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Wachstum ohne Ende?

Wachstum ohne Ende? Die Tourismuswirtschaft im Wandel

Andreas Kagermeier

/ 15 Minuten zu lesen

Tourismus gilt als eine mögliche Leitökonomie des 21. Jahrhunderts. Die Entwicklung der Branche ist von stetem Wachstum geprägt, woran auch die Corona-Pandemie längerfristig nichts ändern wird. Erscheinungen des Overtourism erfordern jedoch ein Umdenken.

Tourismus gilt als eine der möglichen Leitökonomien des 21. Jahrhunderts. Das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend konstante Wachstum, die räumlich relativ breit gestreute Beschäftigungswirkung und die Beiträge zur regionalen Wertschöpfung – auch in peripheren ländlichen Räumen mit ansonsten geringen ökonomischen Wachstumsträgern – lassen den Tourismus an vielen Orten als möglichen Motor für die Regionalentwicklung erscheinen. Weltweit hängt etwa jeder zehnte Arbeitsplatz direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Die touristischen Aktivitäten tragen in etwa gleichem Umfang, nämlich mit einem Zehntel, auch zur globalen Wertschöpfung bei.

Gleichzeitig steht der Wirtschaftsbereich Tourismus intensiv im Blickpunkt der öffentlichen Diskussion. Dies gilt vor allem für den Beitrag des touristischen Flugverkehrs zum Klimawandel sowie – unter dem Schlagwort overtourism – für die Überlastungsphänomene an stark frequentierten Destinationen. Die negativen Folgen touristischer Erschließung sind bereits seit den 1970er Jahren Gegenstand der sogenannten Tourismuskritik: ökologische Schäden, insbesondere in sensiblen Schutzgebieten, werden dabei genauso thematisiert wie soziokulturelle Auswirkungen, vornehmlich in Ländern des Globalen Südens. Erhoffte positive ökonomische Effekte stehen somit oftmals im Kontrast zu befürchteten oder wahrgenommen negativen Wirkungen. Das Austarieren und Finden einer Balance im Sinne eines ökologisch und sozial verträglichen Tourismus, der gleichzeitig Arbeitsplätze schafft und Wertschöpfung generiert, ist seit Jahrzehnten eine Herausforderung für Tourismuswirtschaft, Tourismuspolitik und Tourismuswissenschaft.

Zum besseren Verständnis dieser Zusammenhänge werden im Folgenden zunächst einige Entwicklungslinien des globalen Wirtschaftszweigs Tourismus skizziert. Anschließend geht es um regionalökonomische Effekte und aktuelle Strukturdaten in Deutschland, ehe im dritten Teil auf die Übertourismus-Diskussion eingegangen wird. Den Abschluss bilden einige Reflexionen zu tourismuspolitischen Ansätzen zum Umgang mit dem Wachstumsdruck.

Weltweite Entwicklung

Voraussetzung für touristische Aktivitäten ist einerseits Freizeit – dass also zeitliche Ressourcen zur Verfügung stehen, die nicht zur Sicherung des Lebensunterhalts aufgewendet werden müssen –, andererseits bedarf es ebenso frei disponibler finanzieller Mittel. Touristische Aktivitäten gab es in begrenztem Umfang bereits in der Antike, in der Neuzeit galten sie als Privileg der Adeligen. Auf breiterer Ebene ist die Entwicklung des Tourismus eng verbunden mit der technischen Entwicklung von Fortbewegungsmitteln seit der Industrialisierung sowie der allgemeinen Wohlstandsvermehrung vor dem Zweiten Weltkrieg. Als Massenphänomen hat der Tourismus indes erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts richtig an Fahrt aufgenommen. Die Möglichkeit, touristisch zu reisen, beschränkte sich dabei lange Zeit vor allem auf die Industrieländer des Globalen Nordens.

