Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Geschichte on Demand | Streaming – Medien und Öffentlichkeit im Wandel | bpb.de

Streaming – Medien und Öffentlichkeit im Wandel Was bedeutet Streaming? Mediennutzung und Verständnis TV auf Abruf Flexibel, individuell, überfordert? Vom Bildschirm zum Meme Alle für sich und doch alle zugleich? Streaming-Plattformen: Unterschiede und Dynamiken Der deutsche Video-Streaming-Markt Jung, digital, schwer erreichbar? Streaming im Umbruch Die Darstellung von Macht und Gesellschaft im Streaming-Angebot Politik, Popkultur und Plattformen Vom Widerstand bis zur Utopie Politik im Serienkosmos Das Gesellschaftsbild des Reality-TV Queere Sichtbarkeit in Streaming-Formaten Streaming und politische Bildung: Potenziale und Grenzen Perspektiven für politische Bildung Geschichte on Demand Zwischen Klickzahlen und Kontroversen Quellenverzeichnis Weitere Angebote

Geschichte on Demand Erinnern im Zeitalter von Streaming

Dr. Monika Weiß

/ 12 Minuten zu lesen

Streaming-Plattformen erzählen Geschichte emotional, zugänglich und massenwirksam. Der Beitrag zeigt, wie populäre Formate Erinnerung prägen und welche Chancen wie Grenzen sie für das Verständnis von Geschichte mit sich bringen.

Illustration: www.leitwerk.com (© bpb)

Durch Massenmedien bleiben historische Themen im Gedächtnis der Erinnerungskultur. Kinofilme und Fernsehsendungen erhalten heutzutage eine große Konkurrenz durch Formate, die auf Streaming-Plattformen wie Netflix oder YouTube zum Abruf bereitstehen. Auch wenn sich einerseits die Inszenierungen sowie die öffentlichen Diskussionen um Authentizität, Verzerrung und Banalisierung historischer Themen nicht grundlegend verändert haben, eröffnen sich im Streaming andererseits neue Zugangsweisen und veränderte Darstellungsformen. Was aber bleibt: Geschichtsthemen sind allgegenwärtig in den audiovisuellen Medien und auch die neueren Formen sind für die pädagogische Arbeit durchaus interessant.

Welche Geschichte wird erzählt?

Filme und Serien beeinflussen das öffentliche Geschichtsbewusstsein und sind fest verankerte Instanzen in der Erinnerungskultur der deutschen Bevölkerung, die eben nicht (nur) durch die Geschichtswissenschaft geprägt ist. Die Erinnerungskultur speist sich durch jegliche Form bewussten Erinnerns innerhalb einer sozialen Gruppe, die sich – anders als die Objektivität der Geschichtswissenschaft – mit der Frage: „Was dürfen wir nicht vergessen?“ (Assmann 1997, S. 34) gemeinschaftsstiftend an die Gegenwart richtet. Ein Vergangenheitsbezug verfährt stets selektiv und bedient vorwiegend die Themen, die zum einen für die Gesellschaft von Wichtigkeit zu sein scheinen, zum anderen dem Geschmack der Produzierenden, der Zuschauenden und den Gesetzen des Marktes entsprechen. Nur das, was im Moment von Interesse ist, wird thematisiert. Aber auch umgekehrt: Gemäß der Soziologin Angela Keppler (2001, S. 158) sind es vielfach mediale Ereignisse, die darüber bestimmen, an was sich erinnert und was vergessen wird. Medial aufbereitete Themen haben dadurch eine große Breitenwirkung. Das macht die Medien in der Alltagspraxis zum relevanten Träger der kulturellen Erinnerung. Es geht um das Erleben des Vergangenen, um Unterhaltung, Spannung und Emotion. Im besten Fall bleiben zusätzlich historische Informationen hängen oder das Interesse am gezeigten Thema wird geweckt, sodass nach der Rezeption eines Films oder einer Serie eine ernst zu nehmende bzw. weitere Beschäftigung damit erfolgt.

Das alles, das aus Unterhaltungsperspektive positiv bewertet wird, erklärt gleichzeitig die Abneigung von Historiker*innen gegenüber populären Formen von Geschichtsdarbietungen. Für sie erscheinen diese in der Regel naiv, da sie dem Anspruch von Objektivität und korrekter Rekonstruktion vergangener Ereignisse nicht standhalten. Ein Anspruch, den die meisten Angebote jedoch nicht haben dürften, da Historiker*innen letztlich nicht das Zielpublikum sind. Auch wenn mediale Produktionen auf den Ergebnissen der historischen Forschung aufbauen und damit eine historisch korrekte Grundlage bilden sollten und wollen, entwerfen sie doch eigene, in sich geschlossene narrative Welten, die grundsätzlich keiner historischen Realität entsprechen. Sie verleihen historischen Ereignissen und Epochen vielmehr eine neue Gegenwart im Erlebnisraum der lebensweltlichen Erinnerungskultur, der Public History.

