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Wie gendern die anderen?

Wie gendern die anderen? Diskurse über geschlechtersensible Sprache in Spanien, Brasilien und Frankreich

Kristina Bedijs Bettina Kluge Dinah K. Leschzyk

/ 15 Minuten zu lesen

Wie wird in Spanien, Brasilien und Frankreich über geschlechtersensible Sprache debattiert? Die Beispiele zeigen, dass nicht die jeweilige Sprachstruktur entscheidend ist, sondern politische Gegebenheiten und Haltungen.

In der Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen geschlechtersensibler Sprache wird oft auf Gegebenheiten in anderen Sprachen verwiesen: Die deutsche Sprache sehe historisch für das Sprechen über Menschen nur zwei Geschlechter vor, und dies im Sinne geschlechtlicher Vielfalt aufzubrechen, sei schwierig bis unmöglich. Im Englischen sei das leichter, da gebe es diese grammatikalische Unterscheidung von Geschlecht nicht – teacher ist teacher, egal ob Mann, Frau oder nonbinär. Die meisten romanischen Sprachen wiederum, die praktisch alle Substantive als männlich oder weiblich markieren, hätten strukturell keine Möglichkeit vielfältiger Geschlechterrepräsentation. Die Frage ist: Ist das wirklich so?

Der "Language Index of Grammatical Gender Dimensions" unterteilt Sprachen nach ihrer strukturellen Verankerung von Geschlecht in fünf Stufen: von Sprachen ganz ohne Geschlechtsmarkierung über Sprachen, die nur Lebewesen ein Genus zuweisen, bis hin zu Sprachen, in denen alle Substantive ein Genus haben, welches bei Lebewesen oft mit dem natürlichen Geschlecht korreliert. Zu den Sprachen mit der stärksten Geschlechtsverankerung gehören Deutsch sowie die romanischen Sprachen. In diesem Beitrag betrachten wir beispielhaft das Französische, Spanische und Portugiesische genauer.

Spanien: Ni unx menos

Graffito an der Kathedrale von Córdoba, Spanien. (© Bettina Kluge)

An der Kathedrale von Córdoba prangte im November 2018 ein Graffito mit der Parole der Protestbewegung gegen Gewalt an Frauen: Ni una menos – nicht eine weniger (Abbildung). Doch offenbar hatte eine zweite Person erst nachträglich das A in una über ein X gepinselt, um das geschlechtsneutrale unx zu ersetzen. Die ursprüngliche Form hatte den Blick darauf gelenkt, dass nicht nur Menschen, die als weiblich gelesen werden, in Gefahr sind, Opfer von Gewalttaten zu werden, sondern auch jene, deren Geschlechtsidentität außerhalb des binären Spektrums männlich/weiblich liegt. Diese kleine Begebenheit veranschaulicht, dass geschlechtersensible Sprache auch im Spanischen ein Thema ist.

Das Spanische kennt verschiedene Möglichkeiten, geschlechtersensibel zu formulieren. Neben dem Ausdruck lenguaje no-sexista (nicht-sexistische Sprache) hat sich inzwischen die Bezeichnung lenguaje inclusivo durchgesetzt: Ziel ist eine Sprache, die niemanden diskriminiert. Das Spanische unterscheidet grammatikalisch zwischen männlich und weiblich; sehr häufig angezeigt durch die Endung -o beziehungsweise -a und den jeweiligen Artikel (el ministro, la ministra – der Minister, die Ministerin). Einige Personenbezeichnungen werden mit der Endung -nte gebildet (el presidente, el cantante – der Präsident, der Sänger), wenige enden auch auf -l (el general – der General), auf -a (el/la terapeuta – der Therapeut, die Therapeutin) und einige auf anderen Konsonanten oder Vokalen (el/la gurú – der männliche/weibliche Guru).

