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Das Gesundheitswesen in Deutschland – Ein Überblick

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Das Gesundheitswesen in Deutschland – Ein Überblick

Thomas Gerlinger

/ 4 Minuten zu lesen

Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik steht seit vielen Jahren im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit und sind dabei Gegenstand höchst unterschiedlicher Interpretationen. Kenntnisse über die Organisation, die Akteure und die Funktionsweisen des Gesundheitssystems sind wichtige Voraussetzungen für Bürgerinnen und Bürger, um sich über gesundheitspolitische Entwicklungen eine Meinung zu bilden und auf deren Gestaltung Einfluss zu nehmen.

Ein Mann spricht am 25.04.2012 in Berlin mit seinem Arzt. (© picture alliance / dpa Themendienst )

Die Gesundheit von Menschen und ganzen Bevölkerungen steht in einem Zusammenhang mit einer kaum überschaubaren Zahl von Faktoren. Allein dieser Sachverhalt macht es schwer, zu einer plausiblen und weithin geteilten Definition dessen zu gelangen, was zu einem Gesundheitssystem gehört.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) plädiert für eine weite Definition dieses Begriffs. In ihrer Externer Link: Tallinn-Charta aus dem Jahr 2008 hat sie ihn folgendermaßen definiert:

QuellentextTallinn- Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Ein Gesundheitssystem ist die Gesamtheit aller öffentlichen und privaten Organisationen, Einrichtungen und Ressourcen in einem Land, deren Auftrag darin besteht, unter den dortigen politischen und institutionellen Rahmenbedingungen auf die Verbesserung, Erhaltung oder Wiederherstellung von Gesundheit hinzuarbeiten. Die Gesundheitssysteme umfassen sowohl die individuelle als auch die bevölkerungsbezogene Gesundheitsversorgung, aber auch Maßnahmen, mit denen andere Politikbereiche dazu veranlasst werden sollen, in ihrer Arbeit an den sozialen wie auch den umweltbedingten und ökonomischen Determinanten von Gesundheit anzusetzen.

(WHO Europa 2008)

Die Stärke eines solchen weiteren Verständnisses besteht darin, dass alle wesentlichen Einflussfaktoren auf Gesundheit in den Blick genommen werden können. Insbesondere wird damit die weit verbreitete Einengung der Begriffe "Gesundheitssystem" und "Gesundheitspolitik" auf die Krankenversorgung vermieden und die vielgestaltigen Felder der Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung (z.B. Arbeitsschutz, Umweltschutz oder Verbraucherschutz) werden in die Betrachtung einbezogen. Allerdings ist eine solche Perspektive auch schwer umsetzbar, weil die Anzahl der dann zu behandelnden Handlungsfelder schnell zu groß zu werden droht.

Im Mittelpunkt der nachfolgenden Ausführungen stehen zum einen die Themen der unmittelbaren Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung, zum anderen die diversen Bereiche der Krankenversorgung.

Weiter wachsende Bedeutung des Gesundheitswesens

Die Organisation von Gesundheitssystemen sowie deren Finanzierung und Regulierung ist eine wichtige Voraussetzung für die individuelle und öffentliche Gesundheit. Gesundheitssysteme beeinflussen nicht nur die Lebensdauer und Lebensqualität, sondern auch die soziale Verteilung von Lebenschancen. In Deutschland ist die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen außerordentlich hoch. Folgende Daten verdeutlichen dies:

  • Im Jahr 2013 bezeichneten sich dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts zufolge, einer repräsentativen Bevölkerungserhebung, knapp 9,9 Millionen Personen in Deutschland als krank. Dies waren 14,5 % aller Personen mit Angaben zur Gesundheit (65,2 Millionen). Eine Krankheit lag dieser Befragung zufolge vor, wenn sich die Befragten in ihrem Gesundheitszustand so beeinträchtigt fühlten, dass sie ihrer üblichen Beschäftigung nicht nachgehen konnten, oder wenn ein Arzt oder Heilpraktiker im Berichtszeitraum eine Behandlung durchgeführt und eine Diagnose gestellt hatte. 7,6 Millionen Personen befanden sich demzufolge im Berichtszeitraum in ambulanter oder stationärer Behandlung .