Emotional, immersiv, erinnerungsstark? Streaming als Erinnerungsort

Mit dem Web 2.0 und dem Aufstieg der Streaming-Plattformen hat sich das Feld der audiovisuellen Geschichtsdarstellungen zwar deutlich diversifiziert, doch zugleich greifen viele Angebote weiterhin auf etablierte narrative Muster und Themen des klassischen Film- und Fernsehangebots zurück. Einerseits besteht ein ansehnlicher Teil der Auswahl von Plattformen wie Netflix oder Prime Video aus Einkäufen von Kino- und Fernsehproduktionen, andererseits produzieren sie selbst sehr erfolgreich Filme und Serien mit historischen Themen und Settings. Ein gutes Beispiel ist die Netflix-Produktion „Externer Link: Im Westen nichts Neues“ (2022, Regie: Edward Berger), die mit nur wenigen Wochen Versetzung zunächst in die Kinos kam und dann als Stream angeboten wurde. Bei dem deutschen Kriegsdrama handelt es sich um die dritte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Erich Maria Remarque aus dem Jahr 1929, jedoch um die erste, die ein Streaming-Dienst produzierte. „All Quiet on the Western Front“ unter der Regie von Lewis Milestone wurde 1930 in den USA für das Kino produziert und 1979 entstand ein US-Fernsehfilm gleichen Titels (Regie: Delbert Mann). Die Handlung spielt zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Hauptfiguren sind der junge Soldat Paul Bäumer und seine Freunde, die sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet haben. Erzählt wird von der Brutalität des Krieges, von Euphorie und Desillusionierung der Jugend, von Patriotismus, Sinnlosigkeit und Tod.

Neben vielen weiteren Auszeichnungen wurde der Film im Jahr 2023 für neun Oscars nominiert und gewann diese in vier Kategorien. Gleichzeitig ist er ein prägnantes Beispiel für die angesprochene Kontroverse: So erklärt Sönke Neitzel (2023), Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam, im Interview mit MDR Geschichte: „Wie nah ist der Film an der historischen Realität? Er ist sicherlich mit hohem Aufwand für die Kampfszenen gemacht und dahingehend näher dran als frühere Verfilmungen, weil er die Brutalität des Krieges zeigt. Aber auch da würde ich sagen, arbeitet der Film mehr mit Klischees, als mit dem, was wir als Historiker in mühsamer Forschung eigentlich herausgearbeitet haben.“ Und weiter auf die Frage, was aus seiner Sicht als Historiker weniger gut gelungen sei: „Fangen wir mal damit an, dass der General zwei Stunden vor Kapitulation noch den Gegenangriff befiehlt. Das ist natürlich eine Karikatur. Es ist die Erzählung von der bösen Generalität und den armen Soldaten, die geopfert werden. Das halte ich schlicht für Unsinn. Oder erinnern wir uns weiter an die Szene, als einige Soldaten nicht mehr wollen und dann erschossen werden. Da hat der Regisseur, so glaube ich, den Ersten mit dem Zweiten Weltkrieg verwechselt. […]. Wir Historiker forschen uns müde und arbeiten immer die Komplexität des Geschehens heraus – aber was am Ende bei solchen Filmen herauskommt, ist schwarz-weiß.“

Externer Link: Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) hingegen – die Filmbewertungsstelle der 16 Bundesländer – zeichnete den Film mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ aus und Filmkritiker Thomas Schultze (2022) von „Blickpunkt:Film“ meint: „Ein besonders intensives Seherlebnis ist Edward Bergers Adaption von Remarques ,Im Westen nichts Neues‘ geworden. Oder sollte man schreiben Seh- und Hörerlebnis? Oder am besten gleich ‚ein besonders immersives Filmerlebnis‘? Weil man diesen Kriegsfilm sieht, aber genauso hört und spürt, im Bauch und im ganzen Körper. Weil es unmöglich ist, nicht von diesen gewaltigen und doch so nüchternen Bildern mitten ins Zentrum getroffen zu werden, [die] Krieg im Allgemeinen in all seiner Grausamkeit und Erbärmlichkeit zeigen […].“ Philipp Bühler (2022) hebt auf Externer Link: kinofenster.de hervor, dass der Film als „entschiedener Antikriegsfilm“ angelegt ist, zugleich aber „eine historisch-reflektierende Ebene, die über eine Illustration des Kriegsgrauens hinausgeht“, weitgehend vermeidet (vgl. Bühler 2022).