Abbildung 1: Entwicklung der internationalen Ankünfte und Einnahmen aus dem internationalen Tourismus zwischen 1950 und 2020 (© UNWTO, Yearbook of Tourism Statistics, Madrid div. Jahrgänge)

Das globale Wachstum im Tourismus lässt sich anhand der Daten der Weltorganisation für Tourismus der Vereinten Nationen (UNWTO) gut nachvollziehen: So haben sich die internationalen Ankünfte von Reisenden zwischen 1950 und Ende der 1970er Jahre von 25 Millionen auf 250 Millionen verzehnfacht (Abbildung 1). "Internationale Ankünfte" heißt dabei, dass nur über Grenzen Reisende erfasst werden, Reisen im jeweils eigenen Land bleiben in der UNWTO-Statistik unberücksichtigt. In den nächsten rund 30 Jahren bis 2011 erfolgte eine weitere Vervierfachung auf dann eine Milliarde Ankünfte, wobei es krisenbedingt – etwa durch die Ölkrisen der 1970er Jahre, den Golfkrieg 1990/91, die Anschläge vom 11. September 2001 oder die Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008 – auch immer wieder Schwankungen im allgemeinen Wachstumstrend gab. Das starke Wachstum hielt auch im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends an, mit einer weiteren Delle 2015, die auf diverse Terroranschläge und den Ausbruch des Mers-Virus in Südostasien zurückzuführen ist, sodass 2019 knapp 1,5 Milliarden internationale Ankünfte registriert wurden.

Europa ist dabei nach wie vor der größte Zielmarkt des internationalen Tourismus. Trotz der Zunahme von Fernreisen in den vergangenen Jahrzehnten entfallen mehr als die Hälfte der internationalen Ankünfte auf europäische Destinationen, während etwa in Afrika nur 5 Prozent der internationalen Ankünfte registriert wurden. Zugleich ist Europa auch der größte Quellmarkt: Zwar hat die Reisetätigkeit aus China, Indien oder den Golfstaaten zugenommen, aber noch immer stammt knapp die Hälfte der international Reisenden aus Europa.

Die Sondersituation der Corona-Pandemie mit Grenzschließungen und strengen Reiseauflagen hat 2020 allerdings zu einem dramatischen Einbruch geführt: Bei den internationalen Reisen gingen die Ankünfte weltweit um 73 Prozent zurück, die Einnahmen sanken um 64 Prozent. In Deutschland betrug der Rückgang von Gästen aus dem Ausland im Vergleich zum Vorjahr knapp 70 Prozent, während die Ankünfte von inländischen Gästen um "nur" 43 Prozent zurückgingen, da zwar insgesamt weniger gereist wurde, gleichzeitig aber ein höherer Anteil der Urlaube im eigenen Land verbracht wurde. Auch wenn es nach über eineinhalb Jahren Pandemie kaum möglich ist, belastbare Prognosen für die künftige Entwicklung abzugeben, spricht die ungebrochene "Reiselust" bei Privatreisen dafür, dass auch die Corona-Krise nur eine Delle im größeren Trend sein wird – wenn auch eine sehr viel gravierendere als vorherige. Lediglich für den Geschäftsreisetourismus, der in Deutschland etwa ein Fünftel der touristischen Wertschöpfung ausmacht, kann davon ausgegangen werden, dass digitale Möglichkeiten für Besprechungen etwa ein Viertel der früheren Geschäftsreisen langfristig ersetzen dürften. Anzeichen dafür, dass allein durch die Pandemie das Wachstum dauerhaft gebrochen wird, sind aktuell nicht erkennbar.

