Serien haben sich im digitalen Zeitalter zu einem der wichtigsten popkulturellen Erzählformate entwickelt. Dank Streaming-Plattformen erreichen sie ein breites Publikum, oft über Landes- und Sprachgrenzen hinweg. Dabei behandeln Serien längst nicht mehr nur persönliche oder familiäre Konflikte, sie nehmen auch politische Themen in den Blick. Ob durch explizite Politserien wie „Borgen“, „The West Wing“ oder „House of Cards“ oder durch gesellschaftspolitisch aufgeladene Dramen wie „The Bear“, „Bridgerton“ oder „Succession“: Serien zeigen, wie sich Menschen in Gemeinschaften organisieren, wie Macht entsteht und wie politische Entscheidungen verhandelt werden. Sie bieten damit ein wertvolles Feld für politische Auseinandersetzung und die Möglichkeit, aktuelle Fragen auf emotionaler, unterhaltender und zugänglicher Ebene zu bearbeiten.
Fernsehserien als politische Erzählform im digitalen Zeitalter
Mit einer enormen popkulturellen Reichweite, die im Streaming-Zeitalter einen Höhepunkt erreicht, einer beachtlichen Dauer über meist mehrere Staffeln und einer umfassenden audiovisuellen ästhetischen Vielfalt bildet die Gattung der Fernsehserie einen zentralen Präsentations- und Reflexionsort komplexer politischer Sachverhalte und Handlungen. Serien fungieren oft als Spiegel der Gesellschaft, indem sie über eine dramaturgische Zuspitzung im fiktionalen Als-ob-Modus emotionale und unterhaltsame Zugänge dazu schaffen, wie politische Institutionen und Vorgänge funktionieren (könnten) und ganz allgemein, wie sich Menschen in Gemeinschaften verhalten und organisieren (könnten). Die Sozial- und Erziehungswissenschaftlerin Prof. Anja Besand (2018) kennzeichnet Serien als „
Ein zentraler Unterschied zum Kino liegt in der Rezeption: Für die Zuschauenden vor dem Fernseher, Laptop oder Tablet ergibt sich die Möglichkeit, die gesehenen Verhaltensweisen direkt und aktiv innerhalb einer Gruppe zu diskutieren und politische Standpunkte zu vertreten. Indem Szenen sogar pausiert und wiederholt werden können, entsteht ein Raum der Teilhabe – nicht nur an der Handlung, sondern auch an den politischen Fragen, die sie aufwirft. Serielles Lernen gelingt dann besonders gut, wenn die Zuschauenden ein Gespür für die Ästhetik von Filmen und Serien und die oft schwer durchschaubare Darstellung von Politik haben und wenn Filme und Serien dieses Verständnis zugleich herausfordern und sichtbar machen. Anspruchsvolle Serien belassen das Publikum nicht in einer perfekten Illusion: Sie reflektieren die eigene Machart und regen zur kritischen Auseinandersetzung mit der dargestellten Welt an, sie setzen darauf, „dass die Bedingung der Möglichkeit von Wahrnehmung im Kunstwerk selbst thematisch wird: dass darin geradezu das Privileg des Kunstwerks besteht“ (Lindner 2007, S. 197).
Für das Verständnis der Politikvermittlung in gegenwärtigen Fernsehserien sind einige grundlegende Merkmale entscheidend. Die aktuell dominierende Gattung der Qualitätsserie zeichnet sich durch eine hochwertige, kinoähnliche Produktion aus. Im Gegensatz zu den Anfängen des „series“-Prinzips, als Episoden in sich geschlossen waren, bieten heutige „serials“ eine komplexe episoden- und staffelübergreifende Erzählstruktur, (vgl. Mittel 2015, S. 18–31), die es ermöglicht, Themen seriell zu verhandeln und „durchzuarbeiten“ (vgl. Ellis 2000, S. 82). Bei allem Eindruck der authentischen Vermittlung setzen aktuelle Serien oft auf dramatisch überspitzte, kontroverse Themenfelder und grenzüberschreitende Antiheld*innen. Eine Schlüsselrolle bei der Auswertung von TV-Serien im Hinblick auf ihre politische Aussagekraft spielen drei Maximen: die Reizsignalität (vgl. Nelson 2000, S. 111–118), die Fortsetzung (vgl. Eschke und Bohne 2010, S. 156) und die Steigerungslogik (vgl. Sudmann 2017, S. 33–54). Diese Prinzipien führen oft zu einer starken Dramatisierung politischer Themen (vgl. Kroll 2019, S. 106–123, 205–221).