Klar wird, dass der Film funktioniert, weil er die Emotionen und die Vorstellungen der Zuschauenden bedient. Er macht die Zuschauer*innen betroffen, lässt mitfühlen, gibt die Möglichkeit zur Identifikation. Er entwirft eine in sich geschlossene filmische Welt, die etablierte Deutungsmuster des Ersten Weltkriegs bestätigt, ohne jedoch einem militärhistorischen Anspruch gerecht zu werden. Ohne also historisch korrekt zu sein, erscheint der Film glaubwürdig und authentisch. In der geschichtspädagogischen Arbeit hat „Im Westen nichts Neues“ einen ähnlichen Stand wie andere historische Kinofilme. Das Beispiel zeigt, dass Streaming-Dienste durchaus ernst zu nehmende Akteure geworden sind.

Auf dem Schulportal der Externer Link: Stiftung Lesen sowie auf Externer Link: kinofenster.de der Bundeszentrale für politische Bildung können sich Lehrkräfte sowie Multiplikator*innen beispielsweise Unterrichtsmaterialien und interaktive Lernbausteine herunterladen – etwa auch zum deutschen Kinofilm „Externer Link: Das Tagebuch der Anne Frank“ aus dem Jahr 2016. Die Verfilmung orientiert sich an der erweiterten Tagebuchausgabe von 2001 und legt den Fokus auf Anne als reflektierende, literarisch ambitionierte Jugendliche. Die Inszenierung nutzt dramaturgische Freiheiten, etwa durch Rückblenden und direkte Zuschauer*innen-Ansprachen, um Nähe herzustellen und individuelle Erfahrungen erfahrbar zu machen. Auch wenn ursprünglich für die Kinoleinwand produziert, ist der Film derzeit bei Netflix abrufbar sowie bei Amazon Prime Video und Apple TV ausleihbar.

„Einigkeit und Recht und Vielfalt“ (WDR, 2024): Dokumentation über Vielfalt in der deutschen Fußballnationalmannschaft und Fragen von Zugehörigkeit und Repräsentation. © WDR / Florian Stumpe

Während „Im Westen nichts Neues“ die Erzähltradition europäischer Kriegsfilme fortsetzt, lassen sich auf Streaming-Plattformen auch Angebote finden, die bisher unterrepräsentierte historische Perspektiven sichtbar machen. Beispielhaft lässt sich dies am Programmangebot während des Black History Month ablesen. Produktionen wie „13th“ (USA, 2016), „When They See Us“ (USA, 2019) oder die Doku-Serie „High on the Hog“ (USA, 2021) verdeutlichen, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte durch globale Distributionswege pluraler und vielstimmiger wird. Deutsche Produktionen wie „Interner Link: Schwarze Adler“ (2021, Prime Video), „Externer Link: Afro.Deutschland“ (Deutsche Welle, 2017) oder die ARD-Dokumentation „Externer Link: Einigkeit und Recht und Vielfalt“ (2024) markieren erste Schritte in diese Richtung.

Geschichtsstunde im Binge-Modus – Serielle Formate und ihr Einfluss

„The Crown“ (Netflix, 2016 – 2023): Serie über das Leben von Königin Elisabeth II. und die politischen wie persönlichen Spannungen im britischen Königshaus. © Alex Bailey / Netflix

