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Vier Jahre russische Vollinvasion in der Ukraine | Hintergrund aktuell | bpb.de

Vier Jahre russische Vollinvasion in der Ukraine

Redaktion

/ 8 Minuten zu lesen

Vier Jahre nach Russlands Invasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 dauern die massiven russischen Angriffe an. Zivile Infrastruktur wird gezielt zerstört, Millionen Menschen sind betroffen.

Januar 2026, Kyjiw: Ein vom ukrainischen Zivilschutz eingerichtetes Zelt, in dem sich Anwohner bei Strom- und Heizungsausfällen nach russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur des Landes aufwärmen können. (© picture-alliance, Maxym Marusenko)

Luftkrieg und Zerstörung ziviler Infrastruktur

Vier Jahre nach der russischen Vollinvasion in die Ukraine leistet das Land weiterhin Widerstand gegen die anhaltende Aggression. Der Krieg wird vor allem an zwei zentralen Schauplätzen geführt: in der Bodenoffensive und durch Angriffe aus der Luft. Seit Monaten greift Russland die Ukraine aus der Luft mit hoher Intensität und in dichter Abfolge an und zielt dabei vor allem auf zivile Objekte und zivile kritische Infrastruktur. Interner Link: Bereits im Oktober 2022 startete Russland eine groß angelegte Luftoffensive gegen die zivile Energieinfrastruktur der Ukraine. Das Muster wiederholt sich seither jedes Jahr mit Beginn der kalten Jahreszeit. Das zeigt deutlich, dass Russland gezielt auf die Zermürbung und Terrorisierung der Zivilbevölkerung setzt. Wiederholte Raketen- und Drohnenangriffe auf Kraftwerke und Schlüsselknotenpunkte wie das Wärmekraftwerk Darnyzka im Osten Kyjiws führen in ukrainischen Großstädten zu langen Strom- und Heizungsausfällen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sowie Energieminister Denys Shyhal erklärten, es gebe im gesamten Land keine Energieanlage, die nicht beschädigt worden sei. Experten zufolge gilt die derzeitige Zerstörung des ukrainischen Stromnetzes als die schwerste des gesamten Krieges – und dies in einem besonders harten Winter mit langen schweren Frostperioden.

Derzeit reichen die vorhandenen ukrainischen Luftverteidigungssysteme kaum noch aus, um der deutlich verschärften Intensität der russischen Luftangriffe wirksam zu begegnen. Diese umfassen inzwischen regelmäßig Hunderte von Drohnen sowie zahlreiche Marsch- und ballistische Raketen. Der Externer Link: Monitor Luftkrieg Ukraine berichtet von rund 56.700 Luftangriffen gegen zivile Ziele in 2025, das bedeutet eine Steigerung um das Vierfache im Vergleich zum Vorjahr. Die Notfallteams arbeiten rund um die Uhr, um eine minimale Stromversorgung aufrechtzuerhalten, und führen auch unter Beschuss und mit knappen Ressourcen die notwendigen Reparaturen durch. Trotz der anhaltenden Bemühungen hat das Stromnetz jedoch schwere strukturelle Schäden erlitten.

Ukraine, Februar 2026: Arbeiter reparieren ein zerstörtes Kraftwerk nach einem russischen Raketenangriff. (© AP, Sergei Grits)

In der ukrainischen Hauptstadt haben im Januar nach Angaben des Bürgermeisters Vitali Klitschko mindestens 600.000 Einwohnerinnen und Einwohner ihr Zuhause verlassen und versucht, in anderen Teilen des Landes oder im Ausland Zuflucht zu finden. Anhaltende Stromausfälle beeinträchtigen auch die medizinische Versorgung erheblich: Krankenhäuser müssen Operationen verschieben und Behandlungen einschränken.

Jenseits der ukrainischen Hauptstadt zielen russische Interner Link: Drohnenangriffe auch darauf ab, ganze Städte und Dörfer unbewohnbar zu machen. Eine Externer Link: Untersuchung der Vereinten Nationen wirft Russland vor, ukrainische Zivilistinnen und Zivilisten in der Nähe der Front gezielt mit Drohnen und Brandbomben anzugreifen. Die Menschen sollen so aus diesen Gegenden vertrieben werden, heißt es in dem Bericht der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission für die Ukraine.

