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7.6.2021

Nach 20 Jahren: NATO-Truppenabzug aus Afghanistan

Nach fast zwei Jahrzehnten ziehen die NATO-Truppen aus Afghanistan ab. Damit endet der verlustreichste und teuerste Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr. Der Konflikt mit den islamistischen Taliban dauert in Afghanistan weiter an.

Materialcontainer und Fahrzeuge der Bundeswehr im Camp Marmal in Masar-i-Scharif.Materialcontainer und Fahrzeuge der Bundeswehr im Camp Marmal in Masar-i-Scharif. (© picture alliance / dpa | Thomas Rassloff)

Die NATO und ihre Partner werden Afghanistan nach rund 20 Jahren verlassen. Mitte April 2021 beschloss der NATO-Rat das Ende des Einsatzes am Hindukusch, kurz darauf begann das Militärbündnis mit dem Abzug der stationierten Truppen. Spätestens bis zum 11. September 2021, dem 20. Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon, sollen alle internationalen Truppen das Land verlassen haben. Derzeit zeichnet sich jedoch ein früherer Abzug ab.

Zuletzt waren im Rahmen der Mission "Resolute Support" rund 10.000 Soldatinnen und Soldaten aus 36 NATO-Mitgliedstaaten und Partnerländern in Afghanistan im Einsatz, darunter etwa 1.100 deutsche Soldatinnen und Soldaten. Die meisten davon sind im internationalen Feldlager in Masar-i-Scharif im Norden des Landes stationiert. Zur Sicherung des Abzugs ist die internationale Truppenstärke kurzfristig erhöht worden.

Verlustreichster Einsatz der Bundeswehr

Mit dem Abzug aus Afghanistan endet der verlustreichste und teuerste Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 waren internationale Truppen unter Führung der USA in Afghanistan einmarschiert, das unter dem islamistischen Taliban-Regime als Rückzugsort für an den Anschlägen beteiligte Terroristen diente. Im Rahmen der nachfolgenden internationalen Schutztruppe (ISAF, 2001 bis 2014) und der Mission "Resolute Support" (ab 2015) waren unter Führung der NATO zwischenzeitlich mehr als 5.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan stationiert, 59 verloren ihr Leben.

Zuletzt sollte die Bundeswehr unter anderem die Sicherheitskräfte der gewählten Regierung des Landes beraten und ausbilden sowie ihre afghanischen und internationalen Verbündeten bei der Luftaufklärung, der Versorgung von Verwundeten und dem Schutz von Objekten unterstützen. Dabei wurde sie auch in Gefechte verwickelt. Mehr als zwölf Milliarden Euro kostete der Afghanistaneinsatz von 2001 bis Ende 2020. Diese „einsatzbedingten Zusatzkosten“ enthalten weder die Gehälter der eingesetzten Soldatinnen und Soldaten noch die Kosten für die Beschaffung von auch für den normalen Bundeswehrbetrieb genutztem Material.

Kritische Bilanz des NATO-Einsatzes

Insgesamt starben seit 2001 über 3.500 Soldatinnen und Soldaten der NATO und ihrer Verbündeten in Afghanistan. Viele Beobachterinnen und Beobachter bewerten den internationalen Einsatz am Hindukusch als Fehlschlag und sehen die Strategie eines militärisch gestützten Aufbaus demokratischer Staatlichkeit als gescheitert an. Die afghanische Regierung von Präsident Aschraf Ghani ist zerstritten, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme belasten das Land schwer. Weite Teile der afghanischen Bevölkerung leben noch immer in Armut.

Die Taliban kontrollieren heute wieder erhebliche Teile Afghanistans. Die Sicherheitslage ist schlecht. Laut den Vereinten Nationen wurden allein in denersten drei Monaten dieses Jahres durch die verschiedenen Konfliktparteien 573 Zivilistinnen und Zivilisten getötet und mehr als 1.200 verletzt. Die UN erhebt diese Zahlen seit 2009. Seitdem sind über 39.000 Menschen aus der Zivilbevölkerung getötet und über 73.500 verletzt worden.

kurz erklärt

Unterschiedliche Schätzungen zu zivilen Opfern

Während die Zahl der gefallenen Soldatinnen und Soldaten der internationalen Truppen relativ genau bekannt ist, gibt es zu den zivilen Opfern im Afghanistankrieg nur Schätzungen.

Seit 2009 erhebt die UN-Mission für Afghanistan (United Nations Assistance Mission in Afghanistan, UNAMA) systematisch Zahlen zu zivilen Opfern des Krieges. Danach starben zwischen 2009 und Ende März 2021 über 39.000 afghanische Zivilistinnen und Zivilisten bei Kampfhandlungen.

Das Projekt Cost of War (Kosten des Krieges) des US-amerikanischen Watson Institute an der Brown University, das sich selbst als "überparteilich" bezeichnet, geht von mindestens 71.000 afghanischen und pakistanischen Zivilistinnen und Zivilisten aus, die seit Beginn des Afghanistankrieges 2001 bei Kampfhandlungen getötet wurden.