Volkswirtschaftliche Effekte in Deutschland

Die Ankunfts- beziehungsweise Übernachtungszahlen der öffentlichen Statistiken sind nur einer von mehreren Indikatoren für die volkswirtschaftliche Bedeutung der Tourismusbranche. Die genauen ökonomischen Effekte des Tourismus sind aus mehreren Gründen nicht so leicht fassbar wie zum Beispiel die Umsätze in der Automobilindustrie. Dies liegt zum einen daran, dass die Ausgaben für Übernachtungen oder Flüge, die noch relativ einfach auswärtigen Besucher:innen zuzuordnen sind, den kleineren Teil der touristischen Ausgaben ausmachen – bei ausländischen Übernachtungsgästen in Deutschland nur etwa ein Viertel. Der größere Teil der Ausgaben entfällt auf die Gastronomie, den lokalen und regionalen Transport, diverse Dienstleistungen, Eintritte für Museen und kulturelle Veranstaltungen sowie auf Einkäufe. Da zum Beispiel bei Tankstellen und vielen anderen Geschäften nicht differenzierbar ist, ob Einnahmen auf Einwohner:innen oder Besucher:innen zurückgehen, lassen sich die touristisch motivierten Ausgaben nur schwer abschätzen. Zum anderen werden bei mehrtägigen Reisen zwar die Ankünfte beziehungsweise Übernachtungen erfasst, der große Bereich des Tagestourismus bleibt in der amtlichen Statistik aber unberücksichtigt. Gleiches gilt für den ebenfalls nicht kleinen Bereich der privaten Übernachtungen. Schätzungen für deutsche Großstädte wie Berlin und München ergaben, dass neben den registrierten Übernachtungen in gewerblichen Betrieben etwa genauso viele unregistriert bei Privatbesuchen stattfinden. Auch der Graubereich der sogenannten Sharing Economy, der sich in den vergangenen Jahren über Plattformen wie Airbnb stark ausgeweitet hat, wird nur partiell in der amtlichen Statistik abgebildet.

Um die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus ermessen zu können, werden immer wieder Modellberechnungen erstellt. Für die Bundesrepublik Deutschland wurde vor einigen Jahren in einer vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Studie geschätzt, dass sich die gesamten Konsumausgaben der touristischen Besucher:innen 2010 auf 278,3 Milliarden Euro beliefen. Die Herstellung der von Tourist:innen in Deutschland nachgefragten Güter und Dienstleistungen löste demnach eine Bruttowertschöpfung von 97 Milliarden Euro aus, was einem direkten Anteil von 4,4 Prozent an der gesamten volkswirtschaftlichen Wertschöpfung entspricht. Zählt man die indirekten Effekte hinzu, beträgt der Anteil sogar 9,7 Prozent. Der unmittelbare Beitrag des Wirtschaftsfaktors Tourismus an der Bruttowertschöpfung ist somit vergleichbar mit dem des Baugewerbes und liegt über dem der Automobilindustrie und der Finanzwirtschaft.

Derselben Studie zufolge entfallen von der Wertschöpfung etwa vier Fünftel auf den freizeitorientierten Tourismus, also Privatreisen, wohingegen der Geschäftsreisetourismus nur etwa ein Fünftel ausmacht. Bei den Privatreisen im Binnentourismus beläuft sich der Anteil des – in der offiziellen Übernachtungsstatistik ja überhaupt nicht erfassten – Tagestourismus an den Ausgaben auf etwa 60 Prozent. Ausländische Tourist:innen tragen zu etwa einem Siebtel zu den tourismusbedingten Umsätzen bei. Etwa ein Viertel der Wertschöpfung wird in Bereichen erwirtschaftet, die nicht primär auf den Tourismus ausgerichtet sind, nämlich im Einzelhandel und bei sonstigen Dienstleistungen. Allein die direkte Beschäftigungswirkung der 2,9 Millionen dem Tourismus zuzuordnenden Beschäftigten in Deutschland entspricht einem Anteil von 7 Prozent der Erwerbstätigen. Insgesamt entspricht die volkswirtschaftliche Bedeutung des Wirtschaftsbereiches Tourismus in Deutschland damit in etwa dem globalen Durchschnitt.

