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Jamal x NISA.

10.7.2020

Die Methode der Narrativen Biografiearbeit

Die Geschichten von Jamal al-Khatib und bei NISA basieren auf autobiografischen Gedanken, Erzählungen und Texten der teilnehmenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen und werden in narrativ-biographischen Interviews und Gruppendiskussionen erarbeitet. Dabei geht es vor allem um gemeinsame Reflexion, die Formulierung neuer Perspektiven und Handlungsoptionen sowie die Erarbeitung alternativer Narrative.

Die Figur Jamal al-Khatib ist als Ergebnis der biografischen Arbeit mit Jugendlichen entstanden.Die Figur Jamal al-Khatib ist als Ergebnis der biografischen Arbeit mit Jugendlichen entstanden. (© Stefan Wernig)

Die Zusammenarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen stellt einen zentralen Punkt des Projekts "Jamal al-Khatib" dar: Jugendliche, die in der Vergangenheit mit der IS-Ideologie bzw. religiös motiviertem Extremismus sympathisiert haben, bekommen die Möglichkeit an einem Projekt mitzuarbeiten, das verhindern soll, dass andere Jugendliche ähnliche Sympathien (weiter-)entwickeln.

Die Mitarbeit beim Projekt "NISA" ermöglicht es den teilnehmenden Mädchen und jungen Frauen, die (symbolische) Gewalt erfahren haben, die auf patriarchale Strukturen in der Gesellschaft zurückzuführen ist, anderen Jugendlichen, denen es ähnlich geht zu zeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind.

Narrative Biografiearbeit bei Jamal al-Khatib

Die Geschichte der fiktiven Figur Jamal al-Khatib, über die die Inhalte an die Zielgruppen herangetragen wird, basiert auf den Texten, autobiografischen Erzählungen und Gedanken, die innerhalb des Projektteams mit der Methode der Narrativen Biografiearbeit erarbeitet werden. Das Projektteam besteht dabei aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aus der jihadistischen Szene ausgestiegen sind und solchen, die sich in der "Hochphase" des sogenannten Islamischen Staat resilient gegenüber jihadistischen Narrativen gezeigt haben. Gemeinsam ist allen, dass sie Position gegen jihadistische Propaganda beziehen wollen.

Eine wichtige Grundlage für diesen Ansatz bildet die Theorie der Selbstbestimmung, wonach jeder Mensch die angeborene motivationale Tendenz hat, sich mit anderen Personen in einem sozialen Milieu verbunden zu fühlen, in diesem Milieu effektiv zu wirken und sich dabei persönlich autonom und initiativ zu erfahren. Den dahinter liegenden psychologischen Grundbedürfnissen nach sozialer Zugehörigkeit, Autonomie und Selbstwirksamkeit wird im Zuge der Narrativen Biographiearbeit besondere Beachtung geschenkt (siehe S. 24-27 des pädagogischen Pakets #2).

Es scheint auf den ersten Blick kontraintuitiv, doch extremistische, autoritär organisierte Subkulturen wie die neo-salafistische bzw. jihadistische, üben auch deshalb eine besondere Anziehungskraft auf Jugendliche und junge Erwachsene aus, da sie ihnen als geeignete Spielräume erscheinen können, in denen sie ihrem Streben nach Autonomie, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit nachgehen können. In extremistischen, autoritär organisierten Gruppierungen werden sie jedoch nur scheinbar befriedigt: Wirksamkeit ist lediglich entlang eines rigiden Regelwerks möglich, Kompetenzen lediglich willkommen, wenn sie der Zielsetzung der Gruppe dienen, die scheinbar gewonnene Autonomie fußt auf bloßem Widerstand und das Angebot der Zugehörigkeit kann nur auf Kosten der persönlichen Autonomie gemacht werden.