Die in der internationalen Friedensbewegung aktive Vereinigung Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (International Physicians for the Prevention of Nuclear War, IPPNW) schätzte 2015, dass von Oktober 2001 bis Ende 2011 zwischen 14.500 und 116.000 afghanische Zivilistinnen und Zivilisten bei Kampfhandlungen getötet wurden. IPPNW geht davon aus, dass die Zahl der im Krieg indirekt – durch Hunger, Flucht und Krankheit – getöteten Zivilistinnen und Zivilisten weitaus höher liegt.

Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung sieht eine Mitverantwortung der NATO für zivile Opfer in Afghanistan. Zwar seien nach Zahlen der UNAMA von 2009 bis 2014 regierungsfeindliche Kräfte für rund drei Viertel aller zivilen Todesopfer verantwortlich gewesen, doch rund zehn Prozent der toten afghanischen Zivilistinnen und Zivilisten seien in diesem Zeitraum durch afghanische und internationale Sicherheitskräfte ums Leben gekommen. Zudem habe die Kriegsführung der NATO einen Anstieg der zivilen Opferzahlen verursacht. Die NATO hatte sich in der Vergangenheit mehrfach öffentlich für zivile Opfer in Afghanistan entschuldigt.

Es gab in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Afghanistan auch positive Entwicklungen: Die Infrastruktur ist besser als noch vor zwei Jahrzehnten, in den von der Regierung kontrollierten Bereichen wurden Frauenrechte gestärkt, und in Teilen des Landes gibt es Medien, die relativ frei berichten. Da der Großteil der Städte vom afghanischen Militär und deren Verbündeten gehalten wird, dürfte zudem mehr als die Hälfte der Bevölkerung weiterhin in direkt oder indirekt durch die Regierung in Kabul kontrollierten Gebieten leben.

Warum sollen die internationalen Truppen abgezogen werden?

Im Februar 2020 hatte die US-Regierung unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump mit den Taliban einen Abzug aller US- und NATO-Truppen bis zum 1. Mai 2021 vereinbart. Im Gegenzug sollten die Taliban eine Phase der „Gewaltreduzierung“ einhalten und in Friedensgespräche mit der afghanischen Regierung eintreten. Kritisiert wurde, dass neben der afghanischen Regierung auch die politische Opposition und zivilgesellschaftliche Kräfte kaum in die getroffenen Vereinbarungen einbezogen wurden. Der neue US-Präsident Joe Biden verschob den Abzug nach seinem Amtsantritt Anfang 2021 aus logistischen Gründen um mehrere Monate, hielt an der Entscheidung, aus Afghanistan abzuziehen, jedoch fest.

Die US-Regierung begründet den Truppenabzug damit, dass das zentrale Ziel des Einsatzes erreicht worden sei und Afghanistan Terroristen nicht mehr als Zufluchtsort diene. Die internen Konflikte des Landes könnten dagegen nicht von ausländischen Streitkräften gelöst werden. Ohne eine Beteiligung der Vereinigten Staaten hatten auch die restlichen Staaten darunter Deutschland darauf verzichtet, den Militäreinsatz in Afghanistan bis zu einem möglichen Abschluss eines Friedensabkommens zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban fortzuführen.

Welche Auswirkungen hat der geplante Abzug?

Als Folge des 2020 ausgehandelten Abkommens hatten die USA und die Taliban ihre Kampfhandlungen zeitweise weitgehend eingestellt. Ausgenommen von der gegenseitigen Nichtangriffsvereinbarung waren die afghanischen Truppen. Dadurch verlagerten sich die Kämpfe tendenziell in die ländlichen Gebiete, immer wieder kam es dort zu Anschlägen und Kämpfen zwischen den Taliban und der afghanischen Armee. Nach der Ankündigung der USA, den Abzug nicht bereits zum 1. Mai zu vollziehen, kam es vermehrt zu Angriffen der Taliban auch in größeren Städten.

Das Risiko für Zivilistinnen und Zivilisten, die mit den NATO-Truppen zusammengearbeitet haben, steigt. Deutschland beschäftigte Anfang April 2021 noch 300 sogenannte afghanische Ortskräfte. Diese können bei persönlicher Bedrohung in Deutschland aufgenommen werden. Ein entsprechendes Verfahren existiert seit 2013.

Die seit September 2020 laufenden Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban in Doha kommen kaum voran. Beobachterinnen und Beobachter befürchten, dass durch den NATO-Truppenabzug ein Machtvakuum entsteht, dass die Taliban oder auch andere islamistische Kräfte für sich nutzen könnten. Ob das afghanische Militär in der Lage ist, die Taliban in Schach zu halten, ist umstritten. Zwar gelten Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Armee heute als besser als noch vor zehn Jahren, jedoch genießt die Regierung in großen Teilen des Landes wenig Rückhalt.

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