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Queere Sichtbarkeit in Streaming-Formaten Zielgruppen und Repräsentation

Dr. Vera Cuntz-Leng

/ 11 Minuten zu lesen

Streaming-Formate haben die Sichtbarkeit queerer Figuren verändert und auch erweitert – doch diese Entwicklungen verlaufen nicht linear und sind vielgestaltig.

Illustration: www.leitwerk.de (© bpb)

Ehe sich ein Blick auf queere Repräsentation in Film und Serien richten lässt, braucht es eine Klärung des Begriffs: Mit dem Begriff ‚Interner Link: queer‘ werden Identitäten, Lebensweisen und Begehrensformen bezeichnet, die von gesellschaftlich dominierenden Vorstellungen von Geschlecht und Heterosexualität abweichen. Queersein umfasst also unter anderem Interner Link: lesbische, Interner Link: schwule, Interner Link: bisexuelle, Interner Link: trans*, Interner Link: inter* und Interner Link: nicht-binäre Perspektiven und steht zugleich für die Infragestellung normativer Geschlechter- und Beziehungskonzepte.

Bevor queere Identitäten im Mainstream thematisiert wurden, unterlagen ihre Darstellungen in Film und Fernsehen strengen inhaltlichen Reglementierungen: Der seit den 1930er-Jahren bis zu seiner Abschaffung im Jahr 1968 in den USA wirksame Externer Link: Hays Code, eine Zensurmaßnahme, um Gewalt auf der Leinwand einzudämmen und politisch oder sexuell anstößige Darstellungen zu unterbinden, zeichnete sich maßgeblich dafür verantwortlich, dass queeres Begehren oder non-binäre Entwürfe von Geschlecht im Kino – und später auch im Fernsehen – kaum offen thematisiert werden konnten. Zwar fanden Filmschaffende in Hollywood durchaus kreative Wege, diese Themen in mehrdeutigen Dialogen und der Ausgestaltung von Figuren zu adressieren (hier wird nicht selten vom ‚Subtext‘ gesprochen). Doch veröffentlicht wurden entsprechende Szenen in vielen Fällen nicht, und so blieb sexuelle und geschlechtliche Vielfalt bis in die 1960er Jahre im Mainstream weitgehend unsichtbar.

Ein bekanntes Beispiel ist der sogenannte Austern-Schnecken-Monolog in William Wylers berühmtem Sandalenfilm „Ben Hur“ (USA, 1959), der auf den US-amerikanischen Schriftsteller und Drehbuchautor Gore Vidal zurückzuführen ist. In der Badeszene zwischen Crassus und dem Sklaven Antoninus entfaltet sich ein Dialog, der deutliche Hinweise auf Bisexualität enthält. Diese Sequenz wurde ursprünglich vor der Kinoveröffentlichung herausgeschnitten, fand aber 1991 im Zuge der restaurierten Fassung, zusammen mit weiteren entfernten Szenen, wieder Eingang in den Film.

Zwischen Tabubruch und Dämonisierung

Mit dem Erfolg des Externer Link: New Hollywood setzte im US-Kino ab den späten 1960er-Jahren eine Gegenbewegung ein: Gesellschaftliche Tabus wie eheliche Untreue, Drogenkonsum oder exzessive Gewalt wurden zu zentralen Momenten der filmischen Erzählwelten. Während sich das Kino öffnete, hielt die westliche Fernsehserienlandschaft zu dieser Zeit zunächst noch stark an den etablierten Normen fest. Die neue Sichtbarkeit queerer Figuren im Film ging dabei zwar mit einer stärkeren Repräsentanz einher, statt Unsichtbarkeit dominierte nun allerdings häufig die Dämonisierung von Homosexualität – angefangen beim um Morde in der Schwulenszene kreisenden homophoben „Der Detektiv“ („The Detective“, Gordon Douglas, USA, 1968) mit Frank Sinatra bis hin zum vielfach kritisierten Interner Link: Crossdressing-Killer Buffalo Bill (Ted Levine) in „Das Schweigen der Lämmer“ („The Silence of the Lambs“, Jonathan Demme, USA, 1991). Mordende Queers dominierten das Hollywoodkino, während sich zur Zeit der Aids-Krise parallel und sukzessiv eine eigene queere Independent-Filmbewegung etablierte, die maßgeblich durch Aktivismus, die Aids-Krise und den gesellschaftlichen Ausschluss queerer Communities geprägt wurde.