Nachfrage in Deutschland

Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus ist jedoch nicht in jeder Region in Deutschland dieselbe. Vielmehr hängt sie im Wesentlichen von der touristischen Attraktivität ab – sei es für den freizeitorientierten Urlaubstourismus oder den Geschäftsreisetourismus, sei es für Inländer:innen oder Ausländer:innen. Auch hierfür soll mangels anderer regional differenzierter Angaben wieder ein Hilfsindikator herangezogen werden: Die Zahl der Übernachtungen bezogen auf die Einwohner:innen in einer Destination, das heißt die sogenannte Tourismusintensität.

Karte 1: Tourismusintensität in Deutschland 2019 (© Datengrundlage: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2020)

Auf Karte 1 ist die Tourismusintensität für die deutschen Reisegebiete im Jahr 2019 dargestellt. Darin wird deutlich, dass ländliche Räume abseits der Ballungsräume in vielen Fällen eine relativ hohe Tourismusintensität aufweisen. Neben der Nord- und Ostseeküste sowie dem Alpenvorland gilt dies insbesondere für viele Mittelgebirgsregionen: Vom Bayerischen Wald über den Schwarzwald, den Hunsrück, die Eifel, die Rhön, den Thüringer Wald, den Frankenwald, die Sächsische Schweiz bis hin zum Harz und dem Sauerland zeichnen sich die ländlich geprägten Mittelgebirgsregionen durch eine überproportionale Tourismusintensität aus. Aber auch andere landschaftlich attraktive ländliche Räume wie das Altmühltal, das fränkische Seenland, die Mosel, das Weserbergland oder die Lüneburger Heide und die Mecklenburgische Seenplatte weisen eine besondere touristische Nachfrage auf.

Schwerpunkte der Tourismuswirtschaft liegen somit vielfach im ländlichen Raum. Dieser profitiert oftmals nicht nur durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, die in peripheren Lagen ansonsten spärlicher verfügbar sind als in (groß-)städtischen Kontexten, sondern auch von den Besucher:innen selbst: Manche Angebote überschreiten erst durch die touristische Nachfrage die sogenannte Tragfähigkeitsschwelle. Während in großstädtischen Kontexten zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr, Kultur- oder Freizeitmöglichkeiten allein aufgrund der Binnennachfrage der Einwohner:innen angeboten werden können, ist es im dünner besiedelten ländlichen Raum oftmals so, dass die Binnennachfrage für einen tragfähigen Betrieb nicht ausreicht. Angebote, die durch die zusätzliche touristische Nachfrage entstehen, können auch die Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung verbessern.

Karte 2: Gästeübernachtungen in Deutschland 2019 (© mr-kartographie, Gotha 2021)

Betrachtet man hingegen das absolute Volumen der touristischen Nachfrage in Deutschland, zeigt sich, dass die Großstädte bevorzugte Reiseziele sind (Karte 2). Die meisten Übernachtungen verzeichnen Berlin, München und Hamburg, weitere Schwerpunkte liegen in Frankfurt am Main, Köln und Düsseldorf. Die Nachfragekonzentration in den Großstädten liegt zum einen an dem dort meist höheren Anteil von Geschäftsreisenden, zum anderen zieht es viele ausländische Privatreisende eher in die größeren Städte.

Demgegenüber können viele der ländlich geprägten Destinationen – insbesondere in den östlichen Bundesländern sowie an Nord- und Ostsee – nur relativ wenige ausländische Tourist:innen ansprechen. Das touristische Angebot im ländlichen Raum, zum Beispiel für den Fahrrad- und Wandertourismus, zieht in Deutschland vorwiegend einheimische Gäste an. Eine für ländliche Regionen überproportionale Anziehungskraft auch für ausländische Gäste haben lediglich die Eifel, die Mosel und der Rhein in Rheinland-Pfalz, das Sauerland, der Schwarzwald sowie partiell der Alpenvorraum. Dabei profitieren die Destinationen in Rheinland-Pfalz und im Sauerland von der Nähe zu den Niederlanden und Belgien, woher sie die meisten ausländischen Gäste verzeichnen.

