Mao Zedongs „Große Proletarische Kulturrevolution“
Die „Große Proletarische Kulturrevolution“ war eine Massenkampagne. In solchen Kampagnen mobilisierte die Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) die gesamte Bevölkerung, um politische und ideologische Ziele in kurzer Zeit radikal durchzusetzen. Ausgelöst wurde die sog. Kulturrevolution 1966 vom Vorsitzenden der KPCh, Mao Zedong (nach älterer Umschrift: Mao Tse-tung). Die Kampagne erschütterte die politische, soziale und rechtliche Ordnung der Volksrepublik. Sie setzte nicht nur einfache Bürgerinnen und Bürger, sondern auch hochrangige Mitglieder der KPCh willkürlicher Verfolgung aus. Die KPCh selbst bezeichnet die Kulturrevolution heute als „katastrophal“ und spricht von „zehn Jahren Chaos“.
Wie viele Menschen der Kulturrevolution zum Opfer fielen, lässt sich nicht genau beziffern, auch weil viele Quellen in China bis heute nicht zugänglich sind. Veröffentlichte Schätzungen reichen von einigen Zehntausend bis zu mehreren Millionen Toten. Eine Auswertung chinesischer Lokalchroniken kommt allein für die Jahre bis 1971 auf 1,1 bis 1,6 Millionen Todesopfer. Der damalige stellvertretende Parteivorsitzende Ye Jianying erklärte im Dezember 1978 in einer internen Rede, dass rund 100 Millionen Menschen von den Verfolgungen betroffen waren. Viele von ihnen wurden öffentlich gedemütigt, zu Geständnissen gezwungen, enteignet, gefoltert oder waren sexueller Gewalt ausgesetzt.
Hintergründe
Mit dem „Großen Sprung nach vorn“, einer radikalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Massenkampagne, um die Volksrepublik China u.a. von einem Agrarland zur Industriemacht zu entwickeln (siehe Infokasten), war Mao Ende der 1950er-Jahre gescheitert und hatte Anfang der 1960er-Jahre an politischem Einfluss verloren. Die Wirtschaftspolitik Chinas bestimmten nun pragmatischere Kräfte um Staatspräsident Liu Shaoqi und den Generalsekretär der KPCh, Deng Xiaoping. Mit der Kulturrevolution wollte Mao nach Einschätzung von Historikern seine Machtstellung zurückgewinnen, die eigenen Reihen „säubern“ und sich politischer Rivalen in der Partei entledigen. Im Gegensatz zum „Großen Sprung nach vorn“ zielte die Kulturrevolution nicht in erster Linie auf die Bereiche Wirtschaft und die Landwirtschaft, sondern auf Politik, Kultur und Bildung.
Der „Große Sprung nach vorn“ (1958-1961)
Mao Zedong hatte China mit dem „Großen Sprung nach vorn“ in sehr kurzer Zeit von einem rückständigen Agrarstaat zur Industriemacht entwickeln und so die Überlegenheit des kommunistischen Gesellschaftssystems beweisen wollen. Zugleich trieb die Partei die Kollektivierung der Landwirtschaft voran und schränkte private Produktion und Vermarktung immer weiter ein.
Die Folgen waren dramatisch. Die Agrarproduktion brach massiv ein, auch weil Arbeitskräfte von der Landwirtschaft in die Industrie abgezogen wurden. Entscheidend war zudem die Verteilung: Große Mengen Getreide gingen an die Städte, an Arbeiterinnen und Arbeiter in der Industrie oder wurden sogar exportiert, zulasten der Landbevölkerung. Die Folge dieser Politik war die „Große Chinesische Hungersnot“ der Jahre 1959 bis 1961. Es war eine der größten Hungerkatastrophen der Menschheitsgeschichte, in der nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und 45 Millionen Menschen starben.