Russische Kriegsverbrechen und juristische Aufarbeitung

Die Angriffe auf zivile Objekte und Infrastruktur in der Ukraine fordern enorm viele Tote. Allein in 2025 hat das Büro des Hochkommissars für Menschenrechte (OHCHR) 2514 zivile Opfer verifiziert und spricht damit vom „tödlichsten Jahr für Zivilisten seit dem Einmarsch“. Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 wurden laut des UN-Organs mindestens 14.999 zivile Tote verifiziert – darunter 763 Kinder. Zudem wurden bislang über 40.000 Verletzte registriert. Die tatsächliche Opferzahl schätzt das OHCHR höher. Menschenrechtsorganisationen und Juristen verurteilen die systematische Interner Link: Zerstörung ziviler Infrastruktur und elementarer Lebensgrundlagen, Interner Link: Handlungen des Ökozids, Folter und Verschleppung durch russische Streifkräfte sowie die unmenschliche Behandlung von Kriegsgefangenen als Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und als Kriegsverbrechen.

Im März 2023 hat der Interner Link: Internationale Strafgerichtshof Haftbefehl gegen Wladimir Putin und die russische Kinderbeauftragte Maria Lwova-Belowa wegen der Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland erlassen. Im Juli 2025 verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg Russland wegen zahlreicher Menschenrechtsverletzungen im Ukraine-Krieg. Der Vorwurf des EGMR lautete, dass Russland in seiner Aggression gegen die Ukraine schon seit 2014 ein "System von Verstößen" gegen die Menschenrechte errichtet habe. Dazu zählen dem Urteil zufolge unter anderem Hinrichtungen von Zivilistinnen und Zivilisten sowie von Angehörigen der ukrainischen Streitkräfte. Auch die Unterdrückung der ukrainischen Sprache im Schulunterricht und die Indoktrination von Schulkindern erfüllen nach Einschätzung des EGMR einen Straftatbestand.

Beweismaterial zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen wird von staatlichen Ermittlungsbehörden, internationalen Organisationen, Menschenrechts-NGOs sowie unabhängigen Recherche- und OSINT-Teams gesichtet und dokumentiert. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat Stand November 2025 über 190.000 Fälle mutmaßlicher Kriegsverbrechen registriert. Für die juristische Ahndung von Kriegsverbrechen bestehen jedoch hohe Hürden. Die Einrichtung eines UN-Sondertribunals erfordert entweder die Zustimmung der UN-Generalversammlung, deren Zustandekommen als unsicher gilt, oder einen Beschluss des UN-Sicherheitsrats, der aufgrund des russischen Vetorechts faktisch ausgeschlossen ist.

August 2025, New York City: Die ukrainische Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko spricht im UN-Sicherheitsrat über zivile Opfer nach russischen Angriffen auf Kyjiw. (© picture-alliance, Bianca Otero)

Im Juni 2025 einigten sich der Europarat und die Ukraine auf die Einrichtung eines Interner Link: Sondergerichtshofs auf europäischer Ebene mit Sitz in Den Haag, der seine Tätigkeit in absehbarer Zeit aufnehmen soll. Die juristischen Befugnisse dieses Gerichts sind jedoch begrenzt: Verurteilungen amtierender Staats- und Regierungschefs sind nicht vorgesehen, möglich sind lediglich Ermittlungen. Entsprechend wird der praktische Nutzen des Sondergerichtshofs unter Fachleuten kontrovers diskutiert.