Vom Rand ins Zentrum: Queerness im Fernsehen

Was das Fernsehen betrifft, dauerte es bis in die 1990er-Jahre hinein, dass queere Figuren regelmäßig in Serien repräsentiert und nicht auf flache stereotype Darstellungen reduziert wurden. Gerade Sitcom-Formaten wie „Cheers“ (Glen Charles/Les Charles/James Burrows, USA, 1982–1993), „Roseanne“ (Matt Williams, USA, 1988–1997), „Seinfeld“ (Larry David/Jerry Seinfeld, USA, 1989–1998) und „Friends“ (David Crane/Marta Kauffman, USA, 1994–2004) kam hier eine Vorreiterrolle zu. Doch auch andere Genres bemühten sich zunehmend um eine differenziertere und vielschichtigere Thematisierung von Queersein. Besonders erwähnenswert ist hier die Episode „Running for Honor“ der Serie „Zurück in die Vergangenheit“ („Quantum Leap“, Donald P. Bellisario, USA, 1989–1993), die das Spannungsfeld von Homophobie und Homosozialität in den USA schon viele Jahre vor dem Erfolg des oskarprämierten Films „Brokeback Mountain“ (Ang Lee, USA/Kanada, 2005) sensibel und gesellschaftskritisch inszenierte.

Als weiterer Wendepunkt lässt sich der Erfolg der Showtime-Serie „Queer as Folk“ (nach einer Idee von Russell T. Davies, USA/Kanada, 2000–2005) identifizieren. Die Serie machte deutlich, dass queere Figuren und Lebenswelten im Fernsehen auch jenseits episodischer Auftritte erzählbar und marktfähig sein konnten – wenngleich dies zunächst keinen flächendeckenden Wandel im Fernsehangebot bedeutete. Schon in der Zeit des linearen Fernsehens und des zunehmenden Erfolgs eines DVD-Zweitverwertungsmarktes von Fernsehserien konnten sich einige ikonische und komplexe queere Figuren fest im kulturellen Gedächtnis verankern. Beispiele dafür sind unter anderem die bisexuelle Willow (Alyson Hannigan) aus der Serie „Buffy – Im Bann der Dämonen“ („Buffy the Vampire Slayer“, Joss Whedon, USA, 1997–2003), der homosexuelle Bestatter David Fisher (Michael C. Hall) aus „Six Feet Under – Gestorben wird immer“ („Six Feet Under“, Alan Ball, USA, 2001–2005) oder die pansexuelle Kurtisane Inara (Morena Baccarin) aus „Firefly – Der Aufbruch der Serenity“ („Firefly“, Joss Whedon, USA, 2002–2003).

Serien im Streaming-Zeitalter – Vielfalt auf Abruf?

Mit dem Aufkommen der Streaming-Dienste hat sich das Fernsehangebot verbreitert, und es haben sich neue Möglichkeiten für die Darstellung von Vielfalt eröffnet. Zwar stehen einige Serien wie „Supernatural“ (Eric Kripke, USA, 2005–2020) und „Sherlock“ (Steven Moffat/Mark Gatiss, Großbritannien, 2010–2017) wegen sogenanntem Externer Link: Queerbaiting in der Kritik. Darunter ist der erzählerische Kniff zu verstehen, bei dem queere Subtexte durch Dialoge oder Figuren angedeutet, aber nicht explizit erzählt werden, um unterschiedliche Publikumsgruppen gleichermaßen anzusprechen, ohne sich eindeutig zu positionieren.