Ideologisch begründete Mao seinen neuen Kurs mit dem Kampf gegen den „Revisionismus“, für die KPCh die Abkehr von der revolutionären Lehre des Marxismus-Leninismus. Bestärkt sah er sich durch die Entwicklung in der Sowjetunion: Nikita Chruschtschows Abrechnung mit den Verbrechen Stalins im Jahr 1956 und seine Politik der „friedlichen Koexistenz“ mit dem Westen wertete die chinesische Führung als schweren politischen Fehler, Vertrauensbruch und Gefahr für das gesamte weltweite sozialistische Lager. Mao befürchtete, dass dadurch in einem sozialistischen Staat – sogar in der eigenen Partei – eine Rückkehr zum Kapitalismus drohen könnte.
Als Anlass für die „Große Proletarische Kulturrevolution“, die sich vor allem gegen die aus seiner Sicht bürgerlich-intellektuellen und revisionistischen Kräfte in der eigenen Partei richten sollte, nahm Mao einen im November 1965 veröffentlichten Artikel des damaligen Literaturkritikers und späteren Politbüromitglieds Yao Wenyuan über das Theaterstück „Hai Rui wird aus seinem Amt entlassen“. Das Stück des Autors Wu Han spielt zur Zeit der Ming-Dynastie. Der pflichtbewusste Beamte Hai Rui fällt darin der Verleumdungskampagne einer Gruppe korrupter Beamter zum Opfer, die über gute Beziehungen zum Kaiser verfügen. Yao Wenyuan sah in dem Stück Mao und die sozialistische Revolution kritisiert. Mao selbst hatte das Anfang 1961 in Peking uraufgeführte Stück zwar zunächst gelobt, dann aber auch die Parallelen zur Gegenwart und zur aufkeimenden Kritik in der KPCh an ihm selbst erkannt.
Ab Ende 1965 begann Mao damit, mögliche Widersacher u. a. mit dem Vorwurf des Revisionismus oder Rückkehr zum Kapitalismus zu entmachten und durch Gefolgsleute ersetzen zu lassen. Durch besondere Loyalität zeichnete sich etwa Verteidigungsminister Lin Biao aus, der so weit ging, die Hinrichtung eines jeden Kritikers Maos zu fordern. Parteiintern eingeleitet wurde die Kulturrevolution mit einem Rundschreiben des Zentralkomitees, der „Mitteilung vom 16. Mai“ 1966, die aber erst ein Jahr später veröffentlicht wurde. Darin heißt es, „Vertreter der Bourgeoisie“ hätten sich in Partei, Regierung, Armee und Kultur eingeschlichen, um „die Macht an sich zu reißen“.
Am 8. August 1966 verabschiedete das Zentralkomitee der KPCh den „Beschluss über die Große Proletarische Kulturrevolution“ (aufgrund seiner Gliederung auch „16-Punkte-Programm“ genannt). Darin hieß es zwar, Minderheiten seien zu schützen und Debatten „durch Argumente und nicht durch Zwang oder Gewalt“ zu führen. Tatsächlich aber waren die darauffolgenden Massenmobilisierungen geprägt von großer Brutalität.
Rote Garden, der Kampf gegen das eigene Volk und Personenkult
Den Auftakt der Kulturrevolution bildete die Zeit der „Roten Garden“ von Sommer 1966 bis Herbst 1968. Rotgardisten, meist Schülerinnen und Schüler sowie Studierende aus großen Städten, reisten durch das ganze Land, um die Ideale der Kulturrevolution zu verbreiten. Gewalt gegen „Klassenfeinde“, öffentliche Demütigungen, Misshandlungen und auch Tötungen von Lehrkräften, Intellektuellen und anderen mutmaßlichen Gegnern waren an der Tagesordnung. Tempel, Bücher und Kulturgüter, die für das „alte Denken“ standen, wurden zerstört. Selbst ranghohe Parteifunktionäre waren nicht sicher: So wurden Staatspräsident Liu Shaoqi und Parteisekretär Deng Xiaoping öffentlich angegriffen und verloren ihre Ämter. Liu starb 1969 in Haft.
Gleichzeitig nahm der Personenkult um Mao Zedong extreme Formen an. Auf großen „Massenbegegnungen“ auf dem Tiananmen-Platz in Peking ließ sich Mao unter frenetischem Jubel von Millionen Rotgardisten feiern. Das auf Betreiben Lin Biaos zusammengestellte kleine rote Büchlein mit „Aussprüchen des Großen Vorsitzenden Mao Zedong“ erreichte als sogenannte Mao-Bibel allein in China eine Auflage von rund 1,1 Milliarden Exemplaren.