Etwas verkürzt kann festgehalten werden: Sogenannter incoming tourism, also von Reisenden aus dem Ausland, ist in Deutschland zum überwiegenden Teil Städtetourismus. Sein Anteil ist in den vergangenen Jahren merklich gewachsen: Mitte der 1990er Jahre lag er in gewerblichen Übernachtungseinrichtungen noch bei etwa 15 Prozent. Bis 2019 konnte der Anteil ausländischer Gäste auf rund 21 Prozent gesteigert werden. Dies ist ein Anzeichen dafür, dass sich Deutschland in den zurückliegenden drei Jahrzehnten im internationalen touristischen Wettbewerb erfolgreich positionieren konnte, was unter anderem auf vermehrte Anstrengungen in diesem Wirtschaftssektor zurückzuführen ist. Ein Teil der durch die partielle Deindustrialisierung verlorengehenden Arbeitsplätze wird durch neue Arbeitsmöglichkeiten im Tourismus kompensiert.

Auch hier kann etwas holzschnittartig festgehalten werden: Während die Deutschen in den Jahren des "Wirtschaftswunders" Devisen durch Industrieprodukte erlösten und diese als "Reiseweltmeister" im Ausland ausgeben konnten, werden die nächsten Jahrzehnte sicherlich auch dadurch gekennzeichnet sein, dass der incoming tourism zunehmend zur Handelsbilanz beitragen wird, um wegfallende Industriegüterexporte und zunehmende Importe zu kompensieren.

Städtetourismus: Motor des Wachstums

Seit den 1990er Jahren ist ein regelrechter Boom des Städtetourismus zu konstatieren. Insbesondere die Großstädte können deutlich wachsende Besuchszahlen verzeichnen. Dabei steht hinter der dynamischen Entwicklung ein sich veränderndes Reiseverhalten: Der Städtetourismus profitiert in starkem Maß vom Trend, dass neben dem Hauptjahresurlaub vermehrt (kürzere) Zweit- und Drittreisen unternommen werden. Rahmenbedingungen für diesen Trend sind soziodemografische Entwicklungen wie der wachsende Anteil von Ein- und Zweipersonenhaushalten ohne Kinder, das Anwachsen der Altersgruppe der Über-50-Jährigen sowie mehr frei verfügbares Einkommen in einem signifikanten Teil der Bevölkerung.

Abbildung 2: Indexentwicklung der Übernachtungszahlen in Deutschland insgesamt, in allen Großstädten sowie in Berlin, München und Hamburg (© Statistisches Bundesamt, Tourismus in Zahlen 2019, Wiesbaden 2020 sowie www.destatis.de)

Die dynamische Entwicklung des Städtetourismus wird besonders deutlich, wenn die Übernachtungszahlen in Großstädten (Städte mit über 100.000 Einwohner:innen) den Übernachtungszahlen in Deutschland insgesamt gegenübergestellt werden (Abbildung 2). Die Übernachtungen in Deutschland haben seit 1995 um gut 50 Prozent zugenommen; demgegenüber verzeichneten die Großstädte fast eine Verdreifachung der Übernachtungszahlen. Dieses Wachstum wird insbesondere von den großen Metropolen getragen. Berlin etwa erfuhr in den zurückliegenden 25 Jahren bei den Übernachtungen einen Anstieg auf das Viereinhalbfache – eine Entwicklung, die fast als disruptiv zu charakterisieren ist. Auch in Hamburg lag der Anstieg auf das Dreieinhalbfache noch leicht über dem Durchschnitt der deutschen Großstädte. Lediglich München – eine traditionelle städtetouristische Destination, die schon immer hohe Zahlen aufwies – hat eine Zunahme zu verzeichnen, die in etwa im Mittel aller deutschen Großstädte liegt. Die robuste Dynamik im freizeitorientierten Städtetourismus spricht jedenfalls dafür, dass die infolge der Corona-Pandemie zu erwartenden dauerhaften Rückgänge im Geschäftsreiseverkehr mittelfristig durch privat reisende Städtetourist:innen ausgeglichen werden können.

