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Porträt: Hermann Giesecke

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Porträt: Hermann Giesecke

Ingo Juchler

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Hermann Giesecke (geb. 1932) setzte mit seiner 1965 veröffentlichten "Didaktik der politischen Bildung" den Impuls zur "sozialwissenschaftlichen Wende" in der Politikdidaktik. Das Buch gilt bis heute als das am weitesten verbreitete politikdidaktische Werk und war die erste Monografie ihrer Art in Deutschland. Giesecke geht darin von der Prämisse aus, dass Politik in politischen Konflikten konkret werde.

Hermann Giesecke (© privat)

Hermann Giesecke wurde 1932 in Duisburg geboren. Nach dem Abitur 1953 führte er ein einjähriges Betriebspraktikum in Duisburg durch, um anschließend von 1954 bis 1960 ein Lehramtsstudium der Fächer Geschichte, Latein, Philosophie und Pädagogik zu absolvieren. Im Anschluss an das erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien war Giesecke in der außerschulischen politischen Bildung beim Jugendhof Steinkimmen (zwischen Bremen und Oldenburg gelegen) zunächst als Dozent und später als Leiter des Jugendhofes aktiv. In dieser Zeit nahm er Kontakt zu Theodor Wilhelm (alias Friedrich Oetinger) auf, der am Institut für Pädagogik der Universität Kiel tätig war. Von 1963 an konnte Giesecke als Assistent bei Oetinger promovieren und bekam schließlich 1967 einen Ruf an die Pädagogische Hochschule Göttingen als Professor für Pädagogik und Sozialpädagogik (vgl. Giesecke 2000). Die Pädagogische Hochschule wurde 1978 in die Georg-August-Universität Göttingen als eigener Fachbereich integriert. Hermann Giesecke lehrte bis zu seiner Emeritierung 1997 an der Universität Göttingen und lebt heute in der Nähe in Bovenden.

Im Unterschied etwa zu Wolfgang Hilligen und Kurt Gerhard Fischer war Hermann Giesecke von der Profession her kein eigentlicher Politikdidaktiker. Umso erstaunlicher nimmt sich die Erfolgsgeschichte von Hermann Gieseckes "Didaktik der politischen Bildung" aus, die in erster Auflage im Jahre 1965 veröffentlicht wurde. Diese Arbeit war nicht nur die erste Monographie zur Politikdidaktik, sie ist bis heute auch das am weitesten verbreitete politikdidaktische Werk. Das disziplingeschichtlich Besondere der Didaktik von Giesecke stellt der Umstand dar, dass darin in bislang nicht bekanntem Ausmaß sozialwissenschaftliche Erkenntnisse und Kategorien in der Absicht rezipiert wurden, sie für die politikdidaktische Theorie und für den politischen Unterricht fruchtbar zu machen (vgl. Detjen 2007, S. 162).

Damit vollzog sich in der politischen Bildung eine sozialwissenschaftliche Wende, die wesentliche Impulse von der Dahrendorfschen Konflikttheorie empfing (vgl. Juchler 2011, S. 100ff). Hermann Giesecke geht in seiner "Didaktik der politischen Bildung" in Anlehnung an die Dahrendorfsche Konflikttheorie von der Prämisse aus, dass Politik in politischen Konflikten konkret werde, und zwar unabhängig davon, in welchem Maße die einzelnen Individuen von diesen Auseinandersetzungen betroffen und in welchem Maße sie an der Herstellung solcher Konflikte beteiligt seien. Die politischen Konflikte basierten auf gesellschaftlichen Widersprüchen und seien deshalb nicht nur ein Produkt von Meinungsverschiedenheiten: "Latente Konflikte sind solche, die epochal-langfristig bestehen, den Kern des Demokratisierungs- und Emanzipationsprozesses betreffen und zeitweise auch verdeckt werden können, z. B. der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit; manifeste Konflikte (und Widersprüche) haben ihren Grund meist in solchen latenten und bringen sie – oft verstellt und immer eigentümlich modifiziert – zum Ausdruck" (Giesecke 1974, S. 143).

Hier wird zugleich deutlich, worin ein weiterer Umstand für die große Verbreitung der Didaktik von Giesecke zu suchen ist. Der von ihm angesprochene "Demokratisierungs- und Emanzipationsprozess" sowie der Konflikt zwischen "Kapital und Arbeit" verdeutlichen den politischen Zeitgeist Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre. Die grundlegend überarbeitete Neuauflage der "Didaktik der politischen Bildung" von 1972 weist denn Giesecke auch als fleißigen Rezipienten der politisch-gesellschaftlichen Theorien aus, die im Kontext der Vertreter der Frankfurter Schule erschienen und von besonderer Bedeutung für die Entwicklung der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre waren (ausführlich hierzu Pohl 2011).

Es ist der bleibende Verdienst Hermann Gieseckes, eine sozialwissenschaftlich fundierte Didaktik der politischen Bildung verfasst zu haben, welche Generationen von Lehramtsstudierenden und Lehrenden für einen engagierten, auf das Politische ausgerichteten Unterricht als Orientierung diente.

Der Text wurde übernommen aus dem Band: Wolfgang Sander / Peter Steinbach, Politische Bildung in Deutschland. Profile, Personen, Institutionen, Bonn 2014. Erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1449.

Quellen / Literatur

Joachim Detjen, Politische Bildung. Geschichte und Gegenwart in Deutschland, München-Wien 2007.

Hermann Giesecke, Mein Leben ist lernen, München 2000.

Ingo Juchler, Der Konflikt – Kategoriale Politikdidaktik bei Hermann Giesecke, in: Michael May/ Jessica Schattschneider (Hrsg.), Klassiker der Politikdidaktik neu gelesen, Schwalbach/Ts. 2011, S. 100-113.

Hermann Giesecke, Didaktik der politischen Bildung, München 1974.

Kerstin Pohl, Gesellschaftstheorie in der Politikdidaktik. Die Theorierezeption bei Hermann Giesecke, Schwalbach/Ts. 2011.

Fussnoten

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Weitere Inhalte

Prof. Dr. Ingo Juchler; Studium der Politikwissenschaft, Deutsch und Erziehungswissenschaften; Forschungs- und Lehrtätigkeiten an mehreren Schulen und Universitäten; Professuren für Politikwissenschaft und ihre Didaktik in Weingarten, Göttingen und seit Mai 2010 Professor für Politische Bildung an der Universität Potsdam.