Von „West Wing“ bis „House of Cards“: das Genre der Politserie
Als dezidiert politisches Seriengenre fungiert die Politserie. Meist auf einer „Workplace“-Struktur basierend, integrieren die Serien gezielt Institutionen, Handlungen und Figuren aus dem Politikbetrieb. Zu den wichtigen Politserien im Comedy-Bereich zählen Shows wie „The Thick of It“ (2005–2012, BBC), „Veep“ (dt. Titel: „Veep – Die Vizepräsidentin“, 2012–2019, HBO), „Alpha House“ (2013–2014, Prime) oder auch die deutsche Produktion „Eichwald, MdB“ (2015/2019, ZDFneo). Authentischen Charme versprüht die Externer Link: Mockumentary-Inszenierung „Parks & Recreation“ (2009–2015, NBC). Rund um die quirlige Beamtin Leslie Knope (Amy Poehler) erhält der Arbeitsalltag in einem Grünflächenamt des US-Bundesstaats Indiana eine komische Zuspitzung.
Zu den prominenten Politserien der Dramakategorie zählen die dänische Produktion „Borgen“ (dt. Titel: „Borgen – Gefährliche Seilschaften“, 2010–2013/2022, DR1) und die deutsche Variante „Kanzleramt“ (2005, ZDF). Noch größere Aufmerksamkeit haben die US-Produktionen „Madam Secretary“ (2014–2019, CBS) und „Scandal“ (2012–2018, ABC) erlangt. Als Vorreiter des Genres gilt „The West Wing“ (dt. Titel: „The West Wing – Im Zentrum der Macht“, 1999–2006, NBC). Das von Aaron Sorkin erdachte und in den ersten vier Staffeln größtenteils von ihm geschriebene Workplace-Drama zeigt den Arbeitsalltag des US-Präsidenten und seiner Kolleg*innen im Weißen Haus. Über das Ausspielen moralisch vorbildlicher, sympathischer Verhaltensweisen des US-Präsidenten Josiah Bartlet (Martin Sheen) erzielte die Show eine intelligente Kontrastfolie zur Amtszeit des kontroversen US-Staatsoberhaupts George W. Bush.
Gegenüber einem solch gemäßigten Ton setzen manche Dramapolitserien im Gegenteil auf eine schrille Grenzüberschreitung. Als eine der ersten Eigenproduktionen des Streaming-Dienstes Netflix zeigt „House of Cards“ (2013–2018) mit Frank Underwood einen skrupellosen Antihelden, der machthungrig sämtliche Regeln und Gesetze des Politikbetriebs bricht und damit bis zum Amt des US-Präsidenten gelangt. Als berühmte Action-Erweiterung des Genres inszeniert die Polit- und Agententhriller-Serie „24“ (2001–2010, Fox) die Post-9/11-„Serialisierung eines Ausnahmezustands“ (ebd., S. 26) und „das fernsehserielle Narrativ einer Welt, die kontinuierlich durch Terror erschüttert wird“ (ebd., S. 209).
Bei der fiktionalen Stilisierung der politischen Welt in Politserien unterscheidet der Medienwissenschaftler Andreas Dörner (2016) zwischen drei Typen:
Idealpolitik: „Politikvorstellung, in der politisches Handeln ,guten‘ Zielen […] dient.“ Serienbeispiele hierfür seien „The West Wing“ und „Kanzleramt“.
Realpolitik: „Politik [, die] zwar ,gute‘ Ziele ausgibt und verfolgt, dabei aber mitunter moralisch fragwürdige Handlungsweisen toleriert.“ Beispiele hierfür seien „Borgen“ und „Scandal“.
Machtpolitik: „Die Motivation allen politischen Handelns ist das Streben nach Macht.“ Als Beispiele zählt Dörner die Fernsehserien „House of Cards“, „The Thick of It“, „Veep“ und „Eichwald, MdB“ auf.