Gleichzeitig zeigt sich mit Blick auf das umfassende Serienangebot, dass viele Formate heute ein breiteres Spektrum queerer Identitäten, Lebensentwürfe und Begehrensformen abbilden. Sie präsentieren und diskutieren multiperspektivisch Herausforderungen und Potenziale und sind häufig um die Dekonstruktion traditioneller Vorstellungen von Normativität bemüht. Die globale Reichweite sowie die zeitunabhängige und niedrigschwellige Verfügbarkeit von Streaming-Serien können zu einem Abbau von Vorurteilen beitragen und ein stärkeres Bewusstsein für die Vielfalt menschlicher Erfahrungen schaffen, was idealerweise zu einer Normalisierung von Queersein in der Gesellschaft bei einem damit einhergehenden stärkeren Identifikationspotenzial eines queeren Publikums mit den ausgestrahlten Serien führt.

Auch vor intersektionalen Problemstellungen und damit vor vielschichtigen Realitäten, etwa die Verschränkung von Queersein mit Rassismuserfahrungen, unterschiedlichen sozioökonomischen Ressourcen oder Darstellungen von Menschen mit Behinderungen, schrecken Serienproduzent*innen in einigen Formaten nicht mehr zurück. Beispiele für entsprechende Erzählungen finden sich in Serien wie „Pose“ (Ryan Murphy, USA, 2018–2021) über die Ballroom-Community der 1980er-/1990er-Jahre in New York, in „Special“ (Ryan O’Connell, USA, 2019–2021), einer halbautobiografischen Serie über einen homosexuellen Mann mit zerebraler Bewegungsstörung oder in „It’s a Sin“ (Russell T. Davies, Großbritannien, 2021) über die Aids-Krise im Vereinigten Königreich der 1980er-Jahre.

Die zunehmende Sichtbarkeit bleibt dabei allerdings nicht frei von Ambivalenzen. Kritisch diskutiert wird etwa, dass queere Rollen häufig von heterosexuellen Schauspieler*innen verkörpert werden (vgl. GLAAD 2022; McNicholas 2020), wodurch Fragen nach Authentizität und Teilhabe in der Filmbranche selbst bestehen bleiben. Auch die inhaltliche Ausgestaltung queerer Figuren steht in der Kritik: Queerness fungiert vielfach als zentrales Konfliktmotiv oder als Mittel zur Provokation, während Alltagsnarrationen, in denen Geschlecht oder Sexualität nicht problematisiert werden, vergleichsweise selten sind (vgl. Avila-Saavedra 2009; Ahmed 2019). Hinzu kommt die Tendenz zur Sexualisierung queerer Figuren oder zur Reproduktion von Stereotypen, etwa in der Darstellung hypersexualisierter schwuler Männlichkeit oder überzeichneter Drag-Personas.

Ein sichtbares Zeichen für den Wunsch nach Veränderung in der deutschen Filmlandschaft setzte 2021 das Externer Link: Manifest #ActOut, das von über 185 Schauspieler*innen unterzeichnet wurde, die sich in diesem Rahmen gemeinsam öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität bekannten. Mit diesem kollektiven Coming-out machten sie auf den anhaltenden Anpassungsdruck innerhalb der Branche aufmerksam und forderten mehr Offenheit, Repräsentation und faire Chancen bei der Rollenbesetzung sowie eine stärkere Präsenz queerer Personen in allen Bereichen der Produktion.

Algorithmen, Aufmerksamkeit, Audience

Die Sichtbarkeit queerer Inhalte auf Streaming-Plattformen ist kein zufälliges Nebenprodukt, sondern oft Teil strategischer Zielgruppenansprache: Viele Serien richten sich gezielt an ein junges, urbanes Publikum, das Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern als identitätsstiftend wahrnimmt. Plattformen wie Netflix oder Prime Video nutzen zur Erreichung bestimmter Communities die Darstellung von vielfältigen Lebensentwürfen auch zur Profilbildung, etwa über eigene Diversitätsprogramme oder spezielle Empfehlungslogiken. Welche Geschichten erzählt werden und wie sie platziert sind, hängt dabei eng mit Nutzendenverhalten, Klickzahlen und internationalen Marktstrategien zusammen.

