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Stop-Zemlia — Filmbesprechung

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Stop-Zemlia — Filmbesprechung

Hanna Schneider

/ 4 Minuten zu lesen

Masha steht kurz vor dem Schulabschluss, wie es danach weitergeht, ist noch unklar. Kateryna Gornostais Film ist ein filmisches Mosaik über diesen Schwebezustand, inszeniert in träumerischen Szenen.

Die jugendliche Masha steht kurz vor dem Schulabschluss. Was sie nach der Schule machen will, ist unklar. Szenenbild aus dem Film „Stop-Zemlia“ von Kateryna Gornostai (© Pluto Film)

Regie: Kateryna Gornostai
Ukraine 2021
Spielfilm

Altersempfehlung: ab 14 Jahren, ab Klasse 9

Mit geschlossenen Augen tastet Masha nach den anderen Jugendlichen, die auf einem Spielplatz vor ihr zurückweichen. Besondere Vorsicht ist geboten, damit das Bier auf dem Boden dabei nicht umkippt. Ihre Klasse spielt "Stop-Zemlia", "Stopp die Welt". Die jugendliche Ukrainerin steht kurz vor ihrem Schulabschluss und bewegt sich in dem verwirrenden Stadium zwischen Kindheit und Erwachsensein. Was sie nach der Schule machen will, ist unklar. Studieren wahrscheinlich, wenn sie denn an der Uni angenommen wird. Auch ihre Mitschüler:innen sind sich noch nicht sicher. Vielleicht Basketballspielen. Oder erst mal feiern. Die Zukunft scheint unendlich weit weg und ist gleichzeitig allgegenwärtig. Diesen Schwebezustand navigiert die introvertierte Masha gemeinsam mit Yana und Senia, ihren engsten Vertrauten. Die drei bleiben oft abseits der Klassen-Clique für sich und sind unzertrennlich, auch wenn eine unausgesprochene Spannung in der Luft liegt: Senia hat Gefühle für Masha, doch diese ist in ihren unnahbaren Mitschüler Sasha verliebt.

Ein dokumentarisch geprägter Spielfilm

In dem berührenden Externer Link: Coming-of-Age-Film "Stop-Zemlia" erzählt die ukrainische Regisseurin Kateryna Gornostai sensibel und authentisch vom Taumel des Erwachsenwerdens zwischen Ekstase und Verzweiflung. Ursprünglich kommt Gornostai vom Dokumentarfilm und auch ihr Langspielfilmdebüt trägt dokumentarische Züge. In einem aufwändigen Castingprozess wurden 25 Jugendliche ausgewählt, alle ohne vorherige Schauspielerfahrung. Zur Vorbereitung organisierte das Filmteam einen mehrwöchigen Workshop, in dem die Jugendlichen lernten, sich vor der Kamera zu bewegen und Stimmtraining erhielten, vor allem aber Zeit hatten, einander kennenzulernen und eine Verbindung aufzubauen. Im Anschluss wurden die Figuren des Films entwickelt, basierend auf den Persönlichkeiten der Darsteller:innen und oft in Zusammenarbeit mit ihnen. Beim Dreh nach einem losen Skript mit viel Raum zur Improvisation konnten sie so aus ihrer eigenen Erfahrungswelt schöpfen, um ihre Charaktere zum Leben zu erwecken.

Eintauchen in die authentische Gefühlswelt Heranwachsender

Zwischen den Spielszenen sind Interviews eingeflochten, in denen die Darsteller:innen durch das Prisma ihrer Figuren befragt werden, also in ihrer Rolle bleiben, aber dennoch spontan aus sich heraus antworten. Hier verschwimmt die Trennlinie zwischen Realität und Erzählung. Diese regelmäßige Unterbrechung der Handlung fügt sich fließend in die episodische Struktur der Geschichte ein. Sie fokussiert zwar auf Masha als Hauptfigur, mit deren Bild der Film beginnt und endet, doch erzählt sie in einem weiteren Hauptstrang auch von Sasha und gibt den anderen Figuren ihre eigenen, teils sehr fragmentarischen Momente. Hier franst das filmische Mosaik zuweilen etwas aus und verliert sich in seiner weitgehend gelungenen Vielstimmigkeit. Dennoch bleibt der Blick auf die Teenager überzeugend, wird das Publikum in ihre Welt hineingezogen und erlebt ihre Gefühle und ihren Alltag unmittelbar, wenn auch fast beiläufig mit. Dieser immersive Eindruck entsteht nicht zuletzt durch die Sehnsucht, die aus den mal realistischen, mal Externer Link: warm-weichgezeichneten Bildern sickert. Die Externer Link: Handkamera fängt die fast unwirklich schönen Menschen in oft intimer Nähe ein. Begleitet werden diese mitunter träumerischen Szenen punktuell von unaufdringlicher Externer Link: elektronischer Musik.