Wenn die Stimmung kippt: Overtourism

Abbildung 3: Tourismusintensität in Dubrovnik, Venedig und Barcelona sowie Berlin, München und Hamburg, Übernachtungen pro 100 Einwohner:innen 2019 (© Andreas Kagermeier, Overtourism, Tübingen 2021, S. 5.)

Gerade in den Städten, die in den vergangenen Jahren von einer gravierenden Zunahme der Besuchszahlen gekennzeichnet sind, manifestieren sich seit einigen Jahren zunehmend Unmutsäußerungen der lokalen Bevölkerung gegen die touristische Überprägung ihrer Lebensumwelt. Dieser "Aufstand der Bereisten" wird meist unter dem Schlagwort overtourism geführt. Die Diskussion hat sich dabei ursprünglich vor allem an den drei Kreuzfahrtdestinationen Barcelona, Dubrovnik und Venedig entzündet. Gruppen von Kreuzfahrttourist:innen fallen aufgrund ihres räumlich und zeitlich konzentrierten Auftretens besonders stark auf und führen in engen historischen Altstädten zu massiven Überlastungen (crowding). Die klare Überschreitung der physischen Belastungsgrenzen lässt sich in Venedig und Dubrovnik auch am Indikator der Tourismusintensität ablesen (Abbildung 3).

Artikulationen gegen als "zu viele" empfundene Besucher:innen gibt es aber inzwischen auch in Städten, in denen noch kein crowding zu beobachten ist. Zudem wird bei vergleichbarer Tourismusintensität die subjektive Tragfähigkeit teilweise unterschiedlich eingestuft. So errechnet sich für die drei größten deutschen städtetouristischen Destinationen Berlin, München und Hamburg eine ähnliche Tourismusintensität von etwa 1.000 Übernachtungen pro 100 Einwohner:innen. Während es in Berlin bereits 2011 unter dem Slogan "Hilfe, die Touristen kommen" zu ersten deutlichen Unmutsbekundungen kam, sind solche bislang in München so gut wie nicht und in Hamburg nur sehr eingeschränkt zu beobachten. Umgekehrt bedeutet dies, dass es schlicht keine klare objektive Grenze der Tourismusintensität gibt, ab der die Stimmung in einer Stadtbevölkerung kippt.

Damit rückt die subjektiv empfundene carrying capacity in den Vordergrund, also die wahrgenommene Tragfähigkeit für Tourismus, der von der lokalen Bevölkerung akzeptiert wird. Diese ist ein multidimensionales Konstrukt, das nicht einfach anhand von objektiv messbaren Besuchszahlen zu fassen ist. Untersuchungen zu München legen nahe, dass neben der Art der Tourist:innen die Geschwindigkeit der Veränderung für die subjektive Wahrnehmung der Bewohner:innen eine Rolle spielt. So werden Partytourist:innen, die vor allem in Berlin in großer Zahl vertreten sind, stärker als irritierend empfunden als kulturorientierte Städtetourist:innen, die in München dominieren. Im Unterschied zu Berlin, in dem nach der deutschen Vereinigung und der Wiedererlangung der Hauptstadtfunktion ein sprunghafter Anstieg der Besuchszahlen zu verzeichnen war, ist München in den vergangenen Jahrzehnten als städtetouristische Destination kontinuierlich gewachsen, sodass ein gewisser Lern- beziehungsweise Gewöhnungseffekt bei der Bevölkerung angenommen werden kann.