Dass Streaming-Dienste im Vergleich zum linearen Fernsehen ein breiteres Angebot an queeren Inhalten bieten, scheint nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen im Jahr 2023 belegt. Auf Streaming-Plattformen findet demzufolge das LGBTQ+-Publikum eine fast siebenmal größere Auswahl an inklusiven Inhalten. Allerdings ist seit einem Höhepunkt im Jahr 2019 ein Rückgang queer-inklusiver Titel zu beobachten (vgl. Nielsen 2023). Denn Sichtbarkeit bedeutet in der Logik algorithmischer Plattformen nicht automatisch Reichweite: Welche Inhalte Nutzer*innen tatsächlich vorgeschlagen bekommen, hängt von Empfehlungsmechanismen ab, die vergangenes Sehverhalten, regionale Trends und persönliche Präferenzen auswerten. Auch queere Inhalte sind damit Teil eines datenbasierten Systems, in dem nicht nur gesellschaftliche Relevanz, sondern auch ökonomische Verwertbarkeit über Auffindbarkeit und Erfolg entscheiden.

Zusätzlich zu den Angeboten der großen Plattformen sind mittlerweile dezidiert spezialisierte Streaming-Dienstleister wie Revry und The Bow auf dem internationalen Markt vertreten, die sich gezielt an ein queeres Publikum richten. Die Entwicklung zeigt, wie stark sich queere Repräsentation auch durch wirtschaftliche und zielgruppenspezifische Dynamiken verändert.

Von den reichweitenstärksten Plattformen tritt Netflix mit dem Leitsatz „Building a Legacy of Inclusion“ (sinngemäß übersetzt: „Inklusion ist unser Vermächtnis“) als Vorreiter in Sachen Repräsentation marginalisierter Gruppen auf und fördert entsprechende Projekte durch den Netflix Fonds für Chancengleichheit und Inklusion (Netflix 2023). Bereits drei Mal ist außerdem die von Netflix in Auftrag gegebene Studie zu Inklusion vor und hinter der Kamera von Stacy L. Smith, Gründerin und Direktorin der Annenberg Inclusion Initiative der University of Southern California, erschienen (Smith et al. 2021; 2023; 2025).

Auch wenn die Studien primär den Fokus auf die gleichberechtigte Repräsentation von Frauen und den Einfluss von Frauen in kreativen Schlüsselfunktionen sowie auf die Inklusion verschiedener ethnischer Gruppen legen, lassen sich am Rande auch aufschlussreiche Befunde zur Darstellung queerer Inhalte und LGBTQ⁺-Figuren gewinnen. Im ersten Bericht (Smith et al. 2021) kamen die Autor*innen zu dem Ergebnis, dass LGBTQ⁺-Figuren in Netflix-Produktionen deutlich unterrepräsentiert waren: Obwohl sich in den USA rund 12 Prozent der Bevölkerung als LGBTQ⁺ identifizieren, entfielen nur 2,3 Prozent auf Haupt- oder Co-Hauptrollen, 5,3 Prozent auf die Hauptbesetzung und 2,8 Prozent auf sprechende Rollen in den untersuchten Filmen und Serien (Smith et al. 2021).