„Serien ohne Politik gibt es nicht“
Doch auch jenseits des Genres „Politserie“ lassen sich politische Elemente in Fernsehserien erkennen. „Serien ohne Politik gibt es nicht“, stellt Anja Besand beim Abschlusspanel der bpb-Tagung zum Thema fest (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2016). Damit ist weniger gemeint, dass jede Serie explizit politische Themen behandelt, sondern dass narrative Entscheidungen – etwa zu Machtverhältnissen, Gerechtigkeit oder gesellschaftlichen Rollen – immer auch politische Dimensionen aufweisen. Durch eine Grundstruktur, bei der Mitglieder eines Ensembles über einen längeren Zeitraum miteinander interagieren, widmen sich Serien wie auch das populäre Format der Filmreihe besonders stark einem parasozialen Ausspielen und Verhandeln des Politischen. Markant findet sich das Konzept des Spielmodells sogar in den Namen einiger der prägendsten Serienformate der vergangenen Jahre. Sowohl das Fantasy-Epos „Game of Thrones“ (2011–2019, HBO) und die südkoreanische Survival-Thriller-Serie „Squid Game“ (seit 2021, Netflix) als auch die berühmte Filmreihe „The Hunger Games“ (2012, Gary Ross; 2013/2014/2015/2023, Francis Lawrence) arrangieren ein dramaturgisch zugespitztes Spiel um Leben und Tod, das zahlreiche politische Implikationen mit sich bringt. Auch wenn sie in fiktiven Welten spielen, spiegeln sie reale Auseinandersetzungen: Wer trifft Entscheidungen? Wer darf mitreden? Und wie gerecht sind die Regeln?
Das weite Spektrum politischer Facetten in Fernsehserien umfasst verschiedene Genres, die – gemäß ihren spezifischen Formen – das Politische vermitteln und prägen. Eine leichtfüßige historische Romanze wie „Bridgerton“ (seit 2020, Netflix), die sich vor allem an ein weibliches, jugendliches Publikum richtet, kreist inmitten all ihrer bonbonbunten Kostüme, Bühnenbilder und Liebesgeschichten um die politische Schlüsselrolle der adeligen Heirat am britischen Hof des frühen 19. Jahrhunderts und aktiviert damit eine Reflexion über den gegenwärtigen Stand von Freiheit und Gleichberechtigung. Mit Drehbüchern von Shonda Rhimes, die auch für die Politserie „Scandal“ verantwortlich war, und einem sogenannten Colorblind Casting, bei dem die Besetzung bewusst von den historischen Vorlagen abweicht, rückt die Serie zudem Darstellungsformen in den Vordergrund, die teils kontrovers diskutiert werden – etwa in Bezug auf Repräsentation, historische Authentizität oder den Umgang mit Geschichte und Diversität in fiktionalen Formaten.
Politik im Alltag: Bürokratie, Familie und Rollenbilder
Während manche Serien Geschichte melodramatisch erzählen, stellen andere einen dramatisch zugespitzten Alltag in den Mittelpunkt und setzen dabei politische Akzente. Im intensiven, schnell geschnittenen und nah inszenierten Setting einer Restaurantküche bildet die Dramedy-Serie „The Bear“ (seit 2022, FX on Hulu) politische Dynamiken innerhalb des Arbeits- und Familienumfelds ab. Insbesondere beim Restaurantumbau in der zweiten Staffel hadern die Protagonist*innen mit überwältigenden bürokratischen Strukturen. In der ersten Folge der zweiten Staffel erklärt Souschefin Sydney Adamu (Ayo Edebiri) dem Gourmetkoch „Carmy“ (Jeremy Allen White): „We need them to approve all of our new business paperwork, and then they’ll send a rep, and that rep will sign off on another rep, who will come and look at stuff, and then sign off on a different rep“ (dt. Übersetzung: „Wir brauchen ihre Genehmigung für all unsere neuen Geschäftsdokumente. Dann schicken sie einen Vertreter und dieser Vertreter genehmigt einen weiteren Vertreter, der kommt und sich die Sachen anschaut und der dann einen anderen Vertreter absegnet.“).