Mit der zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen wurde die Suche nach weiblichen Berufsbezeichnungen ab den 1960er Jahren drängender, insbesondere mit der gesellschaftlichen Liberalisierung nach dem Tod des Diktators Francisco Franco 1975. Erste Lösungen wie la mujer piloto, una mujer ingeniero (die Frau Pilot, eine Frau Ingenieur) stellten Frauen, die diese Berufe ausübten, allerdings als Ausnahmen dar; auch durch ihre Länge wurde diese Form von der Sprachgemeinschaft nicht akzeptiert. Stattdessen kam es zu einer Angleichung des Artikels (la piloto, la ingeniero), später dann auch der Wortendung (la pilota, la ingeniera). Solche Angleichungen sind in den spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas tendenziell verbreiteter als in Spanien. Eine weitere Möglichkeit, männliche wie weibliche Personen anzusprechen, bieten Doppelnennungen (ministros y ministras), die auch andere Sprachen mit grammatikalischem Geschlecht kennen. Bei einigen Paarformeln zeigt einzig der Artikel an, dass beide Geschlechter gemeint sind, zum Beispiel los y las responsables (die – männlichen und weiblichen – Verantwortlichen).

Wie das Graffito an der Kathedrale von Córdoba zeigt, versuchen Spanischsprechende allerdings auch, tatsächlich "genderneutrale" Lösungen zu finden. In den 1990er Jahren kam dafür das @-Zeichen auf, das als von einem o umschlossenes a interpretiert wurde, zum Beispiel l@s bomber@s (die Feuerwehrleute). Während diese Form noch binär gedacht ist, sollen zwei neuere Vorschläge explizit auch genderfluide, nonbinäre Menschen bezeichnen. Die Verwendung von -x (wie in unx) legt nahe, dass das einer Person zugeschriebene Geschlecht im konkreten Kontext keine Rolle spielt und "ausgestrichen" werden kann. Jedoch ist unx schwer auszusprechen und insofern eher eine schriftliche Lösung. Mündlich besser realisierbar ist die Endung -e statt -o und -a, zum Beispiel les bomberes, les ministres. Während -x eher eine spanische Lösung ist, kommt -e in einigen lateinamerikanischen Ländern häufiger vor. Unter Studierenden ist es offenbar weit verbreitet, aber auch Politiker*innen verwenden es, etwa der argentinische Präsident Alberto Fernández und Elisa Loncón, bis Anfang 2022 die Präsidentin der chilenischen verfassungsgebenden Versammlung. Loncón kündigte zudem an, in der neu zu beschließenden chilenischen Verfassung auf nicht-diskriminierende Sprache zu achten.

Der Wunsch, geschlechtersensibel und inklusiv zu formulieren, wird vorwiegend von progressiven Kräften vorangetrieben. In Spanien hat sich bislang lediglich die ultrarechte Partei Vox massiv gegen die lenguaje inclusivo ausgesprochen und in einigen autonomen Regionen erreicht, dass sie in der öffentlichen Verwaltung nicht verwendet werden darf – mit der Begründung, man habe sich an die korrekte Verwendung der spanischen Grammatik zu halten. Damit ist indirekt die Real Academia Española (RAE) angesprochen. Diese Akademie ist seit ihrer Gründung 1713 mit der Bewahrung der spanischen Sprache betraut. Ihre Rolle ist nicht unumstritten: Gerade die lateinamerikanische Seite kritisiert die RAE häufig als zu stark auf das europäische Spanisch fixiert. Erst in den vergangenen Jahrzehnten vollzieht sich eine Öffnung bezüglich der in Lateinamerika verwendeten grammatikalischen Formen und des Vokabulars. Auch die Frauen abwertenden Definitionen in den Wörterbüchern der RAE werden kritisiert. In Bezug auf gendersensible Sprache vertritt die Akademie den Standpunkt, dass das grammatikalische Geschlecht vom biologischen Geschlecht unabhängig sei und eine Formulierung wie los ciudadanos (die Bürger) weiterhin als generisch zu interpretieren sei. 2019 sollte die RAE im Auftrag der Vizepräsidentin des spanischen Parlaments klären, ob in der spanischen Verfassung von 1978 das generische Maskulinum ausreichend deutlich auf alle Bürger*innen verweist. In ihrer Expertise bejahte die RAE dies; einzig mit Blick auf die zu erwartende Thronfolge schlug sie vor, den Text zu rey o reina (König oder Königin) anzupassen. Vergleicht man dies nun mit den aktuellen Bestrebungen des chilenischen Verfassungskonvents, möglichst inklusiv zu formulieren, zeigt sich deutlich, dass in einer plurizentrischen, über mehrere Kontinente verteilten Sprache wie dem Spanischen sehr verschiedene Lösungen gefunden werden können.

