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Die Methode Online Streetwork

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Die Methode Online Streetwork

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Ein Ziel des Projekts ist der Aufbau einer eigenen Online-Community als Gegenpol zu neo-salafistischen Social-Media-Initiativen. Dafür wurden neue Ansätze für digitale Jugendarbeit entwickelt. Die "Jamal al-Khatib"-Videos sind als Diskussionsanreiz zu verstehen, um mit schwer erreichbaren Zielgruppen eine Ebene der Kommunikation aufzubauen. Für die Distribution der Videos wurden neue Ansätze für die digitale Jugendarbeit entwickelt.

Die Webvideoserie soll vor allem online Raum für Diskussion mit radikalisierungsgefährdeten Jugendlichen anbieten. (© Turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention)

Online Ansätze bei Jamal al-Khatib

Digitale Jugendarbeit und Community Management

Ein Ziel des Projekts Jamal al-Khatib ist der Aufbau einer eigenen Online Community als Gegenpol zu neo-salafistischen Social-Media-Initiativen. Die eigenen Kanäle auf den unterschiedlichen Social-Media-Plattformen werden mit politisch bildnerischen Inhalten zu aktuellen, für die Zielgruppe relevanten Themen bespielt. Gleichzeitig werden unterschiedliche Möglichkeiten geschaffen, um mit der Community in Interaktion zu treten. Einerseits in der Öffentlichkeit der Kommentarspalten, über Sticker/Stories, vor allem aber auch über persönliche Nachrichten, um für sensiblere Themen auch einen vertraulicheren Gesprächsrahmen anbieten zu können. So ist niederschwellige Beratung und Vermittlung an spezialisierte Einrichtungen unseres Netzwerks möglich.

Auch das Projekt Interner Link: NISA nutzt Community Management als digitale Jugendarbeit. Mit den Online-Videoreihen wird dabei eine relativ breite Dialoggruppe angesprochen. Ziel ist es, Mädchen und junge Frauen zu erreichen, die sich aufgrund eines hohen sozialen Drucks, einengender gesellschaftlicher Rollenerwartungen bzw. genderspezifischer (Handlungs-)Möglichkeiten einerseits und erschwerenden familiären und/oder ökonomischen Bedingungen andererseits, delinquenten Jugendsubkulturen anschließen. Vor allem richtete sich die Online-Videoreihen dabei an Mädchen und junge Frauen die aufgrund von (symbolischer) Gewalt, die auf patriarchale Strukturen in der Gesellschaft zurückzuführen ist, zu selbstgefährdenden Ausbruchsversuchen neigen.

Social-Media-Interventionen

Ein weiterer Ansatz, der im Zuge der Distribution zum Tragen kommt ist der der Social-Media-Interventionen: Durch bewusste Platzierung und Betitelung, sowie das Setzen von szenespezifischen Hashtags können alternative Positionen in sogenannte trending topics und/oder extremistische Social-Media-Kampagnen hineingetragen werden.

Content-based Online Streetwork

Analog zum Streetwork im öffentlichen Raum, ist die Methode Online-Streetwork dazu in der Lage, im Netz mit schwer erreichbaren Dialoggruppen eine Ebene der Kommunikation aufzubauen, indem gezielt entsprechende Inhalte an Jugendliche herangetragen werden und über diese Inhalte der Dialog gesucht wird.

Bei Jamal al-Khatib dienen die Kanäle auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen dabei als Kommunikationsraum, die aufsuchende Arbeit erfolgt über Inhalte, die durch ein gezieltes Targeting, mit bezahlter Bewerbung und/oder einer Strategie für organische Reichweite in die Echokammern und Filterblasen bzw. die Online-Lebenswelten der Dialoggruppen hineingetragen werden. Über Webvideos, die maßgeblich von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mitgestaltet wurden, wird so ein gemeinsamer Bezugspunkt für Betroffene und Interessierte der Dialoggruppen angeboten. Die Diskussionen finden in den Kommentarspalten unter den Postings bei Facebook, YouTube und Instagram (one-to-many und many-to-many), aber auch in einem geschützteren Raum, über Privatnachrichten (one-to-one) statt.

