im April 2019 durch einen Militärputsch abgesetzt. Zur Vorbereitung des Übergangs zu einer demokratischen, zivil geführten Regierung wurde eine Übergangsregierung unter Premier Abdalla Hamdok eingesetzt. In dieser erhielten die beiden Generäle Burhan (SAF) und Hemedti (RSF) unter anderem die Kompetenz für Sicherheitsfragen im nationalen Souveränitätsrat.
Eigentlich sollte die Übergangsregierung aus Militärs und ziviler Opposition den Weg zu demokratischen Wahlen und einer Zivilregierung ebnen. Generäle der RSF und der SAF putschten im Oktober 2021 jedoch erneut, lösten die Übergangsregierung auf und besetzten den Übergangsrat ohne zivile Beteiligung neu. Über die Zeit verschärften sich die Machtkämpfe der beiden Generäle. Insbesondere eine Einigung darüber, auf welche Weise die RSF in die sudanesische Armee integriert werden sollten, scheiterte – woraufhin am 15. April 2023 Kampfhandlungen in Khartum begonnen und den gegenwärtigen Krieg auslösten.
Beide Kriegsparteien verletzen laut den Vereinten Nationen
15. April 2023: In der Hauptstadt Khartum brechen schwere Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee und der RSF aus. Auch in anderen Regionen des Landes gibt es bewaffnete Auseinandersetzungen.
11. Mai 2023: Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen fordert in einer Resolution alle Konfliktparteien zu einer Einstellung der Feindseligkeiten auf. Auf Vermittlung der Regierungen der USA und Saudi-Arabiens wird am gleichen Tag der Vertrag von Dschidda vereinbart. Die Kämpfe gehen dennoch weiter.
Ende Oktober 2023: Die RSF nimmt die Regionalhauptstadt Nyala des Bundestaates Dschanub Darfur ein. Kurze Zeit später erobert die RSF auch Zalingei, die Hauptstadt von Zentral-Darfur, und Al-Dschunaina, die Hauptstadt von West-Darfur. Truppen der sudanesischen Armee fliehen vor den vorrückenden RSF-Einheiten.
November 2023: Nachdem die RSF ihre Positionen in Darfur gesichert hat, greift sie Ziele in der Provinz Nord-Kurdufan an. Sie bringt auch weite Teile der Hauptstadt Khartum unter ihre Kontrolle. Am 18. Dezember 2023 nehmen RSF-Kämpfer Wad Madani ein, die Hauptstadt der Region al-Dschazira.
Februar 2024: Die sudanesische Armee durchbricht die Belagerung der Stadt Omdurman am Nil nahe der Hauptstadt Khartum. Es ist der erste Offensiverfolg der sudanesischen Regierungstruppen. Frühjahr 2025: Der SAF gelingt die Rückeroberung von Khartum. Die RSF erleidet schwere Niederlagen und gerät massiv unter Druck. Im weiteren Verlauf des Jahres kann die RSF wieder militärische Siege erringen – die SAF muss sich aus dem Dreiländereck mit Libyen und Ägypten zurückziehen.
April 2025: Externer Link: Angaben der Vereinten Nationen zufolge töten RSF-Milizionäre mindestens 1.013 Zivilistinnen und Zivilisten in Samsam, dem größten Lager für Binnenvertriebene in Nord-Darfur.
Ende Oktober 2025: Die RSF nimmt die Stadt Al-Faschir in der Provinz Nord-Darfur ein und kontrolliert seither weite Teile des Westens und Südens. Die Streitkräfte der Regierung halten weiterhin das Landesinnere, samt Khartum, sowie die Küste am Roten Meer mit dem wichtigen Handelsumschlagplatz Port Sudan. Zeuginnen und Zeugen berichten von Massenhinrichtungen und -vergewaltigungen sowie Entführungen nach dem Fall von Al-Faschir an die RSF. Das Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen fordert seither eine unabhängige Untersuchung von Verstößen gegen das Völkerrecht.
Diverse Regionalmächte unterstützen eine der beiden Kriegsparteien. Die RSF erhält Unterstützung vor allem von den Vereinigten Arabischen Emiraten, ebenso sollen Libyen und der Tschad an ihrer Seite stehen. Die SAF hingegen wird insbesondere von Ägypten und Saudi-Arabien unterstützt, aber auch von Katar, der Türkei und dem Iran.
Beide Konfliktparteien werden zudem von regionalen Milizen unterstützt. Die ausländischen Akteure verfolgen dabei ihre je eigenen geopolitischen Ziele, dabei überschneiden sich verschiedene Faktoren: der Kampf um politische Vorherrschaft in der Region oder die Kontrolle über Ressourcen und Rohstoffe wie Gold oder Öl.
„Hintergrund Aktuell“ ist ein Angebot der Onlineredaktion der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Es wird von den Redakteur/-innen und Volontär/-innen der Onlineredaktion der bpb redaktionell verantwortet und seit 2017 zusammen mit dem Südpol-Redaktionsbüro Köster & Vierecke erstellt.