Zur Lage in den besetzten Gebieten

Russland hält weiterhin rund 19% des ukrainischen Staatsgebiets unter seiner Kontrolle, darunter auch die bereits 2014 Interner Link: völkerrechtswidrig annektierte Krym sowie Teile der Verwaltungsregionen Donezk, Luhansk und Saporischja sowie weitere kleinere Gebiete im Süden und Osten. Aus den besetzten Berichten werden ebenfalls zahlreiche Menschenrechtsverstöße und Kriegsverbrechen gemeldet. Ein UN-Bericht zur Menschenrechtlage in der Ukraine vom 1. Juni bis 30. November 2025 stellt Deportationen ukrainischer Zivilisten nach Georgien fest, wobei viele wegen fehlender Ausweisdokumente an der Grenze festgehalten wurden. Zudem wurden laut dem Bericht Gesetze umgesetzt, die die Enteignung angeblich aufgegebener Immobilien ermöglichen; mindestens 4.500 Häuser waren davon betroffen. In der Region Donezk führten Kriegsschäden, mangelhafte Instandhaltung und Trockenheit zu erheblicher Wasserknappheit. Darüber hinaus berichtet das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte wurde russischer „patriotischer Erziehung“ und Militarisierung an Schulen in den besetzten Gebieten. Der Bericht zur Lage in den von Russland besetzten Gebieten des Institute for the Study of War (ISW) thematisiert im Juni 2025 Pläne zur Deportation ukrainischer Kinder im Sommer 2025 sowie deren Indoktrinierung und Militarisierung durch russische Jugendprogramme. Berichtet wird weiterhin, dass Russland in den besetzten Gebieten Infrastrukturprojekte vorantreibt, die die Regionen wirtschaftlich und administrativ an die Russische Föderation binden sollen. Dazu gehört die Kontrolle über das Energiesystem, um es in das russische Netz zu integrieren. Menschenrechtsorganisationen werfen Russland außerdem vor, Landwirte in den besetzten Gebieten zu zwingen, ihre Rohstoffe zu Dumpingpreisen an staatliche russische Monopole abzugeben, wodurch wiederum auch der Krieg in der Ukraine finanziert werde.

Frontverlauf, Verluste und Propaganda

Parallel zur Besatzungspolitik setzen die russischen Streifkräfte ihre Offensive im Osten der Ukraine fort. Sie versuchen weiter, den Donezker Festungsgürtel zu durchbrechen. Diese Verteidigungsanlagen entlang der Linie von Slowjansk und Kramatorsk im Norden bis nach Kostjantyniwka im Süden hat die Ukraine seit der russischen Militärintervention 2014 kontinuierlich verstärkt. Am Festungsgürtel verhindern die ukrainischen Streitkräfte ein weiteres Vorrücken der Invasion. Mit einem Durchbruch hätten die Angreifer Zugang zu weitgehend offenem Gelände und könnten weit nach Westen vorstoßen.

Trotz intensiver Anstrengungen gelingen Russland seit der Sommeroffensive 2025 allerdings nur kleine Geländegewinne. Der verlangsamte Vormarsch wird mit sehr hohen Verlusten erkauft. Einer aktuellen Externer Link: Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) zufolge betragen die russischen Verluste seit Beginn der Vollinvasion in die Ukraine an die 1.2 Millionen Menschen. Für 2025 werden rund 415.000 Personen geschätzt, durchschnittlich also ca. 35.000 Tote und Verwundete jeden Monat. Kein anderer Staat hat seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine derart hohe Verlustrate für einen Angriffskrieg in Kauf genommen.

Das russische Militärkommando verschleiert systematisch die Wahrheit über das militärische Geschehen und verbreitet wiederholt falsche oder stark übertriebene Darstellungen angeblicher Erfolge. Dabei kommen, wie Recherchen des Faktencheck-Teams der Nachrichtenagentur AFP belegen, in großem Umfang auch KI-generierte Inhalte zum Externer Link: Einsatz. Diese Informationspolitik soll auch im Inland die Unterstützung für den Krieg stärken. Angesichts dessen ist es bemerkenswert, dass innerhalb der russischen Kriegsbloggerszene geschönte Meldungen immer wieder auf Kritik stoßen. In der Außenpolitik verstärken staatliche Medien Erzählungen über angebliche Erfolge oder russische Überlegenheit regelmäßig im Zusammenhang mit diplomatischen Treffen und Verhandlungen, um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern. Gespräche werden, so übereinstimmende Befunde zahlreicher Beobachter, von der russischen Seite nicht zur Konfliktlösung genutzt, sondern, um Zeit zu gewinnen, die eigenen Narrative zu verbreiten und die radikalen Kriegsziele weiter zu verfolgen.