Die dominante Form des Streamings ist die Serie. Auch hier sind Themen, Dramaturgien und ästhetische Gestaltung kaum zu unterscheiden von klassischen Fernsehserien, die stets im Hinblick auf Fortsetzung, segmentierte Ausstrahlung und Rezeption in Häppchen konzipiert sind. Cliffhanger, hierbei wird ein Handlungsstrang am Höhepunkt der Spannung – meist am Ende einer Episode – unterbrochen und zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt, bauen Spannung zwischen den Erzählsträngen und Episoden auf und halten so das Interesse der Zuschauer*innen hoch. Der Unterschied zum Streaming liegt in der veränderten Ausstrahlungslogik und damit in der neuen Zugriffsmöglichkeit. Anders als beim Fernsehen sind Serien auf Streaming-Plattformen keiner Programmstruktur unterworfen, sondern Teil eines rund um die Uhr abrufbaren Angebots – einen Einblick in die fünf Finanzierungs- bzw. Geschäftsmodelle des Video-Streamings gibt Sven Stollfuß in seinem Artikel „Interner Link: Der deutsche Video-Streaming-Markt – ein Überblick“. Häufig werden sie auch nicht mehr in einem täglichen oder wöchentlichen Rhythmus veröffentlicht, sondern en bloc in Staffeln. So müssen die Zuschauenden nicht mehr auf die nächste Episode warten, sondern können mehrere Folgen am Stück oder gar komplette Staffeln auf einmal und ohne Unterbrechung – sogenanntes Binge-Watching – rezipieren, ganz nach eigenem Wunsch und zeitlichen Möglichkeiten. Dieser Rezeptionsmodus wurde von Plattformen wie Netflix lange Zeit geradezu propagiert, vielleicht um sich von der segmentierten Programmform des Fernsehens zu distanzieren. Inzwischen lässt sich zwar eine partielle Rückkehr zum episodischen Veröffentlichungsrhythmus beobachten, insbesondere bei hochwertigen Eigenproduktionen oder Event-Serien, bei denen Spannung, Diskurs und Publikumsbindung über längere Zeiträume aufrechterhalten werden sollen. Gleichwohl prägt das Prinzip des Binge-Watching weiterhin die Wahrnehmung und Erwartungshaltung gegenüber seriellen Erzählformen: Es ermöglicht ein intensiveres Eintauchen in die fiktionale Welt, da keine fremdbestimmte Unterbrechung zu Zwangspausen in der Rezeption führt. Und die im Vergleich zu einem Film längere Erzählzeit einer Serie kann so zu einem detailreicheren Eintauchen in die historische Zeit und zu einer tiefergehenden Figurenzeichnung führen und dadurch zu einer stärkeren emotionalen Verbundenheit.

Für die reine Vermittlung von ereignisgeschichtlichen Aspekten und Fakten dürfte sich das Ansehen entsprechender Serien in der pädagogischen Praxis nicht eignen, denn die nötige Faktentreue und Objektivität können Serien wie „The Crown“ (2016–2023, Netflix), Charité (DasErste 2017-2024), „Die Kaiserin“ (seit 2022, Netflix) oder Sisi (seit 2021, RTL+) nicht bieten und die historische Genauigkeit muss an vielen Stellen der Dramaturgie und Unterhaltung weichen. Dabei geht es nicht nur um inhaltliche Abweichungen von historischen Quellen, sondern auch um den Anschein historischer Authentizität. Durch Dramaturgie, Figurenzeichnung, Kameraführung oder auch detailreiches, aufwendig gestaltetes Setdesign entsteht eine Ästhetik des Authentischen, die historische Distanz verringert und Fiktion als Wirklichkeit erscheinen lassen kann. Dieses Prinzip findet sich nicht nur in fiktionalen, sondern auch in dokumentarischen Formaten – etwa in Hitler and the Nazis: Evil on Trial (2024, Netflix). Hier ist besonders interessant, wie filmsprachliche Mittel der Spannung wie zum Beispiel Musikauswahl, Sounddesign und Montage eingesetzt werden, was bereits im Trailer deutlich wird.

„Die Kaiserin“ (Netflix, 2022): Serie über die junge Elisabeth von Österreich und ihre Suche nach Selbstbestimmung im höfischen Machtgefüge. © Netflix

Eine Auseinandersetzung mit medialen Repräsentationen und deren Vergleich mit klassischen Bildungsmaterialien wie Schulbüchern oder Arbeitsheften ist hingegen möglich und didaktisch sinnvoll. So lässt sich die Konstruiertheit von historischen Erzählungen ebenso herausarbeiten wie Fragen nach Betrachtungsperspektiven, kritischem Medienumgang sowie der Auswahl oder Anordnung der historischen Ereignisse und Aufnahmen (vgl. hierzu auch den Aufsatz von Wehen-Peters 2022, S. 19–25). Dies fördert ein Bewusstsein für die medial bedingte Perspektivität historischer Darstellungen und stärkt die Fähigkeit zum kritischen Umgang mit audiovisuellen Quellen. In aktuellen Lehrplänen ist der reflektierte Umgang mit digitalen und audiovisuellen Quellen zwar zunehmend curricular verankert, in der schulischen Praxis und der Lehrkräftebildung zeigt sich jedoch noch erhebliches Potenzial, diese Ansätze systematischer zu verankern und umzusetzen (vgl. Schreiber & Körber 2020, S. 33; Popp 2023, S. 67).

