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14.12.2020

Vor 50 Jahren: Dezember-Aufstand in Polen

Am 14. Dezember 1970 begannen in Gdańsk Proteste gegen drastische Preiserhöhungen für Lebensmittel und andere wichtige Güter. Bald schon gingen auch in anderen polnischen Städten Tausende Menschen auf die Straße. Das kommunistische Regime schlug die Proteste blutig nieder.

Symbolbild vom Aufstand in Polen 1970: Demonstrierende tragen am 17. Dezember in Gdynia den Leichnam des 18-Jährigen Zbigniew Godlewski die Straße Świętojańska entlang.Symbolbild vom Aufstand in Polen 1970: Demonstrierende tragen am 17. Dezember in Gdynia den Leichnam des 18-Jährigen Zbigniew Godlewski die Straße Świętojańska entlang. Er wurde kurz zuvor bei der Niederschlagung der Proteste erschossen. Das Foto, aufgenommen von Edmund Pepliński, inspirierte Krzysztof Dowgiałło zu einer bekannten Ballade über den Vorfall. Darin gab er dem damals noch unbekannten Opfer den Namen "Janek Wiśniewski". (© picture-alliance, PAP, Edmund Peplinski)

Während der kommunistischen Herrschaft in Polen kam es immer wieder zu Aufständen gegen die Entscheidungen der herrschenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR). Einer dieser Proteste war der sogenannte Dezember-Aufstand von 1970 ("Grudzień 1970").

Vorgeschichte

Schon im Juni 1956 nahmen etwa 100.000 Menschen am Arbeiteraufstand von Poznań teil, den die PZPR blutig niederschlagen ließ. Dabei wurden 57 Menschen getötet[1]. Nachdem Władysław Gomułka am 21. Oktober 1956 zum neuen Parteichef gewählt wurde, leitete dieser im "Polnischen Oktober" einige vorsichtige Reformen ein, die unter anderem auf eine größere Unabhängigkeit von der Sowjetunion abzielten. Die damaligen Liberalisierungstendenzen in Polen gelten als eines der wichtigsten Vorereignisse für den Aufstand in Ungarn, der am 23. Oktober mit einer von den Entwicklungen in Polen inspirierten Demonstration begann.

Ende 1957 setzte in Polen mit dem Verbot der liberalen Zeitung "Po prostu" eine neuerliche Phase der Repression ein. Im März 1968 kam es zu Studentenunruhen, nachdem Wochen zuvor eine Inszenierung des Stückes "Dziady" (Totentanz) von Adam Mickiewicz am Warschauer Nationaltheater wegen antisowjetischer Tendenzen abgesetzt worden war. Im Zentrum der Proteste standen Forderungen nach Meinungsfreiheit und gesellschaftlicher Liberalisierung. Da einige Anführer der Studentenproteste aus jüdischen Familien kamen – so zum Beispiel der spätere Chefredakteur der Zeitung "Gazeta Wyborcza", Adam Michnik – nutzte die PZPR die Proteste für ihre über Jahre andauernde antisemitische Kampagne, in deren Folge über 20.000 Polinnen und Polen jüdischer Herkunft zur Emigration gezwungen wurden. Die antisemitische Propaganda diente der Regierung als Instrument, um antijüdische Vorurteile und Befindlichkeiten in der polnischen Gesellschaft auch gegen die Studentenproteste zu kanalisieren. Gomułka befürwortete auch die Niederschlagung des Prager Frühlings im gleichen Jahr.

Wirtschaftskrise Ende der 1960er-Jahre

Außenpolitisch konnte die Parteiführung mit der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags am 7. Dezember 1970 einen Erfolg verbuchen. Die innenpolitische und wirtschaftliche Lage in Polen hatte sich jedoch weiter verschlechtert. Zwei harte Winter hatten für Engpässe in der Nahrungsmittelversorgung gesorgt, besonders beim Fleisch. Das Agrarland Polen musste Lebensmittel für teure Devisen importieren.

Um der Krise entgegenzuwirken, leitete die PZPR Wirtschaftsreformen ein. So wurde beispielsweise das alte Lohnboni-System reformiert, das auf unrealistisch niedrigen Produktionszielen basierte. Eine andere Reform traf die Verbraucherpreise: Durch gezielte Veränderungen sollte der Konsum im Sinne der Planwirtschaft beeinflusst werden.