Die Serie „Die Zweiflers“ (ARD Mediathek, 2024) erzählt vom Alltag einer jüdischen Familie in Frankfurt, die zwischen Zusammenhalt, Konflikten und Selbstverständnis navigiert. Foto: © ARD Degeto / HR / Turbokultur / Elliott Kreyenberg
Die Serie „Die Zweiflers“ (ARD Mediathek, 2024) erzählt vom Alltag einer jüdischen Familie in Frankfurt, die zwischen Zusammenhalt, Konflikten und Selbstverständnis navigiert. Foto: © ARD Degeto / HR / Turbokultur / Elliott Kreyenberg
Die Konstellation dramatisch verdichteter Interaktionen innerhalb einer vertrauten Gruppe zeigt sich besonders deutlich in dem Familiendrama „Succession“ (2018–2023, HBO). Die vielfach ausgezeichnete Serie folgt der dysfunktionalen Unternehmerfamilie Roy, die um die Nachfolge des alternden Medienmoguls Logan (Brian Cox) ringt. Zwar spielt „Succession“ nicht im engeren Politikmilieu, doch die verschachtelten Machtspiele, Loyalitätskonflikte und öffentlichen Inszenierungen nähern sich einer politisch aufgeladenen Erzählweise an, wie sie in den Tragödien von William Shakespeare und insbesondere in „King Lear“ angelegt ist. Dort führt die Aufteilung des Reiches durch den greisen König an seine Töchter zu einem dramatischen Zerfall von Ordnung, Vertrauen und Familie. Dieses Motiv wird in „Succession“ auf moderne Konzern- und Mediensphären übertragen. Auch die deutsche Serie „Die Zweiflers“ (2024, ARD Mediathek) greift auf das erzählerische Prinzip der familiären Verdichtung zurück. Die Serie verbindet subtile Gesellschaftskritik mit intimer Figurenzeichnung und öffnet so den Raum für komplexe politische Themen wie Zugehörigkeit, Erinnerung und Identität.
Staatssysteme im Vergleich: zwischen Demokratie, Diktatur und Chaos
In ihrer narrativen Vielfalt bewegen sich Filme und Fernsehserien innerhalb zahlreicher politischer Bereiche und Spielarten. Über das fiktionale Ausspielen und Verhandeln verschiedener Gemeinschafts- und Staatsformen tragen die Werke zur Orientierung eines kritischen und demokratischen Bewusstseins bei. Zwar gilt besonders für die im Streaming hochpopulären zeitgenössischen Dramaserien, dass sie durch ihre drastischen Themen und ambivalenten Antiheld*innen – sei es in der Terror-Serialität von „24“ oder der Zombie-Apokalypse von „The Walking Dead“ (2010–2022, AMC) – große Herausforderungen an das Urteilsvermögen der Zuschauenden stellen und sich bisweilen nah an der Grenze zur Normalisierung oder gar Idealisierung problematischer bis krimineller Verhaltens- und Organisationsformen bewegen. Doch bieten gerade auch diese Grenzgänge effektive und pädagogisch wertvolle Modelle der Auseinandersetzung.
In der Einleitung zu ihrem Sammelband betont Anja Besand (2018, S. 1): „Serien sind machtvolle Instrumente, mit deren Hilfe wir trainieren, Recht und Unrecht zu unterscheiden. Das ist für die politische Bildung im höchsten Maße bedeutungsvoll, denn das heißt, indem wir Fernsehserien sehen, bilden wir unser juridisches Urteilsvermögen.“ Bei aller ambivalenten Herausforderung erfahren antifreiheitliche oder antidemokratische Strukturen nie eine ungebrochene Akzeptanz, sondern begegnen immer einer Form von Korrektiv. Kontroverse Gruppen wie die Mafia in „The Sopranos“ (1999–2007, HBO) oder die Drogenorganisation in „Breaking Bad“ (2008–2013, AMC) erleiden trotz aller romantisierenden Akzente vorwiegend tragische Schicksale. Grundlegend bleibt sowohl in der gestaffelten Fortsetzungsform der Fernsehserie als auch in der dreiaktigen, konfliktausräumenden Resolutionsstruktur des Spielfilms, dass eine Konfrontation mit unsozialen und ungerechten Verhaltensweisen bei Zuschauenden potenziell zu einem Bewusstwerden über ein soziales, gerechtes Zusammenleben und damit auch über die demokratische Staatsform führt.
