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17.8.2020

60 Jahre "Pille"

Am 18. August 1960 kam die erste "Antibabypille" in den USA auf den Markt. Ein Jahr später war sie auch in Deutschland erhältlich, zunächst als Medikament gegen Menstruationsbeschwerden. Bis heute hat nicht jede Frau Zugang zu dem Verhütungsmittel.

Tablettenpackungen mit AntibabypillenTablettenpackungen mit Antibabypillen (© picture-alliance)

Die Entwicklung des hormonellen Verhütungsmittels, das umgangssprachlich als "Pille" bezeichnet wird, hat die Gesellschaft in den Industrieländern nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend geprägt: Erstmals konnten Frauen durch ein Hormonpräparat ungewollte Schwangerschaften mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit verhindern.

Bereits um 1920 entstand die Idee, Hormone als Mittel zur Empfängnisverhütung zu nutzen. Der österreichische Physiologe Ludwig Haberlandt hatte bei Versuchen mit Ratten festgestellt, dass eine bestehende Trächtigkeit der Tiere eine weitere Befruchtung verhindert. So entstand die Idee, dem Körper zur Verhütung hormonell eine Schwangerschaft vorzugaukeln und so den Eisprung zu verhindern. Die Entwicklung der Verhütungspille erfolgte jedoch letztlich in den USA. Eine wichtige Rolle dabei, aus der Idee tatsächlich eine Pille werden zu lassen, spielten die Krankenschwester Margaret Sanger und die vermögende Biologin Katharine McCormick.

Die Aktivistin Sanger hatte im Jahr 1921 die "American Birth Control League" (Amerikanische Liga für Geburtenkontrolle) gegründet. Ihr Ziel war es, Frauen in den USA über Möglichkeiten der Verhütung aufzuklären und die Gesetzeslage zu ändern.

Mit dem Geld McCormicks und aufgrund des Einsatzes von Sanger begann ein Team um den US-Endokrinologen Gregory Pincus Anfang der 1950er Jahre schließlich, die weltweit erste wirksame Verhütungspille zu entwickeln. Pincus und seinem Kollegen John Rock gelang es, auch dank der Vorarbeiten der Chemiker Carl Djerassi und Franc Colton, das Schwangerschaftshormon Progesteron und das weibliche Hormon Östrogen künstlich herzustellen. Während Progesteron den Eisprung unterbindet und damit eine Befruchtung verhindert, entdeckten die Wissenschaftler durch Zufall, dass Östrogen die Einnahme verträglicher macht.



Proteste der Kirchen

In großem Stil getestet wurde das Hormonpräparat vor der Zulassung nicht in den USA selbst, sondern in dem US-Amerikanischen Außengebiet Puerto Rico. Dort standen die Behörden Geburtenkontrollen anders als in den USA positiv gegenüber. Die ethische Bewertung dieses Vorgehens wird von Historikerinnen und Historikern kritisch diskutiert, da eugenische Motive hinter der liberalen Verhütungspolitik Puerto Ricos stünden und die Frauen vor Ort nicht ausreichend über die medizinischen Risiken aufgeklärt worden seien. Trotz Berichten über Nebenwirkungen hielten Pincus und sein Team das Mittel für sicher und bewerteten die Testreihe aufgrund verhütenden Wirkung der Pille als Erfolg. Tests in Haiti und Mexiko folgten.

Anschließend wurde das von ihnen entwickelte Produkt "Enovid" 1957 in den USA zugelassen – zuerst noch als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden und nur für verheiratete Frauen mit mehreren Kindern. Die empfängnisverhütende Wirkung tauchte nur in der Packungsbeilage als Nebenwirkung auf. Am 18. August 1960 kam es offiziell auch als Verhütungsmittel auf den Markt. Ab 1961 war dann in der Bundesrepublik unter dem Markennamen "Anovlar" ein vergleichbares Hormonpräparat der Firma Schering erhältlich. Das Magazin "Stern" nannte die deutsche Markteinführung einen "historischen Tag".

Die Kirchen hingegen protestierten gegen die Einführung des Verhütungsmittels. Am 25. Juli 1968 verurteilte der damalige Papst Paul VI. in der Enzyklika "Humanae Vitae" die Geburtenkontrolle durch künstliche Verhütungsmittel. Dies mit der Begründung, diese würden den außerehelichen Geschlechtsverkehr befördern und "zur allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht" beitragen. Doch viele Katholikinnen setzten sich über das Verbot hinweg. "Der große Ungehorsam hat begonnen" beschrieb "Der Spiegel" die Reaktionen auf die Enzyklika damals, auch innerhalb des Klerus. Die Deutsche Bischofskonferenz äußerte in der "Königsteiner Erklärung" Bedenken an der zwingenden Gültigkeit der Enzyklika. Während die evangelische Kirche der Familienplanung mit der Pille offen gegenüber steht, untersagt Rom deren Nutzung den Gläubigen bis heute.

Das Märchen vom "Pillenknick"

Für die Befürworterinnen und Befürworter war die Pille hingegen ein Befreiungsschlag. Sexualität und Fortpflanzung sollten fortan nicht länger direkt miteinander verknüpft, selbstbestimmte Familienplanung künftig möglich sein. Die Einführung der Pille führte dazu, dass Frauen auch auf anderen Gebieten unabhängiger wurden. Sie wurden später Mütter und so blieb mehr Zeit für Schule, Ausbildung und Beruf: Die Zahl der Abiturientinnen und Akademikerinnen stieg noch in den 1960er-Jahren sprunghaft an.

