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Wahlen in Brasilien 2026 | Hintergrund aktuell | bpb.de

Wahlen in Brasilien 2026

Redaktion

/ 6 Minuten zu lesen

Am 4. Oktober fanden in Brasilien Präsidentschafts-, Kongress- und Gouverneurswahlen statt. In der Stichwahl tritt der amtierende Präsident Lula da Silva gegen Herausforderer Flávio Bolsonaro an.

Der brasilianische Wahlkampf ist stark polarisiert. Die großen Themen sind Sicherheit, Lebenshaltungskosten und Korruption. (© picture-alliance, Anadolu | Fabio Teixeira)

Mehr als 158 Millionen Wahlberechtigte waren am 4. Oktober 2026 in Brasilien aufgerufen, ein neues Regierungsoberhaupt zu wählen. Gleichzeitig standen der Vizepräsident, die Abgeordnetenkammer, zwei Drittel des Senats, alle 27 Gouverneure sowie die Landesparlamente der 26 Bundesstaaten und des Bundesdistrikts Brasília zur Wahl.

Bei der Präsidentenwahl bekam Senator Flávio Bolsonaro von der rechtskonservativen bis rechtspopulistischen Liberalen Partei (Partido Liberal, PL) 47 Prozent der Stimmen; der amtierende Präsident, Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores, PT), erreichte rund 45 Prozent. Weil keiner der beiden Kandidaten die absolute Mehrheit von mehr als 50 Prozent erreichte, findet am 25. Oktober eine Stichwahl statt. Auch einige Gouverneurswahlen werden sich durch die Stichwahl Ende Oktober entscheiden.

Die wichtigsten Wahlkampfthemen sind öffentliche Sicherheit, Lebenshaltungskosten und das Verhältnis Brasiliens zu den USA.

Brasilien: Politisches System und Wahlrecht

Brasilien hat ein präsidentielles Regierungssystem. Der Präsident ist Staats- und Regierungschef, wird für vier Jahre direkt vom Volk gewählt und darf einmal in Folge wiedergewählt werden. Der Nationalkongress besteht aus zwei Kammern: Senat und Abgeordnetenhaus. Die 81 Senatoren, drei je Bundesstaat, werden per Mehrheitswahl für acht Jahre gewählt, die 513 Abgeordneten per Verhältniswahl für vier Jahre in 27 Wahlkreisen, die den Bundesstaaten und dem Bundesdistrikt Brasilia entsprechen. Die Bundesstaaten haben eigene Verfassungen und Gesetze, ihre Gouverneure werden ebenfalls per Mehrheitswahlrecht für vier Jahre direkt gewählt. Wahlberechtigt ist, wer 16 Jahre alt ist. Für Wahlberechtigte zwischen 18 und 70 Jahren besteht eine Wahlpflicht.

Die beiden Favoriten der Präsidentschaftswahl

Luiz Inácio Lula da Silva, ein Gewerkschafter aus armen Verhältnissen im Nordosten des Landes, bewirbt sich mit 80 Jahren um seine insgesamt vierte Amtszeit. Er regierte bereits zwei Amtszeiten von 2003 bis 2011 und nun seit 2023. Im Wahlkampf wirbt er mit Arbeitsmarktreformen und Sozialprogrammen, ebenso setzt er sich dafür ein, dass die gesetzliche Höchstarbeitszeit von bislang 44 Stunden an sechs Tagen pro Woche auf eine Fünf-Tage-Woche mit 40 Stunden Arbeitszeit reduziert wird. Sein Alter ist in den Medien Thema, zum Beginn einer möglichen neuen Amtszeit im Januar 2027 wäre er 81 Jahre alt.

Flávio Bolsonaro, 45 Jahre alt, war 16 Jahre Abgeordneter im Bundesstaat Rio de Janeiro und ist seit 2019 Senator des Bundestaates. Er gilt als gemäßigter als sein Vater Jair, der wegen seiner führenden Rolle beim Putschversuch im Januar 2023 zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde und sich derzeit aus gesundheitlichen Gründen im Hausarrest befindet. Sein Kernthema ist Sicherheit. So will er eine halbe Million neue Haftplätze schaffen und Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild El Salvadors bauen. Gleichzeitig kündigte er eine Amnestie für seinen Vater an.

Bolsonaro erzielte im ersten Wahlgang ein deutlich besseres Ergebnis als etwa vom unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Datafolha Ende September prognostiziert worden war (40 Prozent der Stimmen für Lula und 36 Prozent für Bolsonaro). Bei einer Umfrage, wer das Rennen bei einer Stichwahl machen würde, lagen die beiden mit 47 Prozent beziehungsweise 45 Prozent in etwa gleichauf. Gleichzeitig haben beide Kandidaten hohe Ablehnungswerte von 45 Prozent.