Die Kamera fängt die träumerischen Szenen oft in intimer Nähe ein. Szenenbild aus dem Film "Stop-Zemlia" von Kateryna Gornostai (© Pluto Film)

Universelle Coming-of-Age-Story mit politischen Anklängen

Die Inszenierung beschwört eine leichte Wehmut, die charakteristisch ist für Coming-of-Age-Geschichten. Trotz seiner strukturellen Eigenheiten zeigt der Film auch typische Situationen dieses Externer Link: Genres: Langeweile in Schulstunden, heimliche Raucherpausen hinter der Sporthalle, Partys, auf denen zu viel getrunken wird. Auch die Einblicke in die Gefühlswelt der Figuren erscheinen universell: erste Liebe, sexuelle Fluidität und Genderidentität, Schwierigkeiten mit den Eltern, Einsamkeit, Depression und andere psychische Probleme, Zukunftsängste. Das Smartphone dabei immer in der Hand, das Digitale ein selbstverständlicher Teil ihres Daseins. Diese Teenager könnten überall erwachsen werden – würde ihnen nicht in der Schule beigebracht, Gewehre auseinanderzunehmen und zu schießen. Senia erlebt in dieser Schulstunde überraschend überwältigende Emotionen. Als Junge hat er den Krieg miterlebt, wahrscheinlich die Annexion der Krim. Ein filmischer Verweis auf die Bedrohung des friedlichen Lebens in der Ukraine durch Russland, als der 2022 gestartete Angriffskrieg noch in der Zukunft lag.

"If you don´t dare, you will never know"

Zentrum der Erzählung bleibt jedoch die private Welt der Jugendlichen und speziell Masha in ihrer zögernden, ängstlichen Suche nach einem Weg aus der Passivität des Wartens auf eine ungewisse Zukunft. In traumähnlichen, subjektiven Einstellungen gibt der Film Einblicke in ihre Wünsche und die Entwicklung ihrer eigenen Stärke. Am Ende hat sie eines verstanden: Sie muss ihre verharrende Position aufgeben, ihre Angst überwinden und im Jetzt handeln, um den kommenden Möglichkeiten selbstbewusst entgegentreten zu können, auch wenn die Dinge nicht immer ausgehen, wie sie es sich erhofft hatte. Damit zeigt der Film auch eine Perspektive auf das Leben, die auch nach der Jugendzeit noch ihre Bedeutung hat.

Verfügbarkeit: ab 9. Februar 2023 im Kino

Filminformationen

  • Originaltitel: Стоп-Земля

  • Land: Ukraine

  • Jahr: 2021

  • Genre: Coming-Of-Age, Drama

  • Sprache: Ukrainisch

  • Regie und Drehbuch: Kateryna Gornostai

  • Kamera: Oleksandr Roshchyn

  • Montage: Nikon Romanchenko, Kateryna Gornostai

  • Ton: Mykhailo Zakutskyi, Oleg Goloveshkin

  • Produktion: Vitalii Sheremetiev, Viktoriia Khomenko, Natalia Libet, Olga Beskhmelnytsina

  • Cast: Maria Fedorchenko, Arsenii Markov, Yana Isaienko, Oleksandr Ivanov u.a.

  • Preise: Berlinale 2021: Gläserner Bär der Jugendjury 14plus für den Besten Film; Fünf Seen Filmfestival 2021: Hauptpreis Bester Spielfilm aus Mitteleuropa, Odesa International Film Festival 2021: Großer Preis Bester Ukrainischer Spielfilm und Bestes Schauspiel

  • Länge: 122 Minuten

Mehr Informationen zum Film:

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Hanna Schneider ist Literatur- und Filmwissenschaftlerin. Seit 2013 ist sie Projektkoordinatorin der SchulKinoWoche Hamburg. Zudem arbeitet sie beim Kurzfilm Festival Hamburg, aktuell als Sichtungsleitung Deutscher Wettbewerb. Des Weiteren gibt sie Fortbildungen zum Thema Film, ist als Filmvermittlerin für Kinder und Jugendliche tätig und schreibt pädagogische Filmtipps und Kritiken.