Bestimmte Güter wurden verbilligt, beispielsweise Fernsehgeräte und Waschmaschinen, andere jedoch am 12. Dezember 1970 drastisch im Preis erhöht. Mehl sollte um 16 Prozent teurer werden, Marmelade um 36,8 Prozent und Fleischwaren zwischen 17,8 und 19,1 Prozent. Zudem wurden – im beginnenden Winter – die Preise für Heizmittel wie Koks um ein Viertel erhöht. Da das Parteiregime schon mit Gegenwehr aus der Bevölkerung rechnete, wurden zeitgleich erhöhte Sicherheitsmaßnahmen angeordnet.

Die Preiserhöhungen trafen die Polen in der Vorweihnachtszeit, was die Empörung zusätzlich verstärkte. Zu den ersten Protesten kam es am darauffolgenden Montag, den 14. Dezember, auf der Lenin-Werft in Gdańsk (Danzig). Dort versammelten sich 3.000 Personen vor dem Verwaltungsgebäude des Werkes. In jenen Tagen begann auch das politische Engagement der Kranführerin Anna Walentynowicz, die bei den Protesten von 1980 wieder als Streikführerin in Erscheinung treten sollte.

Massaker in Gdynia

Am 15. Dezember griffen die Proteste auf verschiedene Städte der polnischen Ostseeküste über, so zum Beispiel Gdynia, Elbląg, Słupsk und Szczecin. Władysław Gomułka genehmigte den Einsatz von Schusswaffen, um die Aufstände niederzuschlagen. Es gab erste Todesopfer. Die blutigen Auseinandersetzungen erreichten am 17. Dezember in Gdynia ihren Höhepunkt: Dort feuerten Soldaten des polnischen Militärs und andere Sicherheitskräfte am frühen Morgen auf Arbeiter, die auf dem Weg vom Bahnhof zur besetzten Werft waren. Offiziellen Angaben zufolge wurden an dem Tag 18 Personen erschossen. Insgesamt kamen bei den Protesten im Dezember 1970 mindestens 45 Menschen ums Leben, mehr als 1.100 wurden verletzt.[2]

Nach Beginn der Aufstände verhängte die Regierung über die gesamte Küstenregion eine strikte Nachrichtensperre. Gomułka trat am 20. Dezember als Chef der PZPR zurück. Sein Nachfolger wurde Edward Gierek. Die Proteste flauten ab, entwickelten aber in den darauffolgenden Jahren eine enorme Symbolkraft im Kontext der Opposition gegen staatliche Unterdrückung: Sie galten als der Moment, in dem sich der Arbeiter- und-Bauern-Staat durch die Gewalt gegen Protestierende selbst diskreditierte. Das Gedenken an die Ereignisse war von offizieller Seite unerwünscht, Walentynowicz und andere hielten jedoch die Erinnerung wach.

Gedenken mit Symbolwert

Als fast zehn Jahre später an der Lenin-Werft jene Proteste aufflammten, die zur Gründung der Gewerkschaft Solidarność führten, war eine der Kernforderungen der Streikenden die Errichtung eines Denkmals für die Toten des Dezembers 1970. Es wurde im Dezember 1980 eingeweiht.

Im Jahr 1995 wurde Anklage gegen die noch lebenden Verantwortlichen für die Niederschlagung der Proteste von 1970 beim Bezirksgericht Gdańsk eingereicht, darunter auch der Vize-Premierminister Stanisław Kociołek und der damalige Verteidigungsminister Wojciech Jaruzelski. Die Verhandlung zog sich über 18 Jahre hin. Im Jahr 2013 wurden zwei Militärs zu Bewährungsstrafen verurteilt, Kociołek wurde freigesprochen.

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Fußnoten

1.
Mark Kramer führt in seinem APuZ-Aufsatz "Entstalinisierung und die Krisen im Ostblock" sogar 75 Tote an.
2.
Eine genaue Opferbilanz des Dezembers 1970 existiert bis heute nicht. Eine detaillierte Schilderung der Proteste in den einzelnen Städten lässt sich hier nachlesen.

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