Die zweite Erhebung (Smith et al. 2023) zeigte zwar eine steigende Tendenz: Der Anteil von LGBTQ⁺-Figuren in Netflix-Serien lag bei 4,6 Prozent (2018), 7,4 Prozent (2019), 10,3 Prozent (2020) und 6,7 Prozent (2021). Im Verhältnis zum Gesamtangebot blieb die Repräsentation jedoch weiterhin gering und lag trotz zwischenzeitlicher Zuwächse unter dem Anteil der Bevölkerung, der sich selbst als LGBTQ⁺ bezeichnet. Der aktuelle Bericht (Smith et al. 2025), der Daten bis einschließlich 2023 umfasst, bestätigt nun eine deutliche Ausweitung der Sichtbarkeit, allerdings mit klaren Unterschieden zwischen Film und Serie. So erreichte der Anteil von Produktionen mit LGBTQ⁺-Haupt- oder Co-Hauptrollen 2023 einen Höchstwert von 32,5 Prozent (2018: 11,5 %). Dieser Zuwachs beruht fast ausschließlich auf Serien: Über die Hälfte aller Serien (52,4 %) wiesen mindestens zehn Prozent queerer Hauptfiguren auf, während es bei Filmen lediglich 8,6 Prozent waren.

Die demografische Zusammensetzung der dargestellten LGBTQ⁺-Figuren verweist zugleich auf fortbestehende Ungleichgewichte innerhalb der Repräsentation. In Serien zeigt sich ein annähernd ausgewogenes Geschlechterverhältnis (52 % männlich, 48 % weiblich), während in Filmen männliche Figuren weiterhin etwas häufiger vorkommen. Über 60 Prozent der queeren Hauptfiguren gehören zu unterrepräsentierten ethnischen Gruppen, was auf eine zunehmende Berücksichtigung intersektionaler Diversität hinweist. Zugleich bleibt das Alter der dargestellten Personen stark konzentriert: Queere Figuren erscheinen überwiegend als Jugendliche oder junge Erwachsene, während ältere queere Lebensrealitäten kaum abgebildet werden. Insgesamt lässt sich damit eine Erweiterung der Vielfalt feststellen, die jedoch bestimmte Perspektiven stärker sichtbar macht als andere.

Im Längsschnitt zeigen die drei Erhebungen eine deutliche, jedoch ungleich verteilte Ausweitung queerer Repräsentation auf Netflix. Der Zuwachs konzentriert sich vor allem auf serielle Formate, die durch größere Figurenensembles und fortlaufende Erzählstrukturen mehr Integrationspotenzial für Diversität bieten. Im Bereich der Spielfilme bleibt die Sichtbarkeit dagegen weitgehend konstant. Insgesamt verweist die Entwicklung weniger auf eine umfassende Inklusion als auf eine formatspezifische Bündelung von Vielfalt (vgl. Smith et al. 2025).

Queerness erzählen: Eine Frage der Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit

Unter den Netflix-Serien sind künstlerisch wie erzählerisch innovative Produktionen wie „Sense8“ (The Wachowskis/J. Michael Straczynski, USA, 2015–2018) erschienen. Bemerkenswert ist auch die norwegisch-dänische Koproduktion „Ragnarök“ (Adam Price, Norwegen/Dänemark, 2020–2023), die mit Laurits Seier aka Loki (Jonas Strand Gravli) eine komplexe non-binäre Figur präsentiert, durch die das enorme Potenzial einer wachsenden Wahrnehmung internationaler Produktionen auf dem globalen Serienmarkt unterstrichen und zugleich evident wird, welche Chancen darin stecken, auf diesem Wege die mediale Sichtbarkeit von Queersein zu erhöhen.

Konventioneller erzählt ist „XO, Kitty“ (Jenny Han, USA, seit 2023), das im Fahrwasser des Erfolgs der Serie „Heartstopper“ (Alice Oseman, Großbritannien, seit 2022) belegt, dass Netflix queere Externer Link: Coming-of-Age-Narrationen (Geschichten über den Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter) als produktives Erzählfeld entdeckt hat. Gerade die mit einer Transperson besetzte Rolle der Elle (Yasmin Finney) und der sensible Umgang mit der Entwicklung dieser Figur zeichnen „Heartstopper“ aus. Dass sich letztlich fast alle Figuren der Serie auf die eine oder andere Weise als queer entpuppen – vom homosexuellen Lehrer*innenkollegium bis zum asexuellen Freund – kann die Glaubwürdigkeit der Handlung untergraben und erzählerisch überfrachtet wirken. Dass Repräsentationsanspruch, Zielgruppenerwartungen und narrative Glaubwürdigkeit oft in einem spannungsvollen Verhältnis stehen, zeigte sich auch in späteren Staffeln von „The Umbrella Academy“ (Steve Blackman, USA, 2019–2024), als im Anschluss an das Coming-out als Transmann von Hauptdarsteller Elliot Page auch der Handlungsstrang der Serie entsprechend umgeschrieben wurde.