Brasilien: Ordnung – Fortschritt – Populismus

Bereits 2005 wurde im Senat von Brasilien ein Gesetzesentwurf zum Gebrauch von linguagem inclusiva zur Stellenbezeichnung in der öffentlichen Verwaltung debattiert. Etwa zur selben Zeit erschienen erste Leitfäden für eine linguagem não-sexista (nicht-sexistische Sprache). Besondere Aufmerksamkeit erhält das Thema seit 2010, als die Frage der gendergerechten Amtsbezeichnung mit der Wahl Dilma Rousseffs zur ersten Präsidentin des Landes unmittelbar an Relevanz gewann. Rousseff stellte rasch klar, dass sie bei allen offiziellen Anlässen als presidenta angesprochen werden wolle, nicht als presidente, um zu zeigen, wie weit Frauen es bringen können.

Es folgten polemisch geführte Diskussionen. Auf der einen Seite wurde mit der Grammatik der portugiesischen Sprache argumentiert: Die Endung auf -a sei schlichtweg falsch, Substantive auf -nte seien unveränderlich und geschlechtsneutral. Angeführt wurden vergleichbare Beispiele wie gerente und estudante (Geschäftsführer/-in, Student/-in), bei denen lediglich der vorausgehende Artikel (Maskulinum o/os und um/uns, Femininum a/as und uma/umas) das Geschlecht der betreffenden Person anzeigt. Befürworter*innen der Amtsbezeichnung presidenta verwiesen hingegen auf renommierte Wörterbücher, die presidenta analog zu presidente aufführen. Rousseffs Wunsch sei berechtigt, die Nutzung der Form in der portugiesischen Sprache bereits seit Langem angelegt. Unter den Medienvertreter*innen, die es in vielen Fällen ablehnten, auf Rousseff als presidenta zu referieren, erkennen einige die grammatische Korrektheit der Form durchaus an, argumentieren aber, ihr Publikum sei diese nicht gewöhnt, da sie wenig gebräuchlich sei.

Rousseff selbst nutzte ihre Amtszeit auch über sprachpolitische Initiativen hinaus, um sich für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Zugleich überdauern die Diskussionen um die Anredeform der Präsidentin ihre Regierungszeit (2011–2016). Ihr Interimsnachfolger Michel Temer (2016–2018) entschied unmittelbar nach Übernahme der Amtsgeschäfte, dass die Brasilianische Kommunikationsgesellschaft fortan ausschließlich mit presidente auf Rousseff zu referieren habe. Jair Bolsonaro schließlich, der seit 2019 Präsident ist, positionierte sich bereits im Wahlkampf und in seiner Zeit als Kongressabgeordneter seit den frühen 1990er Jahren misogyn und LGBTIQ*-feindlich. Immer wieder sind seine Äußerungen Gegenstand von Kritik – verhelfen ihm aber gleichzeitig zu landesweiter Aufmerksamkeit. Sprachpolitische Maßnahmen oder Statements in Richtung eines gendersensiblen Sprachgebrauchs sind in seiner Amtszeit entsprechend nicht zu erwarten – im Gegenteil, er positioniert sich ausdrücklich dagegen.

Dennoch entwickelt sich die Diskussion um gendersensible Sprache in Brasilien weiter. Im Mittelpunkt stehen derzeit nicht mehr Sprachformen, die die Vielfalt der Geschlechter abbilden und diese damit sichtbarer machen, sondern die sprachliche Neutralisierung der Kategorie Geschlecht. Unter linguagem neutra (neutrale Sprache) wird ein Sprachgebrauch gefasst, der jenseits der engen Kategorien "Frau" und "Mann" alle Geschlechter und Geschlechtsidentitäten einbezieht, indem auf eine sprachliche Kenntlichmachung des Geschlechts konsequent verzichtet wird. Dieses Konzept befördern auch Personen, die sich als nonbinär verorten. Die hierfür erforderlichen sprachlichen Mittel sind bereits im 2015 erschienenen Manifest ILE "für eine radikal inklusive Kommunikation" dargestellt. Zur Neutralisierung von Substantiven können – wie auch im Spanischen – die Endungen -o (Maskulinum) oder -a (Femininum) durch -e, -x sowie -@ ersetzt werden, sodass Äußerungen keine Information über das Geschlecht der beteiligten Person(-en) enthalten. Für -e statt -x oder -@ sprechen dabei die bessere allgemeine Lesbarkeit sowie die leichtere Erfassung für Personen mit Sehbeeinträchtigung, die sich Texte mit spezieller Software vorlesen lassen. Einige brasilianische Leitfäden für eine gendergerechte Sprache spannen den Bogen zu einem 2018 von der EU publizierten Leitfaden mit dem Titel "Inklusive Kommunikation im Generalsekretariat des Rates". Dieser bildet somit einen Nexus zwischen Brasilien und Portugal, wo die Debatte um eine geschlechtsneutrale Sprache ebenfalls virulent ist.

