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Transnationaler Terrorismus

Informationen zur politischen Bildung Nr. 353/2022

Transnationaler Terrorismus

Guido Steinberg

/ 10 Minuten zu lesen

Terrorismus weltweit. (© picture-alliance/dpa, dpa-infografik GmbH | dpa-infografik GmbH, Quelle: Institute for Economics & Peace "Global Terrorism Index 2022"; Stand: 2021)

Vom internationalen zum transnationalen Terrorismus

Der transnationale Terrorismus wurde mit den Anschlägen in New York City und Washington, D.C., am 11. September 2001 zu einer der größten Herausforderungen der internationalen Politik. Sein Vorläufer war der internationale Terrorismus, dessen wichtigstes Merkmal grenzüberschreitende Gewaltaktionen von Angehörigen eines Staates in einem anderen waren. Als Epochendatum des internationalen Terrorismus gilt die Entführung eines Flugzeugs der israelischen Fluggesellschaft El Al von Rom nach Tel Aviv durch die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) am 22. Juli 1968. Seitdem verübten zunächst vor allem palästinensische Terroristinnen und Terroristen zahlreiche grenzüberschreitende Gewaltaktionen, um durch Angriffe auf westliche Ziele möglichst große Aufmerksamkeit auf die Anliegen ihres Volkes zu lenken. Als bekanntestes Beispiel für einen Anschlag internationaler Terroristen gilt die Geiselnahme und Ermordung von elf Mitgliedern der israelischen Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München durch palästinensische Terroristen im September 1972.

Ein wichtiges Charakteristikum des internationalen Terrorismus war die staatliche Unterstützung für terroristische Gruppierungen. In der Regel handelte es sich bei diesen Staaten um Verbündete der Sowjetunion (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, UdSSR) wie vor allem den Irak, Libyen, Syrien und den sozialistischen Südjemen, die keine Sanktionen seitens der USA und ihrer Verbündeten befürchten mussten, solange die UdSSR bestand. Mit der Annäherung der Blöcke und dem sich anbahnenden Ende des Ost-West-Konflikts ab 1985 fiel dieser Schutz weg, sodass die meisten terroristischen Gruppierungen auf staatliche Unterstützung verzichten und zunehmend auf transnationale Organisationsformen und Unterstützung durch Privatleute setzen mussten.

Der transnationale Terrorismus unterscheidet sich vom internationalen Terrorismus in erster Linie durch die stark abnehmende Bedeutung von staatlichen Unterstützern. Er ist "transnational", weil sich die terroristischen Gruppen auf substaatlicher Ebene länderübergreifend miteinander vernetzen und sich meist aus Angehörigen verschiedener Nationalitäten zusammensetzen. An Waffen und Geld gelangen transnationale Terroristen in der Regel durch private Unterstützung oder durch den Aufbau eigener substaatlicher Finanzierungs- und Logistiknetzwerke.

Dabei sind die Übergänge vom internationalen zum transnationalen Terrorismus bis in die Gegenwart fließend. Zwar gibt es nur selten direkte staatliche Unterstützung für transnationale Terroristen. Doch können sie auch davon profitieren, dass Staaten phasenweise ähnliche Ziele wie sie verfolgen und ihre Aktivitäten deshalb zumindest dulden – wie etwa Pakistan im Falle der Taliban in Afghanistan oder die Türkei im Falle verschiedener Jihadistengruppen in Syrien.

Der Afghanistankrieg und die jihadistische Bewegung

Der sowjetische Afghanistankrieg von 1979 bis 1989 wurde zum Auslöser dieser Transnationalisierung, die vor allem von islamistisch motivierten Terroristen in der arabischen Welt getragen wurde. Die Rote Armee war im Dezember 1979 in das Nachbarland einmarschiert, um die prosowjetische Regierung in Kabul vor dem Sturz zu bewahren. Rasch bildeten sich afghanische Widerstandsgruppen, die von Pakistan aus mit US-amerikanischer, saudi-arabischer und pakistanischer Unterstützung kämpften. Ihnen schlossen sich vor allem ab 1985 arabische Islamisten an, die gekommen waren, um der Repression in ihren Heimatländern zu entfliehen und ihren bedrängten Glaubensbrüdern beizustehen. Das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet wurde so schnell zu einem Treffpunkt arabischer Freiwilliger, denen es hier erstmals gelang, von den Sicherheitsapparaten ihrer Heimatländer unbehelligt Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen.