YouTube & Erklärvideos – Geschichtswissen im Kurzformat

Thumbnails bzw. verkleinerte Vorschaubilder der YouTube-Kanäle MrWissen2go und MrWissen2go Geschichte | Terra X

Neben dem Film- und Serienangebot bei Video-on-Demand-Anbietern bieten auch Plattformen wie YouTube und zunehmend TikTok neue Orte der Geschichtsvermittlung, in denen vergangenheitsbezogene Inhalte verdichtet, emotionalisiert und auf spezifische Zielgruppen zugeschnitten inszeniert werden. Während Interner Link: TikTok dabei vor allem auf Kurzformate und subjektive Erzählweisen setzt, hat sich auf YouTube in den vergangenen Jahren insbesondere eine Form durchgesetzt: das kurze Erklärvideo. Ein bekannter und ebenso erfolgreicher Kanal ist MrWissen2go mit dem Ableger MrWissen2go Geschichte | Terra X. Journalist Mirko Drotschmann ist Betreiber der Kanäle. Als Erklärer vor der Kamera bringt er den Rezipierenden regelmäßig aktuelle politische, gesellschaftliche und historische Themen näher. MrWissen2go hat aktuell 2,3 Millionen Abonnierende und MrWissen2go Geschichte | Terra X 1,4 Millionen (Stand: April 2025).

Anders als fiktionale oder dokumentarische Serien kommen faktenbasierte und redaktionell aufwendig recherchierte aufbereitete Erklärvideos einer schulischen Themenvermittlung deutlich näher. Die Inhalte basieren auf anerkannten wissenschaftlichen Quellen, die für ein leichteres Verständnis und eine unterhaltende Vermittlung aufbereitet und verdichtet werden. Als Frontalvortrag mit direkter Ansprache der Zuschauenden erklärt eine Person die Sachverhalte, gegebenenfalls mit musikalischer Untermalung und zusätzlicher Einblendung von Bildmaterial. Die Videos sind kurz und dadurch schnell geschaut. Erklärvideos haben in der Regel eine Länge von acht bis fünfzehn Minuten. Durch diese Art der Präsentation verlieren sich zwar eine multiperspektive Betrachtung sowie die Komplexität der historischen Ereignisse, dennoch erhalten Betrachtende einen grundlegenden und dabei unterhaltenden Zugang zu den historischen Themen (zur Kritik an der verkürzten und einseitigen Geschichtsvermittlung in Erklär- und Lernvideos sowie zum geschichtsdidaktischen Umgang vgl. Hartung 2020, S. 99–116).

Etwa im Erklärvideo von MrWissen2go Geschichte | Terra X „Externer Link: Stauffenberg-Attentat auf Hitler: Scheitern und Folgen des 20. Juli 1944“, veröffentlicht auf YouTube im Juli 2024, werden Präsentationsform und thematische Nähe zu schulischen Themen ebenso deutlich wie die selektive und an Aktualität gebundene Themenwahl aus dem großen Feld der Geschichte.

Auch hier ist es wichtig, die Zielgruppe im Blick zu haben, die sich grundsätzlich nicht aus Geschichtswissenschaftler*innen und bereits umfassend informierten oder auch geschichtsinteressierten Menschen zusammensetzt. Vielmehr stellen Schüler*innen und junge Erwachsene die adressierte Zielgruppe dar, die sich erst anfänglich mit den präsentierten Themen befassen oder durch die Schule mehr oder weniger dazu angehalten sind. So ist ein zentrales Ergebnis der Studie „Jugend / YouTube / Kulturelle Bildung. Horizont 2019“, dass etwa die Hälfte der 12- bis 19-jährigen Schüler*innen YouTube-Videos für ihre schulischen Belange wichtig bis sehr wichtig finden (vgl. Rat für kulturelle Bildung 2019). Diese Erkenntnis bestätigen die aktuellen Daten einerseits der JIM-Studie 2024 und andererseits der Umfrage von Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom aus diesem Jahr: 48 Prozent der Jugendlichen nutzen YouTube täglich, die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer liegt bei 87 Minuten.

