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Weltalphabetisierungstag

7.9.2017
1966 hat die UNESCO den Weltalphabetisierungstag ins Leben gerufen. Seitdem wird jährlich am 8. September mit Aktionen und Veranstaltungen auf die Verbreitung von Lese- und Schreibkompetenzen aufmerksam gemacht. Aktuell zählt die Organisation 750 Millionen Analphabeten weltweit. Zwei Drittel von ihnen sind Frauen. In vielen Ländern ist es nach wie vor ein Privileg, lesen und schreiben zu können.

In Deutschland gibt es  rund 2,3 Millionen Menschen, die weder lesen noch schreiben können. Die fehlende Lese-und Schreibekompetenz beeinträchtigt die Menschen in ihrem Alltag.In Deutschland gibt es rund 2,3 Millionen Menschen, die weder lesen noch schreiben können. Die fehlende Lese-und Schreibekompetenz beeinträchtigt die Menschen in ihrem Alltag und kann zu Exklusion führen. (© picture-alliance, dpa/Andrea Warnecke)

Alphabetisierung – die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben – ist eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Um an die Bedeutung von Alphabetisierung und Erwachsenenbildung zu erinnern und die öffentliche Aufmerksamkeit für Alphabetisierungsfragen zu wecken, begeht die UNESCO seit 1966 jedes Jahr am 8. September den Weltalphabetisierungstag. Ins Leben gerufen wurde dieser auf Empfehlung der Weltkonferenz der Bildungsminister zur Beseitigung des Analphabetismus, die im September 1965 in Teheran stattfand.

Was ist Analphabetismus?



Als Analphabeten werden im Allgemeinen Erwachsene bezeichnet, die über keine oder nur unzureichende Kenntnisse der Schriftsprache verfügen. Die UNESCO zählt all jene Menschen, denen grundlegende Lese- und Schreibkompetenzen fehlen, zu den Analphabeten.

Darüber hinaus werden verschiedene Arten von Analphabetismus unterschieden: Von "primärem" Analphabetismus spricht man, wenn ein Mensch keinerlei Schreib- und Lesefähigkeiten erworben hat. "Sekundärer" Analphabetismus bedeutet, dass eine Person in der Schule Lesen und Schreiben gelernt, diese Kenntnisse nach der Schulzeit jedoch wieder verlernt hat. Als "funktionaler" Analphabet gilt ein Mensch, dessen Lese- und Schreibfähigkeiten nicht ausreichen, um den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Funktionaler Analphabetismus ist ein relativer Begriff: Er orientiert sich an dem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld.

Ein globales Problem



Laut Angaben der UNESCO gibt es weltweit rund 750 Millionen erwachsene Menschen (älter als 15 Jahre), die nicht lesen und schreiben können, fast zwei Drittel davon sind Frauen. Die meisten Analphabeten leben in Süd- und Westasien (49 Prozent) und in Subsahara-Afrika (27 Prozent) . In diesen Regionen sind die Unterschiede zwischen der Alphabetisierung von Frauen und Männern zudem sehr stark ausgeprägt. Laut Schätzung des World Factbook für das Jahr 2015 können beispielsweise in Afghanistan nur etwa 12,6 Prozent, in Niger rund 11 Prozent und in Mali rund 29,2 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Aber auch in Ländern mit hohen Einkommen und Bildungsstandards gibt es eine nennenswerte Zahl von Menschen mit einer niedrigen Lese- und Schreibkompetenz: In Frankreich, Italien und Spanien betrifft dies beispielsweise rund ein Viertel aller Erwachsenen.

Ursachen



Die Ursachen für Analphabetismus sind sehr unterschiedlich. Armut ist einer der Hauptgründe, warum Menschen der Zugang zu Lese- und Schreibunterricht verwehrt bleibt. Ängste, fehlende Förderung in der Familie oder eine schlechte Bildungspolitik können ebenfalls Ursachen sein. Kinder werden häufig in der Schule aufgrund von Personal- oder Zeitmangel nicht ausreichend individuell gefördert. Auch Geschlechterdiskriminierung spielt eine Rolle: Weltweit dürfen viele Mädchen und Frauen nach wie vor nicht zur Schule gehen.

Das Menschenrecht auf Bildung
1949 verankerten die Vereinten Nationen das Recht auf Bildung in der Menschenrechtscharta. Warum kann trotzdem weltweit jeder fünfte Mensch weder lesen noch schreiben? (© 2011 Bundeszentrale für politische Bildung & ARTE)

Situation in Deutschland



Laut einer Studie der Universität Hamburg von 2011 sind in Deutschland etwa 7,5 Millionen Erwachsene (14,5 Prozent) im Alter zwischen 18 und 64 Jahren von funktionalem Analphabetismus betroffen, d. h. sie können nur einzelne Sätze lesen und schreiben, nicht aber zusammenhängende Texte erfassen. Rund 57 Prozent der Betroffenen sind erwerbstätig und 12,3 Prozent haben einen höheren Bildungsabschluss. Ungefähr 2,3 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren gelten in Deutschland als vollständige Analphabeten. Anders als im weltweiten Durchschnitt sind in Deutschland die Mehrheit der Analphabeten Männer; ihr Anteil beträgt rund 60 Prozent.