Beim Projekt "Jamal al-Khatib" hingegen wird den teilnehmenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Zuge der Skript-Erstellung nicht nur die Möglichkeit gegeben, die eigenen Biografien zu reflektieren, sondern auch auf der Grundlage des Reflexionsprozesses selbstbestimmt wirksam zu werden, die Gesellschaft mitzugestalten und progressiv gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Ziel dieser Kompetenzerweiterung ist es nicht nur gegen die Anziehungskraft extremistischer Gruppen zu immunisieren, es werden auch Lern- und Beziehungserfahrungen angeboten, die die Entwicklung einer selbstbestimmten Identität innerhalb eines sozialen Gefüges ermöglichen.

Wie entsteht die Geschichte von Jamal al-Khatib?

Im Zuge des Projektes führen Sozialarbeiter/-innen im ersten Schritt gemeinsam mit Islamwissenschaftler/-innen, Psycholog/-innen und den Jugendlichen mehrere narrative Einzelinterviews und Gruppendiskussionen durch. Bei der gemeinsamen Reflexion werden Themen gesammelt, erlebte Geschichten erzählt, Probleme formuliert und neue Perspektiven und Handlungsoptionen entwickelt.

Der Schwerpunkt der Biografiearbeit liegt dabei auf der Phase der politischen Sozialisation, dem Ein- und Ausstieg in die jihadistische Szene sowie den dafür entscheidenden biografischen Momenten und Prozessen. Dabei werden durch retrospektive Sinngebung neue Perspektiven auf die eigene Geschichte entwickelt. Von der individuellen Ebene führt dieser Prozess zur gesellschaftlichen Ebene und der Frage "Was hat das mit der Welt zu tun?". Dabei werden problematische Strukturen, die eine Hinwendung zu jihadistischen Narrativen befördern können, kritisch hinterfragt sowie alternative Narrative und naheliegende Handlungsoptionen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene überlegt.

In weiterer Folge werden neo-salafistische bzw. jihadistische Narrative dekonstruiert, die Mechanismen dahinter abstrahiert und die Bedürfnisse untersucht, die hinter der Hinwendung zu diesem ideologischen Angebot stehen, um diese Mechanismen phänomenübergreifend diskutieren zu können. Mit der Methode des Reframing werden die Narrative und die Bedürfnisse dahinter in einen anderen Rahmen gesetzt und mit alternativer Bedeutung gefüllt sowie alternative Narrative und konkrete alternative Angebote (wie z.B. humanitäres Engagement und Solidarität mit der notleidenden Zivilbevölkerung in Syrien) dazu erarbeitet. Diese alternativen Narrative stellen menschenfeindlichen Ideologien die Idee einer anderen Gesellschaft gegenüber, einer Gesellschaft aufgebaut auf Werten, wie z.B. gleichen Rechten für alle, Solidarität und Demokratie. Thematisiert und dekonstruiert bzw. reframed werden in den "Jamal al-Khatib" Videos unter anderem das "takfir"-Konzept (und damit gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit), das Prinzip "al-wala wa-l-bara" (und damit der Wunsch nach vermeintlich homogenen Gemeinschaften) und das Konzept des "kufr bit taghut" bzw. der "Demokratie ist Shirk"-Diskurs (und damit Autoritarismus).

Aber auch Themen wie struktureller Rassismus, politische Verfolgung und Völkermord, die auch von islamistisch-jihadistischen Online-Akteuren aufgegriffen werden, werden sowohl in der Arbeit mit den jungen Erwachsenen, als auch in den "Jamal al-Khatib" Videos behandelt. Doch anstatt die Zuschauer/-innen lediglich zu emotionalisieren, wie es meist bei extremistischer Online-Propaganda der Fall ist, zeigt "Jamal al-Khatib" die Mechanismen und Dynamiken dahinter auf und bietet konkrete progressive Handlungsoptionen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene auf.

Narrative Biografiearbeit bei NISA

Auch im Projekt "NISA" liegt der Fokus der narrativen Biografiearbeit auf der politischen Sozialisation der teilnehmenden Jugendlichen. Im Zuge der narrativ-biographischen Interviews stehen dabei solche Momente im Vordergrund, in denen die teilnehmenden Mädchen und jungen Frauen (symbolische) Gewalt erfahren haben, die auf patriarchale Strukturen in der Gesellschaft zurückzuführen ist.