Aber auch die Befindlichkeit der gesamten Stadtgesellschaft scheint eine wichtige Rolle zu spielen – ob sie also eher in sich ruhend und relativ stabil oder von signifikanten Transformationen, Spannungen und Friktionen gekennzeichnet ist. Ebenso dürfte dem Erhalt von Rückzugsräumen für die lokale Bevölkerung, insbesondere in den Wohnquartieren, eine besondere Bedeutung für die Herausbildung oder Aufrechterhaltung einer gewissen Resilienz gegenüber größeren Besuchszahlen zukommen. Dieser Aspekt ist in den vergangenen Jahren durch die zunehmenden Übernachtungsangebote durch Plattformen wie Airbnb verstärkt in den Blickpunkt geraten. Die Nachfrage nach Übernachtungsoptionen der Sharing Economy steht gleichzeitig auch in Beziehung mit der zunehmenden Bedeutung des new urban tourism, bei dem sich die Besucher:innen bewusst außerhalb der "Touristenblase" beziehungsweise off the beaten track bewegen. Damit begegnen Tourist:innen der Wohnbevölkerung nicht mehr nur im öffentlichen innerstädtischen Raum, sondern bisweilen auch im privaten Wohnumfeld. Neben manchen nächtlichen Lärmbelästigungen kann auch dies bei den in den Quartieren wohnenden Bewohner:innen zu Irritationen führen.

Perspektiven für tourismusorientierte Managementansätze

Als Reaktion auf Proteste gegen overtourism ist in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von – teilweise etwas hektisch anmutenden – Steuerungs- und Limitierungsansätzen erprobt worden. Diese Ansätze erscheinen jedoch nur sehr eingeschränkt geeignet, die Akzeptanz von Besucher:innen bei der lokalen Bevölkerung dauerhaft zu erhöhen. Es ist schlicht zu spät, wenn erst reagiert wird, wenn die Stimmung bereits gekippt ist und sich in Protesten manifestiert. Zugleich ist ein flächendeckendes "Demarketing" – also Maßnahmen, um die touristische Nachfrage gezielt zu verringern – nach wie vor nicht erkennbar.

Um ein Umkippen der Stimmung in Stadtgesellschaften proaktiv zu vermeiden, dürfte eine intensive Fokussierung auf die Beteiligung der Bevölkerung sowie ein Ernstnehmen von ersten subjektiven Unwohlgefühlen notwendig sein. Damit müsste auch die Rolle der sogenannten Destinationsmanagementorganisationen (DMO) neu definiert werden. DMO sind privatrechtliche oder öffentlich-rechtliche Einrichtungen, die in Reisegebieten für Management und Marketing zuständig sind – zum Beispiel Landestourismusverbände oder Stadtmarketingagenturen. Diese verstehen sich bislang vor allem als dem quantitativen Wachstum verpflichtete Akteure, deren Handeln in erster Linie auf die Ansprache von potenziellen Besucher:innen orientiert ist. Zukünftig müsste in mindestens gleichem Maß darauf abgestellt werden, als Mediator mit Blick auf die lokalen Akteure zu fungieren. Damit wäre ein zentraler Paradigmenwechsel von touristischer Governance verbunden. Dabei sollte – mit dem Ziel der Förderung von Resilienz – nicht nur sektoral auf das Tourismusgeschehen und dessen Folgen geachtet werden, sondern es gilt, die gesamte Stadtgesellschaft mit all ihren Herausforderungen und Spannungen einzubeziehen.

Bislang sind allerdings kaum Anzeichen dafür erkennbar, dass die unfreiwillige "Atempause" infolge der Corona-Pandemie von den relevanten Akteuren in der Tourismuspolitik und im Destinationsmanagement genutzt worden wäre, um einen solchen Paradigmenwechsel – weg von der ökonomisch getriebenen Wachstumsorientierung hin zu einer holistischen Herangehensweise – einzuleiten. Tourismus als Teil des gesamtgesellschaftlichen Systems zu verstehen und gleichberechtigt auch soziale und ökologische Dimensionen zu berücksichtigen, wird damit auch nach Corona ein Desiderat beziehungsweise eine tourismuspolitische Herausforderung bleiben.