Bemühungen der internationalen Gemeinschaft



In den vergangenen 25 Jahren hat sich die internationale Gemeinschaft wiederholt dazu bekannt, die Alphabetisierung unter Erwachsenen zu fördern. Bereits auf der ersten Weltkonferenz der UNESCO zum Thema "Bildung für alle" im März 1990 setzten sich die teilnehmenden Staaten mit der Weltdeklaration "Bildung für alle" (Education for All, EFA) das Ziel, die Analphabetenrate bei Erwachsen bis zum Jahr 2000 um rund 50 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Ihr Vorhaben bestätigten sie zehn Jahre später im Rahmen des Weltbildungsforums in Dakar. Als Frist für die Umsetzung vereinbarten sie das Jahr 2015.

Der UNESCO-Weltbildungsbericht Education for All 2000-2015: Achievements and Challenges kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Analphabetenrate im Zeitraum zwischen 2000 und 2015 lediglich von 18 Prozent im Jahr 2000 auf schätzungsweise 14 Prozent im Jahr 2015 gesunken ist. Dieser Fortschritt sei im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass besser gebildete junge Menschen in die Statistik der Erwachsenen aufrückten. Den geringsten Rückgang der Analphabetenrate verzeichnete Guinea mit einem Prozent. Am erfolgreichsten war Kuweit: Der Anteil der Menschen, die nicht lesen und schreiben können, ging dort in derselben Zeit um 83 Prozent zurück.

Für den geringen Erfolg im Kampf gegen Analphabetismus benennt der Bericht der UNESCO Ursachen: Beispielsweise sei das Ziel der Alphabetisierung nicht explizit in den Millennium Development Goals der Vereinten Nationen verankert worden, was in der Folge dazu geführt habe, dass das Thema sowohl international als auch national vernachlässigt wurde. Darüber hinaus habe es in vielen Ländern Kampagnen gegeben, die den Analphabetismus eher stigmatisieren, anstatt ein Bewusstsein für Auswege zu schaffen. Zudem weist die UNESCO auf die große Bedeutung von lokalen Sprachen bei der Alphabetisierung hin. Diese würden die Regierungen vieler Länder nicht berücksichtigen, da sie aufgrund von Sprachvielfalt Spaltung oder Konflikte befürchteten. Mit Ziel 4 der Globalen Nachhaltigkeitsagenda hat sich die Weltgemeinschaft 2015 daraufhin dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2030 den Erwerb ausreichender Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten für „alle Jugendlichen und für einen erheblichen Anteil der Erwachsenen“ sicherzustellen. Im Jahr 2016 hat die UNESCO zudem die Global Alliance for Literacy (GAL) einberufen. Die GAL besteht aus Vertretern von UNESCO-Mitgliedstaaten, regionalen Organisationen sowie Vertretern aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Zu den Zielen gehört u.a. die Förderung des Zugangs zu Alphabetisierungsprogrammen für alle Altersgruppen.

Alphabetisierung in der digitalen Welt



Das offizielle Plakat der UNESCO zum Weltalphabetisierungstag.Das offizielle Plakat der UNESCO zum Weltalphabetisierungstag. (© Unesco)
Am 08. September 2017 werden die weltweiten Aktivitäten zum Weltalphabetisierungstag unter dem Motto „Alphabetisierung in der digitalen Welt“ durchgeführt. So bieten digitale Technologien neue Möglichkeiten fürs Lehren und Lernen. Gleichzeitig bedeutet die Digitalisierung aber auch die Gefahr, dass Menschen mit Leseschwierigkeiten abgehängt werden. Walter Hirche, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission, betont: „Digitale Technologien beeinflussen heutzutage fundamental unser Leben, unsere Arbeit und unsere Art miteinander zu kommunizieren. Deshalb bedeutet Alphabetisierung auch Kompetenzerwerb für die Nutzung digitaler Informationen. Wir müssen dafür sorgen, dass weltweit aber auch in Deutschland alle von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren und niemand abgehängt wird.“

In Deutschland wurde 2016 zudem die sogenannte AlphaDekade, die die Lese- und Schreibfähigkeiten Erwachsener in Deutschland verbessern soll, ins Leben gerufen. Das Programm läuft zunächst bis 2026. Zentrale Herausforderung bildet die Frage, wie Erwachsene mit niedrigen Schriftsprachkompetenzen erreicht und zum Lernen aktiviert werden können .

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