Frankreich: Grammatik vor Vielfalt

"Unsere Sprache ist der größte französische Schatz, das, was uns alle verbindet und unsere weltweite Stärke ausmacht." So begründete Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer im Mai 2021 sein Verbot, in Schulen die sogenannte écriture inclusive (inklusive Schreibweise) einzusetzen. Im Bildungswesen sei die Einhaltung der Grammatikregeln vorgeschrieben, und die inklusive Sprache – eine Möglichkeit, in einem Wort die maskuline und die feminine Form auszuschreiben und dies durch ein Trennzeichen wie den Mittepunkt anzuzeigen, wie in candidat·e verstoße dagegen, indem sie Wörter fragmentiere und ein unerlaubtes grafisches Zeichen einfüge. Texte seien schlechter lesbar und unmöglich vorlesbar, und es sei ein Hindernis beim Erlernen der Sprache, besonders für Kinder mit Lernschwierigkeiten – also entgegen dem eigenen Anspruch, inklusiv zu sein. Bereits 2017 ordnete der damalige Premierminister Edouard Philippe per Rundschreiben an, in offiziellen Texten das Maskulinum als "neutrale Form" zu verwenden. Wenn sich eine Funktionsbezeichnung auf eine konkrete weibliche Person beziehe, sei die feminine Form anzuwenden, in Stellenausschreibungen des öffentlichen Dienstes seien Doppelformen (le candidat ou la candidate) zu gebrauchen. Staatliche Stellen hätten sich im Sinne der Verständlichkeit nach den Regeln der Grammatik zu richten.

Eine Gemeinsamkeit der deutschen und der französischen Debatte ist, dass versucht wird, das Für und Wider gendersensibler Sprachformen mit der Sprachstruktur zu begründen. Anders als Deutschland verfügt Frankreich mit der Académie française jedoch über eine starke sprachpolitische Institution, die auch die Autorität hat, Entscheidungen zu treffen. Ebenso unterscheidet sich das Verständnis dessen, was mit inklusiver Sprache gemeint ist: Die im Deutschen angestrebte Einbeziehung von Geschlechtsidentitäten, die über das binäre System männlich/weiblich hinausgehen, wird im Französischen häufig noch gar nicht mitgedacht.

Die Diskussion um gendersensible Sprache begann in Frankreich in den 1970er Jahren mit der Feminisierung von Berufsbezeichnungen. Im Französischen können Personenbezeichnungen in aller Regel sowohl im Maskulinum als auch im Femininum gebildet werden. Meist bestimmt die Wortendung das Genus: chanteur, chanteuse (Sänger, Sängerin). Einige Bezeichnungen sind in beiden Genera gleich: artiste (Künstler, Künstlerin) – hier erkennt man das Geschlecht der Person am Artikel, an Pronomina, näher bestimmenden Adjektiven und Partizipialendungen, die immer dem Genus des Substantivs angeglichen werden müssen: un élève doué, une élève douée (ein talentierter Schüler, eine talentierte Schülerin). Der jahrhundertelange Ausschluss von Frauen aus vielen Berufen hatte jedoch zur Folge, dass für diese keine femininen Bezeichnungen existierten, obwohl ihre Bildung technisch möglich wäre – und es auch nach der etwa zur Zeit des Ersten Weltkriegs vollzogenen Öffnung aller Berufe für Frauen zunächst bei maskulinen Bezeichnungen blieb. Die erste Premierministerin Frankreichs, Edith Cresson, bestand 1991 noch auf der Anrede Madame le Premier Ministre anstelle von Madame la Première Ministre. 2014 kam es zum Eklat in der Nationalversammlung, als ein Abgeordneter darauf beharrte, die Senatspräsidentin als Madame le Président anzureden. Die Académie française, die sich seit 1984 schon mehrfach gegen die systematische Feminisierung von Berufs- und Funktionsbezeichnungen ausgesprochen hatte, legte daraufhin in einem Positionspapier dar, dass eine Feminisierung sämtlicher maskuliner Personenbezeichnungen der französischen Grammatik entgegenstehe, "Barbarismen" hervorbringe und nicht notwendig sei, da das Maskulinum auch generisch, also geschlechterunabhängig, gebraucht werden könne. Erst 2019 sprach sich die Académie umfassend für feminine Bezeichnungen aus.

