Am Abend des 20. Februar 1999 erzeugt Showmaster Thomas Gottschalk vor der Begrüßung seines letzten Gastes in der Samstagabend-Show „Wetten, dass..?“ für einen Moment feierliche Stimmung in der Halle Münsterland. Die bereits auf der Couch sitzenden Stars (darunter Entertainer Harald Schmidt und Model Heidi Klum) werden aufgefordert, sich „zusammenzureißen“, denn jetzt kommt hoher Besuch. Mit großer Geste wendet sich Thomas Gottschalk an das Publikum und sagt: „Es ist mir eine Ehre, weil bei uns war er noch nicht, aber heute ist er da: Herzlich willkommen, unser Bundeskanzler Gerhard Schröder“ (vgl. ZDF 1999). Zum ersten – und vorerst letzten – Mal tritt ein amtierender Bundeskanzler als Gast in Deutschlands beliebter Samstagabend-Show auf und überschreitet damit die sonst eher deutlich gezogene Grenze zwischen Politik und Unterhaltung.
Grenzüberschreitungen wie diese erreichen im Fernsehen Ende der 1990er-Jahre ein Ausmaß, das Gesellschaft und Wissenschaft zu kontroversen Debatten anregen wird. 1999 verfolgen etwa 18 Millionen Zuschauer*innen – damit gehört die Show zu den quotenstärksten Sendungen der 1990er-Jahre (vgl. Krei 2009) –, wie der seit gut 100 Tagen amtierende Bundeskanzler auf der berühmten Couch über die Startschwierigkeiten der Koalition berichtet, Anekdoten aus seiner Juso-Zeit zum Besten gibt, über Gottschalks Bill-Clinton-Witze lacht und seinen Wetteinsatz einlöst: eine ältere Dame nach Hause zu chauffieren. Nach kurzer anfänglicher Befangenheit zeigt sich der „Brioni-Kanzler“ locker, zugewandt, bodenständig und integer. Er bietet – unterstützt von Showmaster Gottschalk und dem Münsteraner Saalpublikum – „das Politische im Modus des Feel Good“ dar, wie der Medienwissenschaftler Andreas Dörner (2001, S. 240) später konstatieren sollte.
Symbolpolitik oder medienvermittelte Teilhabe? Die Politainment-Debatte
Als „Politainment“, ein Kompositum aus Politik und Entertainment, das sich in den 1990er-Jahren an den viel diskutierten Neologismus des „Infotainments“ anlehnte, bezeichnete Dörner (2001, S. 31) diese neue Art der öffentlichen und durchs Fernsehen vermittelten Kommunikation, bei der politische Akteure, Themen und Prozesse unterhaltsam „zu einer neuen Realität des Politischen“ zusammengefügt würden. Da sich ein Großteil der Streaming-Angebote im Bereich der Unterhaltung ansiedeln lässt, ist ein Blick in die Politainment-Diskussion zur Jahrtausendwende hilfreich, um zu verstehen, ob und – wenn ja – in welcher Weise diese Unterhaltungsangebote zur politischen Auseinandersetzung und Teilhabe beitragen können. Die diskutierten Fragen sind nämlich bis heute relativ unverändert geblieben, sie beziehen sich aktuell nur viel stärker auf das Angebot von Streaming-Diensten, Mediatheken und sozialen Medien.
Andreas Dörner zufolge bildete die damals neue und ins Gewand der Unterhaltung gekleidete Realität des Politischen einen Erfahrungsraum, der es den Bürger*innen erleichtere, einen Zugang zur Politik zu finden und daran teilzuhaben. In der angloamerikanischen Forschung wurde eine solche Deutung auch unter dem Begriff des „Mediated Citizenship“, also einer Art medienvermittelter Staatsbürgerschaft, verhandelt (vgl. Jones 2006). Der Demokratieforscher Thomas Meyer (2001, S. 12) hingegen sah den Entwicklungen deutlich skeptischer entgegen und sprach von einer zunehmenden Dominanz medialer Logiken über politische Prozesse, die sich vor allem in leeren Gesten einer „Event“-, „Image“- und „symbolischen Scheinpolitik“ äußere. Parteien und Parlament stünde ein Bedeutungsverlust bevor, weil sie mit der taktgebenden Geschwindigkeit der Echtzeitberichterstattung nicht mithalten könnten (vgl. Meyer 2001, S. 63–71). Damit stellt dieser Ansatz in gewisser Weise eine späte Variante der sogenannten Media- bzw. Political-Malaise-Hypothese der 1970er-Jahre dar, die dem Fernsehen die Fähigkeit zuschrieb, die Zuschauenden von der Politik zu entfremden oder gar eine regelrechte Missstimmung gegenüber der Politik zu erzeugen (vgl. Wolling 2006).