Lulas Regierungsbilanz

Lula regiert seit Januar 2023, nachdem er im Jahr Interner Link: 2022 die Stichwahl mit 50,9 Prozent knapp gegen den vorigen Präsidenten Jair Bolsonaro von der PL gewann. In seiner Amtszeit sank die Arbeitslosenquote Ende 2025 auf 5,1 Prozent, der niedrigste Wert seit 2012. Der Mindestlohn wurde jedes Jahr angehoben, seit 2026 sind im Zuge einer Steuerreform Einkommen bis 5.000 Reais im Monat (etwa 845 Euro) steuerfrei, um niedrige Einkommen zu entlasten. Die Entwaldung im Amazonasgebiet ging außerdem deutlich zurück.

Gleichzeitig stiegen die Staatsausgaben und die öffentliche Verschuldung, was zu Kritik an Lulas Finanzpolitik führte. Auch die Lebensmittelpreise stiegen zeitweise an. Für Kritik an Lulas Regierung sorgte 2025 zudem ein Betrugsskandal in der brasilianischen Rentenkasse Instituto Nacional do Seguro Social (INSS), in dessen Folge der zuständige Sozialminister zurücktrat.

Lulas Regierung verfügte über keine stabile Mehrheit im Kongress. Das erschwerte die Durchsetzung seiner politischen Vorhaben. Das Parlament überstimmte mehrfach sein Veto, zuletzt im April 2026 gegen das sogenannten Dosimetrie-Gesetzes, das es unter anderem ermöglichen sollte, die Strafen für Verurteilte im Zusammenhang mit dem Putschversuch vom 8. Januar 2023 zu reduzieren. Dies beträfe auch den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro. Nach mehreren Verfassungsbeschwerden setzte das Oberste Gericht die Anwendung des Gesetzes vorläufig aus.

Weitere Wahlergebnisse

Bei den Wahlen zum Nationalkongress liegt das vorläufige amtliche Endergebnis ebenfalls schon vor. So konnte im Senat Bolsonaros PL 19 Sitze für sich gewinnen und hat damit nun 28 Sitze, das mittige Movimento Democrático Brasileiro (MDB) sieben, womit es nun bei acht Sitzen liegt; Lulas PT konnte sich sechs Sitze sichern und verfügt damit nun über insgesamt neun. Es wurden nur 54 der 81 Sitze im Senat neu gewählt.

Im Abgeordnetenhaus, wo alle 513 Sitze neu gewählt wurden, konnte Bolsonaros PL mit 121 mit Abstand die meisten Sitze für sich gewinnen. Lulas PT errang 70 Sitze und kam gemeinsam mit den linken Parteien Partido Comunista do Brasil (PCdoB) und Partido Verde (PV) in dem Parteienzusammenschluss „Federação Brasil da Esperança“ auf insgesamt 88 Sitze.

Bei den Gouverneurswahlen sind nach dem ersten Wahlgang 20 von 27 Wahlen entschieden, mit einem gemischten Ergebnis. Entscheidet sich die Wahl um das Präsidentenamt zwischen zwei Parteienvertretern, zeigen die Gouverneurswahlen ein deutlich heterogeneres Ergebnis, mit Gewählten aus acht verschiedenen Parteien. Über die restlichen sieben Gouverneursposten wird in der Stichwahl entschieden.

Ein politisch gespaltenes Land

Politisch gilt Brasilien als polarisiertes Land. Lula wird vor allem im ärmeren Nordosten, von Frauen, Geringverdienern und Katholiken unterstützt. Flávio Bolsonaro hingegen erhält seine Stimmen im wohlhabenden Süden, bei Evangelikalen, Männern und bei Besserverdienenden. Die brasilianische Gesellschaft ist in vielen sozialen Fragen aber eher konservativ ausgerichtet. Über ein Viertel der Bevölkerung gehört zudem evangelikalen Kirchen an. 2018 wählten rund 70 Prozent der Evangelikalen Jair Bolsonaro. Mit Lula wiederum verbinden viele sozialen Aufstieg und einen aktiven Sozialstaat.