Veränderte Verhandlungslage seit 2025

Mit dem Beginn der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump in den USA im Februar 2025 veränderte sich die internationale Verhandlungslage grundlegend. Die US-Administration signalisierte unbedingten Willen zu einem schnellen Friedensschluss. Um den zu erreichen übte sie massiven Druck auf die Ukraine aus, machte sich dabei teilweise russische Propagandaerzählungen zu eigen und nahm bilaterale Verhandlungen mit Russland auf, ohne die Ukraine oder europäische Partner einzubeziehen. Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde bei seinem Antrittsbesuch im Weißen Haus am 28. Februar 2025 demonstrativ brüskiert. Mit diesem Treffen stand die US-Unterstützung der Ukraine offen infrage. Die folgenden Verhandlungsrunden, darunter im Mai 2025 die ersten direkten Gespräche zwischen der Ukraine und Russland seit 2022, waren wenig erfolgreich. Russland beharrte auf seinen Forderungen, lehnte einen Waffenstillstand als Grundlage für Verhandlungen wiederholt ab und setzte seine flächendeckenden Luftangriffe sowie seine Offensive im Donbas mit großer Härte fort. Vor dem Hintergrund wurde das Treffen von Donald Trump und Wladimir Putin am 15. August in Alaska zu Gesprächen kritisch bewertet, weil Trump weiter die völkerrechtswidrigen Positionen Russlands als legitime Verhandlungsgrundlage ansah und Putin eine Gelegenheit gab, sich als konstruktiver Gesprächspartner zu inszenieren.

Im November 2025 veröffentlichte das US-Nachrichtenportal Axios die Details eines US-Entwurfs für einen Friedensplan, der nach Einschätzung internationaler Beobachter zahlreiche russische Kernforderungen übernahm, darunter die Abtretung von Gebieten im Donbas, die Russland bisher nicht hatte erobern können. In der EU sah man europäische Sicherheitsfragen berührt und forderte, an den Verhandlungen beteiligt zu werden. Aus US-amerikanischen Kreisen gab es Hinweise darauf, dass der Entwurf in Russland entstanden sein könnte und die USA damit indirekt als Vertreter russischer Interessen agierten. In den folgenden Monaten wurden intensive diplomatische Anstrengungen darauf verwandt, den Plan zu überarbeiten und für die Ukraine unzumutbare Punkte wie Gebietsabtretungen oder eine Obergrenze für ihre Streitkräfte zu modifizieren oder zu streichen. Russland lässt jedoch weiter keine Bereitschaft erkennen, von seinen Forderungen abzurücken.

Der Ukrainekrieg als Wendepunkt in der europäischen Sicherheitsordnung

Die Aufgabe der noch nicht eroberten und besetzten Gebiete im Donbas wird mitunter als notwendiges Zugeständnis an Russland gewertet, durch das weiteres Blutvergießen verhindert werden könnte. Journalisten, Analysten und Menschenrechtsorganisationen weisen darauf hin, dass die Realität russischer Besatzungsherrschaft dem eindeutig widerspricht. Vor territorialen Zugeständnissen an Russland wird in zahlreichen sicherheitspolitischen Analysen gewarnt, da sie Russland ermutigten, seine aggressive Expansionspolitik weiter zu verfolgen. Seit der russischen Vollinvasion findet in vielen Ländern wie auch in Deutschland eine grundlegende Neubewertung der Sicherheitspolitik und eine Aufstockung der Verteidigungsausgaben statt. Interner Link: Der Krieg hat die Interner Link: NATO und die Europäische Union zu einer Neuorientierung ihrer Verteidigungsstrategie gezwungen, wobei sich die transatlantischen Beziehungen seit der Amtsübernahme von Präsident Trump in einer Krise befinden. Sicherheitsexperten, Politiker und Militärs sehen für Europa eine eine akute Bedrohung. Anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 warnten der britische Generalstabschef Richard Knighton und der Generalinspekteur der Bundeswehr Lars Breuer in einem gemeinsamen offenen Brief vor einer zunehmenden militärischen Ausrichtung Russland nach Westen. Sie forderten, Europa müsse sich entsprechend vorbereiten.

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