(© Foto: Ségolène Lagny / Netflix) (© Foto: Christian Geisnæs / Netflix) (© Foto: Park Young-Sol / Netflix) (© Foto: Samuel Dore / Netflix) (© Foto: Christos Kalohoridis / Netflix) (© Foto: ARD Degeto / Andrea Hansen)

Diese aktuellen Beispiele zeigen, dass Streaming-Formate die Sichtbarkeit von Queersein durchaus vorantreiben, aber nicht alle Produktionen stereotype Verkürzungen bei der Erzählung von Figuren vermeiden oder auf die Inszenierung des Non-Normative mit spektakelhafter Überzeichnung verzichten können. Als gelungenes Beispiel kann die Koproduktion von BBC und Amazon Prime „Good Omens“ (Neil Gaiman, USA/Großbritannien, seit 2019) genannt werden: Nur wenigen Serien gelingt es so überzeugend, gängige Denkmuster und Kategorien zu durchbrechen. Sie verbindet existenzielle Fragen zu Freundschaft, Liebe, Selbstbestimmung und Glauben mit dem Ton einer Komödie und erzählt nebenbei eine queere Liebesgeschichte epischen Ausmaßes mit Bezügen zu den Romanen der britischen Schriftstellerin Jane Austen sowie romantischen Komödien wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ („Four Weddings and a Funeral“, Mike Newell, Großbritannien, 1994). Der Erfolg solcher Erzählweisen zeigt, dass queere Repräsentation gerade dort gelingt, wo sie nicht erklärend, sondern selbstverständlich erzählt wird.

In der Rezeption queerer Inhalte lassen sich zugleich Spannungsfelder beobachten. Teile des Publikums reagieren ablehnend auf die wachsende Sichtbarkeit queerer Themen und Figuren, die mitunter als „Überrepräsentation“ wahrgenommen wird. In der Medien- und Kommunikationsforschung wird dieses Muster als Backlash-Phänomen gefasst, das als Reaktion auf wahrgenommene gesellschaftliche Liberalisierungsprozesse entsteht und den Wunsch nach der Wiederherstellung etablierter Normen ausdrückt. Vergleichbare Dynamiken zeigen sich auch in anderen popkulturellen Bereichen wie Games oder Fandoms, in denen Diversitätsbestrebungen zu Polarisierungen und Aushandlungsprozessen innerhalb der Fangemeinschaften führen können.

Darüber hinaus ist zu beobachten, dass sich Konzerne wie Amazon oder Meta von zuvor formulierten Diversitätszielen wieder distanzieren, während Netflix bisher an den etablierten Standards festhält. Die Entwicklung verdeutlicht, dass Repräsentation stets ein dynamisches Spannungsfeld zwischen Marktlogiken, gesellschaftlichem Druck und medialen Rahmenbedingungen bleibt. Sichtbarkeit im Streaming-Angebot bleibt damit abhängig von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Weitere Inhalte

Dr.in Vera Cuntz-Leng ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg und leitende Redakteurin der Zeitschrift „MEDIENwissenschaft“. Sie studierte Film- und Theaterwissenschaft in Mainz, Marburg und Wien und promovierte an der Universität Tübingen. Sie forscht mit besonderem Schwerpunkt auf Fan Studies, Gender und Queer Studies, Genretheorie, Filmästhetik und Fantasy.