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Vor 20 Jahren: Eine Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht polarisiert Deutschland

10.3.2017
Am 13. März 1997 debattierten Abgeordnete aller Fraktionen des Deutschen Bundestages darüber, ob die sogenannte Wehrmachtsausstellung in den Räumen des Bundestages gezeigt werden solle. Die differenzierte und teils sehr persönlich geführte Auseinandersetzung gilt als Sternstunde des Parlaments.

Älterer Mann rechts, schaut sich die Bilder der umstrittenen Wehrmachtsausstellung an (links in schwarz-weiß zu sehen).Ein Besucher betrachtet am 24.2.1997 Bilder der umstrittenen Wehrmachtsausstellung im Münchner Rathaus. (© picture-alliance/dpa)

1995 eröffnete in Hamburg die Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht von 1941–1944". Organisiert und finanziert hatte sie das Hamburger Institut für Sozialforschung. Zwischen April 1995 und Oktober 1997 wurde die Schau in 33 deutschen und österreichischen Städten gezeigt. Mit der Ausstellung hatte in der deutschen Öffentlichkeit und Politik eine emotionale und kontroverse Debatte über die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg begonnen. Sie zeigte, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit auch Ende der 1990er-Jahre ein andauernder Prozess war.

Die Ausstellungsmacher hatten sich das Ziel gesetzt, das Narrativ einer "sauberen Wehrmacht" zu dekonstruieren. Große Schautafeln und vor allem zahlreiche Fotografien sollten darüber informieren, wie deutsche Wehrmachtsoldaten an den Mordaktionen an der russischen Zivilbevölkerung und sowjetischen Kriegsgefangenen beteiligt gewesen waren.

Wehrmachtausstellung wird zum Politikum



Bereits zu Beginn war das Medieninteresse an der Ausstellung groß – rasch verlagerte sich dieses von den Massenmedien auf die Lokalpresse derjenigen Regionen, in denen die Schau gastierte. Anfänglich standen vor allem Inhalte und Thesen im Fokus der Berichterstattung. Dies änderte sich ab 1997, als die politisch und öffentlich geführte Debatte um die Ausstellung lauter wurde. Der Konflikt um die Ausstellung wurde selbst zum "Medienereignis".

Viele Persönlichkeiten aus Politik und Zivilgesellschaft unterstützten die Ausstellung. Jutta Limbach, Richterin am Bundesverfassungsgericht von 1994 bis 2002, hielt eine Rede zur Eröffnung in Karlsruhe, Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden, sprach in Frankfurt. Und auch ehemalige Wehrmachtoffiziere hielten Ansprachen zur Eröffnung der Schau, so etwa Klaus von Bismarck in Hamburg.

Die Schau polarisierte. In vielen Städten gründeten sich Vereine, die mit Petitionen und Kundgebungen entweder für oder gegen die Wehrmachtsausstellung warben. Immer wieder demonstrierten auch Rechtsextreme gegen die Ausstellung und forderten beispielsweise "Ruhm und Ehre für die Wehrmacht".

Die Wehrmachtsausstellung war in der öffentlichen Debatte zur politischen Projektionsfläche geworden. Befürworter der Schau sprachen von "Tabubruch", "Verantwortung für die NS-Vergangenheit", "Moral" und "historischen Tatsachen" und polemisierten gegen die "Ewiggestrigen". Die Gegner empörten sich über "Geschichtsklitterung", "Generalisierung", "Kollektivschuld", "Pauschalurteil" und "Diffamierung". Zusätzliches Konfliktpotenzial barg, dass für die Wanderausstellung immer wieder finanzielle Mittel und Ausstellungsräume an den einzelnen Orten organisiert werden mussten. Politischer Streit entfachte daher vielfach über die Frage, ob und wo die Ausstellung gastieren solle.

Die Grünen wollten die Schau in den Bundestag holen



Im Februar 1997 beantragten Bündnis90/die Grünen, dass die Wehrmachtausstellung im Bundestag in Bonn gezeigt werden solle. Unterstützung fanden sie bei der Fraktion der PDS. Alle übrigen Fraktionen (CDU/CSU, SPD und FDP) sprachen sich in eigenen Anträgen dagegen aus, dass die Schau in den Räumen des Bundestages gezeigt werden solle. In einer Aktuellen Stunde am 13. März 1997 debattierte der Bundestag schließlich über die Wehrmachtsausstellung. Die Auseinandersetzung wurde persönlich und emotional geführt. Einige Redner sprachen über die Geschichte ihrer Väter und deren Zeit als Wehrmachtssoldaten. Der SPD-Abgeordnete Otto Schily berichtete von seinem Onkel, der als Kommandeur der Luftwaffe aus Verzweiflung über die NS-Verbrechen freiwillig den Tod gesucht habe.

Die Mehrheit der Abgeordneten begrüßte, dass die Ausstellung dazu zwinge, sich mit der Rolle der Wehrmacht im NS-Regime auseinanderzusetzen. Der Grünen-Abgeordnete Gerald Häfner sagte in seiner Rede, ihm gehe es darum, "mit der Lüge aufzuhören, dass für alle schlimmen Taten nur die SS (Schutzstaffel) verantwortlich gewesen sei". Auch Otto Graf Lambsdorff (FDP) nannte die Ausstellung in seiner Rede "wichtig", wünschte sich aber, sie hätte die Wehrmacht differenzierter dargestellt und etwa auch über militärischen Widerstand innerhalb der Wehrmacht informiert. Gerhard Zwerenz erwiderte, dass es bereits eine Widerstandsausstellung gebe und es die Wehrmachtsausstellung "überfordern" würde, alle Aspekte der Widerstandsschau abzubilden. Alfred Dregger von der CDU/CSU-Fraktion warf der Ausstellung hingegen vor, "die gesamte Kriegsgeneration pauschal als Angehörige und Helfershelfer einer Verbrecherbande abzustempeln." Der SPD-Abgeordnete Freimut Duve hielt dagegen, die Ausstellung pauschalisiere Schuld nicht, sie weise nur auf diese hin.

Am 24. April schließlich lehnte der Bundestag mit großer Mehrheit den Antrag der Grünen ab. Die Wehrmachtsausstellung wurde nicht in den Räumen des Bonner Parlamentes gezeigt.

Kritik von Wissenschaftlern: Ausstellung wird überarbeitet



Im Herbst 1999 wurde die Wehrmachtsausstellung ein letztes Mal gezeigt. Wissenschaftler hatten massive Kritik an der Ausstellungskonzeption geübt. So waren Bilder falsch beschriftet und auch Fotografien verwendet worden, die keine Verbrechen der Wehrmacht, sondern anderer Kriegsbeteiligter zeigten. Daraufhin ließ das Hamburger Institut für Sozialforschung das Konzept überarbeiten. Im November 2001 schließlich wurde die zweite Wehrmachtsausstellung unter dem Titel "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944" in Berlin eröffnet. Sie wurde an elf Orten in Deutschland, Luxemburg und Österreich gezeigt, zuletzt von Januar bis März 2004 in Hamburg und anschließend in den Bestand des Deutschen Historischen Museums (DHM) Berlin überführt.

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