Junge Frauen und Männer der Roten Garden unterhalten mit Darbietungen und Gesängen zu Ehren Maos Erntehelfer. Die Roten Garden reisten durch das ganze Land, um den Gedanken der Kulturrevolution zu verbreiten. (© picture-alliance/dpa, FP)
Junge Frauen und Männer der Roten Garden unterhalten mit Darbietungen und Gesängen zu Ehren Maos Erntehelfer. Die Roten Garden reisten durch das ganze Land, um den Gedanken der Kulturrevolution zu verbreiten. (© picture-alliance/dpa, FP)
Im Sommer 1967 drohte jedoch die Lage außer Kontrolle zu geraten. In der Industriestadt Wuhan eskalierte im Juli der Konflikt zwischen zwei bewaffneten Fraktionen, in den auch die regionale Militärführung verwickelt war und der in einen landesweiten Bürgerkrieg zu münden drohte (sogenannter Wuhan-Zwischenfall).
Diese Entwicklung veranlasste Mao zu einem Kurswechsel und gilt als Wendepunkt der Kulturrevolution. Er setzte fortan zunehmend auf die Armee, um die Ordnung wiederherzustellen. 1968 beendete er die Zeit der Roten Garden. Bis Ende der 1970er-Jahre wurden knapp 17 Millionen Jugendliche aus den Städten zur „Umerziehung“ aufs Land verschickt, darunter viele ehemalige Rotgardisten.
Die Gewalt endete damit jedoch nicht. Als die Armee und neu gebildete Revolutionskomitees die Kontrolle übernahmen, wurden in neuen Kampagnen wie der „Säuberung der Klassenränge“ Millionen Menschen verfolgt und inhaftiert, viele getötet. Die Forschung geht davon aus, dass die große Mehrheit der Todesopfer während der Kulturrevolution auf diese organisierte Repression durch die Behörden zurückgeht und nicht auf die Rotgardisten.
Auf dem 9. Parteitag 1969 wurde Lin Biao zum alleinigen stellvertretenden Vorsitzenden der KPCh und damit offiziell zu Maos Nachfolger ausgerufen. Doch das Verhältnis zwischen den beiden Männern verschlechterte sich rasch, weil Mao dem wachsenden Einfluss Lins misstraute. Im September 1971 kam Lin bei einem Flugzeugabsturz in der Mongolei ums Leben. Nach offizieller Darstellung war er nach einem gescheiterten Putschversuch auf der Flucht in die Sowjetunion. Die genauen Umstände sind bis heute ungeklärt.
In den letzten Jahren der Kulturrevolution begann sich die Volksrepublik außenpolitisch zu öffnen. 1971 wurde die Volksrepublik China als einziger rechtmäßiger Vertreter Chinas bei den Vereinten Nationen anerkannt und übernahm somit auch den ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Bis zu diesem Tag wurde dieser Sitz von der Regierung der Republik China (Taiwan) beansprucht und gehalten. Ein Jahr später besuchte Richard Nixon als erster US-amerikanischer Präsident überhaupt die Volksrepublik China und wurde von Mao in Peking empfangen.
Innenpolitisch blieb die Lage jedoch instabil. Immer wieder führten radikale Kräfte um Maos Ehefrau Jiang Qing Machtkämpfe mit der pragmatischen Strömung der Partei um Ministerpräsident Zhou Enlai und den 1973 rehabilitierten
Verhaftung und Prozess
Nach 27 Jahren an der Macht starb Mao Zedong am 9. September 1976 im Alter von 82 Jahren. Der von ihm kurz zuvor zum Nachfolger ernannte Hua Guofeng ließ am 6. Oktober die Mitglieder der sogenannten Viererbande verhaften: Maos Witwe Jiang Qing, die Politbüromitglieder Zhang Chunqiao und Yao Wenyuan sowie den stellvertretenden Parteivorsitzenden Wang Hongwen. Auf diese Verhaftung datiert die KPCh bis heute das Ende der Kulturrevolution.