Zwar stammten die Kämpfer aus allen arabischen Ländern, doch waren Ägypter, Saudi-Araber und Jemeniten besonders stark vertreten. Damals bildeten sich auch die bis heute wichtigsten Denkschulen der nun auch häufig "Jihadisten" genannten transnationalen islamistischen Terroristen – die "klassisch-internationalistische", die "nationalistische" und die "neue internationalistische".

Die "klassisch-internationalistische" Denkschule wurde von dem Palästinenser Abdallah Azzam (1941–1989) begründet. Der Religionsgelehrte und Intellektuelle Azzam etablierte sich schnell als der Anführer der "arabischen Afghanen" und prägte ihre Weltsicht. In seinen Schriften propagierte er den "Jihad" als individuelle Glaubenspflicht jedes Muslims, sobald Nichtmuslime muslimisches Territorium besetzten. Auf dieser Grundlage rief er zum bewaffneten Kampf in Afghanistan auf, machte aber deutlich, dass es ihm als nächstem Schritt besonders um die "Befreiung" Palästinas, aber auch um eine erneute Eroberung von Kaschmir, Tschetschenien, den südlichen Philippinen, Ost-Timor und sogar des ehemals islamischen Teils des heutigen Spaniens (al-Andalus) ging.

Ab Mitte der 1980er-Jahre stieg die Zahl der nationalistisch gesinnten Ägypter in Afghanistan rasch an, die im Gegensatz zu Azzam auf eine Revolution in ihrem Heimatland abzielten. Ihr wichtigster Vordenker war Muhammad Abd as-Salam Farag (1952–1982), der Chefideologe der Gruppe, die am 6. Oktober 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat ermordete. Farag vertrat die Auffassung, dass der Kampf gegen den "nahen Feind", das heißt die autoritäre Regierung des Heimatlandes, Priorität vor dem Kampf gegen "ferne Feinde" wie die Sowjetunion, die USA und Israel haben müsse. Seine Ideen prägten die Strategien ägyptischer Islamisten bis Mitte der 1990er-Jahre. Da Azzam im Unterschied zu den von Farag geprägten Ägyptern den Kampf gegen muslimische Regime in der arabischen Welt vehement ablehnte, nahmen die Konflikte unter den arabischen Afghanen zu. Die ägyptischen Nationaljihadisten werden sogar verdächtigt, für die Ermordung Azzams im pakistanischen Peschawar im November 1989 verantwortlich zu sein.

Parallel zu den beiden damals dominierenden Strömungen nahm die "neue internationalistische" Schule ihren Anfang. Zu ihrem wichtigsten Vertreter wurde der aus Saudi-Arabien stammende Osama Bin Laden (1957–2011), der sich ab Mitte der 1980er-Jahre langsam von seinem vormaligen Mentor Azzam löste. Die neuen Internationalisten konzentrieren sich auf den Kampf gegen den "fernen Feind", ohne dabei den "nahen Feind" aus dem Blick zu verlieren. Diese Strömung bildete sich nach dem Kuwait-Krieg 1990/91 aus, als eine von den USA angeführte Koalition das von irakischen Truppen besetzte Kuwait befreite und zu diesem Zweck etwa 500.000 Soldaten in den arabischen Golfstaaten stationierte. Die US-amerikanische Präsenz in Saudi-Arabien veranlasste viele junge Saudis, Kuwaitis und Jemeniten, den bewaffneten Kampf gegen die Vereinigten Staaten aufzunehmen. In den 1990er-Jahren wurden diese Kämpfer von der Arabischen Halbinsel zur dynamischsten Teilgruppe des transnationalen Terrorismus.