Ebenso umstritten ist der Versuch, die Genusangleichung gendersensibel zu gestalten. Dieser sogenannte accord bestimmt das Genus von Adjektiven, Partizipialendungen, Pronomina und Artikeln nach dem Substantiv, auf das sie sich beziehen. Für den Fall, dass sie sich auf sowohl maskuline als auch feminine Substantive beziehen, gilt seit Jahrhunderten die Regel "Das Maskulinum übertrifft das Femininum" – genusmarkierte Elemente stehen dann im Maskulinum Plural, und so spricht man beispielsweise über einen ganzen Mädchenchor im Maskulinum, wenn der Chorleiter männlich ist. Das war nicht immer so: In älteren französischen Texten bekamen die betreffenden Elemente häufig das Genus des Substantivs, das ihnen am nächsten stand, oder des Substantivs, das für die Aussage am wichtigsten war. Claude Favre de Vaugelas, eines der ersten Mitglieder der Académie, führte 1647 die Regel der maskulinen Angleichung ein – mit der Begründung, das maskuline Genus sei "edler" und habe deshalb immer Vorrang, wenn Maskulinum und Femininum zusammentreffen. Schulbücher und Grammatiken berücksichtigen diese Regel bis heute, wenn auch mittlerweile ohne den Hinweis auf das "edlere Geschlecht". Erst 2015 wurde sie von einer Gleichstellungskommission der Regierung offiziell infrage gestellt.

Dies blieb in der Öffentlichkeit zunächst weitgehend unkommentiert – bis 2017 in einem Schulbuch die Empfehlungen des entsprechenden Guide pratique (Leitfadens) zur écriture inclusive umgesetzt wurden. In vielen Medien war nun die Rede von einem "feministischen Feldzug" gegen die französische Sprache, und die Académie sah in der écriture inclusive gar eine "tödliche Gefahr" für sie. Formal beendete Premierminister Philippe die Debatte mit dem erwähnten Rundschreiben 2017 – in der Gesellschaft brodelt sie jedoch weiter. Die neuen Formen werden in immer mehr Kontexten angewendet, es vollzieht sich Sprachwandel durch sich verändernde Sprachverwendung. Jedoch werden die Formen mit Gender- oder Mittepunkt nach wie vor von der Académie abgelehnt und von Teilen der Gesellschaft als "Gefahr" für die französische Sprache angesehen. Das Verbot der écriture inclusive an Schulen durch Bildungsminister Blanquer vom Mai 2021 war ein weiterer Versuch, einen Schlussstrich unter die Debatte zu ziehen.

(K)ein Kampf gegen Windmühlen

Die nächste Runde im Streit wurde allerdings nur Monate später eingeläutet, als im Oktober 2021 der Wörterbuchverlag "Le Robert" das genderneutrale Personalpronomen iel, ein Hybrid aus dem maskulinen il und dem femininen elle, als Eintrag in sein Onlinewörterbuch aufnahm. Ein Regionalpolitiker schrieb daraufhin einen empörten Brief an die Académie française, in dem er um Stellungnahme seitens der "Sprachhüter" bat. Die Wörterbuchredaktion erklärte, sie beobachte frei von Ideologien die Entwicklungen der Sprache anhand statistischer Auswertungen großer Textmengen, sodass beispielsweise das Aufkommen neuer Wörter und ihre Gebrauchshäufigkeit gut dokumentiert seien. Die Verwendung des Wortes iel sei seit einigen Monaten deutlich häufiger belegt, deshalb habe die Redaktion entschieden, das Wort aufzunehmen und die Bedeutung damit allgemein zugänglich zu machen.