Der Rückgang der Geburtenzahlen in Westdeutschland in den 1960er- und 1970er-Jahren nach dem sogenannten "Babyboom" wird umgangssprachlich als Pillenknick bezeichnet. Heute gehen Soziologen jedoch davon aus, dass die hormonelle Verhütung nicht die entscheidende Ursache für die sinkende Geburtenrate war. Die eigentlichen Ursachen für das Geburtenminus in Deutschland und anderen Industrieländern waren vielmehr die veränderten Lebensmodelle der Menschen durch den zunehmenden Wohlstand, damit einhergehend auch der Wunsch vieler Frauen nach Selbstverwirklichung und Erwerbstätigkeit. Beruf und Familie blieben angesichts fehlender Betreuungsangebote und weiterhin bestehender Rollenbilder, die die Verantwortung für die Kindererziehung vor allem den Müttern zuschrieben, nur schwer zu vereinen.

Kostenlose "Wunschkindpille" im Osten

"Anovlar" und seine Nachfolger wurden in der Bundesrepublik gemeinhin "Antibabypille" genannt – aus Sicht von Kritikerinnen und Kritikern ein unpassender Begriff. Miterfinder Carl Djerassi betonte beispielsweise, dass die Pille kein Mittel gegen Kinder, sondern für die Selbstbestimmung von Frauen sei. Bundesinnenminister Hermann Höcherl bezeichnete die sprachliche Verbindung von "Anti" und "Baby" 1964 sogar als "grob anstößig".

Das Gegenstück von "Anovlar" wurde in der DDR als "Wunschkindpille" bekannt gemacht. Ab 1965 war sie dort unter dem Markennamen "Ovosiston" erhältlich. Ab 1972 wurde das Medikament kostenlos an sozialversicherte Frauen ausgegeben. Zeitgleich wurde das Angebot an Krippen, Wohnungen für Familien, günstigen Krediten und an bezahlten Erziehungszeiten drastisch ausgebaut. Die Zahl der Geburten sank in der DDR in den 1970er-Jahren in deutlich geringerem Umfang als im Westen.

Beruf und Familie waren in Ostdeutschland leichter zu vereinbaren als in der Bundesrepublik. Aus politischen und planwirtschaftlichen Gründen spielte die berufstätige Frau in der sozialistischen Ideologie eine zentrale Rolle. So stieg der Anteil der berufstätigen Frauen in der DDR kontinuierlich und lag 1989 bei 91,3 Prozent, während zeitlich in der BRD nur 51 Prozent der Frauen berufstätig waren. Noch heute ist etwa der Anteil von Frauen in Führungspositionen in den ostdeutschen Bundesländern höher als im Westen des Landes.

Sinkende Nutzerinnenzahlen

Noch immer ist die Pille in Deutschland das beliebteste Verhütungsmittel. Die Zahl der Nutzerinnen ist allerdings besonders unter jungen Frauen rückläufig. Der Techniker Krankenkasse zufolge verhüteten 2013 noch 60 Prozent der dort versicherten Frauen zwischen 16 und 19 Jahren mit der Pille, während es 2018 nur noch 48 Prozent waren.

Heute werden verstärkt mögliche Nebenwirkungen von hormonellen Verhütungsmitteln diskutiert. Für Pillen der sogenannten dritten und vierten Generation, die später auf den Markt kamen und neu entwickelte Wirkstoffe enthalten, warnen Ärzte vor einem erhöhten Thromboserisiko. Studien deuteten zuletzt auch auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme der Pille und einem erhöhten Risiko für Depressionen und Suizide hin.

Kostenfaktor Verhütung

Geschätzt 214 Millionen Frauen in Entwicklungsländern hatten laut den Vereinten Nationen zuletzt keinen Zugang zu modernen Verhütungsmitteln. Auch in den USA sorgt der Zugang zu Verhütungsmitteln aktuell für Diskussionen – Arbeitgeber können dort nach einem jüngst vom Obersten Gericht gefällten Urteil aus religiösen Gründen ausschließen, dass die Krankenversicherung ihrer Angestellten die Kosten für Verhütungsmittel übernimmt. Den bis dato kostenlosen Zugang zu Verhütungsmitteln über die Krankenversicherungen von Angestellten hatte die Regierung von Präsident Barack Obama 2010 eingeführt.

In Deutschland bezahlen die Krankenkassen die Pille für Frauen unter 22 Jahren. Eine Studie im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wies nach, dass die Kosten insbesondere für Empfängerinnen von Sozialhilfe den Zugang zu Verhütungsmitteln erschweren. Bei dem Modellprojekt "biko" von Pro Familia und dem Familienministerium konnten Frauen mit geringem Einkommen rezeptpflichtige Verhütungsmittel kostenfrei erhalten. Den größten Bedarf nach kostenlosen Verhütungsmitteln zeigten dabei Frauen, die Hartz-IV beziehen, Geringverdienerinnen und Empfängerinnen von BAföG. Aktuell übernehmen jedoch nur manche Landkreise und Städte bei Empfängerinnen von Hartz-IV-Leistungen die Kosten für die Pille.

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