  • Im Jahr 2014 gab es in Deutschland rund 19,1 Millionen Krankenhausfälle. In dieser Zahl sind auch jene Personen enthalten, die mehrmals im Jahr stationär aufgenommen wurden .

Das Gesundheitswesen ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil der sozialen Sicherung, sondern auch von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung . Diese Bedeutung lässt sich u.a. an der Zahl der in diesem Sektor beschäftigten Personen und an der Entwicklung der Gesundheitsausgaben ablesen (siehe Kasten).

InfoFakten zum deutschen Gesundheitswesen

  • Im Jahr 2013 bezeichneten sich knapp 9,9 Millionen Personen in Deutschland als krank.

  • Im Jahr 2014 gab es in Deutschland rund 19,1 Millionen Krankenhausfälle. In dieser Zahl sind auch jene Personen enthalten, die mehrmals im Jahr stationär aufgenommen wurden.

  • Rund 5,2 Millionen Menschen in Deutschland waren 2014 im Gesundheitswesen beschäftigt. Dies waren rund 12 % aller Beschäftigten in Deutschland. Damit gab es im Gesundheitswesen rund 300.000 Arbeitsplätze mehr als im Jahr 2011.

  • Unter den 5,2 Millionen Beschäftigten waren rund 1 Million Gesundheits- und Krankenpfleger/innen, rund 520.000 Altenpfleger/innen und rund 430.000 Ärztinnen und Ärzte.

  • Im Jahr 2014 beliefen sich die Gesundheitsausgaben auf insgesamt 328,0 Milliarden Euro. Das waren 4.050 Euro je Einwohner.

  • Von den Gesundheitsausgaben in Höhe von 328 Milliarden Euro entfielen allein auf die gesetzliche Krankenversorgung 192 Milliarden Euro. Lediglich 2 Milliarden Euro wurden für den Gesundheitsschutz ausgegeben

  • Die Gesundheitsausgaben machen (2014) knapp 11,2% des deutschen Bruttoinlandproduktes (BIP) aus.

Statistisches Bundesamt (2014-2016)

In der Zukunft wird das Gesundheitswesen sehr wahrscheinlich weiter an Bedeutung gewinnen. Wichtige Treiber dieser Entwicklung sind erstens der medizinische Fortschritt und die mit ihm wachsenden Möglichkeiten zur Behandlung von Krankheiten und zweitens der demographische Wandel und der mit ihm wachsende Versorgungsbedarf. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit und der Behandlungsbedarf sind im höheren Lebensalter höher als in jüngeren oder mittleren Lebensjahren. So gaben im erwähnten Mikrozensus nur 10,3 % der 15-40-Jährigen, aber immerhin 22,1 % der Personen im Alter von 65 und mehr an, im Befragungszeitraum krank gewesen zu sein .

In allen reichen Gesellschaften spielt der Staat eine herausragende Rolle bei der Gestaltung des Gesundheitssystems. Er macht Vorgaben für die Organisation des Versorgungssystems, legt die Regeln für die Finanzierung und den Zugang zu Leistungen fest und weist anderen Akteuren in der Gesundheitspolitik Aufgaben und Rechte bei der Regulierung zu . Für die Entwicklung des Gesundheitssystems in Deutschland ist bis heute die Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung durch die Bismarcksche Sozialgesetzgebung im Jahr 1883 prägend.

Gesundheitspolitik in der Kontroverse

Kind in einem "begehbaren Herz" das auf die Organspende aufmerksam machen soll. (© picture-alliance/dpa)

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass das Gesundheitswesen sowie seine Stärken und Schwächen in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion höchst unterschiedlich bewertet werden. Ebenso unterscheiden sich die Antworten auf die Frage nach den zukünftig notwendigen Veränderungen des Gesundheitswesens. Dies betrifft sowohl die Entwicklung der Versorgungsstrukturen und der Finanzierung als auch die Zukunft der Regulierung.