Während Serien selten explizit eine Staatsform benennen, bebildern sie zum einen Organisationsformen, die freiheitlich und demokratisch gestaltet sind, und zum anderen die Herausforderung durch autoritäre und antidemokratische Systeme. Mehrfach bildet die Staatsform der Diktatur eine Kontrastfolie, gegenüber welcher sich Protagonist*innen und damit auch die Zuschauer*innen auflehnen. Im Film „24: Redemption“ (USA, 2008, Jon Cassar), der zwischen der sechsten und siebten Serienstaffel angesetzt ist, trotzt der Geheimdienstagent Jack Bauer (Kiefer Sutherland) den gewaltsamen Machenschaften einer Militärdiktatur im fiktiven afrikanischen Staat Sangala. Die Dramaserie „The Handmaid’s Tale“ (dt. Titel: „The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd“, 2017–2025, Hulu) zeichnet das dystopische Szenario einer radikalen Theokratie und verortet die Dienstmagd June Osborne (Elisabeth Moss) als potenzielle Erlöserfigur.
Entsprechend imaginiert die Alternativwelt-Serie „The Man in the High Castle“ (2015–2019, Prime Video) eine faschistische Diktatur in den USA – nach einem Sieg der Nationalsozialist*innen im Zweiten Weltkrieg – und aktiviert gleichzeitig die Widerstandskämpferin Juliana Crain (Alexa Davalos), um die eigentliche Realität aufzudecken.
Spiel um Macht: Politik als dramaturgisches Prinzip
Mehrere Serien präsentieren ein Gegenüber verschiedener Gemeinschaftsformen. Im Konkurrenzkampf der Karateschulen in „Cobra Kai“ (2018–2025, YouTube Red/Netflix) kollidieren Gruppen, die mitbestimmend organisiert sind und besonnene Techniken einsetzen, mit solchen, die autoritär geführt sind und skrupellos agieren. Obwohl die popkulturell wahrscheinlich prägendste Serie der 2010er-Jahre „Game of Thrones“ und ihr Prequel „House of the Dragon“ (seit 2022, HBO) in einer fantastisch imaginierten Welt stattfinden, verweisen sie kontinuierlich auf reale Staatsformen. Übergreifend herrschen auf dem fiktiven Kontinent Westeros feudale Strukturen, wie sie im mittelalterlichen Europa verbreitet waren (vgl. Jackson 2019).
Im titelgebenden Kampf um den Eisernen Thron in „Game of Thrones“ stehen auf der einen Seite maßvolle und freiheitlich orientierte Herrscherfiguren und auf der anderen Seite brutale Machthaber am Rande des Wahnsinns. Eine interessante, über sieben Staffeln hoffnungsvolle, letztlich aber dystopisch gedrehte Konstellation ergibt sich in der Figurenentwicklung der Prinzessin Daenerys Targaryen (Emilia Clarke). Die Mutter der Drachen zeichnet sich durch freiheitliche, gerechtigkeitsorientierte Impulse wie die Befreiung von Sklav*innen aus, wird aber letztlich selbst zu einer Zerstörerin wird. Ihr Ausspruch „I’m not going to stop the wheel, I’m going to break the wheel“ (dt. Übersetzung: „Ich werde das Rad nicht anhalten, ich werde das Rad zerbrechen.“) zum Ende der fünften Staffel erweist sich nicht als Fundament einer neuen freiheitlichen Ordnung, sondern als destruktives Statement.
Auch die populäre Horrorserie „The Walking Dead“ (2010–2022, AMC), die über elf Staffeln und mehrere Externer Link: Spin-offs das Leben weniger Überlebender nach einer Zombie-Apokalypse imaginiert, wirft detaillierte Blicke auf diverse politische Ordnungen. Ausgespielt wird ein Spektrum von der Gewaltherrschaft der Saviors-Gruppe über die Monarchie von König Ezekiel (Khary Payton) bis hin zu den demokratischen Bestrebungen der Alexandria-Sicherheitszone, in der sich die ehemalige Kongressabgeordnete Deanna Monroe (Tovah Feldshuh) für Strukturen der Mitbestimmung und Rechtsstaatlichkeit einsetzt.
