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Vor 130 Jahren: Berliner Kolonialausstellung

Redaktion

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Am 15. Oktober 1896 endete die Erste Deutsche Kolonialausstellung im Treptower Park. Ein halbes Jahr lang wurden dort über hundert Menschen zur Schau gestellt.

Postkarte zur "Deutschen Kolonial-Ausstellung" in Berlin 1896 (© picture-alliance, akg-images | akg-images)

Vom 1. Mai bis zum 15. Oktober 1896 bewarb das Deutschen Kaiserreich in der ersten deutschen Kolonialausstellung seine imperiale Macht und kolonialen Besitzansprüche. Im Treptower Park wurden dabei Menschen aus den deutschen Kolonien in eigens dafür errichteten Dörfern zur Schau gestellt und als vermeintlich unterentwickelt inszeniert.

Werbeschau für Kolonialbesitz

Die Kolonialausstellung war Teil der Berliner Gewerbeausstellung. Mehr als 3.700 Aussteller präsentierten auf der Gewerbeausstellung fast sechs Monate lang ihre Produkte und technischen Innovationen in Pavillons und Hallen im Treptower Park. Insgesamt besuchten etwa sieben Millionen Besucherinnen und Besucher die Gewerbeausstellung, rund zwei Millionen davon besuchten die Kolonialausstellung.

Die am Karpfenteich gelegene Kolonialschau war samt „Eingeborenendörfern“ 60.000 Quadratmeter groß. Dort waren nach Vorlage von kolonialen Reiseberichten Hütten, Pfahlbauten und Baumhäuser errichtet worden, die die Heimat der vom Deutschen Reich kolonisierten Bevölkerung aus Interner Link: Kamerun (das damalige „Schutzgebiet“ umfasste auch Randgebiete des heutigen Nigeria), „Togoland“ (heute Togo sowie Teile Ghanas), Interner Link: „Deutsch-Ostafrika“ (heute Tansania ohne Sansibar, Burundi, Ruanda und ein kleiner Teil Mosambiks), „Deutsch-Neuguinea“ (Teile der Inselgebiete Mikronesien und Melanesien) und „Deutsch-Südwestafrika“ (heute Interner Link: Namibia) darstellen sollten. Daneben gab es Hallen mit Exponaten aus den Kolonien, Exportgütern für die Kolonien sowie Rohstoffen und Importwaren wie Kakao und Elfenbein. Kaiser Wilhelm II. eröffnete die Ausstellung am 1. Mai.

Organisiert wurde die Kolonialausstellung von einem Arbeitsausschuss, dem Vertreter der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts, der Deutschen Kolonialgesellschaft und koloniale Handelsunternehmer angehörten. Anders als die Gewerbeausstellung finanzierte das Reich die Kolonialschau mit.

Die Ausstellung sollte Unternehmer zu Investitionen bewegen und in der Bevölkerung für den Kolonialbesitz werben. Interner Link: Formal war das Deutsche Reich 1884 zu einer Kolonialmacht geworden. Zunächst hatte es sich Gebiete im heutigen Namibia als „Deutsch-Südwestafrika“ angeeignet, wenig später folgten Kamerun, Togo sowie Gebiete in Ostafrika und im Pazifik.

Wer in Treptow auftrat

Die Veranstalter holten für die Schau über hundert Menschen aus den deutschen Kolonialgebieten nach Berlin, darunter Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder. Sie sollten für die Besucherinnen und Besucher ihr angeblich „traditionelles“ Leben vorspielen und während der Ausstellungszeit handwerklichen Tätigkeiten nachgehen.

Unter ihnen waren jedoch Menschen von sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft: von freigekauften Sklavinnen über Handwerker und Händler bis hin zu Mitgliedern einflussreicher Familien. Viele hofften auf eine Ausbildung, einige auf Geschäfte oder auf politische Gespräche in der Hauptstadt.

Kolonialbeamte hatten im Vorfeld der Ausstellung Arbeitsverträge mit den zur Schau gestellten Menschen aus den Kolonien geschlossen. Was genau sie dort erwartete, dürfte vielen aber nicht klar gewesen sein. Offiziell nannte man sie „Schutzbefohlene“ oder Kontraktarbeiter. Bezahlt wurde nach Rang, Geschlecht und Alter. Während einige Gruppenvorsteher um die 100 Reichsmark im Monat bekamen, verdienten andere nur um die 15 bis 20 Mark, etwa ein Drittel eines damaligen deutschen Arbeitslohns. Tagsüber hielten sich die Ausgestellten in den Kulissen auf, nachts schliefen sie in einem Gemeinschaftshaus auf dem Ausstellungsgelände. Ein Dienstplan regelte ihren Tag: Aufstehen um sechs, Vorführungen am Nachmittag, Nachtruhe um zehn Uhr abends.

Der nasskalte Sommer und die ungeeignete, zu leichte Kleidung machten viele Schaustellerinnen und Schausteller krank. Drei Menschen starben, zwei davon an einer Lungenentzündung. Schon zuvor hatten der Völkerkundler Felix von Luschan, der Anatom Wilhelm von Waldeyer-Hartz und Ausstellungsleiter Hans Hermann von Schweinitz vereinbart, Verstorbene sezieren zu lassen und ihre Skelette dem Museum für Völkerkunde zu übergeben.

Rassistische Vermessungen und Widerstand

Von Luschan wollte auch Körper und Schädel der „Schutzbefohlenen“ vermessen und Porträtfotos anfertigen lassen, frontal und im Profil wie bei polizeilichen Steckbriefen. Die Bilder und Zahlen sollten belegen, was die pseudowissenschaftliche Rassenforschung der Zeit behauptete: dass sich Menschen in höher- und minderwertige Gruppen einteilen ließen. Viele weigerten sich. Etwa 80 ließen sich vermessen, 51 fotografieren.