Ihren Ausdruck findet sie u.a. in Erwartungshaltungen, die aus unterschiedlichen Familien- und Herkunftssystemen an die Mädchen und jungen Frauen herangetragen werden, sowie anderen Formen des alltäglichen Sexismus. Auch in diesem Fall kann das repetitive Ausgesetzt-Sein gegenüber bestimmten Rollenbildern sowie anderen Formen des Sexismus zu einem Gefühl der Entfremdung führen. Dabei handelt es sich meist um ein Gefühl der Entfremdung vom Selbst, die zu Gunsten einer Anpassung an die Normvorstellungen der Allgemeinheit in Kauf genommen wird. Dieses Empfinden steht eng in Verbindung mit einem wahrgenommenen Gefühl der Isolation, der Fremdbestimmtheit und der Ohnmacht. Die dahinter liegenden psychologischen Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Autonomie und Selbstwirksamkeit können so zu lebensbestimmenden, dysfunktionalen Konfliktthemen werden.

Auch in der Arbeit zum ersten Video des NISA Projekts "Ich bin Jana. Und ich breche mit euch das Schweigen!" wurden im Zuge der narrativen Biographiearbeit Alternative Narrative zu problematischen Umgängen mit diesem Konflikt erarbeitet. Der Fokus liegt in diesem Zusammenhang auf (auto-)aggressiven Ausbruchsversuchen, die im ersten Video der Reihe in abgesprochenen Schlägereien zwischen Mädchen(-gangs) ihren Ausdruck finden. Die teilnehmenden Jugendlichen berichteten im Zuge der narrativen Biographiearbeit davon, sich in diesen Momenten als kompetent und stark wahrzunehmen und zu bewirken, dass ihre Umwelt ihnen mit Respekt begegne. Die Erwartungen, die an sie als Mädchen bzw. Frauen herangetragen wurden, beinhalteten u.a. ein "gutes Mädchen" also still und brav zu sein und "keinen Ärger zu machen." Vor diesem Hintergrund kann das Verabreden und Durchführen von (Gruppen-) Schlägereien natürlich relativ einfach als selbstbestimmter und autonomer Entscheidungsprozess wahrgenommen werden, der jedoch wiederum eher dem Muster einer counterdependency folgt. Genauso kann die Mitgliedschaft in einer Gruppe, die sich solchen Auseinandersetzungen stellt bzw. diese organisiert das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit befriedigen. Vor dem Hintergrund, dass es sich bei diesen Schlägereien mit rivalisierenden Mädchen(banden) um Ausbruchsversuche aus patriarchalen Rollenerwartungen handelt, wäre eine weitreichendere Form der Solidarisierung jedoch aus pädagogischer Sicht selbstverständlich zielführender.

Peer-to-Peer

Am Ende dieses Prozesses entstehen unter wissenschaftlicher Begleitung Texte, welche als Vorlage für die Videos dienen. Die Jugendlichen arbeiten dabei, in Kooperation mit einem Experten für Filmproduktion, aktiv an der Konzeption der Videos, der Skripterstellung, am Dreh und der Endproduktion mit. Außerdem erfolgt im Rahmen von Arbeitstreffen eine Auseinandersetzung mit Themen wie dem Umgang mit Sozialen Medien und Online Campaigning. Es werden Gesprächsführung und diskursive Zugänge im Rahmen von Online-Interventionen (von Social Media Policy über Deeskalation bis hin zu taktischer Gesprächsführung) diskutiert. Die gewonnenen Erkenntnisse können so im Zuge der Online-Kampagne, entsprechend des Peer-to-Peer-Ansatzes, auch durch die teilnehmenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen angewendet werden. So können sie sich, zusätzlich zu Team der Online Streetworker/-innen, in die Onlinediskussionen über die Videos einbringen.

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