Al-Qaida

Al-Qaida wurde als loser Verbund gleichgesinnter Jihadisten bereits 1988 in Afghanistan gegründet, doch entstand eine strukturierte Organisation erst Mitte der 1990er-Jahre, als die Saudis, Kuwaitis und Jemeniten um Bin Laden und die Ägypter unter Aiman al-Zawahiri (1951–2022), dem Anführer der ägyptischen Jihad-Gruppe (Tanzim al-Jihad), eine gemeinsame Strategie entwickelten. Bis dahin hatten die Nationalisten die jihadistische Szene dominiert. In Algerien und Ägypten begannen 1992 islamistische Aufstände, in denen Rückkehrer aus Afghanistan eine wichtige Rolle spielten. Erst als sich 1995 abzeichnete, dass es den Islamisten nicht gelingen würde, die Regime ihrer Heimatländer zu stürzen, setzte ein Umdenken ein. Vordenker dieses Strategiewechsels wurde Zawahiri. Er argumentierte, dass terroristische Angriffe auf den "fernen Feind" USA diesen zu einem Rückzug aus der islamischen Welt zwingen könnten. Ohne die Präsenz und Unterstützung der USA aber würden die "nahen Feinde" wie das Regime Husni Mubaraks (herrschte 1981–2011) in Ägypten oder der Familie Saud in Saudi-Arabien sich nicht gegen ihre jihadistischen Gegner halten können. Diese Argumentation entsprach genau den Vorstellungen Bin Ladens, der sich Anfang der 1990er-Jahre entschieden hatte, die USA zu bekämpfen. Zawahiri und seine ägyptischen Anhänger verbündeten sich mit Bin Laden. Damit vereinte sich 1997 in der Organisation al-Qaida die Erfahrung der Ägypter im bewaffneten Kampf mit der Finanzkraft Bin Ladens, der auf die Spenden reicher Unterstützer in den arabischen Staaten am Persischen Golf zurückgreifen konnte. Diese sind seit den 1980er-Jahren die wichtigsten Geldgeber jihadistischer Organisationen weltweit.

Im Februar 1998 veröffentlichten Bin Laden und Zawahiri die Erklärung der "Islamischen Weltfront für den Jihad gegen Juden und Kreuzzügler" und kündigten Anschläge auf militärische und zivile US-amerikanische Ziele an. Am 7. August 1998 folgten dann die ersten großen Attentate der al-Qaida in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania). In beiden Städten griffen Selbstmordattentäter mit Autobomben die US-Botschaften an und töteten insgesamt über 200 Menschen. Zum Höhepunkt der damals einsetzenden Anschlagswelle wurden aber die Anschläge vom 11. September 2001, bei denen die Organisation entführte Passagierflugzeuge wie Raketen einsetzte und so das World Trade Center in New York City vollständig zerstörte und das Pentagon in Washington, D.C., stark beschädigte. Lediglich die Attacke auf das Kapitol scheiterte, weil das Flugzeug vorher abstürzte.

Schon kurz nach dem Angriff auf die wirtschaftlichen, militärischen und politischen Zentren der USA erklärten diese den "Krieg gegen den Terrorismus" (war on terror) und schlugen zurück, indem sie den Staat der Taliban in Afghanistan stürzten. Damit verlor al-Qaida ihr wichtigstes Rückzugsgebiet, in dem sie seit 1996 ihr Hauptquartier unterhalten hatte. In den nächsten Jahren verübte sie von ihren neuen Rückzugsorten in Pakistan aus noch weitere Anschläge in Südasien, der arabischen Welt und Europa, wurde aber immer schwächer. Ein Grund war die gnadenlose Verfolgung der al-Qaida-Spitze durch die USA, die zwischen 2009 und 2012 Osama Bin Laden (2011) und zahlreiche weitere Führer der Organisation töteten – Aiman al-Zawahiri starb erst 2022 infolge eines US-amerikanischen Luftangriffs in Kabul. Die terroristische Initiative ging zunächst mehr und mehr auf die al-Qaida-Regionalorganisationen über, die sich in Saudi-Arabien (2003), im Irak (2004), in Algerien (2007) und im Jemen (2009) bildeten.