Den bekanntesten Protest während der Ausstellung vollführte Kwelle Ndumbe aus Kamerun, der Sohn des Duala-Herrschers Ndumbé Lobé („King Bell“). Er kaufte sich ein Opernglas und musterte damit das Publikum. So erwiderte er den Blick der Besuchenden. Fotografieren ließen sich er und auch andere Teilnehmende nur im Anzug und nicht in der Tracht, die man ihnen zugedacht hatte.

Andere wiederum nutzten das koloniale Geschäft für eigene Zwecke. Der Togoer John Calvert Nayo Bruce arbeitete nach einer Reise ins Kaiserreich für die deutsche Kolonialverwaltung. Als er von der geplanten Ausstellung erfuhr, machte er der deutschen Verwaltung das Angebot, Menschen für eine Darbietung bei der Schau zu rekrutieren. Er führte schließlich eine Gruppe von 26 Personen nach Berlin, darunter zwei seiner Ehefrauen und seinen dreijährigen Sohn, und handelte die Verträge selbst aus. Nach Ende der Kolonialausstellung kehrte er nur kurz in den Togo zurück und zog ab 1898 mit einer eigenen togoischen „Völkerschau“-Truppe durch Europa.

Ein europäisches Geschäft

Menschen in „Völkerschauen“ auszustellen war in der westlichen Welt im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreitet. In Deutschland war die erste „Völkerschau“ 1875 zu sehen, als der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck eine Familie aus Lappland samt Rentierherde in seinem Tierpark zeigte. Bis Anfang der 1930er Jahre gab es im Deutschen Reich etwa 400 solcher Schauen. Diese prägten das Bild mit, das Europäer vom kolonisierten Teil der Welt hatten, und nährten rassistische Vorstellungen in der Bevölkerung.

Kolonialausstellungen dienten nicht nur der Präsentation kolonialer Projekte und wirtschaftlicher Interessen, sondern auch der Vermittlung eines „national-kolonialen Bewusstseins“. Seit Beginn der 1880er Jahre gehörte dabei die öffentliche Zurschaustellung von Menschen aus den Kolonien zunehmend zum Konzept solcher Veranstaltungen. Die Amsterdamer Internationale Kolonial- und Exportausstellung von 1883 gilt als frühes Beispiel dieses Ausstellungstyps. Mit nachgebildeten Dörfern und der Präsentation von Menschen aus den Kolonien gelang es, ein großes Publikum anzuziehen.

Dem Beispiel Amsterdams folgten viele weitere Ausstellungen, darunter die Weltausstellungen in Paris 1889 und St. Louis 1904. In Die letzte große europäische „Völkerschau“ fand 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel statt.

Was blieb

Der Besucherzuspruch für die Kolonialausstellung war groß. Die Kulissendörfer boten vermeintlich eine Reise in die Kolonien für Menschen, die sich eine solche nicht leisten konnten. Die Reaktionen in der Presse schwankten zwischen Begeisterung und Kritik an der Inszenierung. Obwohl die Ausstellung den Veranstaltern als Erfolg galt, wurde sie in dieser Form nicht wiederholt. Vertreter der Kolonialbewegung befürchteten unter anderem einen „schlechte[n] zivilisatorische[n] Einfluß von Weißen“ auf die Zurschaugestellten und eine Erosion der kolonialen Autorität nach ihrer Rückkehr in die Heimat. 1901 wurde die Rekrutierung für Völkerschauen in den meisten deutschen Kolonien schließlich verboten.

Die meisten der über hundert „Schutzbefohlenen“ wurden nach Ende der Ausstellung zurück in die Kolonien gebracht. Etwa 20 blieben jedoch im Deutschen Reich. Darunter war der Kameruner Martin Dibobe. Er blieb in Berlin, machte eine Ausbildung und wurde Zugführer bei der Berliner Hochbahn. Interner Link: 1919 forderte er mit 17 Mitstreitern in einer Petition an die Weimarer Nationalversammlung gleiche Rechte für Afrikaner und Deutsche in Deutschland, sowie mehr Rechte für Menschen in den Kolonien. Andere der ehemaligen „Völkerschau“-Darstellenden gründeten Familien in Deutschland. Ihre Nachkommen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt.

Kwelle Ndumbe kehrte zurück nach Kamerun. Dort beteiligte er sich an Protesten gegen die deutsche Kolonialverwaltung und wurde dafür zu zehn Jahre in Ketten im Gefängnis verurteilt. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Wer heute erinnert

Lange war die Kolonialausstellung in der Öffentlichkeit weitgehend vergessen. Die Forschung zu „Völkerschauen“ setzte erst Ende der 1980er Jahre ein. In Berlin trieben Organisationen Schwarzer Deutscher die Aufarbeitung voran: 2017 eröffnete das Museum Treptow mit der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ (ISD) und „Berlin Postkolonial“ die Ausstellung „zurückGESCHAUT“, 2021 überarbeitete sie der Projektverbund „Dekoloniale – Erinnerungskultur in der Stadt“ mit. Es ist die erste Dauerausstellung zu Kolonialismus, Rassismus und Schwarzem Widerstand in einem Berliner Museum. Im Mittelpunkt stehen die Biografien der über hundert Ausgestellten. Der Titel „zurückGESCHAUT“ ist eine Anspielung auf Ndumbes Opernglas.

Am Karpfenteich selbst erinnert eine Infotafel an die „Völkerschau“. Das Museum Treptow hat 2025 eine Initiative für die Schaffung eines Erinnerungsortes gestartet. An Martin Dibobe erinnert seit 2016 eine Gedenktafel in Prenzlauer Berg.

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