Ab dem 20. November 1980 mussten sich die vier gemeinsam mit sechs Angehörigen der sogenannten Lin-Biao-Clique, überwiegend ehemals hochrangige Militärs, vor einem Sondergericht in Peking wegen „konterrevolutionärer Verbrechen“ vor Gericht verantworten.
Der in Ausschnitten im Fernsehen übertragene Prozess wurde als öffentliche Abrechnung mit der Kulturrevolution inszeniert und endete am 25. Januar 1981 für alle zehn Angeklagten mit Schuldsprüchen. Maos Witwe Jiang Qing und Zhang Chunqiao wurden zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde später in lebenslange Haft umgewandelt. Die übrigen Angeklagten erhielten langjährige Haftstrafen.
„Hinter seinem Rücken“ – Mao im Urteil der Partei
Im Juni 1981, wenige Monate nach den Urteilen, legte die KPCh ihre offizielle Deutung fest. In ihrer „Resolution über einige Fragen in unserer Parteigeschichte seit Gründung der Volksrepublik China“ weist sie Mao die Hauptverantwortung für den „ernsten ‚linken‘ Fehler der ‚Kulturrevolution‘“ zu. Davon grenzt sie jedoch die „unzähligen verheerenden Verbrechen an Volk und Land“ ab, die Lin Biao, Jiang Qing und ihre Komplizen „hinter seinem Rücken“ begangen und damit „die Fehler des Genossen Mao Zedong“ ausgenutzt hätten. Maos Irrtümer gelten in der Resolution als Fehler eines „großen proletarischen Revolutionärs“, seine Verdienste überwögen jedoch bei Weitem. Das chinesische Volk habe ihn stets als seinen „verehrten und geliebten großen Führer und Lehrer“ betrachtet.
In der Bevölkerung genoss Mao Zedong großen Rückhalt. Vor allem junge Menschen und Schüler nahmen an großen Massenkundgebungen teil. (© picture-alliance, United Archives | SvenSimonArk)
In der Bevölkerung genoss Mao Zedong großen Rückhalt. Vor allem junge Menschen und Schüler nahmen an großen Massenkundgebungen teil. (© picture-alliance, United Archives | SvenSimonArk)
Historikerinnen und Historiker sehen darin den Versuch, die Verantwortung für Gewalt und Verfolgung auf einen kleinen Kreis zu verlagern und Mao als Gründungsfigur, die Partei als Institution und die vielen übrigen Beteiligten zu entlasten. Mit der Verabschiedung der Resolution galt die Neubewertung der Kulturrevolution als abgeschlossen.
Erinnerung heute
Zum hundertjährigen Bestehen der KPCh verabschiedete das Zentralkomitee im November 2021 eine weitere Resolution, die häufig kurz als „dritte Geschichtsresolution“ bezeichnet wird. Sie erklärt die Kernaussagen von 1981 für weiterhin gültig. Zudem heißt es darin, der „Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter“ unter Xi Jinping sei unter anderem auf Basis der „Mao-Zedong-Ideen“ entstanden.
Am offiziellen Rahmen hat sich damit nichts geändert. Eine offene gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution findet in der Volksrepublik bis heute nicht statt. In Schulbüchern wird sie wird nur knapp und entlang der Parteilinie behandelt, ein öffentliches Gedenken an die Opfer gibt es nicht. So bleibt die Kulturrevolution insbesondere für jüngere Menschen in China ein weißer Fleck. Erinnert wird vor allem im Privaten. Erinnerungsberichte, wie beispielsweise die Memoiren ehemaliger Rotgardistinnen und Rotgardisten oder solche von Verfolgten, erscheinen meist nur inoffiziell oder im Ausland.
Nicola Spakowski: China – vom Sturz der Qing-Dynastie bis zur Gegenwart
Dietmar Albrecht: Die Roten Garden (APuZ 46/1969)
APuZ 23/2016: Kulturrevolution
Gregor Delvaux de Fennfe: Mythos Mao