Sogenannte Neopronomina wie iel sind Versuche, für Menschen, die sich nicht im binären Geschlechtersystem verorten, grammatische Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Im Englischen ist mit singular they (Verwendung des Pronomens they, das eigentlich die dritte Person Plural bezeichnet, mit Bezug auf Einzelpersonen) ein solches geschlechtsübergreifendes Pronomen mittlerweile gut etabliert, wenn auch nicht unumstritten. Viele Styleguides, die für Journalismus und akademisches Publizieren Referenzwerke sind, empfehlen inzwischen singular they oder geben ihre ablehnende Haltung auf. Neben der Umdeutung bereits bestehender Pronomina gibt es in mehreren Sprachen Versuche, ganz neue Pronomina einzuführen. So lancierte beispielsweise ein schwedischer Journalist 1966 ergänzend zu han (sie) und hon (er) das geschlechtsneutrale Pronomen hen, das 2015 in das Wörterbuch der Schwedischen Akademie aufgenommen wurde. Das Manifesto ILE aus Brasilien spricht sich für die Einführung eines dritten Personalpronomens ile als geschlechtsneutrale Option neben dem Maskulinum ele und dem Femininum ela aus. Die Akzeptanz solcher Neuschöpfungen durch die Sprachgemeinschaft ist umso höher, je leichter sie sich lautlich oder formal ins Sprachsystem integrieren lassen – wobei es aus Sicht der LGBTQI*-Community oftmals gerade die Andersartigkeit eines Neopronomens ist, die für sprachliche Sichtbarkeit sorgt und den Diskurs um gesellschaftliche Gleichstellung befördert.

Drei strukturell verwandte Sprachen, drei geografisch, gesellschaftlich und politisch sehr unterschiedliche Sprachräume, drei Diskurse über gendersensible Sprache: Die Beispiele Spanisch, Portugiesisch und Französisch zeigen, dass es nicht so sehr auf die Vorgaben der Sprachstruktur ankommt, wenn es darum geht, Personen (gender-)adäquat anzusprechen. Eine besonders starke strukturelle Fixierung auf zwei Geschlechter bedeutet nicht automatisch, dass die Repräsentation von geschlechtlicher Vielfalt wenig diskutiert wird. Ob es Bestrebungen gibt, eine Sprache für Gendersensibilität zu öffnen, hängt vielmehr mit gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten und Haltungen zusammen. Im Fall von Französisch, Portugiesisch und Spanisch zeigt dies auch ein Ländervergleich: Die Diskussion um gendersensiblen Sprachgebrauch wird in Québec, dem französischsprachigen Teil Kanadas, bereits seit Anfang der 1980er Jahre geführt und ist dem Diskurs in Frankreich in vielen Punkten weit voraus. Im französischsprachigen Teil Belgiens trat am 1. Januar 2022 eine Verordnung in Kraft, die gendersensible Sprache in der Kommunikation staatlicher und öffentlich geförderter Institutionen vorsieht. Ähnlich ist es beim Portugiesischen und Spanischen: Während in Portugal und Spanien noch über inklusive Formen diskutiert wird, werden diese in Brasilien, Argentinien und anderen Ländern Lateinamerikas längst verwendet. Am Ende gilt in allen Sprachräumen bei der Diskussion um gendersensible Sprache, was immer gilt: "Language will never stop changing; it will continue to respond to the needs of the people who use it."

Weitere Inhalte

ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Studienzentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland für Genderfragen in Hannover. E-Mail Link: kristina.bedijs@sfg.ekd.de

ist Professorin für Angewandte Sprachwissenschaft mit dem Schwerpunkt Spanisch am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Universität Hildesheim. E-Mail Link: klugeb@uni-hildesheim.de

ist promovierte und habilitierte Sprachwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen. E-Mail Link: dinah.k.leschzyk@romanistik.uni-giessen.de