„Ted Lasso“ (Apple TV+, 2020) begleitet einen amerikanischen Footballtrainer, der ein englisches Fußballteam übernimmt und mit Optimismus auf und neben dem Platz führt. Foto: © Apple TV+
„Ted Lasso“ (Apple TV+, 2020) begleitet einen amerikanischen Footballtrainer, der ein englisches Fußballteam übernimmt und mit Optimismus auf und neben dem Platz führt. Foto: © Apple TV+
Im Zuge des Verhandelns verschiedener Gemeinschaftsformen befördern Filme und Serien ein kritisches und demokratisches Bewusstsein. Schon die frühe Politsatire „Mr. Smith Goes to Washington“ (dt. Titel: „Mr. Smith geht nach Washington“, USA, 1939, Frank Capra) erzählt mit einem idealistischen Protagonisten und einem Externer Link: Filibuster-Finale, dass ein demokratisches System trotz aller Herausforderungen letztlich die freiheitliche Selbstbestimmung von Individuen ermöglicht. Die US-Komödie „Swing Vote“ (dt. Titel: „Swing Vote – Die beste Wahl“, USA, 2008, Joshua Michael Stern) spielt das Experiment durch, wie es wäre, wenn Politiker sich tatsächlich für jede einzelne Stimme einsetzen würden. Damit führt der Film den Ausspruch, dass wirklich jede Stimme zählt, zur letzten Konsequenz. Im Bereich der Fernsehserien präsentiert etwa die Comedy-Serie „Ted Lasso“ (2020–2023, Apple TV+) ein rundum vorbildliches gemeinschaftliches Verhalten anhand der Gruppendynamik des fiktiven Fußballteams AFC Richmond.
Zukunft verhandeln: Utopien und Dystopien in Serienwelten
Immer wieder unternehmen Serien einen Blick in die Zukunft. Meist im Science-Fiction-Genre verortet, entwerfen sie entweder utopische oder dystopische Visionen und konzentrieren dabei das Politische im Extremen. Utopische Szenarien, also Bilder einer idealen, heilen Welt, sind dabei weitaus seltener als Dystopien, die durch Bedrohungen und Konflikte dramaturgisch viel ertragreicher funktionieren (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2020). Oft ergibt sich eine Kombination aus beiden Varianten, indem sich utopische Zielsetzungen als dystopische Schreckensszenarien herausstellen.
Als filmisch und im Serienbereich prominentes Utopie-Format operiert seit 1966 „Star Trek“. Das schon seit der ersten NBC-Serie bemerkenswert divers besetzte Franchise tendiert zu der optimistischen Zukunftsvision einer humanistischen, demokratischen und technologiepositiven Gesellschaft. Im Film „First Contact“ (dt. Titel: „Der erste Kontakt“, USA, 1996, Jonathan Frakes) formuliert Jean-Luc Picard, der Captain des Raumschiffs „Enterprise“, die idealistische Maxime „We work to better ourselves and the rest of humanity“ (dt. Übersetzung: „Wir arbeiten daran, uns selbst und den Rest der Menschheit zu verbessern.“). Die Zielsetzung eines Miteinanders gegen äußere Bedrohungen gilt bis zu Streaming-Aktualisierungen wie „Star Trek: Discovery“ (2017–2024, Paramount+). Serienschöpfer Gene Roddenberry (o. J., eigene Übersetzung) erläuterte seine Philosophie bei einem Vortrag in New York im Mai 1976: „Star Trek war ein Versuch zu sagen, dass die Menschheit an dem Tag reif und weise werden wird, an dem sie beginnt, Unterschiede in Ideen und Lebensformen nicht nur zu tolerieren, sondern sich an ihnen zu erfreuen.“
Mit einer ähnlich utopischen Ausrichtung entwirft die US-Miniserie „Station Eleven“ (2021–2022, HBO Max) zu Beginn der 2020er-Jahre das Bild einer neuen Gesellschaft, die nach der Zäsur einer Pandemie, die fast die gesamte Menschheit ausgelöscht hat, einen vertrauensvollen, hoffnungsvollen Neuanfang wagt. Da es allerdings weiterhin gewaltsame Konfrontationen, etwa mit einem Kult, gibt, durchziehen auch dystopische Züge die Serie. Ähnlich operiert die international produzierte Miniserie „Concordia“ (2024, ZDF), die die Zukunftsversion einer von künstlicher Intelligenz überwachten Stadt zeigt, die bereits im Zweittitel „Tödliche Utopie“ eine deutliche Irritation erfährt.