In Bezug auf den historischen Auftritt Gerhard Schröders bei „Wetten, dass..?“ ließen sich die Positionen folgendermaßen zuspitzen: Der Bundeskanzler betrieb notwendige Imagepolitik, um letztlich sowohl Interesse als auch Teilhabe der Bevölkerung an den Institutionen, Prozessen und Akteuren der Politik zu befördern – oder er unterwarf sich ohne jeglichen politischen Nutzen den Anforderungen der Fernsehunterhaltungsindustrie und machte sich zum Komplizen einer Entwicklung, die die Politik immer mehr ins Unseriöse abdriften ließ.
Streaming-Entertainment wird politisch: Von der Late-Night-Show bis zur Hochglanz-Serie
Der Gastauftritt eines Politikers in einer Unterhaltungs- und Spielshow ist nicht die einzige Möglichkeit, Politik und Entertainment miteinander zu verschmelzen. Unterhaltende Formen finden sich etwa auch in Nachrichtenmagazinen, dokumentarischen Formaten, politischen Talkshows oder Satiresendungen. Gleichzeitig können Unterhaltungsformate wie Spielshows, Reality-TV, Sitcoms, (Doku-)Soaps oder Dramaserien politische Themen, Prozesse oder Akteure zum Gegenstand haben (für einen Überblick über nicht-fiktionale Formate vgl. Jones 2010; zu fiktionalen Formaten siehe auch Tryon 2016, S. 107–184 und Ulrich 2025). Historisch sind in den 1990er-Jahren in Deutschland zwei Entwicklungen auf dem Höhepunkt, die stark ineinandergreifen: die sogenannte Amerikanisierung oder Mediatisierung von politischer Kommunikation, die sich als zunehmende Eventisierung, Personalisierung und Emotionalisierung zeigt (zur Amerikanisierung vgl. Kamps 2000), und die zweite historische Phase des Fernsehens, die als „Neo-Fernsehen“, „Ära der Verfügbarkeit“ oder „Übergangsphase der Multi-Kanäle“ bezeichnet wird und in Deutschland stark von der Konkurrenz und Konvergenz zwischen Privat-, Bezahl- und öffentlich-rechtlichen Kanälen gekennzeichnet ist (zu den fernsehhistorischen Phasen vgl. Casetti und Odin 1990; Ellis 2000; Lotz 2007).
Das lineare Fernsehen ist noch das Leitmedium, weshalb seine vielfältigen Strategien der Ansprache und ästhetischen Aufbereitung von Inhalten auch die politische Kommunikation prägen: Auf der einen Seite werden Nachrichtensendungen etwa mit Musik unterlegt, über auffällige Designelemente mit Wiedererkennungswert versehen oder gänzlich boulevardisiert, Talkshows zugespitzt und dramatisiert und Wahlkämpfe oder Parteitage zunehmend als medienwirksame Events inszeniert. Auf der anderen Seite wandelt sich politisches Kabarett zur Late-Night-Show im Nachrichtengewand (etwa in Gestalt der „Harald Schmidt Show“, Sat.1/Sky/Das Erste) und es entstehen – besonders im angloamerikanischen Raum – fiktionale Dramaserien und Sitcoms über Politik.
Die US-amerikanische Serie „The West Wing“ (NBC) markiert einen weiteren fernsehhistorischen Umbruch, der sich mit dem Erfolg von sogenannten Qualitätsserien ankündigte (vgl. Blanchet 2011) und schließlich im Aufstieg von Streaming-Anbietern wie Netflix kulminierte, das als eine der ersten Eigenproduktionen das Remake einer britischen Miniserie aus der Thatcher-Ära herausbrachte: „House of Cards“. Streaming-Anbieter schienen fortan vor allem für die Produktion von fiktionalen Unterhaltungsformaten im Bereich der Politik zuständig, während das Fernsehen vorwiegend das weite Feld des nicht-fiktionalen Politainments bediente. Zur Erhöhung des eigenen kulturellen Kapitals (insbesondere gegenüber der Institution des Kinos) fingen Streaming-Anbieter in den 2010ern allerdings an, mit der gleichen narrativen Komplexität und prozeduralen Akribie, die sie in fiktionale Serien steckten, auch dokumentarische Serien zu produzieren (vgl. Creeber 2024). Neben True-Crime- und Reality-Formaten sind hier etwa Natur- oder Katastrophendokumentationen hervorzuheben, die in Zeiten des Klimawandels zweifellos einen politischen Charakter annehmen (etwa „When the Levees Broke: A Requiem in Four Acts“ von Spike Lee über den Hurrikan „Katrina“ aus dem Jahr 2006 für den US-amerikanischen Bezahlsender HBO), oder Dokumentationen zu Politiker*innen (so etwa die Dokumentation „Mitt“ von 2014 über den zweifachen US-amerikanischen Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney von Netflix) oder sonstige gesellschaftlich relevante Themen.