Der Arabische Frühling und der Islamische Staat (IS)

Seit 2011 profitierten transnationale Terroristen von den Aufständen und Bürgerkriegen, die auf die Proteste des Arabischen Frühlings folgten. In Libyen, im Jemen und in Syrien brachen Bürgerkriege aus, und in Ägypten und Tunesien wurden langjährige Herrscher gestürzt, die zu den entschlossensten Gegnern der Jihadisten gehört hatten. Die Wirren der Konflikte und die Schwäche der arabischen Regime erlaubten es al-Qaida und anderen Organisationen, ihre Operationsgebiete ab 2011 in diesen Ländern und in vielen Nachbargebieten auszuweiten.

Diese Entwicklung zeigte sich insbesondere in Syrien, wo die irakische al-Qaida-Regionalorganisation, die sich seit 2006 Islamischer Staat im Irak (ISI) nannte, die Unruhen ab 2011 nutzte, um auch im Nachbarland Strukturen aufzubauen. Die Gruppierung hatte sich 2003 unter der Führung des jordanischen Terroristen Abu Musab al-Zarqawi (1966–2006) gebildet und eine wichtige Rolle im Kampf gegen die US-amerikanische Besatzung des Irak gespielt. Trotz eines medienwirksamen Anschlusses an al-Qaida im Jahr 2004 beharrte Zarqawi auf seiner Unabhängigkeit und entwickelte eine eigene jihadistische Strategie, die auf die Entfesselung eines Bürgerkrieges zwischen den Anhängern der beiden größten Volksgruppen, Schiiten und Sunniten, abzielte. Warnungen der al-Qaida-Führung, dass seine antischiitischen Attentate und die brutale Gewalt gegen Andersdenkende die politischen Erfolgsaussichten der Aufständischen im Irak und der Jihadisten weltweit schmälerten, schlug der Jordanier in den Wind.

Die Differenzen zwischen al-Qaida und der irakischen Regionalorganisation traten nach April 2013 offen zutage, als Zarqawis Nachfolger Abu Bakr al-Baghdadi (1971–2019) den Islamischen Staat im Irak und Syrien (ISIS) ausrief und die Führung des Aufstandes in Syrien zu übernehmen suchte. Schnell entspann sich eine öffentliche Kontroverse zwischen dem Iraker und dem Bin Laden-Nachfolger Zawahiri, der ISIS im Januar 2014 schließlich aus dem al-Qaida-Verbund ausschloss. Unbeeindruckt von dieser Strafaktion wurde ISIS immer stärker und im Juni 2014 gelang es ihm sogar, die zweitgrößte irakische Stadt Mossul und weite Teile des irakischen Westens und Nordwestens einzunehmen – große Gebiete in Nord- und Ostsyrien befanden sich zu diesem Zeitpunkt schon unter seiner Kontrolle. Die Ereignisse verdeutlichten, dass Baghdadi und ISIS – der sich ab Juni 2014 nur noch Islamischer Staat (IS) nannte – die Führung in der internationalen jihadistischen Bewegung insgesamt übernehmen wollten.

Zwischen 2014 und 2017 gelang es dem IS, einen islamistischen Quasi-Staat zu errichten, der mit aller Gewalt versuchte, zunächst den gesamten Irak und ganz Syrien einzunehmen. Doch die anfangs rasche Expansion stieß schnell an ihre Grenzen, und schon 2017 wurde der IS im Irak und 2019 in Syrien vernichtend geschlagen: im Irak durch eine Koalition der irakischen Zentralregierung, lokaler Kurden, schiitischer Milizen sowie der USA; und in Syrien in erster Linie durch ein Bündnis von US-Amerikanern mit syrischen Kurden. In diesem kurzen Zeitraum war es dem IS jedoch gelungen, zehntausende ausländische Kämpfer aus aller Welt zur Reise in das 2014 ausgerufene Kalifat zu bewegen. In den Heimatländern der Rekruten in der arabischen und islamischen Welt ebenso wie in Europa setzte 2014 eine Welle terroristischer Anschläge ein, die hunderte Tote und tausende Verletzte forderte und erst infolge anhaltender Niederlagen ab 2017 abebbte.