Mit Blick auf den Kongress gibt es ein breites konservatives bis ultrarechtes Lager. Neben Flávio Bolsonaro treten mit den Ex-Gouverneuren Ronaldo Caiado von der eher Mitte- bis mitte-Rechts stehenden Partido Social Democrático (PSD) und Romeu Zema von der rechtsliberalen Partido Novo (NOVO) sowie Renan Santos von der rechts- bis rechtsextremen Partido Missão (MISSÃO) weitere aus dem rechtskonservativen bis rechten Spektrum an, die in Umfragen aber bisher einstellig blieben. Lula hat dagegen ein breites Bündnis hinter sich, das über die traditionelle Linke hinaus bis in die politische Mitte reicht. Geraldo Alckmin von der sozialistischen Partido Socialista Brasileiro (PSB) – soll bei einem Wahlsieg erneut Lulas Vizepräsident werden.

Das Centrão als entscheidender Faktor

Die politische Macht verteilt sich in Brasilien in der Exekutive und Legislative auf den Präsidenten, die Gouverneure der einzelnen Bundesstaaten und den Nationalkongress, der sich aus Abgeordnetenhaus und Senat zusammensetzt. Ohne ausreichende Unterstützung im Kongress kann ein Präsident viele seiner politischen Vorhaben nur schwer durchsetzen.

Entscheidend ist dabei das sogenannte Centrão (Zentrum), ein informelles Bündnis wechselnder Parteien und Abgeordneter, zu dem etwa das moderat konservativ-liberale Movimento Democrático Brasileiro (MDB), die beiden liberal-konservativen Parteien Partido Social Democrático (PSD) und União Brasil, die wirtschaftsliberalen Progressistas (PP) sowie die nationalkonservativen Republicanos zählen. Parteien und Abgeordnete des Centrão sind stark regional verankert und können als Mehrheitsbeschaffer agieren. Dabei sind sie weniger durch eine Ideologie als durch politischen Pragmatismus vereint. Je nach Zusammensetzung kontrollieren sie mehr als die Hälfte der Abgeordnetenkammer. Ihre Unterstützung von Vorhaben wird unter anderem im Rahmen von Verhandlungen über Ministerposten, politische Ämter und die Verteilung von Haushaltsmitteln ausgehandelt.

Kriminalität und Gewalt als prägende Wahlkampfthemen

Für viele Brasilianerinnen und Brasilianer zählt Kriminalität zu einer ihrer größten Sorgen. Zwar ist die Mordrate im Land zuletzt gesunken (19,1 je 100.000 Einwohner vorsätzliche gewaltsame Todesfälle im Jahr 2025) und war im vergangenen Jahr so niedrig wie zuletzt 2012 (27,7 Fälle je 100.000 Einwohner). Gleichzeitig stieg die Zahl der Femizide 2025 auf 1.571, der höchste Wert seit Einführung des Straftatbestands im Jahr 2015. Auf jeden begangenen Femizid kommen weitere 2,7 versuchte Femizide.

Kriminelle Organisationen wie das Primeiro Comando da Capital (PCC, Erstes Kommando der Hauptstadt) und das Comando Vermelho (Rotes Kommando) üben in Teilen Brasiliens erheblichen territorialen Einfluss aus und kontrollieren in einigen Gebieten den Drogenhandel und andere Bereiche des lokalen Wirtschafts- und Alltagslebens. Die USA stuften beide Gruppierungen im Mai 2026 als Terrororganisationen ein. Die Regierung Lula lehnt dies mit dem Hinweis auf die staatliche Souveränität Brasiliens ab und warnt davor, dass damit US-Militäreinsätze in Brasilien gerechtfertigt werden könnten.

Weitere wichtige Themen im Wahlkampf

Weitere wichtige Themen sind die Korruption, die viele Wählerinnen und Wähler als strukturelles Problem in ihrem Land sehen, oder die hohen Lebenshaltungskosten, die viele trotz zuletzt niedriger Arbeitslosigkeit Sorgen bereiten. Lula wirbt mit Sozialprogrammen, Steuerbefreiung und Arbeitnehmerrechten wie dem Ende der Sechs-Tage-Woche. Bolsonaro setzt wirtschaftspolitisch dagegen auf einen schlankeren Staat: Sein Programm sieht unter anderem Ausgabenkürzungen, eine Verwaltungsreform und eine neue Ausgabenobergrenze vor.

Eine Rolle im Wahlkampf spielen außerdem soziale Medien und die Religion. Das Oberste Wahlgericht hatte Deepfakes in der Wahlwerbung verboten. So müssen nun KI-erzeugte Inhalte, die Personen imitieren, gekennzeichnet werden und Falschinformationen von den Plattformen moderiert oder entfernt werden. Vertreter einiger evangelikaler Kirchen mobilisieren auch diesmal für konservative Positionen in Familien- und Sicherheitsfragen.

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