TikTok, YouTube & Co.: Neue Räume für politische Teilhabe
Dem „klassischen“ Fernsehen, das sich immer mehr von der linearen Ausstrahlung löst, sind somit nur noch die tagesaktuellen Nachrichtenformate exklusiv vorbehalten, wobei diese – in fragmentierter und der Konzentrationsspanne eines jüngeren, zerstreuten Publikums angepassten Form – zudem in sozialen Netzwerken wie YouTube, Facebook, Instagram und TikTok zirkulieren. Auf diesen haben sich parallel zu den skizzierten Entwicklungen in der politischen Kommunikation und im Fernsehen außerdem nutzergenerierte Formate entwickelt, die sich zwischen Journalismus, politischer Rede, Lobbyismus und Meinungsführerschaft bewegen (vgl. Bause 2021; Henn 2023). Beispielhaft wäre hier der reichweitenstarke YouTuber Florian Mundt (jetzt Diedrich) alias LeFloid zu nennen, der in der Reihe „LeNews“ ab 2011 bis April 2024 fast wöchentlich ein Video hochgeladen hat und 2015 auch außerhalb seiner Community bei YouTube deutschlandweit Bekanntheit durch ein Interview mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel erlangte.
Stilprägend ist derzeit die Externer Link: Plattform TikTok des chinesischen Technologiekonzerns ByteDance, die nicht nur dem audiovisuellen (Kurz-)Video, sondern auch dem für das Fernsehen typischen Flow und der Liveness zu einem Comeback verholfen hat. Dies geschieht etwa in der Live-Funktion „Matches“, die zwei TikTok-Nutzende vor Publikum zu verbalen Debatten von wenigen Minuten Länge zusammenschaltet. Ein Format, das den Kontroversen in polarisierten Öffentlichkeiten ebenso entgegenkommt, wie es den teilnehmenden Nutzer*innen verspricht, während der Live-Debatte jede Menge „Spendengelder“ einzusammeln. Auch diese fernsehhaften Formate tragen also dazu bei, dass sich Nutzer*innen – in unterschiedlicher Weise und Intensität – mit politischen Themen, Akteuren oder Prozessen auseinandersetzen oder daran teilhaben.
Wann ist ein Format eigentlich politisch? Einordnungen und Beispiele
Versuche der Forschung, die Vielfalt all dieser Formate in ein Ordnungssystem zu bringen, fallen unterschiedlich aus: Während etwa Terry Christensen und Peter J. Haas (2005) – noch in Bezug auf Politik und Film – zwischen politischem Inhalt und politischer Intention unterscheiden (nach dem Motto: Filme müssen nicht zwingend politische Prozesse zeigen, um politisch zu sein), entwirft Lance Holbert (2005) eine Matrix, in die nicht nur Inhaltsanalysen, sondern auch Genre-Erwartungen seitens der Zuschauenden einfließen. Demzufolge kann auf der einen Achse zwischen der Erwartung, eine Sendung sei primär politisch, etwas politisch oder eben eher nicht politisch, und der anderen Achse zwischen expliziten und impliziten politischen Botschaften oder einer Mischung aus beiden unterschieden werden (vgl. Holbert 2005, S. 443 f.). Eine Talkshow wie „Maybrit Illner“ (ZDF) mit Gästen aus der Politik oder ein Erklärformat wie „DieDaOben!“ (funk) wäre demnach als primär und explizit politisch einzuordnen, weil das Publikum erstens davon ausgeht, dass es in der Sendung um Politik geht, und sich zweitens die Beteiligten explizit politisch äußern, und das heißt, zu politischen Fragen Stellung nehmen und gegebenenfalls auch andere Positionen kritisieren.
Sitcoms wie „Türkisch für Anfänger“ (Das Erste) oder „The Big Bang Theory“ (CBS) würden genau gegenteilig eingeordnet werden: als Sendungen, die eher nicht politisch eingestuft werden und in denen sich höchstens implizite politische Äußerungen finden lassen. Im Mittelfeld verortet Holbert Boulevardnachrichten genauso wie politische Dokudramen, Late-Night-Satire-Sendungen oder Reality-Shows.