Die jihadistische Bewegung seit 2019

Seit 2019 befindet sich der transnationale Terrorismus in einer Schwächephase. Ein Ausdruck dieser Schwäche ist eine Fragmentierung der jihadistischen Szene in viele kleine Organisationen, die sich noch dazu häufig untereinander bekämpfen. Zur Zersplitterung trug bei, dass der IS ab 2014 in Afghanistan, in Libyen, Ägypten, Jemen, der Sahara und der Sahelzone, dem Kaukasus und sogar auf den Philippinen Regionalorganisationen gründete. Er nannte diese Gruppie­rungen "Provinzen" (wilayat) und sorgte durch ihre Gründung dafür, dass sich sein Operationsgebiet ab 2014 stark erweiterte. Meist stehen diese Gruppen aber unter starkem Druck und konkurrieren mit al-Qaida-Gruppierungen, sodass bisher keine neue, große Organisation entstehen konnte, die eine ähnliche Strahlkraft wie die al-Qaida-Zentrale vor 2011 oder der IS ab 2014 entwickelte.

Besonders stark waren die Jihadisten im Jahr 2022 in Afghanistan, in Syrien und in Afrika. Am Hindukusch feierten die Taliban im Bündnis mit al-Qaida mit dem Rückzug der USA und ihrer Verbündeten im August 2021 und der anschließenden Machtübernahme in Kabul einen epochalen Sieg. Er wurde nur dadurch geschmälert, dass die Taliban mit dem örtlichen IS-Ableger "Provinz Khorasan" verfeindet sind, der 2021/22 immer wieder große, verheerende Anschläge mit vielen Toten und Verletzten verübte und so eine Stabilisierung des "Islamischen Emirats Afghanistan" der Taliban verhinderte. In Syrien kämpften 2022 nicht nur die immer noch starken Reste des IS im Untergrund gegen ihre zahlreichen Feinde. Im Nordwesten übernahm die ehemals mit al-Qaida verbündete Befreiungsautorität Syriens (Hai’at Tahrir al-Sham) die Macht über die Provinz Idlib, die Kämpfer aus aller Welt anzog. Noch dramatischer war die Situation in Mali und seinen Nachbarstaaten, wo sich die jihadistische Bewegung seit 2012 ausbreitete und auch durch konzertierte Gegenmaßnahmen Frankreichs, der USA und weiterer Länder nicht unter Kontrolle gebracht werden konnte. Hinzu kam eine schon länger starke Präsenz der Jihadisten in Somalia (al-Shabaab), in Nigeria (Boko Haram) und neuerdings auch weiter südlich der Sahara. Nirgendwo sonst konnten die Jihadisten ihre Operationsgebiete und ihre Anhängerschaft zuletzt so stark ausweiten wie in Afrika.

Mit dem Abzug der USA aus Afghanistan begann auch eine neue Phase westlicher Terrorismusbekämpfung. Wie der anschließende Abzug französischer Truppen aus Mali 2022 zeigte, ist die Zeit groß angelegter Interventionen in der islamischen Welt vorbei. Auch die fortgesetzte Präsenz von US-Truppen im Irak und Syrien wurde in Washington immer häufiger in Frage gestellt. In mehreren Staaten (Jemen, Somalia, Niger) wurden weniger personal- und ressourcenintensive Kampagnen zur Terrorismusbekämpfung mit Drohnen und Spezialkräften zwar fortgesetzt. Doch ist zunächst noch nicht abzusehen, ob diese Aktivitäten ausreichen, um ein erneutes Erstarken einer oder mehrerer jihadistischer Organisationen zu verhindern.

Dr. Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler und arbeitet für die Stif­tung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin und als Sachverständiger in Terrorismusprozessen in Deutschland, Österreich, Dänemark, den USA und Kanada. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Zeitgeschichte des Nahen Ostens, Islamismus und islamistischer Terrorismus.