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Migration und Integration

Susann Gessner

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Wo kommen wir her, wer sind wir? Welchen Rucksack tragen wir oder welcher wird uns von anderen auf den Rücken gepackt? Menschen wandern über Ländergrenzen und innerhalb von Ländern, treffen auf andere Gewohnheiten und Arten Politik zu machen. Welche Bedeutung haben Kultur, Ethnie oder Herkunft? Fremdheit ist Thema von Politik. Wie sieht politische Bildung in einer bewegten Gesellschaft aus?

Wäre Deutschland ohne Sportler mit Migrationshintergrund Fußball-Weltmeister 2014 geworden? Hier die WM-Finalisten 2014. (© dpa/Marcelo Sayao)

Als Reaktion auf die Einwanderung von Gastarbeiter(inne)n nach Deutschland entstand in den 1970er-Jahren die sogenannte Ausländerpädagogik, die vor allem die vermeintlichen (sprachlichen) Defizite von Migrantinnen und Migranten in den Blick nahm. Ziel war es, die Gastarbeiter/-innen und vor allem ihre Kinder dabei zu unterstützen, sich besser in das neue soziale Umfeld zu integrieren. Zugleich wurde an Schulen aber auch muttersprachlicher Unterricht eingeführt, um die Verbindung der Kinder zu Sprache und Kultur ihrer Herkunftsländer zu erhalten. Dies sollte die Rückkehr der Menschen in ihre Länder erleichtern, eine Rückkehr, die letztlich weit seltener stattfand, als man erwartet und erhofft hatte. Vielmehr blieben die Zuwanderer dauerhaft. Im Jahr 2010 lebten in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bereits rund 16 Millionen Menschen, die entweder seit 1950 selbst nach Deutschland eingewandert waren oder die Nachkommen von Einwanderern sind (rund 19 Prozent der Gesamtbevölkerung).

Von der Ausländerpädagogik zum interkulturellen Lernen

Vor diesem Hintergrund und aus grundsätzlicher Kritik an der Defizitorientierung der Ausländerpädagogik wurde in den 1980er-Jahren der Begriff "interkulturell" in die Diskussion eingeführt. Es sollte nun nicht mehr darum gehen, Defizite zu beheben, sondern gegebene kulturelle und ethnische Unterschiede anzuerkennen. Es entstanden Ansätze zum interkulturellen Lernen, in denen die verschiedenen Kulturen der Lernenden zum Thema gemacht werden. Ausgangspunkt ist eine Sichtweise, nach der sich Minderheiten- und Einwandererkulturen zwar von der Mehrheitskultur unterscheiden, aber als gleichwertig anerkannt werden. Alle Mitglieder einer multiethnischen Gesellschaft sollen demnach gleichermaßen lernen, Wege zur Verständigung zwischen den Kulturen zu gehen. Damit wird die kulturelle Eingebundenheit von Menschen nicht mehr als Problem, sondern als positive Ressource betrachtet (vgl. Nohl 2010).

In der politischen Bildungsarbeit gilt interkulturelles Lernen als ein sogenanntes didaktisches Prinzip, dem entsprechende Angebote folgen sollen, um in globalisierten und multikulturellen Gesellschaften zur gesellschaftlichen Integration beizutragen. Interkulturelles politisches Lernen nimmt dabei nicht nur die Politik in den Blick, sondern berücksichtigt auch Ökonomie und Gesellschaft. Durch die Verbindung der drei Bereiche soll die Entwicklung gesellschaftlicher und sozialer Handlungskompetenz besser gefördert werden. Dabei geht es nicht darum, eine Stoffliste beispielsweise zu den Themen Einwanderungsgesellschaft, Globalität oder Europa abzuarbeiten. Vielmehr soll das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in Bezug auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Lebensweise, Interessen, Macht, Soziallagen und Erfahrungen thematisiert werden. Methoden und Lernformen interkulturellen Lernens haben zum Ziel, den Dialog zu unterstützen, Selbsttätigkeit, Kommunikation und Kooperation zu fördern und das Politische in seinen Vernetzungen mit sozialen und ökonomischen Kontexten offensichtlich zu machen (vgl. Holzbrecher 2005; Rinke 2000).

Prävention und antirassistische Bildungsarbeit

Seit Beginn der 1990er-Jahre und dem Auftreten massiver fremdenfeindlicher Ausschreitungen wird die Prävention gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verstärkt zum Thema politischer Bildung. Das begegnungs- und verständigungsorientierte interkulturelle Lernen gerät zunehmend vonseiten einer neuen antirassistischen Bildungsarbeit in die Kritik, weil es gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse nicht in den Blick nehme. Vielmehr – so die Kritik – würden die "interkulturellen" Kategorien wie Ethnie und Kultur dazu genutzt, um Gruppen abzuwerten. Antirassistische Bildung geht davon aus, dass interkulturelle Konflikte sich nicht nur auf der zwischenmenschlichen Ebene des (Miss-)Verstehens bewegen, sondern im Rahmen von gesellschaftlichen Strukturen und Herrschaftsverhältnissen entstehen und bearbeitet werden müssen. Im Zentrum antirassistischer Bildungsarbeit stehen soziale und rechtliche Benachteiligung sowie die Diskriminierung von Migrantinnen und Migranten. Ziel antirassistischer Bildung ist es, Menschen dazu zu befähigen, sich kritisch mit gesellschaftlichen und strukturellen Bedingungen auseinanderzusetzen. Es geht also nicht nur darum, individuelle Einstellungen und Vorurteile zu korrigieren. Vielmehr müssen die historischen Entwicklungen, rechtliche Rahmenbedingungen und Strukturen sozialer Ungleichheit in der Einwanderungsgesellschaft berücksichtigt werden (vgl. Ahlheim 2005; Elverich/Scherr 2007; Lange 2010; Scherr 1997).

Perspektivwechsel: Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft

Geht man von einem ganz grundlegenden Verständnis politischer Bildung aus, dem zufolge es in politischen Bildungsprozessen darum geht, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie das Zusammenleben in einer Gesellschaft gestaltet und geregelt werden soll, so ist politische Bildung an sich interkulturell, weil sie sich immer schon grundlegend mit der Unterschiedlichkeit von Menschen und deren Vorstellungen vom Zusammenleben auseinandersetzt. Zukünftig wird es wohl stärker um die Frage gehen, welche politischen Bildungsprozesse notwendig sind, um in einer komplexen Gesellschaft handlungs- und urteilsfähig zu werden. Konkret bezogen auf politische Lern- und Bildungsprozesse hieße das dann auch, mehr über die Wahrnehmung und Bewertung von politischer Bildung durch Migrantinnen und Migranten zu erfahren. Nimmt politische Bildung Menschen mit Migrationshintergrund und -erfahrung als kompetente Akteure in den Blick, so kann sie gerade von jenen ein Expertenwissen in Bezug auf die Verfasstheit von politischer Bildung in der Einwanderungsgesellschaft erhalten. Inwiefern die Person in politischen Bildungskontexten ihre Herkunft, z.B. kulturelle, soziale, religiöse oder nationale Aspekte anspricht, bleibt ihr dabei selbst überlassen.

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