Eine Besonderheit stellen Politikserien dar, also fiktionale Formate, die dezidiert im Feld der Politik angesiedelt sind, also etwa im Bundestag (wie „Eichwald, MdB“, ZDFneo), im EU-Parlament (wie „Parlament“, france.tv, BeTV, WDR), im Weißen Haus (wie „The West Wing“, NBC oder „Veep“, HBO) oder im dänischen Schloss Christiansborg (wie „Borgen“, DR1) spielen. Christiane Eilders und Cordula Nitsch zufolge kann das ebenfalls weite Feld dieser Serien anhand ihrer jeweiligen politischen Intensität und ihrem Realitätsgrad geordnet werden. Die politische Intensität machen sie an vier Variablen fest: politische Themen, soziopolitische Themen, politische Akteure (also etwa Amtsträger*innen, Politiker*innen und andere Interessenvertreter*innen) und Staatsangestellte (wie etwa Jurist*innen oder Polizist*innen). Die für Deutschland typische Krimiserie mit staatlichen Ermittler*innen kann also je nach Thema eine andere politische Intensität entfalten.
Der Realitätsgrad wird ebenfalls an vier Variablen gemessen: Ereignisse, Charaktere, Zeit und Ort – je näher diese an realen Ereignissen, Charakteren, Zeiten und Orten sind, desto größer ist der Realitätsgrad eines fiktionalen Formats (vgl. Eilders und Nitsch 2015, S. 1568 f.). Hoher Realitätsgrad ist dabei nicht gleichbedeutend mit hoher politischer Intensität – so übt die Science-Fiction-Serie „Battlestar Galactica“ (Sci Fi) etwa differenziert Kritik an der US-amerikanischen Politik des sogenannten War on Terror („Krieg gegen den Terror“) in der Folge der Anschläge vom 11. September 2001, obwohl sie in der Zukunft in den fiktiven zwölf Kolonien von Kobol angesiedelt ist und an keiner Stelle auf islamistischen Terror verweist.
Was kann ein politisches Format bewirken?
Die Frage nach dem Einfluss medialer Formate auf das politische Interesse und Verhältnis zur Politik bei den Zuschauenden lässt sich nicht pauschal beantworten und bleibt Gegenstand kontroverser Diskussionen und wissenschaftlicher Forschung. Bereits 2004 sorgte eine US-amerikanische Studie für Aufsehen, die ermittelte, dass 21 Prozent der befragten 18- bis 29-Jährigen ihre Nachrichten regelmäßig aus Late-Night-Shows bezogen (vgl. PEW Research Center 2004). Dies deutete bereits vor zwanzig Jahren darauf hin, dass eine unterhaltsame und gegebenenfalls sogar satirische Aufbereitung einer Informations- oder Wissensaufnahme nicht im Wege steht – wenngleich die Faktizität und Kontroversität einer genaueren Prüfung bedarf (vgl. Hamenstädt 2017, S. 402 f.).
Informations- und Nachrichtenangebote werden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen heute vorwiegend auf Social-Media-Plattformen gesucht und gefunden. Darauf haben beispielsweise die Öffentlich-Rechtlichen reagiert und etwa ein etabliertes Format wie die „tagesschau“ (DasErste) an die unterschiedlichen Plattformlogiken angepasst und für verschiedene Ausspielwege aufbereitet. Für die politische Meinungsbildung sind allerdings auch aufwendig produzierte Dokumentationen und fiktionale Serien relevant. Diese können durch ihre Erzählweise und die im Gegensatz zu Social-Media-Videos vergleichsweise konzentrierte Rezeption ein differenzierteres und ambivalenteres Bild von Politik vermitteln und somit zu einer vertieften Auseinandersetzung anregen – freilich auch nicht ohne zu verkürzen, zu verdichten, zuzuspitzen oder zu beschleunigen (vgl. Dörner 2019, S. 165).
Politisch relevante Inhalte finden sich also nicht nur in explizit politischen Formaten wie etwa in Talkshows mit Teilnehmer*innen aus der Politik, investigativen Reportagen oder Erklärformaten. Auch fiktionale oder vordergründig vor allem unterhaltende Formate können spielerisch, satirisch oder auch einfach nur durch das Erzählen spannender Geschichten bestimmte Vorstellungen von Zugehörigkeit, Gemeinschaft oder Teilhabe am Gemeinwesen aufgreifen und zu gesellschaftlichen Debatten beitragen. Damit wird nicht nur das Bedürfnis aufgegriffen, politische Geschichte und Gegenwart über populäre Formen zu vermitteln und zu reflektieren, sondern auch – in genau diesen Formen – zentrale Zukunftfragen zu verhandeln..