Turnschuhe

30.11.2007

Info 01.01 Wie im richtigen Leben?!

Die Durchführung, die Auswertung sowie die Wirkung der Rollenkarten-Methode für M 01.01 wird hier ausführlich erläutert.

Diese Methode eignet sich besonders für den Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema der Reihe. In der Übung machen die Jugendlichen Erfahrungen, die mit dem Leben als Migrantin oder Migrant in Verbindung stehen und die sie unabhängig von der eigenen Herkunft nachvollziehen können. Sie regt dazu an, sich in die Rolle von weniger gut in die Gesellschaft integrierten Menschen hineinzuversetzen und darüber nachzudenken, welche Gefühle mit Ausgrenzung verbunden sind und welche Folgewirkungen entstehen können. Es wird deutlich, dass manche Menschen nur begrenzten Einfluss auf ihre Lebenssituation haben und dass Vergesellschaftung (Dazugehören – Nichtdazugehören) viel mit Etikettierung zu tun hat.

Die Übung ermöglicht es, realitätsnah zu vermitteln, in welchem Maße Diskriminierung die Entfaltungsmöglichkeiten von Menschen eingrenzen kann. So entsteht ein detailliertes Bild von Strategien der Unterscheidung (nach Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Aussehen, Alter, Gesundheit, Behinderung, Ausbildungsniveau usw.), das den Einstieg in eine Diskussion über strukturelle Faktoren von Ausgrenzung bzw. Integration erleichtert.

Wenn es in der Klasse Flüchtlinge, Kinder von Arbeitslosen, Behinderte etc. gibt, kann das eine besondere Ressource für die Auswertung sein, beinhaltet aber auch die Gefahr, dass sich Schülerinnen und Schüler von auf das Spiel bezogenen Aussagen persönlich getroffen fühlen. Hier muss man klären, ob ein besonderer Schutz für die Betreffenden nötig ist oder ob die Jugendlichen aus ihrer persönlichen Perspektive etwas beitragen möchten. Auf keinen Fall dürfen Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die Aufforderung, Persönliches aus ihrem Leben beizusteuern, vor der Gruppe bloßgestellt werden

Material und Voraussetzungen

Für jeden Teilnehmer eine Karte mit einer Rolle (siehe M 01.01); mindestens 30 Quadratmeter freie Fläche. Die Gruppe sollte mindestens acht, höchstens 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern umfassen; größere Gruppen sollten evtl. geteilt werden.

Ablauf

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellen sich an der schmalen Seite des Raums in einer Reihe auf. Jeder Teilnehmer erhält eine Karte, auf der eine Rolle notiert ist, in die er sich im Folgenden hineindenken soll. Diese darf er oder sie bis zur Auswertung niemandem mitteilen. Einige Beispiele für Rollenbilder:
  • ein 18-jähriger marokkanischer Hilfsarbeiter mit Hauptschulabschluss;
  • eine 35-jährige ledige deutsche Krankenschwester;
  • eine 28-jährige blinde Frau, die in einem Call-Center als Telefonistin arbeitet;
  • ein 30-jähriger verheirateter deutscher Facharbeiter;
  • eine 40-jährige Ärztin russischer Abstammung
(Diese und weitere Rollenkarten finden Sie in M 01.01.)

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer denken sich kurz in ihre Rolle hinein. Dann wird erläutert, worum es gehen soll:
"Wir machen jetzt eine Übung, bei der es wie im richtigen Leben zugeht: Jeder hat das Bedürfnis, in seinem Leben etwas zu erreichen, der eine kommt weiter, die andere bleibt zurück. Ich werde jetzt eine Reihe von Fragen stellen. Überlegt bitte jeweils, ob ihr sie - in eurer Rolle! - mit "Ja" beantworten könnt. Wenn das so ist, geht ihr einen Schritt vorwärts. Wenn eure Antwort "Nein" lautet, bleibt bei dieser Frage einfach stehen. Es geht nicht darum, ob ihr die Fragen richtig beantwortet; entscheidet so, wie ihr es einschätzt und für realistisch haltet."