Besonders stark vertreten ist die Plattform bei Jungen und bei 14- bis 15-Jährigen – also genau in jener Altersgruppe, in der schulische Anforderungen, mediale Orientierung und informelles Lernen häufig zusammenfallen (vgl. mpfs 2024, S. 41). Gemäß der Studie des Digitalverbandes Bitkom finden über 60 % der Schüler*innen zwischen 14 und 19 Jahren, YouTube-Erklärvideos könnten „Sachverhalte und schulische Fragen besser erklären als ihre Lehrkräfte“ (Bitcom 2025). 34 % der Befragten gaben sogar an, ohne sie Prüfungen nicht zu bestehen. Erklärvideos werden genutzt zur Wiederholung von Themen, die im Unterricht nicht richtig verstanden wurden, für Hausaufgaben, zur Referats- und Klausurvorbereitung sowie zum Lernen für Prüfungen. Das zeigt, welche Bedeutung Erklärvideos für den Bildungsbereich haben und wie stark sie sich vor allem auf die Lernsituation von Schüler*innen auswirken.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Erklärvideos im naturwissenschaftlichen Unterricht zu höherem Lernzuwachs führen können als schriftbasierte Materialien. In einer Untersuchung mit 102 Schüler*innen der Sekundarstufe I erzielten jene bessere Ergebnisse, die mit einem Video lernten – unabhängig davon, ob dieses vorgegeben war oder frei auf YouTube gewählt wurde (vgl. Vonschallen et al. 2024).

Dieses Potenzial lässt sich auch für geisteswissenschaftliche Fächer wie zum Beispiel Geschichte reflektieren: Audiovisuelle Formate können weniger präzises Faktenwissen vermitteln, aber zur Strukturierung komplexer Zusammenhänge beitragen und – bei gezielter pädagogischer Rahmung – Anlass geben, Darstellungsformen, Perspektiven und narrative Konstruktionen historischer Inhalte kritisch zu hinterfragen. Zugleich muss berücksichtigt werden, dass nicht alle Erklärvideos wissenschaftlichen Standards folgen. Neben notwendigen Vereinfachungen zur Verständlichkeit finden sich auch Verzerrungen, Auslassungen oder intentional einseitige Deutungen historischer Ereignisse, die emotionale oder politische Wirkungen erzielen sollen.

Die pädagogische Herausforderung besteht daher darin, diese Formen zu erkennen und im Unterricht zu reflektieren, um Medienkompetenz und historisches Urteilsvermögen gleichermaßen zu fördern. Studien weisen dabei darauf hin, dass Nutzung und Bewertung solcher Angebote deutlich nach Alter, Geschlecht und schulischem Kontext variieren: Jüngere Schüler*innen greifen häufiger auf Erklärvideos zur Unterstützung konkreter Lernaufgaben zurück, während ältere Jugendliche und junge Erwachsene sie eher zur eigenständigen Vertiefung oder Wiederholung nutzen (vgl. mpfs 2024; Bitkom 2025). Diese Unterschiede verdeutlichen, dass medienpädagogische Ansätze an Vorwissen, Lerngewohnheiten und Motivation der jeweiligen Zielgruppen angepasst werden sollten.YouTube ist letztlich kein ausgesprochenes Bildungsmedium, wird aber in vielen Fällen zur modernen – und vor allem kostengünstigen – Form der Nachhilfe oder als zeitgemäße Fortsetzung des traditionellen Bildungsfernsehens gesehen (vertiefend nachzulesen bei Arendes 2019, S. 27–60).

In diesem Rahmen ist eine authentische, vertrauensvolle Lernbegleitung auf Augenhöhe möglich. Das Potenzial erkennen längst auch Lehrkräfte und Schulen: Erklärvideos finden Eingang in den Unterricht oder dienen als Vorlage für eigene Präsentationsformen. Geschichtsvideos auf YouTube haben sich durchaus im weiten Feld der Public History etabliert – als niedrigschwellige, massenmediale Erinnerungsform zwischen Alltagswissen, didaktischem Impuls und öffentlicher Auseinandersetzung mit Geschichte.

Weitere Inhalte

Dr. Monika Weiß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Sie forscht an der Schnittstelle von Medienkonvergenz, Mediengeschichte und Medienanalyse mit einem Fokus auf Fernsehen, Videoplattformen und Streaming-Dienste, wobei sie sich besonders mit Themen wie audiovisuelle Wissensvermittlung, Kindermedien und Erinnerungskultur beschäftigt. Darüber hinaus schreibt Monika Weiß für den Blog Fernsehmomente der AG Fernsehen (Gesellschaft für Medienwissenschaft e. V.).