Da keine Anzeichen dafür erkennbar sind, dass sich die Wachstumsdynamik im Tourismus aufgrund nachlassender Nachfrage von selbst abschwächt, scheinen politische Steuerungsmaßnahmen des Gesetzgebers notwendig. Letztendlich dürften sich diese aber nicht auf den Tourismus beschränken, sondern müssten wohl auch eingebettet sein in einen grundsätzlicheren Politikwandel: weg von hierarchisch ausgerichteten Steuerungsansätzen und hin zu einer stärker kooperativ ausgerichteten Governance, wie sie für regionale Entwicklungsansätze bereits seit vielen Jahren diskutiert wird.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. World Tourism Organization (UNWTO), Tourism Highlights. 2016 Edition, Madrid 2016, S. 3.

  2. Vgl. etwa Andreas Kagermeier, Tourismus in Wirtschaft, Gesellschaft, Raum und Umwelt. Einführung, Tübingen 20202, S. 28ff.

  3. Vgl. UNWTO, Yearbook of Tourism Statistics, Madrid div. Jahrgänge.

  4. Vgl. UNWTO Global Tourism Dashboard, 4.10.2021, Externer Link: http://www.unwto.org/country-profile-inbound-tourism.

  5. Vgl. UNWTO, International Tourism Highlights, 2019 Edition, Madrid 2019, S. 15.

  6. Vgl. Statistisches Bundesamt, Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Deutschland, Jahre, Wohnsitz der Gäste, Stand: 5.11.2021, www-genesis.destatis.de.

  7. Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) (Hrsg.), Wirtschaftsfaktor Tourismus Deutschland. Kennzahlen einer umsatzstarken Querschnittsbranche, Langfassung, Berlin 2012, S. 34f.

  8. Vgl. Berlin Tourismus & Kongress GmbH, Wirtschaftsfaktor 2016 für Berlin, Berlin 2017, S. 8; Landeshauptstadt München, Tourismus. Jahresbericht 2011, München 2012, S. 9.

  9. Vgl. BMWi (Anm. 7), S. 4.

  10. Vgl. ebd.

  11. Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 6).

  12. Genauer bei Kagermeier (Anm. 2), S. 224ff.

  13. Vgl. Kreuzberger protestieren gegen "Touristifizierung", 1.3.2011, Externer Link: http://www.spiegel.de/a-748314.html; Sabine Buchwald, Schaut auf diese Stadt. Jedes Jahr ein Besucherrekord und Tausende neue Hotelbetten: Der Tourismus in München boomt, doch von Auswüchsen wie in Venedig oder Barcelona ist hier noch wenig zu spüren, in: Süddeutsche Zeitung, 13.4.2019, S. 37; Albert Postma/Dirk Schmücker, Understanding and Overcoming Negative Impacts of Tourism in City Destinations: Conceptual Model and Strategic Framework, in: Journal of Tourism Futures 2/2017, S. 144–156.

  14. Vgl. Andreas Kagermeier/Eva Erdmenger, Overtourism: Ein Beitrag für eine sozialwissenschaftlich basierte Fundierung und Differenzierung der Diskussion, in: Zeitschrift für Tourismuswissenschaft 1/2019, S. 65–98.

  15. Vgl. Natalie Stors/Andreas Kagermeier, Crossing the Border of the Tourist Bubble: Touristification in Copenhagen, in: Tatjana Thimm (Hrsg.), Tourismus und Grenzen, Mannheim 2013, S. 115–131.

  16. Vgl. z.B. UNWTO (Hrsg.), Overtourism? Understanding and Managing Urban Tourism Growth beyond Perceptions, Madrid 2018.

  17. Genauer bei Andreas Kagermeier, Overtourism, Tübingen 2021, S. 183ff.

  18. Vgl. z.B. Dietrich Fürst/Jörg Knieling, Innovation und Konsens – ein Widerspruch? Lösungsstrategien für die Regionalentwicklung, in: Raumforschung und Raumordnung 4–5/2004, S. 280–289.

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Weitere Inhalte

ist Professor für Freizeit- und Tourismusgeographie an der Universität Trier.
E-Mail Link: andreas@kagermeier.de