Als negative Antithese zur Utopie richtet auch die Dystopie filmische und fernsehserielle Formate aus. Spiegelbildlich zu realen Konflikten und Ängsten in der Gesellschaft, verhandeln dystopische Werke vielfältige Fragen nach dem menschlichen Zusammenleben am Extrempunkt der existenziellen Härte und Bedrohung. Wiederkehrende Genremotive sind totalitäre, ausbeutende Herrschaftssysteme sowie einschneidende Mängel der Umwelt und die Integration einer Erlöserfigur (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2020).
In „Severance“ (Apple TV+, seit 2022) trennt ein Unternehmen mithilfe eines Eingriffs das Arbeits- vom Privatleben seiner Angestellten – mit weitreichenden Folgen. Foto© Apple TV+
In „Severance“ (Apple TV+, seit 2022) trennt ein Unternehmen mithilfe eines Eingriffs das Arbeits- vom Privatleben seiner Angestellten – mit weitreichenden Folgen. Foto© Apple TV+
Im Bereich der Fernsehserien zeichnen sich mehrere populäre Formate durch dystopische Konstellationen aus. Basierend auf Margaret Atwoods gleichnamigem Roman stellt „The Handmaid’s Tale“ (2017–2025, Hulu) die dystopische Vision der USA als dem von Unfruchtbarkeit gezeichneten, vom Militär geführten Gottesstaat Gilead dar, in dem Frauen grausam unterdrückt werden. Parallel zu „The Walking Dead“ zeigt die Videospielverfilmung „The Last of Us“ (seit 2023, HBO) eine postapokalyptische Welt nach einer Pilzepidemie und „Snowpiercer“ (2020–2024, TNT/AMC) eine Parallelzeitlinie der Erde als Eiswüste. Vom drohenden Ende der Menschheit erzählt auch die Science-Fiction-Western-Serie „Westworld“ (2016–2020, HBO) in einer komplexen Reflexion über eine bedrohliche Zukunft mit künstlicher Intelligenz. Die Mystery-Serie „Severance“ (seit 2022, Apple TV+) verhandelt in einer dystopisch stilisierten Bürowelt die Trennung von Arbeits- und Privatidentität – und stellt grundlegende Fragen nach individueller Autonomie, Überwachung und Kontrolle in spätkapitalistischen Strukturen.
Die Science-Fiction-Anthologie-Serie „Black Mirror“ (2011–2019/2023–, Netflix) untersucht technologische Zukunftsszenarien mit oft düsterer gesellschaftspolitischer Konsequenz. Durch Szenarien einer düsteren, fremdbestimmten Zukunft erwirken Dystopien ein effektives Kontrastbild, das Zuschauende potenziell dazu animiert, sich über die Privilegien der Demokratie bewusst zu werden, um eine bessere Zukunft mitzugestalten.
Serien sind mehr als Unterhaltung. Sie erzählen von Macht und Ohnmacht, von Gerechtigkeit, Konflikten und Zukunftsvisionen oft emotional, manchmal drastisch, immer gesellschaftlich relevant. Für den politischen Diskurs bieten sie ein breites Feld: Sie machen gesellschaftspolitische Fragen greifbar, regen Diskussionen an und stärken das Bewusstsein für demokratische Werte. Wer Serien nicht nur konsumiert, sondern sie reflektiert, kann lernen, wie Politik funktioniert – oder nicht funktioniert. Damit eröffnen Serien einen wirkungsvollen Zugang zu oftmals im ersten Moment als komplex und abstrakt erscheinenden Themen.