Die Gesundheitspolitik ist wegen seiner Komplexität ein besonders schwer verständliches Politikfeld. Das E-Learning-Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung zur Gesundheitspolitik bietet Ihnen Gelegenheit, sich mit wichtigen Problemen und Reformvorschlägen eingehender zu befassen. Es soll dazu beitragen, die Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, sich an der Diskussion über die zukünftige Gestaltung des Gesundheitswesens zu beteiligen.

Für die Einschätzung des Reformbedarfs, die Bewertung von Reformprozessen und Reformvorschlägen sind Kenntnisse der wichtigsten Strukturen, der Hauptakteure und ihrer Interessen sowie der Funktionsprinzipien des deutschen Gesundheitswesens unverzichtbar. Die Lerntour "Das Gesundheitswesen in Deutschland" soll einen Gesamtüberblick vermitteln und damit auf die Beschäftigung mit vertiefenden Lerntouren zu Einzelfragen der Gesundheitspolitik vorbereiten. Folgende Themen und Fragen begegnen Ihnen auf dieser Lerntour:

  • Durch welche Grundstrukturen in Versorgung, Finanzierung und Regulierung ist das deutsche Gesundheitssystem gekennzeichnet?

  • Wer sind die wichtigsten Institutionen und Akteure?

  • Welche Institutionen und Akteure haben welche Aufgaben?

Neben Erläuterungen zu diesen grundlegenden Aspekten werden die Grundzüge der beiden größten Versorgungssektoren vorgestellt:

  • ambulante Versorgung

  • stationäre Versorgung

Das Programm dieser Lerntour

Lernziele

Wie hat alles angefangen? Das deutsche Gesundheitssystem im historischen Rückblick
Wie haben sich die derzeitigen Strukturen entwickelt? Was sind die Besonderheiten des deutschen Gesundheitswesens im Vergleich zu anderen Ländern?

Wer hat das Sagen im Gesundheitswesen?
Welche Rolle spielen Staat und Politik? Welche Funktionen haben die Verbände und Körperschaften? Welchen Einfluss haben andere Institutionen und Interessenvertretungen?

Der erste Anlaufpunkt: Die ambulante ärztliche Versorgung
Wie ist die ambulante Versorgung aufgebaut? Wie oft und warum werden niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aufgesucht? Wie werden die Vertragsärztinnen und -ärzte vergütet? Wie ist die Aufgabenverteilung zwischen Haus- und Fachärztinnen und -ärzte? Welche neuen Versorgungsformen gibt es?

Wenn es ernst wird: Stationäre Versorgung
Wie ist die stationäre Versorgung strukturiert und geregelt? Wie werden die Kapazitäten der Krankenhäuser geplant? Wie funktioniert das neue Vergütungssystem? Wie wird sich dieser Sektor entwickeln?

Quellen / Literatur

Rosenbrock, Rolf/Gerlinger, Thomas (2014): Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung, 3., vollst. überarb. Aufl., Bern: Verlag Hans Huber .

Statistisches Bundesamt (StBA) (2014): Mikrozensus 2013. Fragen zur Gesundheit – Kranke und Unfallverletzte, Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Statistisches Bundesamt (StBA) (2015): Fachserie 12,, Reihe 6.1.1: Grunddaten der Krankenhäuser 2014, Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Statistisches Bundesamt (StBA) (2016): Fachserie 12, Reihe 7.1.1: Gesundheit – Ausgaben 2014, Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Rosenbrock, Rolf/Gerlinger, Thomas (2014): Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung, 3., vollst. überarb. Aufl., Bern: Verlag Hans Huber .

WHO Europa (2008): Die Charta von Tallinn: Gesundheitssysteme für Gesundheit und Wohlstand. Externer Link: www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0004/88609/E91438G.pdf.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Statistisches Bundesamt 2014.

  2. Statistisches Bundesamt 2015.

  3. Statistisches Bundesamt 2016.

  4. Statistisches Bundesamt: 2014.

  5. Rosenbrock/Gerlinger 2014.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Thomas Gerlinger für bpb.de

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Weitere Inhalte

Prof. Dr. Dr. Thomas Gerlinger ist Professor an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, AG 1: Gesundheitssysteme, Gesundheitspolitik und Gesundheitssoziologie.