Dabei werden sozialarbeiterische, religionspädagogische, islamwissenschaftliche und Peer-to-Peer-Interventionen miteinander kombiniert. Welche diskursive Intervention gewählt wird und wie die Diskussionen geführt werden, entscheiden die an der Onlinephase beteiligten Mitarbeiter/-innen immer auch gemeinsam mit den jugendlichen Projektteilnehmer/-innen. In vielen Fällen kommen die Vorschläge für Diskussionsbeiträge von den am Projekt beteiligten Jugendlichen.

Im Rahmen dieser Interaktion wird ein zeitlich begrenztes und themenbezogenes Online-Beziehungs- bzw. Gesprächsangebot gemacht. Im Bedarfsfall und je nach Thema, Offline-Sozialraum und Präventionsstufe werden Jugendliche an geeignete Einrichtungen vermittelt.

Wer soll erreicht werden?

Jugendliche, die sich im Netz innerhalb von Echoräumen und Blasen bewegen, laufen im besonderen Ausmaß Gefahr hermetisch geschlossene Weltbilder zu entwickeln und Radikalisierungsprozesse zu durchlaufen. Zum einen sollen Jugendliche und junge Erwachsene erreicht werden, die vulnerabel für jihadistische Online-Propaganda sind und Gefahr laufen über Suchanfragen zu Themen ihrer Lebenswelt auf extremistische Inhalte, Online-Kanäle und Netzwerke zu stoßen. Ebenso sollen Jugendliche angesprochen werden, die bereits mit jihadistischen Gruppen und Narrativen sympathisieren, sich in szenespezifischen Social-Media-Blasen aufhalten (sekundäre bis tertiäre Prävention), und in deren Online-Lebenswelten extremistische Inhalte dominieren. Diese Gruppe von Jugendlichen befindet sich zudem möglicherweise bereits in geschlossenen Messangerkanälen und -gruppen (insbesondere Telegram) sowie szenespezifischen Social-Media-Blasen. Folglich setzt das Projekt im Bereich der Interner Link: Extremismusprävention auf primärer, sekundärer und tertiärer Präventionsebene an.

Politische Bildung durch Online Streetwork

Die eigenen Kanäle auf den unterschiedlichen Social-Media-Plattformen sind dabei in erster Linie als Diskussionsplattformen für Jugendliche und junge Erwachsene zu verstehen, die Figuren Jamal al-Khatib bzw. die Protagonistinnen bei NISA und ihre Geschichten als Projektionsfläche, über die Diskussionspunkte (online) ausverhandelt werden können.

Ziel ist es, dass sowohl die jugendlichen Projektteilnehmer/-innen als auch die Online-Dialoggruppe eine innere Autonomie in dem Sinne entwickeln, dass das Denken und Handeln von eigenen Überlegungen geleitet wird. Jugendlichen Spielräume für Verhandlungen und eigene Meinungsbildung zuzugestehen, sie dabei zu unterstützen, den Mut zu haben, nicht zu gefallen und sich vom Gruppendruck zu lösen, sind wichtige Faktoren politischer Bildung. Sie immunisieren gegen die Anziehungskraft fanatischer Gruppierungen, denn diese sind meist autoritär strukturiert. Jugendliche sollen dabei die Inhalte politischer Bildung nicht eins zu eins in ihr Weltbild übernehmen, sondern sich ihre eigene Meinung dazu bilden. So können sie im Umgang mit Konflikten, Kompromissen und Widersprüchen gestärkt und ihre Ambiguitätstoleranz gefördert werden.

Beispiele für Online-Streetwork Interventionen sind im Interner Link: Pädagogischen Paket #2 ab S. 50, sowie im Interner Link: Abschlussbericht der begleitenden Praxisforschung ab S. 47 zu finden.