Dann werden folgende Fragen gestellt:
  • "Kannst du (in deiner Rolle) ohne Probleme in jede Disco reinkommen?"
  • "Kannst du bei der Bank einen Kredit für den Kauf eines neuen Autos bekommen?"
  • "Kannst du beim Versuch, einen Diebstahl anzuzeigen, faire Behandlung durch die Polizei erwarten?"
  • "Kannst du dich auf eine offiziell ausgeschriebene Stelle bewerben, für die du die passende Ausbildung hast - mit der Chance, eingestellt zu werden?
  • "Kannst du planen zu heiraten und Kinder zu bekommen??"
  • "Kannst du eine Behandlung beim Zahnarzt bekommen, wenn du sie brauchst?"
  • "Kannst du dich nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße sicher fühlen?"
  • "Kannst du bei Problemen Unterstützung von deiner Familie (Eltern/Geschwister) erwarten?"
  • "Kannst du Jahre im Voraus planen?"
  • "Kannst du ohne Probleme mit der Person zusammen sein, in die du dich verliebt hast?"
  • "Kannst du im Tennisclub in deiner Stadt Mitglied werden?"
  • "Kannst du bei der nächsten Wahl des Stadtrates wählen gehen?"
  • "Kannst du deinen Vermieter um Hilfe bitten, wenn deine Nachbarn nachts ständig Lärm machen?"
  • "Kannst du wohnen, wo du möchtest?"
Nach der letzten Frage bleiben alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihrer Rolle und an ihrem Platz, wo sie vom Moderator interviewt werden (evtl. die Szene per (Handy-)Kamera im Bild festhalten). Fragen können sein:
  • "Wer sind Sie?"
  • "Wie geht es Ihnen, wie fühlen Sie sich hier an diesem Platz in der Gesellschaft?"
  • "Hat eine Frage besondere Empfindungen in Ihnen ausgelöst?"
  • "Fühlt es sich gut an, weit vorne zu stehen?"
  • "Wie fühlt man sich, wenn man offensichtlich weit zurückbleibt?"
  • "Bei welchen Fragen sind Sie nicht vorangekommen?"
  • "Welche Fragen waren schwer zu beantworten?"
In dieser Phase ist das Zuhören von Seiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wichtig; sie sollte deshalb nur so lang sein, wie es die Konzentrationsfähigkeit der Jugendlichen erlaubt. Es ist in der Regel nicht möglich, jedem Teilnehmer mehrere Fragen zu stellen. Ein kurzes, schnelles "Ausschütteln" im Anschluss soll Gelegenheit geben, wieder aus den Rollen herauszufinden. Nun folgt, im Kreis sitzend, die Auswertung

Auswertung
Zur Auswertung werden folgende Fragen diskutiert:
  • "Wie ist es euch in eurer Rolle ergangen?"
  • "Was habt ihr Neues erfahren? Was hat euch überrascht?"
  • "Denkt ihr, dass es im richtigen Leben auch so zugeht? War die Übung realistisch?"
  • "Was hat euch in der Rolle gefehlt, um weiter zu kommen?"
  • "Ist euch aufgefallen, wer weiter kommt und wer nicht? Kann man da etwas verallgemeinern?"
  • "Woran machen sich die besseren oder schlechteren Chancen im Leben fest (an Geld, Pass, Hautfarbe, Geschlecht oder anderen Faktoren)?"
Gute Erfahrungen
Bei dieser Übung wird die Wirkung sozialer Unterschiede und struktureller Benachteiligung ansatzweise anschaulich. Während der Auswertung entsteht häufig eine nachdenkliche Stimmung, vor allem wenn viele Jugendliche zunächst die Überzeugung vertreten haben, dass jeder alles schaffen kann, wenn er sich anstrengt. Häufig wird eine sehr differenzierte Situation wahrgenommen: Nicht alle Nicht-Deutschen sind in gleichem Maße benachteiligt. Nicht alle Deutschen sind in gleichem Maße privilegiert.

Der Vergleich zwischen der gespielten Rolle und der eigenen Situation bringt Jugendliche immer wieder dazu, auch von ihren Gefühlen und Erfahrungen zu berichten, besonders dann, wenn jemand, der sich selbst nicht als diskriminiert erlebt, plötzlich eine benachteiligte Rolle einnimmt, aber auch im umgekehrten Fall.

Achtung!
Durch die plakative Kennzeichnung der Rollen können leicht Stereotype reproduziert werden. Wenn das geschieht, muss es in der Auswertung angesprochen werden. Um zu verhindern, dass während der Übung Diskussionen aufkommen (zum Beispiel darüber, unter welchen Umständen man einen Bankkredit erhält), sollte mehrfach betont werden, dass es um subjektive Einschätzungen geht. Offen bleibende Fragen können im Anschluss geklärt werden.

Oft zeigen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer große Unsicherheit, wie sie sich zu der einen oder andere Frage positionieren sollen. Das spiegelt durchaus ein Stück Realität wider: Die betreffenden Personen sind sich ihrer Rechte oftmals nicht bewusst. Eine ausführliche Auswertung ermöglicht, sich eingehender mit Fragen auseinander zu setzen, auf die man während der Übung zunächst noch keine eindeutige Antwort gefunden hat.


Methode nach: Jugendbegegnungsstätte Anne Frank (Hrsg.): Zeitzeugengespräche mit Migrantinnen und Migranten. "Interessante Erwachsene" im interkulturellen Unterricht und in der Jugendbildungsarbeit, Frankfurt am Main 2006, S. 82-86.)